Die Frau - was sie von Körper und Kind wissen muß, Dr. Wilhelm Liepmann, 1914

Die Frau - was sie von Körper und Kind wissen muß

2 Bände in 1 Buch;
1. Band: Körperbau. Leben des Kindes vor der Geburt. Vom Säugling bis zur Geschlechtsreife;
2. Band: Allgemeine Gesundheitspflege. Beruf. Ehe. Schwangerschaft. Geburt und Wochenbett. Wechseljahre und Frauenkrankheiten.
Dr. Wilhelm Liepmann (1878-1939)
Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart Leipzig Berlin, Copyright 1914
2. Auflage 1921

Inhalt

Band I

Vorwort
Der weibliche Körper
Das Leben des Kindes vor der Geburt
Der Säugling und seine Pflege
Die Ernährung im ersten Lebensjahre
Die wichtigsten Erkrankungen des Säuglings
Vom zweiten Lebensjahr bis zur Geschlechtsreife

Band II

Über allgemeine Köper- und Gesundheitspflege
Die Frau im Berufsleben - Die Ehe und ihre Gefahren
Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett
Das Kindbettfieber und die übrigen Krankheiten in Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett
Die Wechseljahre, ihre Gefahren und die hauptsächlichen Frauenkrankheiten
Medizin, Naturheilkunde, Homöopathie

S.11
Und während Sie überall zitiert finden, daß Broca, der größte französische Hirnforscher, im Jahre 1861 betonte, daß nach seinen Forschungen das Weib dem Mann an Intelligenz nicht ebenbürtig sei, schweigen die Gegner der Frauenbewegung ganz davon, daß Broca selbst seine Meinung später änderte und zu der Überzeugung kam, daß diese Frage nur eine Sache der Erziehung sei, daß diese Frage nur eine Sache der Erziehung sei, daß Mann und Weib, wenn sie ganz ihren inneren Impulsen überlassen blieben, zu der allergrößten Ähnlichkeit gelangen würden, wie das auch im Zustand der Wildheit der Fall ist (1879).

S. 79
Da liegt es jetzt vor euch, das kleine strampelnde Mädelchen. Soeben hat es die weise Frau (Sage-femme sagen die Franzosen für unsere deutsche Hebamme) ins Nebenzimmer gebracht (Tafel XV, Fig. 1) und oft beginnt schon, zwar unbewußt für das kleine Ding, aber doch recht bezeichnend für sein weiteres Leben, das Martyrium der Frau: "Ach, /nur/ ein Mädel!" Ich habe das nie ver-

S.80
stehen können: ein Mädel, wieviel zärtlicher zu dem Vater, ein Mädel, welch ein Schatz für die Mutter! Ein Mädel, wieviel länger und inniger mit dem Elternhause verbunden, ein Mädel - mag sie nun heiratet und einen neuen Sohn der Familie zuführen - mag sie auf eigenen Füßen stehen müssen, ein Mädel kann ein ganzer Kerl sein, wie ein Junge, nur inniger, zärtlicher, feiner, traulicher. -

S. 82
"... Bleiben kräftige Schreie aus oder wimmert das Kind nur von Zeit zu Zeit, so reibe die Hebamme den Rücken des Kindes mit einer Windel, klopfe es auch auf den Steiß. Es ist durchaus nötig, daß das Neugeborene in den ersten Minuten seines Lebens gut die Lingen mit Luft füllt, was durch kräftiges, wiederholtes Schreien angezeigt wird."1) Und was Sie hier bei unserem kleinen Wickelkinde "auf seines Lebens erstem Gange" erfahren haben, daß es wichtig ist, ordentlich die Lungen mit Luft zu füllen, das gilt auch in seinem ganzen weiteren Leben.

1) Preußisches Hebammenlehrbuch


S.83f
Von allen Geschöpfen in der weiten Gottesnatur bringt der Mensch die hilflosesten zur Welt. So ein armes kleines Wesen muß bedingungslos zugrunde gehen, wenn es nicht mit warmer Mutterliebe oder - wenn diese fehlt- mit warmer Nächstenliebe aufgepäppelt wird.

S.90
Und nun noch einen Rat allen lieben Müttern. Es gibt nichts Schöneres als das allmähliche Erwachen eines so kleinen, lieben Wesens, wenn es zum ersten Male den Kopf hebt, wenn es zum ersten Male sitzt, kriecht oder gar läuft. Alles dies wird in ein kleines Büchlein geschrieben, das macht den Eltern Freude, und wenn das kleine Wickelkind dann groß ist und selbst auf ihrem Arm das liebe Enkelchen wiegt, da ist ihm dieses Büchlein, so unscheinbar von außen, doch eine Quelle reinster Freude und atmet so recht die wärmsten Strahlen der schönsten Sonne auf unserer Erde, der Mutterliebe. Also vergeßt nicht, euch ein solches Büchlein anzulegen!
    Zur Orientierung einige Durchschnittsangaben:
    Es hört zum ersten Male (schreckt bei Geräusch zusammen): dritte Woche.
    Heut hat unser Kind mich angelacht (Vater: nach fünfeinhalb Wochen.
    Heut schaut unser Kleine ihrer Klapper nach (erstes Fixieren): nach sieben Wochen.
    Das Kind versucht das Köpfchen zu heben: Ende des zweiten Monats.
    Das Telephon klingelt, das Kind wendet sein Köpfchen hin: nach zwei Monaten.
    Die ersten Tränen: nach zweieinhalb Monaten.
    Das Kind greift nach Vaters Uhr: Ende des vierten Monats.
    Der Kopf wird beim Tragen aufrecht gehalten: Ende des vierten Monats.
    Es sitzt in seinem Bettchen: Ende des fünften Monats.
    Es fängt an herzumzukrabbeln: Ende des sechsten Monats.
    Es hat sich am Stuhl aufgerichtet: Ende des neunten Monats.
    Es macht die ersten Schritte: Ende des zwölften Monats.
    Es läuft wie ein kleiner Betrunkener, aber ganz allein, von Mutter zu Vater: ein Jahr drei Monate.
    Hier können Sie auch Ihre Beobachtungen über die Entwicklung der ersten Zähnchen eintragen:
    Nach einem halben Jahre: die beiden unteren, mittleren Schneidezähne.
    Sechs bis acht Wochen später: erst die entsprechenden beiden oberen Schneidezähne, dann die oberen, äußeren Schneidezähne.
    Ende des ersten Jahres: die unteren äußeren Schneidezähne.
    Diese zwölf Beispiele mögen Ihnen genügen; jede neue Beobachtung war für Vater und Mutter eine neue Quelle inniger Herzensfreude, denn im Grunde ist ja doch für alle, auch die vernünftigsten Eltern, ihr Kind - das Wunderkind!

