4. Kapitel - Der Wochentag

Der Wochentag.

Die Kinder schlafen heute etwas länger als gewöhnlich, Papa und Mama trinken schon lange Kaffe im Gartenzimmer, als Karl und Marie noch angezogen werden. Beide sind aber sehr froh über die schöne Frühstunde, die sie verlebt haben, und erzählen den ganzen Tag von der Herrlichkeit der aufgehenden Sonne.

Nach dem Frühstück zieht Karl die Glocke drei- viermal, und darauf kommen alle Hausgenossen zusammen. Sie setzen sich in einen Kreis. Trina hat die kleine Elisabeth auf dem Schooß und Mama geht an's Klavier; sie spielt, und Alle singen das schöne Lied von Paul Gerhardt:

Wach auf, mein Herz, und singe
Dem Schöpfer aller Dinge,
Dem Geber aller Güter,
Dem treuen Menschenhüter.

Dann lies't der Vater einen Abschnitt aus der Bibel und erklärt, was vielleicht dem Einen oder dem Andern unverständlich sein könnte. Darauf betet der Vater, und zuletzt betet Marie das Vaterunser. Dann spricht der Papa mit dem Gärtner und giebt an, was im Laufe des Tages gearbeitet werden soll. Mama geht in Küche und Keller und macht ihre Anordnungen. Die Mädchen beginnen ihre Arbeiten und die Kinder laufen und spielen noch ein Stündchen im Garten und Hause umher. Um neun Uhr ruft Mama die Kinder, und nun fängt der Unterricht an. Karl nichht seine Rechnentafel, Marie ihr Strickzeug. Nachher schreibt Marie. Darauf lesen die Kinder wechselweise die schöne Geschichte vom kleinen David und vom Riesen Goliath. Karl kann freilich nur buchstabieren, aber Marie lies't es dann, und so wird es ihm doch ganz verständlich, daß er nachher die Geschichte ganz gut wieder erzählen kann. Als sie damit fertig sind, holt Mama ein hübsches Bild und erzählt den Kindern davon. Auf dem Bilde sind an der linken Seite eine Menge kleiner, weißer Kügelchen; dabei ist ein Räupchen, so klein, wie eine halbe Stecknadel; daneben liegt ein Johannisbeerzweig, und auf dem einen Blatte sitzt eine wunderschöne Raupe, die macht einen hohen Buckel. Dort ist auch ein kleines Ding, schwarz sieht es aus und ist länglichrun; an der einen Seite hat es eine Spitze, mit der es an einem Blatte hängt, an der runden Seite aber fünf bis sechs goldgelbe Ringe. Dann folgt ein schöner bunter Schmetterling, weiß mit vielen gelben und schwarzen Punkten und Strichen. Davon will ich Euch ein Mährchen erzählen, sagte die Mutter, und die Kinder klatschen in die Hände und sehen erwartungsvoll zu ihr hinauf.

