Einleitung (§ 1-10)

Einleitung.

§. 1.

Schwangere, Gebärende, Wöchnerinnen und neugeborene Kinder befinden sich, wenn sie auch ganz gesund sind, in Zuständen, in denen sie zum Theil des Rathes, zum Theil der Wartung, zum Theil thätigen Beistandes von fachkundigen Personen bedürfen. Es ist der Beruf der Hebamme, ihnen diesen Rath, diese Wartung, diesen Beistand zu leisten.

§. 2.

Der Verlauf der Schwangerschaft, der Geburt und des Wochenbettes kann durch mannichfache Störungen von der Regel abweichen. Das Leben oder die Gesundheit der Mutter oder des Kindes oder beider kommt dadurch in Gefahr. Wenn die Hebamme nach 3. 1 in vielen Fällen solche Störungen fern halten kann, so muß sie in anderen Fällen im Stande sein, wo eine Gefahr schon droht, den Zustand zur Regel zurückzuführen, das heißt die Gefahr für Mutter oder Kind abzuwenden.

§. 3.

Es giebt aber viele Fälle, in denen die Kenntnisse und die Kunstfertigkeit, die die Hebamme erlangen kann, nicht ausreichen, wo zur Abwendung der Gefahr tiefere Kenntnisse und größere Kunstfertigkeit und solche Mittel erforderlich sind, von denen die Hebamme nichts versteht. Diese tieferen Kenntnisse, diese größere Kunstfertigkeit und diese Mittel besitzt ein Arzt und namentlich der Geburtshelfer. Es hängt also Leben und Gesundheit der Mütter und Kinder davon ab, daß die Hebamme zur rechten Zeit diejendigen Umstände erkenne, unter denen die Hülfe des Arztes und Geburtshelfers nothwendig ist.

§. 4.

Mit der Ankunft des Geburtshelfers hören die Pflichten der Hebamme nicht auf. Sie muß dem Geburtshelfer eine kundige Gehülfin sein, muß alle seine Anordnungen pünktlich und geschickt ausführen.

§. 5.

Um diese vier Hauptpflichten ihres Berufes erfüllen zu können, muß die Hebamme viele Kenntnisse erwerben. Sie erwirbt dieselben 1) im mündlichen Vortrage des Lehrers, 2) in der Unterweisung an Schwangeren, Gebärenden, Wöchnerinnen und Neugebornen in der Gebäranstalt und 3) durch fleißiges Nachlesen in diesem Lehrbuch.
Sie wird beim Schlusse dieses Unterrichts in einem Examen zeigen müssen, ob sie sich genug Kenntniß und Urtheil erworben hat, daß der Staat ihr seine Müter und Kinder anvertrauen könne.

§. 6.

Aber mit dem Aufenthalt in der Hebammenschule ist das Lernen der Hebamme nicht zu Ende. Auch draußen im Beruf vermehrt sie ihre Kenntnisse immer mehr 1) durch sorgsame Beobachtung der ihrer Pflege anvertrauten Frauen und Kinder. 2) Den Unterricht ihres Lehrers erneut und ergänzt sie durch die Lehren der Aerzte, mit denen sie am Gebärbett, Wochenbett und Krankenbett zusammenkommt. 3) Das Lehrbuch endlich bleibt ihr zur steten Erneuerung des Erlernten zur Seite.
Der Staat wird sich darum bekümmern, ob nicht etwa die Hebamme das ihr Gelehrte wieder vergißt.

§. 7.

Außer den obengenannten vier hauptsächlichen Berufspflichten liegt es der Hebamme ob, eine Reihe von allen Menschen mit Recht geforderter Eigenschaften sich ganz besonders zu wahren. Sie erhalte sich in der Gottesfurcht und Rechtschaffenheit, die bei ihr vorausgesetzt wurde, da sie zur Hebamme gewählt worden ist; sie erhalte sich in allen Beziehungen ihren guten Ruf.
Sie erhalte sich ihre Schulkenntnisse und suche dieselben noch zu vermehren.
Sie sei jederzeit Armen und Reichen zu helfen gleich bereit, messe nie ihren Beistand nach der Aussicht auf Lohn, sondern nach dem Grade der Bedürftigkeit.
Um stets zum Helfen bereit zu sein, sei sie stets nüchtern und mäßig, sei auf Erhaltung der eigenen Gesundheit bedacht und befolge die Lehren, die sie Schwangeren und Wöchnerinnen geben lernt, mit Pünktlichkeit, wenn sie selbst in den Fall kommt, am eigenen Körper.
Sie befleißige sich tadelloser Reinlichkeit und Ordnung am eigenen Körper und im eigenen Hause.

§. 8.

Der Obrigkeit und dem Arzt muß die Hebamme zuweilen auf Befragen, oft auch ungefragt, Auskunft geben über das, was sie in ihrem beruf erfährt und beobachtet. Gegen alle Anderen ist sie verpflichtet, strengste Verschwiegenheit zu bewahren.
Für sich selbst führe sie genaues Tagebuch über alle Ereignisse, die in ihrem Beruf sich zutragen.

§. 9.

Sie sei nachsichtig und trostreich gegen die Leidenden, mitleidig, aber nie verzagt; ernst und streng, wo es noth thut, aber nie roh; geduldig und wieder geduldig, wo abgewartet werden muß, aber nie theilnahmslos oder unaufmerksam; muthig und entschlossen, wo es zu handeln gilt, aber nie dummdreist und vorwitzig. Durch die Kenntnisse, die sie hier erwirbt, findet sie überall die Grenze; wenn sie das, was sie wissen muß, genau inne hat, weiß sie auch überall, wo ihr Wissen und ihre Kunst aufhört.

§. 10.

Ueber die Amtsgenossinnen urtheile die Hebamme milde, auch wo sie Schwächen kennt. Gegen den Arzt sei sie stets bescheiden und voll Hochachtung; sie vergesse nie, daß jeder Arzt sehr viel mehr weiß als sie selber, auch wenn sie Alles weiß, was in diesem ihrem Lehrbuch steht.

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