S. 93
Die alten Zeiten der /Wiege/ sind für immer vorbei. Nur selten noch habe ich in meiner poliklinischen Tätigkeit eine Wiege gesehen, die dann durch einen langen Bindfaden mit Mutters Bett verbunden, von dieser in dauernder Bewegung gehalten wurde. Und wenn die Mutter schlief, dann sorgte Großvater oder Großmutter dafür, daß die Schaukelei kein Ende nahm. Heute gebrauchen wir ein so unnatürliches Einschläferungs- und Beruhigungsmittel, wie die Wiege, nicht mehr, heute wissen wir, daß wir durch Ordnung und Sauberkeit, durch verständige Ernährung und richtige Erziehung auch ohne dieses Hilfmittel auskommen können. Vielfach dient der Kinderwagen gleichzeitig als Bettchen. Das ist nicht gut. So kann die kleine Lagerstatt nur allzu selten gelüftet werden. Ein einfacher, innen mit hellem, waschbaren Stoff ausgeschlagener Kinderkorb ist da, wo die Mittel fehlen, ein eisernes Kinderbettchen anzuschaffen, völlig ausreichend.


S. 106
Glauben Sie mir, daß alle die Zettelchen und Broschüren, die Ihnen ins Haus flattern, alle die Anpreisungen der Industrie mit den schönen Bildern, die Ihnen in den herrlichsten Farben bald dieses, bald jenes neue Präparat empfehlen, glauben Sie mir, daß sie alle nur einen Zweck verfolgen, ihr Präparat möglichst gut abzusetzen. Da finden Sie Tabellen, in denen die verschiedenen Bestandteile der Frauenmilch verglichen sind,

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zahlenmäßig verglichen sind mit diesen Produkten; mögen sich diese Zahlen noch so sehr einander nähern, sie gleichen der Frauenmilch nicht mehr, wie der auf den sonnigen Bergabhängen nahe alten, vom Hauche der Romantik umwitterten Burgen gewachsene Rheinwein dem gut gekelterten und fast dieselben Stoffe enthaltenden Grüneberger, es fehlt ihm das Etwas, das undefinierbar Eigenartige, durch keine Kunst der Welt zu schaffende. Und würden Zeiten kommen, in denen die Menschenkunst chemisch ganz gleiche Produkte zu erzeugen verstände, immer würde die feine Schleimhaut des kindlichen Darmes den Unterschied empfinden zwischen der Milch der eigenen Mutter und der, die von fremden Stoffen stammt.


S. 109
Mit der Brust ist es ja nicht anders, wie mit allen Organen des Körpers, werden sie angespannt und durch Gebrauch trainiert, dann werden sie leistungsfähig, werden sie durch Gebrauch nicht angeregt, so versagen sie ihren Dienst. Denken Sie nur an die Muskulatur Ihrer Beine, wie schwach sind sie, wenn Sie durch eine wenn auch nur kurze Krankheit gezwungen waren, ruhig im Bette zu liegen, kaum konnten Sie die ersten Gehversuche allein ausführen, und wie munter schreiten Sie in den Ferien auf erquickender Bergtour neben Ihrem Gatten dahin. Saugt das Kind zu wenig, so muß die in den Brüsten noch vorhandene Milch abgespritzt oder durch eine Saugpumpe abgesogen werden, wenn auch im allgemeinen die Regel gilt, daß jede Brust so viel Milch hat, wie sie das Kind gebraucht.

Wie oft soll das Kind angelegt werden?

Als der Großvater die Großmutter nahm, da galt noch häufig als Regel, wenn ein Kind schreit, dann ist es
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hungrig, und wenn es hungrig ist, dann muß es angelegt werden. Jahrelange Beobachtungen haben uns eines Besseren belehrt. Aber Sie wissen, daß ich es gern vermeide, Ihnen im Lehrerton Regeln zu geben. Nur aus eigener Erkenntnis erwächst die richtige Pflichterfüllung. Also überlegen Sie sich mit mir, wie wir zu anderen Ansichten kamen, besser gesagt, kommen müssen:


S.113
Aber was sollen wir denn nun mit dem lieben, kleinen Schreihals in der Nacht machen? Am besten ist es, wenn der Säugling nachts nicht bei den Eltern schläft, die müssen auch einmal Ruhe haben. An sich schadet es gar nichts, wenn der kleine Liebling sich einmal beim Schreien ordentlich die Lungen voll Luft pumpt, das ist eine Art von naturgewollter Lungengymnastik. Dann aber soll man nachsehen, ob er sich naß gemacht hat, und ihn trocken legen, oder ob er kalt ist, sich vielleicht abgestrampelt hat, und ihn zudecken. Oder er ist zu warm, Schweißtröpfchen stehen auf der Stirn, schaffen Sie dann sofort Abhilfe! Sehen Sie nach, ob die Windel drückt oder ob vielleicht das Kindchen wund ist, Fassen Sie ihm vorsichtig auf den kleinen Bauch, um nachzusehen, ob es Leibschmerzen hat, kurz suchen Sie zu ergründen, /warum/ es schreit. Gleich dem Kinde zu trinken zu geben, es auf den Arm zu nehmen oder im Wagen hin und her zu fahren, ist eine Torheit, die sich bitter rächt. Der Säugling soll nicht zum Nachtwandler erzogen werden! Dir aber, liebe Mutter, die du an mich diese Frage gerichtet hast, laß gesagt sein: Was jede gute Wochenpflegerin in drei Tagen mit jedem Säugling fertigbringt, daß er nachts gut schläft, das wirst du doch bei deinem eigenen Kinde können mit deiner ganzen großen Mutterliebe und mit der Einsicht, daß das, was du tust, nur zu deines Lieblings Bestem ist.


