17. Kapitel - Das Eichhörnchen

Das Eichhörnchen.

Sobald Adolf mit Umkleiden und Essen fertig ist, erzählt er: „Es war damals ein ganz ähnliches Wetter wie heut'. Ich ging um zwölf Uhr vom Hause und dachte: Ich will einmal so recht weit in den Winter hineinspazieren! und ging auf der Spur eines Wagens zum Dorfe hinaus, die Landstraße hinunter und gerade auf das Gehölz zu. DIe großen Eichen und Buchen sahen herrlich aus und warfen mit ihren schneebeladenen Zweigen ordentlich Schatten auf die blendend weiße Schneedecke der Felder. Jedes Zweiglein hatte seine Last zu tragen. Wie still es war, könnt ihre Euch kaum denken, man konnte beinahe den Schnee hören, der von den Zweigen herunterflatterte, wenn ihn ein Sonnenstrahl hinab gestoßen hatte. Ich ging auch ganz leise, als ob es unrecht wäre, die feierliche Stille zu brechen. Da sah ich rechts einen Fußpfad, der tief ins Gehölz hinein zu führen schien. Einige Fußtritte waren darauf zu sehen. Ich dachte: Den möchte ich einmal gehen! wohin er wohl führt? wenn nur der Schnee nicht zu tief ist! Genug, ich ging dem Fußsteig nach, der aber bald ganz aufhörte. Da sah ich mit einam Male ungefähr zwanzig Schritte vor mir ein kleines Eichhörnchen; das saß auf einem niedern Strauche und schälte mit seinen weißen Zähnchen blitzgeschwind einen langen Zweig ganz ab, und steckte die dann abgeschälte Rinde unters Kinn, um sie festzuhalten. Es hatte sich so schon eine ganze Menge Stroh und dünne Zweiglein gesammelt und trug sie alle zwischen Kinn und Brust, um sich daraus sein Nest zu bessern. Ich wollte gern sehen, woe es dies machte, und meinte, das Nest möchte wohl nicht fern sein, drum ging ich auf das Thierchen zu. Schnell sprang es nach einem großen Baume. Als ich dahin kam und meinte, daß es wohl auf dem Baume wohne, sprang es nach einem zweiten und so immer weiter, und neckte und lockte mich immer tiefer hinein in den Wald. Ich hatte schon lange Weg und Steg verloren. Da fiel ich plötzlich bis über die Ohren in eine tiefe Schneegrube, und als ich mich da herausgearbeitet hatte, war das kleine Eichhörnchen verschwunden. Nun wollte ich wieder an die Rückkehr denken, aber ich war so kreuz und quer dem Thierchen nachgelaufen und hatte in meinem Eifer ganz und gar nichts Anderes gedacht, und meine Zeit war so kurz, daß ich dachte: Ich will jetzt nur lieber geradeaus laufen, so komme ich am ersten wieder auf den Weg. Aber, o weh, ich hatte den verkehrten Weg eingeschlagen. Immer tiefer kam ich in den Wald, stolperte einmal übers andere in Schneelöcher hinein und über Baumwurzeln. Dabei stand mir, weil ich lief, der Schweiß vor der Stirn, denn ich wollte gern zu gewisser Zeit zu Hause sein, weil ich zu Mittag essen sollte und auch hungrig war. Aber es wollte sich kein Weg zeigen. Ich merkte wohl, daß ich auf dem verkehrten Wege war, allein den rechten wußte ich damit noch nicht, und wohin sollte ich mich wenden? Ich dachte also: Geh' du nur immer grade aus; am Ende muß der Wald doch ein Ende nehmen. Wenn nur die Sonne nicht vorher untergeht! Ich sah noch mehrere Eichhörnchen vor mir auf den Zweigen herumspringen, aber ich kümmerte mich gar nicht mehr um sie, und es kam mir überdies vor, als lachten sie mich aus, daß ich großer kluger Mensch den Weg nicht wisse und so rathlos umherirrte, während sie so gut Bescheid wußten. Endlich, endlich wurde es heller zwischen den Bäumen. Das Gehölz hatte ein Ende; ich stand am Rande. Aber damit war ich noch nicht zu Hause. Vor mir lag nun ein großes weißes Schneefeld; da mußte ich nun durch, so müde meine Beine auch schon waren vom weiten Marschiren. Es ging indeß besser, als ich dachte. Der Schnee war gar nicht so tief. In einer Viertelstunde war ich am Dorfe und zehn Minuten später in Onkels Hause.“ „Nun!“ sagt die Mutter, „das hätte Dir eine Lehre sein müssen, daß Du ein ander Mal auf gewohntem Wege bleibst und Dich nicht von Eichkätzchen oder sonst was auf Nebenwege locken läßt! das ist immer etwas gefährlich,“ „Ach, Tante,“ sagte Adolf, „foppe mich nur nicht noch hinterdrein, ich habe damals genug Mühe und Angst gehabt.“ „Ja,“ sagt Karl, „und wenn nun am Ende gar ein Löwe gekommen wäre, was hättest Du dann gemacht?“ Die Andern lachen, und Adolf belehrt den Kleinen, daß man hier nicht nöthig habe, sich vor Löwen zu fürchten. „Aber,“ setzt er hinzu, „wenn ich hätte die Nacht im Gehölze bleiben müssen, da wäre ich doch vielleicht vor Kälte und Nässe gestorben, oder wenigstens krank geworden; denn als die Sonne schlafen gegangen war, da war es recht rauh und unfreundlich draußen.“

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