1.1. Vom menschlichen Körper überhaupt

Erster Theil.

Vorkenntnisse. (§. 11-64.)

Erstes Kapitel.

Vom menschlichen Körper überhaupt.

§. 11.

Der Körper des Menschen hat seine Gestalt hauptsächlich durch das in ihm gelegene Knochengerüst, durch das Gerippe.

Das Hauptstück des ganzen Gerippes ist die Wirbelsäule, welche, näher der Rückseite des Körpers, vom Genick bis zum Steiß sich erstreckt; sie besteht aus den Wirbeln, kurzen Knochen, welche einer über dem anderen liegen. Die 7 obersten von ihnen heißen Halswirbel, dann folgen die 12 Rückenwirbel, dann die 5 Lendenwirbel, und endlich das Kreuzbein mit dem Steißbein.

Auf dem obersten Halswirbel sitzt der Schädel, welcher die knöcherne Grundlage des Kopfes ist. An jedem Rückenwirbel sitzt rechts und links je eine Rippe, zusammen also 24 Rippen. Die rechten und linken Rippen sind vorn durch das Brustbein vereinigt und bilden dadurch den Brustkorb oder Brustkasten. Vom oberen Ende des Brustbeines geht nach rechts und nach links ein Schlüsselbein; an jedem Schlüsselbein sitzt nach dem Rücken zu ein Schulterblatt und am Schulterblatt dann die Knochen des Armes. Am unteren Ende der Wirbelsäule, am Kreuzbein, sitzen die Seiten-Beckenbeine; deren oberer Rand heißt Hüftbeinkamm. Unterhalb desselben, im Hüftgelenk, gehen von jedem Seitenbeckenbein die Knochen der Schenkel ab.

§. 12.

Das Knochengerüst ist von Weichtheilen, im Allgemeinen Fleisch genannt, bedeckt und schließt mit Hülfe desselben Höhlen ein, in welchen die Eingeweide liegen. Die Oberfläche des Körpers bildet überall die Haut.

§. 13.

Die Oberfläche des Körpers muß der Hebamme bekannt sein, damit sie die einzelnen Stellen derselben richtig benennen, und den Arzt, wenn er sie nennt, verstehen kann; sie muß auch wissen, was für innere Theile, namentlich was für Knochen an den einzelnen Stellen des Körpers durch die Haut gefühlt werden können, denn sie muß oft bloß mit Hülfe des Gefühls erkennen, welchen Theil des Körpers ihr Finger berührt.

§. 14.

Der menschliche Körper wird eingetheilt in den Kopf, den Rumpf und die Gliedmaßen.

§. 15.

Der Kopf besteht aus dem Gesicht und dem Schädel. Die einzelnen Theile des Gesichts sind allbekannt. Man bezeichnet danach eine Augengegend, Nasengegend, Wangengegend, Backengegend, Ober- und Unterkiefergegend, Lippen- und Kinngegend. Die Knochen des Gesichts sind unbeweglich mit einander verbunden mit Ausnahme des Unterkiefers, dessen Gelenke man jederseits vor dem Ohrläppchen fühlt. Das Ohr liegt auf der Grenze zwischen Gesicht und Schädel.

Am Schädel heißt der vordere Theil die Stirn, der mittlere und höchste der Scheitel, der hintere das Hinterhaupt, zur Seite, vor und über dem Ohr liegen jederseits die Schläfen. Unter der Haut fühlt man am Schädel des Erwachsenen überall eine zusammenhängende glatte Knochenfläche; die einzelnen Schädelknochen, die in frühester Jugend beweglich mit einander verbunden waren, sind beim Erwachsenen zu einer Knochenschale verschmolzen. Diese Knochenschale umschließt die Schädelhöhle; in derselben liegt das Gehirn.

§. 16. 

Der Rumpf besteht von oben nach unten aus dem Hals, dem Oberleib, dem Bauch und dem Becken.

§. 17.