S.120
Die Ammenernährung. Kann oder darf eine Mutter nicht selbst stillen, so ist für das Kind die Amme das beste. Aber bedenken Sie, daß das Gute, was Sie so dem eigenen Kinde zukommen lassen, dem armen Ammenkinde entzogen wird. Darin liegt doch unzweifelhaft etwas stark Unmoralisches. Nehmen Sie nur eine Amme, die von Ihrem Arzte genau untersucht ist, sonst können Ihnen furchtbare Krankheiten ins Haus geschleppt werden, Sorgen Sie dafür, daß die Amme alles das, was Sie selbst über das Stillen erfahren haben, gewissenhaft bei Ihrem Kinde durchführt. Bald weiß die Amme, daß von ihrem guten Willen das Gedeihen Ihres Lieblings abhängt, und beginnt das ganze Haus durch ihre Launen zu beherrschen. Das gibt schwere Stunden für die junge Frau. Es ist oft leichter, mit zehn Frauen als mit einer Amme fertig zu werden.


S.130
Flaschenkind, Sorgenkind.
Mutterbrust, beider Lust.


S. 184
/Die sexuelle Aufklärung/. Eine der größten Gefahren der Massenerziehung ist es, daß schlechte Elemente unsaubere und gemeine Erklärungen in die reine Gedankenwelt eures Kindes verpflanzen. Hier gilt es, durch reine, dem jeweiligen Stande des Kindes entsprechende Aufklärung vorzubeugen. /Die Aufklärung gehört ins Elternhaus, und hier ist es allein die Mutter, deren Pflicht es ist, durch Wahrheit zu rühren und zu erklären/ und nicht durch närrische Märchen vom Storch Unwahres in des Mädchens Seele zu legen, Unwahres, das die erste unsaubere Erzählung einer Schulkameradin oder ein neugieriger Blick in das Konversationslexikon über den Haufen weht. Wer von Ihnen nicht im Elternhause, sondern sonstwo die Heiligkeit ersten Entstehens gehört hat, der wird mir beipflichten, daß er diese Dinge als etwas Schlechtes und Niedriges zuerst in sich aufgenommen hat. Die Natur draußen bietet so viele Anhaltspunkte dafür und die Lektüre dieser Zeilen, die vom ersten Entstehen handeln, so viel positives Material, daß ich es wohl dem natürlichen Empfinden einer jeden von Ihnen überlassen darf, über das 'Wie' zu entscheiden. Und wo in kalter
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Prosa müde Wort auf Wort hinrollt, da soll des Dichtermunds beflügend Wort unseren Geist erheben:
S.185f

Wie sag ich's meinem Kinde?

Tret' ich da neulich im Dämmerschein,
Ganz leis ins Kinderzimmer ein,
Hab' schnell mir ein Lauscherckchen gewählt,
Wollt hören, was sich mein Pärchen erzählt.
Und wie ich stehe und wie ich horch,
Da, richtig - kommt die Geschichte vom Storch.
"Nein, Liesel," spricht Hans mit viel Bedacht,
Der Storch hat uns beide nicht gebracht,
Der hat sich nicht um uns gequält,
Mama hat mir's neulich selbser erzählt.
Das mit dem Storch sind alles nur Sagen:
Daß der uns in seinem Schnabel getragen,
Und daß er die Mutter ins Bein gebissen,
Na, davon müßt' sie doch auch was wissen,
 Und daß wir vorher lagen im Teich.
's ist alles nicht wahr, ich dacht' es mir gleich.
In Wirklichkeit ist es viel schöner, du,
Da liegt so ein Kindlein ganz in Ruh',
Solang es noch zart ist und winzig klein,
An Mutters Herzen, du, das ist fein.
Die Mutter muß das Kindlein hegen,
Sie darf sich nur ganz sacht bewegen;
Daß sie ihm keinen Schaden tut,
Solang 's an ihrem Herzen ruht.
Allmählich wird das Kindlein groß,
Es macht sich von der Mutter los,
Die leidet dabei viele Schmerzen,
Es löst sich ja von ihrem Herzen.
Doch schön ist's, wenn das Kind erst da,
Dann freut sie sich und schenkt's Papa."
Liesel hat schweigend zugehört,
Den großen Bruder nicht gestört;
Jetzt hebt sie zu ihm das kleine Gesicht,
Und ernsthaft sie die Worte spricht:
"Eins kann ich dabei nicht verstehen:
Warum muß das immer der Mutter geschehn?
Kann das Kind nicht Vater am Herzen liegen,
Können Papas keine Kinder kriegen?"
"Ach, nein," spricht Hans, der kluge Mann,
"Das geht doch ganz und gar nicht an.
Sie wären ja sicher dazu bereit,
Haben aber zu wenig Zeit."
"Und dann," spricht Liesel, und sie lacht,
"Papas bewegen sich nicht so sacht.
Ich sah es neulich selbst mit an,
Sie springen von der elektrischen Bahn,
Laufen hinterher oft ganze Strecken,
Da würde das Kindlein sich schön erschrecken.
Da ist's doch besser bei der Mama -
O, sieh mal, Hans, da ist sie ja!"
Und beide halten mich schon umschlungen,
Rechts hab' ich das Mädel, links den Jungen,
Und als ich mich zu guter Letzt
Zu ihnen ins "Schlummereckchen" gesetzt
Spricht Liesel mit strahlendem Augenpaar:
"Mutte, was Hans sagt, ist das wahr?
Als ich ganz klein gewesen bin,
War ich bei dir im Herzen drin?"
Fest schmiegt sie in meinen Arm sich hinein,
"Wie schön muß das gewesen sein!"
    Karin Telmar



BAND II


S.83

Geburtenrückgang und Empfängnisverhütung.