Seht ihr die weißen Kügelchen da? das sind Eier, beginnt die Mutter, da drinnen sitzen freilich keine jungen Hühner, kleine Küchlein, wie Ihr sie habt so goldgelb und federweich im Hofe laufen sehen. Nein, dazu wären die Eier zu klein; aber doch ein Thierchen sitzt darin, dem es beim Sonnenschein zu eng und zu warm in dem kleinen Häuschen wird; drum reckt und streckt es sich, bis der liebe Gott das Häuschen öffnet, und es hinaus schauen kann und die schöne, liebe Gotteswelt. - Ei, und wie gefällt es ihm! besonders der schöne grüne Strauch, auf dem es sitzt. Es versucht nun mit dem kleinen Mäulchen die zarten grünen Blätter zu benagen, und, siehst Du, es geht. Es frißt und frißt ein Blatt nach dem andern, bis es sich endlich in ein paar Tagen so dick gefrassen hat, daß ihm sein Kleid überall drückt und kneift. Da wird es still und traurig und frißt nicht mehr und klagt uns stöhnt und reckt sich und dehnt sich, bis mit einem Male, knack! sein Kleid auf dem Rücken entzwei platzt. Da freut sich das Räupchen und dräängt und zieht sich immer mehr, bis es endlich glücklich aus dem engen Kleide heraussteigt - Aber geht es nun nackend? fragt Marie. O nein doch, sagt die Mutter; denk nur, unter dem alten Kleidchen hat der liebe Gott ihm schon ein wunderschönes, neues, weites angezogen, viel schöner, als das erste: weiß, mit vielen kleinen schwarzen und gelben Strichelchen und Punkten. Darin hat das Thierchen nun Platz zu wachsen, und siehe in wenigen Stunden ist's schon groß geworden, wie eine Stecknadel. Vorn hat es zwei Beinchen und hinten vier, und zieht es nun beim Gehen die Beinchen zusannen, dann macht es solch hohen Thorweg, wie Ihr es hier auf dem Bilde seht. Die Menschen nennen solche Art Raupen Spanner. - Fängt die Raupe nun wieder an zu fressen? fragt Karl. Das will ich meinen, erwidert die Mutter, nun frißt sie noch dreimal mehr, als vorhin, aber es geht ihr auch wieder ebenso. Nach fünf oder sechs Tagen hat sie sich wieder so voll gefressen, daß das neue Kleid auch nicht mehr paßt, und sie wird immer dicker. Ihr schönes buntes Kleid ist von Fressen ganz schmutzig und schlecht geworden, und sie denkt: Ach hätte ich ein neues Kleidchen, ich wollte auch nimmermehr wieder so viel fressen! Nun wird sie so ängstliche und klagt und stöhnt und dehnt sich, und knacks! siehe, noch einmal hatihr der liebe Gott ein neues bintes Kleid geschenkt. reichlich weit und groß, daß das Thier drin wachsen und sich recken kann. In einigen Stunden ist's Räupchen so groß wie eine Nähnadel. Da ist's froh und kriecht so vergnügt auf dem Strauch umher, als wäre es ihm noch niemals angst und bange gewesen. Gar schnell aber hat es sein Vornehmen vergessen, es schaut rechts, es schaut links, und dann fängt es wieder an zu fressen nach Herzenslust. Der Strauch aber wird immer kahler und trauert darüber und klagt's dem lieben Gott, daß das Räupchen doch wieder so viel fresse und ihm alle seine Blätter stehle. Und der liebe Gott spricht zur Raupe: Friß nicht so viel, denn du bekommst kein neues Kleid mehr; wird dir dies zu eng, und machst du's wieder schmutzig, dann steck' ich dich in einen Sarg, darin magst du dann liegen bleiben. Dan kannst du nicht laufen und nicht sehen und nicht fressen und mußt den Strauch schon in Ruhe lassen. Aber das Räupchen dünkt sich klug und meint: der liebe Gott macht nur Spaß; wenn mein Kleid platzt, giebt er mit wohl noch ein neues! Aber o weh, o weh, es geht der Raupe, wie Allen, die dem lieben Gott nicht glauben wollen, und lieber essen und trinken mögen, als das thun, was der liebe Gott ihnen sagt. Als nach sieben Tagen das Kleind wieder so eng, so eng geworden ist, daß die Raupe nicht mehr fressen mag und nicht mehr von der Stelle kann, da wird ihr doch bange und sie denkt: O Jemine! wenn ich nun wirklich in den Sarg müßte! Und ganz still hängt sie sich an ein Zweiglein fest und meint, sie will da hängen bleiben, bis sie wieder dünner wird. Aber es ist zu spät. Kaum hat sie ein Stündchen gehangen, da sagt's Kleidchen knacks! und fällt ihr von den Schultern und vom Leibe und von den Beinchen. Die Raupe aber liegt im Sarge; kann nicht kriechen, denn sie hat keine Beine, kann nicht sehen, denn es fehlen die Aeuglein, kann nicht mehr fressen, denn sie hat kein Mäulchen. So hängt sie da und kann nut den Oberkörper ein klein wenig rechts und links drehen, und das ist Alles, Alles! - So hängt sie da, lange, lange, sie weiß nicht wie viele Tage und Nächte; denn sie sieht nicht Morgen, nicht Abend, nicht Sonne, nicht Mond. Aber die Zeit wird ihr lang, und sie fängt an, nachzudenken, wie verkehrt und wie unrecht es von ihr gewesen, daß sie des lieben Gottes Wort nicht gehört und beachtet hat. Das macht sie sehr traurig, und sie bittet Tag und Nacht den lieben Gott um Verzeihung, und bittet ihn, er wolle sie wiederum erlösen aus ihrem Gefängniß, und wolle ihr einen andern Sinn und ein anderes Werk geben, daß sie nicht mehr so gierig und gefräßig sei. Den lieben Gott aber dauert das Räupchen, weil es so gar tief und ernstlich betrübt ist, und er giebt ihr, was sie bittet. Noch einmal springt ihr Kleid, welches sie so fest eingeschlossen und gefangen hält, und das Thierchen guckt wieder heraus mit seinen hellen Aeuglein in die weite Gotteswelt. Es reckt sich - und streckt sich und kann gar nicht denken, daß es wirklich wahr ist. Es zieht ein kleines schlankes Füßchen heraus, noch eins und noch vier. Da stht es auf seinen sechs Beinchen - wundert sich . und schämt sich - und freut sich - und schaut zum lieben Gott hinauf, möchte hin zu ihm, so gern, und bei ihm sein und ihm danken. Es denkt gar nicht an Essen und Trinken, und meint: Ich will's versuchen, hinaufzusteigen in die hohe, helle klare Luft. Und sie, es geht. Statt de engen Kleidchens hat es ein weites Flügelgewand bekommen, und das trägt es hinauf, weit über Blumen und Bäume zum schönen blauen Himmel. - Der liebe Gott aber sieht es freundlich an und sagt: Du sollst nicht mehr Raupe heißen, ich nenne dich Schmetterling!