Die vordere Seite des Halses heißt die Kehle, die hintere der Nacken oder das Genick. An der Kehle fühlt man am meisten nach oben, unter dem Unterkiefer, das Zungenbein, an welchem die Zunge befestigt ist, etwas weiter nach unten den Kehlkopf, in welchem beim Sprechen und Singen die Stimme entsteht. Unten am Hals in der Mitte, am oberen Rande des Brustbeins, ist eine bei wohlbeleibten Personen durch das Fett ausgefüllte Vertiefung, die Kehlgrube, in der man bei mageren Personen die Luftröhre durchfühlen kann.

Am Nacken ist dicht am Hinterkopf in der Mitte die Nackengrube zu merken, weiter abwärts, ebenfalls in der Mitte, fühlt man durch die Haut die einzelnen Halswirbel, das ist die Wirbelgegend des Halses.

§. 18.

An den Hals schließt sich der Oberleib, vorn und zur Seite Brust, hinten Rücken genannt. Die grenze zwischen Hals und Brust bildet das Schlüselbein, ein S-förmig gekrümmter Knochen, welcher von der Kehlgrube zur Schulter verlaufend deutlich durch die Haut zu fühlen ist, und bei mageren Personen nach oben und nach untern eine Grube, die Ober- und Unterschlüsselbeingrube begrenzt. Die vordere mittlere Parthie der Brust von der Kehlgrube ist an die Brustbeingegend, beim erwachsenen Weibe der Busen; zur Seite liegen die Brustdrüsengegenden mit den Milchdrüsen und der Warze. Noch mehr zur Seite unter dem Arm liegt die Achselhöhle und darunter die seitliche Brustgegend; hier sind die schräg verlaufenden Rippen am deutlichsten durch die Haut zu fühlen.

Am Rücken liegt in der Mitte, wie am Nacken, die Wirbelgegend, wo man die Rückenwirbel durch die Haut fühlen kann. Zur Seite liegt oben am Rücken jederseits eine Schulterblattgegend. Daselbst ist das Schulterblatt durch die Haut als ein dreieckiger beweglicher Knochen zu fühlen. Eine quer verlaufende vorspringende Leiste desselben ist die Schulterblattgräte, welche mit einem Fortsatz zum äußeren Ende des Schlüsselbeins geht und mit ihm eben die Schulter bildet. Unterhalb der Schulterblattgegend liegt jederseits die hintere Rippengegend.

Der Oberleib ist inwendig hohl; seine Höhle heißt die Brusthöhle. Die wichtigsten Eingeweide der Brusthöhle sind die Lungen, deren Thätigkeit mit Hülfe der Luftröhre und des Kehlkopfs das Athemholen ist, und das Herz, welches durch seinen regelmäßigen Schlag das Blut durch den ganzen Körper treibt. Das Blut läuft in den Adern. Diejenigen Adern, durch welche das Blut vom Herzen in alle Körpertheile getrieben wird, heißen Puls- und oder Schlagadern; diejenigen, in welchen das Blut aus allen Theilen des Körpers wieder zum Herzen zurückläuft, heißen Blutadern.

§. 19.

Am Bauch unterscheidet man: vorn oben in der Mitte unter dem Ausschnitt der Rippen die Magengrube oder Herzgrube und auf jeder Seite die Rippenknorpelgegend. Unter der Herzgrube um den Nabel liegt die Nabelgegend und zu deren Seite zwischen dem unteren Rand der Rippen und dem Hüftbeinkamm, die man beide durch die Haut fühlt, die Weichen. Unter der Nabelgegend liegt die Unterbauchgegend, deren beide Seitentheile, ganz am untern Rand des Bauches neben der Schenkelfalte, Leistengegenden genannt werden; diese gegenden sind darum wichtig, weil hier die Eingeweidebrüche, die sogenannten Leibschäden, häufig hervortreten.

An der hinteren Seite des Bauchs liegt wieder die Wirbelsäule, hier die Lendenwirbelsäule, welche etwas schwerer als am Rücken durch die Haut gefühlt werden kann, Zur Seite derselben, zwischen ihr und der Weichengegend, wie diese zwischen den Rippen und Hüftbeinkamm, aber weiter nach hinten, liegen die Lendengegenden. Die Wände des Bauches umschließen die Bauchhöhle. Diese ist durch das Zwerchfell von der Brusthöhle getrennt (Siehe Fig. 25 u. 33). Von den Eingeweiden des Bauches sind die wichtigsten die Leber, welche die Galle bereitet, die Milz, der Magen und der Darm; ferner die Nieren, welche den Harn bereiten; dieselben liegen jederseits in der Lendengegend.