Wir haben gesehen, daß eine Reihe der soeben beschriebenen Krankheiten die Verhütung der Empfängnis zu einer Notwendigkeit macht, soll anderseits nicht das Leben der Mutter auf das allerschwerste bedroht werden.
    Eine Empfängnis kann nun, wie Sie ja aus unserer Entwicklungsgeschichte (erster Band, S.64) wissen, nur dann verhütet werden, wenn es gelingt, eine Vereinigung von Ei und Samenfaden zu verhindern. Entweder werden besonders geformte Instrumente (Schutzpessare) vor den Muttermund der Frau gelegt, so daß die Samenfäden nicht in den Halskanal und auch nicht weiter nach oben gelangen können, oder aber der Mann verlegt durch Gebrauch eines aus Gummi oder Fischblase bestehenden Überzuges (Kindon) den Samenfäden den Weg, Ausspülungen nach dem Verkehr mit Samenfäden tötenden Mitteln und schließlich eine Unterbrechung des Verkehrs, so daß die Samenfäden nach außen statt in die Scheide entleert werden, dies sind die wohl gebräuchlichsten Mittel. Als einzig "moralisches" (?) und den Sittengesetzen am wenigsten zuwiderlaufendes Mittel hat Castellmann den Verkehr vom fünfzehnten Tage nach edm letzten bis zum vierten Tage vor dem nächstfolgenden Unwohlsein empfohlen. Alle diese hier angegebenen Mittel sind nicht sicher und man erlebt gerade bei solchen Frauen, bei denen sie am meisten am Platze sind, wie bei den eben genannten Schwerkranken, daß sie nur zu oft versagen. Aber abgesehen davon, sind alle diese

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Mittel, auf die Dauer angewandt, für beide Ehegatten, besonders aber für die Frau recht gefährlich; Erkrankungen der Scheide, häßlicher, oft nur schwer zu beseitigender Ausfluß, Entzündungen der Gebärmutter, schwere Eierstocksleiden (v. Winckel) sind die häufige Folge, und es ist daher als ein Fortschritt der modernen Frauenheilkunde zu bezeichnen, daß man gelernt hat, in solchen Fällen auf operativem Wege, durch Unterbinden der Eileiter, sicher und ohne alle diese Gefahren heraufzubeschwören die EMpfängnis zu verhindern. Dabei wird kein Organ entfernt und die so sterilisierten Frauen behalten wie gewöhnlich ihr Unwohlsein, nur der Weg ist dem Ei nach außen verlegt.

S.86
Es ist noch nicht lange her, da fragte mich eine junge Dame um Rat, ob sie heiraten dürfte, obwohl ihr Unwohlsein - sie war 25 Jahre alt - noch niemals aufgetreten sei. Ich untersuchte sie und fand, daß sie wohl äußere Geschlechtsorgane, aber keine Scheide, keine Gebärmutter, keinen Eileiter und keine Eierstöcke hatte. Unter solchen Umständen mußte ich ihr dringend von der Ehe abraten, sollte sie aber trotzdem heiraten, so wäre es ihre Pflicht, ihren Bräutigam durch mich über ihren Zustand aufzuklären. Man könnte ihr dann, wenn er mit der sicheren Kinderlosigkeit einverstanden wäre, wenigstens auf operativem Wege eine Scheide machen.

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Warum die große Mehrzahl der Geburten des Nachts stattfindet? Wer wollte es wissen? "Als der Schöpfer sah, daß das Menschenweib so weit war, daß es gebären sollte, da sah er sie allein, denn der Mann, der sie schirman sollte und ihr zum Beistand gegeben ward, war aus, um durch die Jagd die Nahrung herbeizuschaffen. Da gebot der Herr, daß das Menschenweib erst dann ihr Kind gebären sollte, wenn die Sonne ihr Bad im blauen Meere genommen und der silberne Mond heraufgestiegen sei über des Horizontes noch goldglühenden Streifen. Denn dann kehrt der Gatte heim, um bei seinem Weibe zu sein und ihr das Erjagte zu bringen. Und wie Gott der Her es gesprochen, also geschah es."
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So oder in etwas anderen Worten würde ich es meinem Kinde erklären, sollte es mich danach fragen.


S.144
[Geburt ohne Schmerzen]

Leiden, Qual und Schmerzen zu lösen, Kraft ersparen und so die Geburt natürlich zu Ende gehen lassen, das ist Zweck und Erfolg der schmerzlosen Entbindung. Auf Einzelheiten der schmerzlosen Entbindung kann hier natürlich nicht eingangen werden. Es ist das Verdienst von Krönig, diese Methode so gut ausgebildet zu haben, da sie in der Hand des Erfahrenen Vorzügliches leistet, den Schmerz völlig stillt
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und die Wehenkraft nahezu unbeeinflußt läßt. Und nachdem wir in letzter Zeit noch ein vorzüglich wirkendes Wehenmittel zur Verfügung haben, ist die Methode nahezu unbedenklich geworden. Eine neue, von Wederhake angegebene Methode des Dauerrausches halte ich für noch ungefährlicher und besser und wende sie jetzt vielfach an.
    Wohl selten habe ich als Arzt ein solches Glücksempfinden, als wenn ich so einer armen, jammernden Frau nicht nur mit gutem Zuspruch, sondern wirklich und wahrhaftig die Schmerzen nehmen konnte und wenn sie dann ihr Kind küßte und gar nicht weiß, wie es zur Welt kam.