Das ist ein hübsches Mährchen, sagt Karl, geht es aber wirklich allen Raupen so, daß sie erst in den Sarg müssen und dann Schmetterlinge werden? - Ja, allen, erwidert die Mutter. Erst fressen alle so viel, dann kommen sie in den Sarg, das nennt man: sie verpuppen sich, und dann kommen sie mit Flügeln wieder heraus und leben von Blumenduft und Sonnenschein. - Das muß aber schön sein, sagt Marie, - ich möchte auch wohl Flügel haben und zum Himmel fliegen können!“ - Dir wird's auch einmal so gehen, erwidert die Muter, wenn Du den lieben Heiland bittest, dann wird er Dich auch vom Tode aufwecken und sagen: Du sollst nicht mehr klein Töchterchen heißen, Du sollst Engel sein.

Hat Bruder Edmund denn auch Flügel? fragt Karl. Das werden wir sehen, wenn wir zu ihm kommen, erwidert die Mutter und singt dann mit den Kindern:

Die schwarzen Leute haben
Mein Brüderchen begraben
Wohl in die Erde tief;
Ich wollt' es munter küssen,
Doch hab' ich's lassen müssen,
Weil's gar zu fest noch schlief.

Allein vom Himmel kommen
Die Engelein, die frommen,
Die wecken's fröhlich auf;
Und fliegen dann geschwinde
Mit unsesrm lieben Kinde
Zum Himmel hoch hinauf!

Nun legen die Kinder ihre Arbeiten wieder an Ort und Stelle und gehen in den Garten. Karl harkt die Wege, Mariechen jätet das Unkraut aus, Mama pflückt erbsen zum Mittagessen und Trina läßt die kleine Elisabeth hinter dem Kinderwagen gehen, den sie langsam, ganz langsam vorwärts zieht, damit das kleine Mädchen nicht falle. Nachher schoten die Kinder mit der Mutter die Erbsen aus und singen dabei:

Juchhei, Blümlein dufte und blühe,
Recke alle Blättchen aus,
Wachse bis zum Himmel 'naus!
Juchhei, heididi, Blümlein blühe!

Juchhei, Lüftlein, hauche und wehe!
Hell der Himmel über dir,
Bunt die Erde unter dir.
Juchhei, heididi, Lüftlein wehe!

Juchhei, Bächlein klein, rausche und brause,
Brause hin durch Berg und Tal,
Grüß' die Lieben allzumal!
Juchhei, heididi, Bächlein brause!

Juchhei, Vöglein, klinge und singe,
Blüthenhain und Sonnenschein,
Sonnen tanzt in bunten Reih'n!
Juchhei, heididi, Vöglien singe!

Juchhei, Menschenherz, klinge und springe!
Wolltest du das letzte sein,
Da sich alle Wesen freu'n!
Juchhei, heididi, klinge und springe!

Dann bringen sie die leeren Schoten nach der großen Wiese zu der schönen braun und weiß gefleckten Kuh, und die freut sich und brüllt laut. Hört Ihr's wohl? sagt Trina, die Kuh sagt auch: Danke! danke!

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