§. 20.

Das Becken ist ringsum von Knochen umgeben, welche nachher genauer betrachtet werden, weil sie für die Geburt von ganz besonderer Bedeutung sind. Die vordere Seite der Beckengegend heißt die Schamgegend. Hier liegt der mit Haaren bewachsene Schamberg und darunter die Geschlechtstheile: beim Manne das männliche Glied und hinter ihm der Hodensack mit den Hoden, beim Weibe die Schamspalte mit dem beiden großen Schamlippen. Die Unterseite des Beckens, zwischen den Schenkeln gelegen, ist die Aftergegend, wo man den After und hinter ihm durch die Haut das Steißbein fühlt, und der Damm, welcher zwischen dem After und den Geschlechtstheilen liegt. Die Seiten des Beckens heißen die Hüftgegenden, auch schlechtweg Hüften genannt, sie gehen in die Außenfläche des Oberschenkels über. Die Hinterseite heißt in der Mitte Kreuzgegend; da fühlt man das Kreuzbein durch; neben der Kreuzgegend sind die Hinterbacken oder das Gesäß. Der Raum, den die Beckenwände umschließen, heißt Beckenhöhle, sie ist eine Fortsetzung der Bacuhhöhle. Die hier gelegenen Eingeweide werden später genauer betrachtet.

§. 21.

In den Schultern sind die oberen Gliedmaßen, die Arme, durch ein Gelenk befestigt; man unterscheidet an ihnen den Oberarm, an den mittelst des Ellbogengelenks der Unterarm sich anschließt; dann solgt mit dem Handgelenk die Hand. Im Oberarm liegt ein langer Knochen, das Oberarmbein, im Unterarm liegen zwei Knochen beweglich neben einander, das Ellbogenbein an der Keinfingerseite, die Speiche an der Daumenseite. An der Hand unterscheidet man die Handwurzel, in welcher 8 kleine Knochen liegen, die Mittelhand, in welcher 4 lange Knochen liegen, und die Finger, von denen jeder 3 Glieder hat. Das erste Glied des Daumen steckt im Fleische der Hand. Die Innenfläche der Hand heißt Hohlhand, die Außenfläche der Handrücken.

§. 22.

In den Hüften sind die unteren Gliedmaßen, die Beine eingelenkt. Der obere Abschnitt derselben ist der Oberschenkel mit dem großen starken Oberschenkelbein, dann folgt das Knie, mit der Kniekehle hinten, und der rundlichen beweglichen Kniescheibe vorn. Dann folgt der Unterschenkel, welcher wie der Unterarm zwei Knochen hat, vorn und innen das starke Schienbein und daneben nach hinten und außen das dünne Wadenbein. Das dicke Fleisch an der Hinterseite des Unterschenkels heißt die Wade. Das Fußgelenk verbindet den Unterschenkel mit dem Fuß. Nach innen und nach außen vom Fußgelenk liegen die Knöchel. Am Fuß unterscheidet man hnten die Ferse, unten die Sohle, oben den Rücken und vorn die Zehen.

§. 23.

An allen Theilen des Körpers und in jeder Lage und Stellung desselben nennt man oben die Richtung zum Scheitel, unten die Richtung zur Fußsohle, vorn die Richtung zur Bauchseite, hinten die Richtung zur Rückenseite; rechts und links bezeichnet immer die rechte und linke Seite des Menschen, von dem die Rede ist, nicht dessen, der spricht, er spräche denn von seinem eigenen Körper.

§. 24.

All diese Kenntnisse soll die Hebamme sich durch Vergleichung des Gerippes mit dem lebenden Körper und durch Betrachtung der beigegebenen Figur genau einprägen und durch Betastung des eigenen Körpers sowohl als auch des ihrer neigebornen Pfleglinge jederzeit gegenwärtig erhalten, damit sie von denselben im Falle der Noth nicht im Stiche gelassen wird.

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