S.233
Zwölfter Vortrag.
Medizin, Naturheilkunde, Homöopathie.
Es würde den Zweck unseres ganzen Vortragszyklus, den wir nun beenden, nicht ganz erfüllen, wollte ich eine Frage unerwähnt lassen, die häufig an mich gerichtet wird, die Frage, wie stehen die Ärzte zu den Homöopathen und zu den Naturheilkundigen?
    Da liegt vor mir ein Buch, und da es viel gelesen wird, so glaubte ich, in ihm für Sie über diese Frage guten Aufschluß zu finden:
    "Die Schulmedizin (Allopathie) hat das Erbe des Mittelalters in bezug auf den Arzneimittelglauben angetreten. Die ältere Richtung vertritt einseitige Wissenschaftlichkeit, alle Konsequenzen der Bakterienlehre und hofft durch Experimente an lebenden Tieren Neues zum Wohl der kranken Menschheit zu entdecken. Wahre Gesundheitspflege und Vorbeugung hat sie nicht auszubilden verstanden; dafür geben die städtischen Kliniken und die medizinischen Lehrbücher traurige Beweise, nicht minder die praktisch sein sollenden, populären ärztlichen Werke mit ihrem gelehrten Wust und ihrem für die Anforderungen des täglichen Lebens unzulänglichen Inhalt."
    Würde ich hier nicht vor Ihnen, sondern vor einem Auditorium von Studenten oder Kollegen sprechen, so würde ein kurzes Wort genügen, um diese falschen Behauptungen abzutun. So muß ich Ihnen aber doch eingehender vor Augen führen, was Sie ja in diesen Vorträgen gehört haben, und was denn diese so verächtlich behandelte "Schulmedizin" in Wirklichkeit geleistet hat. Schon der Ausdruck /Schul/medizin bedeutet eine Herabsetzung. Die voraussetzungslose Wissenschaft nimmt das

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wahrhaft Gute, von welcher Seite es auch immer kommen mag, ob ein Bauer Priesnitz die kalten Umschläge angab, ob Pfarrer Kneipp die Kaltwasserbehandlung überschwenglich empfahl, immer hat die Medizin es verstanden, das was an den Ideen Gutes war, für sich zu verwerten. Aber im Vergleich zu dem wenigen, was ihr von außen kam. was ihren Heilschatz durch Laien bereicherte, was hat die moderne Medizin nicht alles der Volksgesundheit gebracht? Denken Sie an unsere ersten Vorträge, in denen die Grundlagen unseres ganzen Wissens Ihnen vor Augen geführt wurden, denken Sie an die beharrliche Arbeit, die es sich zum Ziele setzte, die Säuglingssterblichkeit einzuschränken, denken Sie an die große Entdeckung /Credés/, dem es gelang, die zur Blindheit führende Augenentzündung der Neugeborenen zu beseitigen, denken Sie fernerhin an des armen /Semmelweis/ unsterbliches Lebenswerk, dem Kindbettfieber einen Damm gesetzt zu haben, um so unzählige Mütter ihren Männern, ihren Kindern zu erhalten. Denken Sie an die gewaltigen Fortschritte der Chirurgie, die es ermöglicht hat, den Kaiserschnitt, um nur ein Beispiel aus den vielen herauszugreifen, so auszuführen, daß eine lebende Mutter und ein glücklich lebendes Kind das Resultat ärztlicher Kunst wurden. Denken Sie an die Bekämpfung der Geschwülste, die rechtzeitig erkannt in nahezu allen Fällen zu heilbaren Leidern verwandelt wurden.
    Aber alle diese gewaltigen Großtaten - das kann man wohl ohne jede Übertreibung sagen - scheinen klein, wenn wir uns die moderne Seuchenbekämpfung vor Augen führen. Erst durch die Entdeckung /Robert Kochs/, zu desen Füßen ich als junger Arzt in seinem Institut noch arbeiten konnte, erst durch seine

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Entdeckungen, die Licht brachten in die Welt der kleinen Krankheitserreger, konnte die Seuchenbekämpfung diese gewaltigen Erfolge erringen. Was weiß das heutige Geschlecht noch von den verheerenden Zügen der /Cholera/ durch unsere deutschen Auen? Kaum sind in unserer kurzlebigen Zeit noch die furchtbaren Tage der Hamburger Choleraepidemie im Jahre 1892 in der Erinnerung. Und doch erkrankten damals an einem Tage 1200 Leute! Daß es nun gelang, diese furchtbare Seuche auf ihren Krankheitsherd zu beschränken, unzählige Familien, ja das ganze übrige Land vor Leid und Verzweiflung zu bewahren - war das keine wissenschaftliche Großtat? Das kann nur leugnen, wer wissentlich einem gewissen Zweck zuliebe die Unwahrheit sagen will.
    Die /Pest/, früher ein wohlbekannter Gast in Europa, wütet noch immer in schrecklicher Weise in Indien. In den Jahren 1907-1908 sollen nicht weniger als 1 200 000 Leute ihr erlegen sein. Seitdem heldenmütige Gelehrtenarbeit - wahrlich es ist einfacher, kalte Güsse zu verschriben, als in Pestdörfern die gefährlichen Erreger dieser Seuche zu erforschen - die Erreger dieser Seuche erkannt, ihre Verbreitung durch die Schiffsratten nachgewiesen hatt, gelang es auch sie, wo immer sie sich zeigte, auf ihren Herd zu beschränken.
    Über die /Pocken/ und ihre Beseitigung durch die Impfung haben wir so ausführlich gesprochen (erster Band, S.190), daß wir hier darauf verzichten können. Ebenso brauchen wir die Mörderin der besten Kinderjahre, die /Diphterie/ und ihre Bekämpfung durch das Heilserum (erster Band, S.198) hier nur nochmals kurz zu erwähnen.
    Sehen Sie sich in den allwöchentlich in den meisten

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Zeitungen erscheinenden Sterblichkeitsberichten die Zahlen an, die über die Todesfälle an /Typhus/ berichten. Früher starben zum Beispiel in München von zehntausend Einwohnern alljährlich etwa dreißig an Typhus, heute sterben im ganzen Deutschen Reich von zehntausend Menschen weniger als einer an dieser Erkrankung.
    Die Sauberkeit der Städte, die Einführung der Kanalisation und Wasserleitung, alle diese dem heutigen Kulturmenschen so selbstverständlichen hygienischen Maßnahmen sind durchgesetzt worden durch die Tatkraft dieser Männer, die die Ursachen dieser Krankheiten fanden, und durch den unaufhörlichen wissenschaftlich begründeten Appell /Robert Kochs/, /Virchows/ und /Pettenkofers/ an den Staat und die Stadtgemeinden. Und die oberste Stelle der Gesundheitspflege im Deutschen Reich, das Reichsgesundheitsamt, wäre es ihm möglich, ohne die Grundlagen, die diesesr Männer schufen, ohne die ständige Mitarbeit aller mit diesen Grundlagen vertrauten Ärzte seine segensreiche Tätigkeit zu entfalten?
    Für die /Tuberkulösen/ sorgt die Heilstättenbewegung, für die Erkrankung durch /Trichinen/ die Fleischbeschau, für die von /tollwut/kranken Hunden Gebissenen die nach dem Vorbild des Pasteurschen Institutes in Paris gegründeten Institute in Berlin und Breslau.
    Und da man, um wirklich heilen zu können, die Ursache des Übels erkennen muß, so ist Wissenschaft und Praxis in gleicher Weise tagein tagaus bemüht, immer bessere und feinere Mittel zu ersinnen, um die Krankheiten richtig festzustellen. Während der gute alte Hausarzt unserer Kindertage nur den Puls und die Temperatur und die Zunge zu brücksichtigen hatte und nun

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mit oft Verwunderung erheischender Erfahrung die Diagnose stellte, ist unser heutiges Rüstzeug so groß geworden, daß der einzelne, selbst wenn er sehr lange leben würde, alles doch nicht mehr zu beherrschen imstande wäre. Mit elektrischen Fernrohren kann man das Innere der Blase, des Auges, der Nase, des Rachens, des Kehlkopfes, der Speiseröhre, ja der Lungenäste betrachten, mit den Röntgenstrahlen den ganzen Körper durchleuchten, mit wunderbaren neuen Körpern wie Radium und Mesothorium, wie Sie gehört haben, Geschwülste heilen, mit chemischen Substanzen die feinsten Verunreinigungen des Blutes herausfinden, mit Hilfe der Bakteriologie die schädlichen Keine erkennen, oft bevor sie Schaden anrichten können.
    So haben wir in kurzen Worten gesehen, wie die Medizin als Erforscherin der unendlichen Natur, als Kulturträgerin der gesamten Menschheit, als dauernde unermüdliche Arbeiterin auf dem Wege des Erkennens der Krankheiten tätig war und tätig ist. Und wenn Sie, die Sie mit Aufmerksamkeit und Interesse meinen Vorträgen folgten, über die Art des Heilens nachdenken, dann werden Sie mir wohl zugeben, daß nichts dem guten Arzte ferner liegt, als eine Überschätzung seines Wissens und Könnens. Dann werden Sie mir recht geben, daß der beste Arzt der ist, der die Geheimnisse der Natur wohl zu belauschen versteht, aber auch der, der weiß, daß mit Mixturen und Tränkchen allein nichts auszurichten ist. Wie oft habe ich Ihnen in dem Verlauf dieser Vorlesungen gesagt, daß eine gute, verständige Ernährung besser ist als alle in verschwenderischer Fülle und mit reklamehaften, überschwenglichen Worten angepriesenen teuren Nährpräparate, wie oft habe ich Ihnen gesagt, wie

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sehr zum Beispiel bei der Verstopfung vernünftige Massage und entsprechende Diät besser sind als alle die vielen, den Darm chemisch oder mechanisch reizenden Abführmittel. - Immer derselbe große Gedanke: Heilen ist Sache der Allmutter Natur, und unsere Sache ist, diese Naturheilung zu befördern. Gerade diese ruhige Überlegung war es ja, die in der Geburtshilfe so große Erfolge erzielt hat, die nur da zum Messer oder zur Zange greift, wo wirkliche Gefahr weiteres Zuwarten als unklug und gefährlicher erscheinen läßt, als die sachgemäße Operation heute ist. Gegenüber diesen Naturheilungen ist die Zahl derjenigen Mittel, die wirklich als Zerstörer der eingedrungenen Krankheitskeime gelten können und die als solche - wir nennen sie spezifische - durch jahrelange Erfahrungen wirklich erprobt sind, klein zu nennen. Um nur einige Beispiele herauszugreifen: wie das Chinin bei der /Malaria/; so sank in Italien seit der planmäßigen Bekämpfung dieser Seuche die Erkrankungsziffer von 60  Prozent (das heißt von hundert Bewohnern erkrankten sechzig) auf 3 Prozent; - oder wie die Quecksilber-, Jod- und Salvarsanbehandlung bei dem Abtöten der Spirillen der Syphilis; - oder die Silbersalze bei der Gonorrhöe, die Arsenbehandlung zur Aufbesserung des Blutes und des allgemeinen Stoffwechsels und die Heilsera. Damit hätten wir so ziemlich die Liste der hauptsächlichen spezifischen Heilmittel erschöpft.
    Aber wir haben uns in diesen Stunden ja nicht nur über die /Heilkunde/, sondern auch und nicht nur an zweiter Stelle, sondern ihr gleichwertig beigestellt über die /Hygiene/, das heißt über die /Gesundheitspflege/ unterhalten. Auch hier haben Sie, glaube ich, die Überzeugung gewonnen, daß die Ärzte nicht im

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Hintertreffen stehen, so daß ich nicht nötig habe, Sie mit der Aufzählung weiterer Beispiele zu ermüden.
    Und nun, nachdem Sie gesehen haben, daß der beste Arzt der Arzt ist, der der Natur entsprechend behandelt, zu jenen Vertretern der Heilkunde, die, mögen sie Laien oder Ärzte sein, sich öffentlich und reklamehaft als "Naturärzte" oder "Spezialärzte der physikalisch-diätetischen Heilkunde" bezeichnen!
    Der Name "Natur" wirkt und mit Recht Wunder auf diejenigen, die nicht wissen, was hinter den Kulissen dieses Wortes sich abspielt. Zunächst zu den /Naturärzten/. Diese wissen genau so gut, wie Sie heute, daß es ein Dogma in der medizinischen Wissenschaft nicht gibt, und daß es ihnen also völlig unbenommen wäre, dort, wo es ihnen recht und billlig erscheint, statt vieler unnützer Medizin die Wasserbehandlung zu empfehlen. Und das tun viele Ärzte und nicht die schlechtesten, die aber trotzdem es verschmähen, sich einen reklamehaften Namen zuzulegen, der eigentlich nichts Neues sagt, also nur auf Täuschung berechnet ist. So kannte ich einen jungen Arzt, der in einer Stadt lebte und sich einer nur recht kleinen Praxis erfreute; plötzlich kam er auf die Idee, sich "Naturarzt" zu nennen und nun pilgerten vonm weit und breit jung und alt, arm und reich aus Stadt und Dorf zu ihm, war er doch nun ein /weißer/ Rabe unter den vielen ganz gewöhnliche schwarz aussehenden anderen geworden. In wenigen Jahren war er ein reicher Mann, und nun interessierten ihn weder Medizin noch Natur, und er wurde Privatier. "Mundus vult decipi." "Die Welt /will/ getäuscht sein." Aber nicht immer geht der glatte Weg der Täuschung so aufwärts, es gibt auch Naturen, die dabei straucheln. Ich

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kenne einen Fall, in dem eine junge Lehrerin wegen einer Blutvergiftung einen solchen Heiligen aufsuchte. Dieser sah wohl, daß nur eine Operation hier nützen könne; weil er aber seinen Ruf, alles mit Wasser und Heuumschlägen heilen zu können, nicht aufgeben wollte, dokterte er ruhig mit diesen Mitteln an dem armen Mädchen herum, bis diese so schwer krank wurde, daß sie schließlich auf das Drängen ihrer Angehörigen einen Chirurgen zuzog. Der konnte das arme Ding wohl retten, aber das Bein blieb steif, die Vereiterung, die man durch einen Einschnitt leicht hätte nach außen ableiten können, hatte die Sehnen und das Gelenk schon zerstört. - So sehen Sie, "wie Böses fortzeugend Böses muß gebären". Erst die Täuschung durch einen Titel, dann die Schädigung des Patienten um des Rufes willen.
    Ganz namenloses Unheil aber richten diese Leute, mögen sie nun sogenannte Ärzte oder "naturheilkundige" Kurpfuscher sein, bei der Behandlung der für unsere ganze Volksgesundheit und besonders für die Gesundheit der Ehe so gefährlichen Geschlechtskrankheiten an. Da lesen Sie alltäglich in den Tageszeitungen Annoncen: Heilungen ohne Berufsstörung, ohne Quecksilber, briefliche Behandlung, da flattern Ihnen die unsinnigsten Broschüren ins Haus, ungefährlich für Sie, die Wissenden, für Sie, die ernstlich das Wahre gesucht und mit Eifer und Verständnis meinen Vorträgen folgten. Aber die armen Nichtwissenden! Die Armen, denen diese ungeheilten Nichtwissenden wiederum zum Fluche werden. Und da fragen Sie mich, ja merken denn diese Leute gar nicht, daß sie falsch behandelt werden? Leider nein und hierfür ein kurzes Beispiel: Soll man

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es dem jungen Mann übelnehmen, der an Syphilis erkrankt, von guten, ebenso unwissenden Freunden auf die Gefahren und Unannehmlichkeiten der Quecksilberbehandlung aufmerksam gemacht, zu dem Naturheilkundigen geht, der ihm nun zu der Schrothschen Kur rät? Und wirklich, beim Hungern und Dursten (vgl. S.78) verblaßt der Ausschlag, die äußeren Krankheitserscheinungen gehen zurück und der junge Mann glaubt sich natürlich geheilt. - Sie wisssen es besser. - Um bei dem Armen nun auch sicher den Glauben an die Heilung zu befestigen, erlaubt ihm der Naturheilkundige, zu heiraten. Und das namenlose Unglück ist da. Die junge Frau wird angesteckt, faultote oder schlimmer noch syphilitische Kinder werden in die Welt gesetzt und das Drama der Unwissenheit schließt mit Gehirnerweichung und Rückenmarkslähmung. Fragen Sie nur die armen Gelähmten, ob sie behandelt waren oder ob sie so, wie in diesem Falle, getäuscht wurden.
    Gewiss werden Sie sagen, das sehen wir ein, aber wie kommt es daß so viele Leute gesund werden und sich glücklich fühlen, von einem solchen Naturheilkundigen behandelt zu sein. Nun, es gibt eine ganze Anzahl von Krankheiten, die bei jeder Behandlung, an die man glaubt, geheilt werden. Es gibt, um das wieder durch ein Beispiel zu beleuchten, nervöse Magenkrankheiten, bei denen solche Naturbehandlungen, die neben Wasser in einer ganz veränderten Ernährung bestehen, Vorzügliches wirken. Aber nun bedenken Sie, wenn sich hinter diesem nervösen Magenleiden ein Magenkrebs verbirgt. Ein Magenkrebs, dessen Erkennen die aufmerksamste, sachgemäßeste Untersuchung mit allen Mitteln der Neuzeit, die Durchleuchtung mit Röntgenstrahlen

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und anderes mehr erfordert, der natürlich nicht von dem ehemaligen Schäfer oder Heilgehilfen erkannt werden kann. Dann wird die Kur keinen Nutzen stiften können, aber unermeßlichen Schaden anrichten, der arme Kranke wird erst im letzten Stadium zum Arzt kommen, wenn es zu spät zum Helfen ist. Es ist wie mit einer Uhr, die stehen bleibt. Sie fällt vom Tisch und geht nun wieder ordentlich weiter; das Stäubchen, das ihren Gang hemmte, ist dabei herausgefallen. Ist darum diese "Heilmethode" vernünftig und nachahmenswert?
    So sah ich von einer Naturheilkundigen eine Dame monatelang mit allen möglichen Sitzbädern und Knie- und Schenkelgüssen behandelt werden, die an gebärmutterblutungen litt. Als sie zu mir kam, war es zu spät, der Krebs, denn um diesen handelte es sich, hatte schon Blase und Mastdarm angefressen. Wenige Tage später starb sie mit fünfunddreißig Jahren, einen untröstlichen Mann und vier kleine Kinder zurücklassend. Und wenn auch allmonatlich mehrere von diesen Volksverderbern wegen fahrlässiger Körperverletzung vor den irdischen Richter gezogen werden, was verschlägt das für das ganze Volk. Hier hilft nur Aufklären und Wissen. An Ihnen ist es, jetzt als Wissensapostel hinauszugehen und Verstehen zu predigen, wo wissenloser Glauben zum Verderben führt.
    Aber auf einen Punkt müssen wir noch eingehen, den Sie in Büchern Naturheilkundiger oft erwähnt finden. Dort können Sie lesen, daß der jetzt von der "Schulmedizin" geforderte Seuchenschutz, wie er zum Beispiel bei den Pocken besteht, ganz überflüssig ist, daß gesunde Menschen, die möglichst vegetarisch leben und sonst die Regeln der Naturheilmethode befolgen,

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gar nicht angesteckt werden. Das ist falsch! Sollen doch diese Wunderapostel erst an sich selbst die Wahrheit ihrer Lügenworte erproben! Aber selbst das, wovor sie sich hüten werden, ist unnötig. Bei allen Seuchen sehen wir, wie die Starken wie die Schwachen in nahezu gleicher Weise befallen werden, wenn nur die Seuchenkeime einen Eingang in ihren Körper finden.
    Wenn Sie sich selbst ein Urteil bilden wollen, mit welcher Überhebung einer der besten naturheilkundigen Laien, Pfarrer Kneipp, über seine Kuren sprach- und Sie wissen, daß die Überhebung in der Wissenschaft immer das Ende der Forschung und den Bankrott jeden Wissens bedeutet -, so hören Sie ihn selbst: "Jede Störung ruht im Blut und die Arbeit der Heilung kann nur die zweifache Aufgabe haben: entweder muß ich das ungeordnet zirkulierende Blut wieder zum richtigen und normalen Laufe zurückführen, oder ich muß die schlechten, die richtige Zusammensetzung des Blutes störenden Stoffe (Krankheitsstoffe) aus dem Blute auszuscheiden suchen. /Das Wasser, speziell meine Wasserkur, heilt alle überhaupt heilbaren Krankheiten./ Denn ihre verschiedenen Anwendungen zielen darauf hin, die Wurzeln der Krankheiten auszuheben, und die sind imstande: a) die Krankheitsstoffe im Blut aufzulösen; b) das Aufgelöste auszuscheiden; c) das so gereinigte Blut wieder in die richtige Zirkulation zu bringen; d) den geschwächten Organismus zu stählen."
    Wenden Sie auf diese inhaltsschweren und dabei doch nichtssagenden Worte alles das an, was Sie in den bisherigen Vorlesungen erfahren haben, und ich glaube,


    
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ich kann mich selbst einer Kritik entheben, die ich vertrauensvoll in Ihr Verstandsempfinden lege.
    Nun kommen wir zu dem letzten Punkte unseres letzten Vortrages, zur Erklärung der Homöopathie.
    Der Begründer der Homöopathie war Hahnemann im Jahre 1796. Er gab auch den Namen, der auf deutsch besagt homoios=gleich, pathos=Leiden, das heißt gleiches durch gleiches heilen. Die Homöopathie glaubt an die Spezifität aller ihrer Mittel. Das ist eine Überhebung, die wir nicht mitmachen können, denn heute, wo wir wissen, daß eine große Zahl von Krankheiten durch bestimmte Krankheitskeime erzeugt werden, müssen wir nach dem Vorgang von Hahnemann nicht durch homöopathische Mittel, sondern durch eben diese nur abgeschwächten Krankheitskeime die Erkankung zu behandeln suchen. In Wirklichkeit tun wir also bei den Pocken etwas ganz Ähnliches, wie Hahnemann es sich damals, als man Bakterien noch nicht kannte, gedacht hatte.
    Das zweite Charakteristikum der Homöopathie sind die Verdünnungen der Medizin. Die Homöopathen verdünnen die Medizin etwa so, als wenn Sie auf zwei Liter Wasser einen Tropfen Rotwein gießen und nun glauben, Rotwein zu trinken. Die Erklärung wie diese Verdünnungen wirken sollen, sind so mystisch, daß sie kein Mensch verstehen kann. Das naturwissenschaftlich Wahre, mag es noch so kompliziert sein, läßt sich aber immer, wie Sie wohl aus unseren Vorträgen ersehen haben, leicht nicht nur dem Wissenschaftler, sindern auch dem Laien verständlich machen. Eine gute Methode ist einfach, eine komplizierte meist falsch. So bedeutet die Homöopathie durch diese Verdünnungen, die sie je nach der Abstufung mit erste, zweite, dritte und schließlich dreißigste Potenz nennt, in Wirklichkeit nichts anderes als einen Verzicht auf Medizin überhaupt. Ihre Medizin wirkt lediglich durch den Glauben an sie, und der Glaube wirkt, wie Sie ja schon bei der Naturheilkunde gesehen haben, bei nervösen Kranken oft Wunder. Aber auch die Homöopathie hat der Medizin genützt, indem sie zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, der Zeit ihres Entstehens, entschieden dem allzuvielen und allzustarken Medizinieren entgegentrat. Heute kann man sie als eine rein dietätische Heilmethode bezeichnen, mit allen ihren Vorzügen, wenn sie sich auf die ihre zustehenden Gebiete beschränkt, und mit allen ihren Nachteilen, wenn sie sich an Gebiete heranwagt, die richtig behandelt werden müssen. Und gerade dadruch wirkt sie leicht ebenso gefährlich wie die Naturheilkunde. Viele hundert Beispiele dafür könnte ich Ihnen geben, die alle den wenigen bereits genannten gleichen würden.
    Und nun sind wir am Ende unserer Vorträge angelangt. Haben sie ihren Zweck erfüllt, in Ihnen wirkliches Verständnis für Gesundheit an Körper und Geist, wirkliches Begreifen der verschiedenen Krankheitsursachen und ihrer Heilung wachzurufen, *dann habe ich damit nicht nur Ihnen selbst, sondern auch unserem Staat genützt, genützt dem Gedanken, der tatkräftig diese Vorträge ins Leben gerufen hat: Der Volkswohlfahrt!*

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