1.3. Vom weiblichen Becken

Drittes Kapitel.

Vom weiblichen Becken.

§. 29.

Der Körper des erwachsenen Weibes unterscheidet sich von dem des Mannes meist durch geringere Länge, durch schlanker gebaute Knochen, durch reichlicheres Fett unter der Haut, und daher durch mehr abgerundete Körperformen. Die Schultern und der Brustkorb sind schmäler, die Hüftgegend ist breiter als beim Manne. Die bedeutendsten Unterschiede zwischen Mann und Weib zeigen die Fortpflanzungswerkzeuge, welche eben darum Geschlechtstheile heißen. Die weiblichen Geschlechtstheile werden im folgenden Kapitel besprochen. Nächst den Geschlechtstheilen zeigt den wichtigsten Unterschied in seinem Bau das Becken.

§. 30.

Das Becken ist, wie auf Fig. 1 zu sehen, der knöcherne Ring, der, am unteren Ende der Wirbelsäule gelegen, in aufrechter Stellung den ganzen übrigen Rumpf trägt. Das weibliche Becken hat dünnere, leichtere Knochen als das männliche, der innere Raum des weiblichen Beckens ist in allen Richtungen weiter, die Wände des weiblichen Beckens sind überall niedriger als am männlichen Becken. Außer der Bedeutung, die das menschliche Becken als Stütze des Rumpfes hat, kommt dem weiblichen Becken eine für uns noch wichtigere Bedeutung dadurch zu, daß das Kind bei der Geburt seinen Weg durch dasselbe nimmt.

§. 31.

Der Ring des Beckens wird hauptsächlich durch drei Knochen gebildet, durch das Kreuzbein und die beiden Seitenbeine des Beckens. Am Kreuzbein sitzt als Anhang desselben das Steißbein oder Schwanzbein, das unterste Ende der Wirbelsäule. Es besteht aus vier kleinen Knochen; so daß also das Becken der erwachsenen Frau im Ganzen sieben Knochen hat.

§. 32.

Das Kreuzbein, Fig. 4 a, ist der keilförmige Knochen, der die hintere Wand des Beckens bildet; es ist die Fortsetzung der Wirbelsäule e d. Beim Kinde besteht das Kreuzbein aus fünf einzelnen Wirbeln, beim Erwachsenen sind dieselben verschmolzen, vier seichte Querleiten an der vorderen Seite bezeichnen die Verschmelzungsstellen. Die vordere Fläche, die in das Becken sieht, ist ausgehöhlt von rechts nach links und von unten nach oben, es ist die auf Fig. 1 und auf Fig. 4 der Beschauerin zugewendete Fläche. Die hintere Fläche, die unter der Haut liegt, ist gewölbt und zeigt in der Mitte eine Reihe Fortsätze, die man bei mageren Frauen wie die der übrigen Wirbel durch die Haut fühlen kann. Vergl. dazu Fig. 10, 11, 12, 16, 25.

Von vorn nach hinten gehen durch das Kreuzbein auf jeder Seite 4 Löcher.

Rechts und links am Kreuzbein befindet sich je eine ohrförmige ausgeschweifte Fläche c.

Der obere Rand der vorderen Fläche des Kreuzbeins bildet an der Verbindungsstelle mit dem letzten Lendenwirbel d einen starken Vorsprung, das ist der Vorberg, b.

Nach unten verbindet sich das Kreuzbein mit dem Steißbein.

Das Steißbein, Fig. 4 f, besteht aus 4 kleinen Wirbeln, welche untereinander beweglich und deren oberster beweglich mit dem unteren Ende des Kreuzbeins verbunden ist.

§. 33.

Die Seitenbeine bilden die Seitenwand und die Vorderwand des Beckens. Jedes derselben stellt einen fast halbringförmig gebogenen Knochen dar, dessen Innenfläche ausgehöhlt, dessen Außenfläche gewölbt ist.

Die Innenfläche der Seitenbeine, Fig. 5 zeigt die des linken Seitenbeins, ist glatt, mit Ausnahme der hinteren oberen Ecke. Daselbst liegt gerade wie an der Seitenwand des Kreuzbeins eine ohrförmige ausgeschweifte Fläche, c. Eine abgerundete Kante läuft bogenförmig quer über die Innenfläche, unterhalb i in Fig. 5, das ist die Bogenlinie.

An der gewölbten Außenfläche jedes Seitenbeines, Fig. 6 zeigt die des rechten, liegt eine runde, glatte Vertiefung mit aufgeworfenem Rand; das ist die Pfanne, u, in welcher mittelst des Hüftgelenks das Oberschenkelbein eingelenkt ist. Vergleiche Fig. 1.

Nach unten und innen von der Pfanne liegt das eiförmige Loch, v, hinter der Pfanne der große, x, und der kleine Hüftausschnitt, y.

§. 34.

Beim Kinde besteht jedes Seitenbein aus drei Knochen, welche in der Pfanne mt einander verbunden sind, Beim Erwachsenen sind sie mit einander zu je einem Knochen verschmolzen, dessen Theile aber noch ihre eigenen Namen behalten: Das Hüftbein oder Darmbein, Fig. 7. 1, das Sitzbein 2, das Scham- oder Schoßbein, 3.

Das Hüftbein oder Darmbein, 1, liegt nach oben von der Pfanne, sein oberer freier Rand ist der Hüftbeinkamm, kk, welcher nach vorn in die deutlich durch die Haut zu fühlene vordere Hüftbeinspitze, vs, und nach hinten in die mehr im Fleisch versteckte hintere Hüftbeinspitze, hs, ausläuft.

Nach hinten und untern geht das Hüftbein in das Sitzbein über. An demselben ist der Sitzbeinstachel zu merken, welcher nach hinten und innen gerichtet ist zwischen dem großen und kleinen Hüftausschnitt. Nach unten von ihm liegt der Sitzhöcker, k, der große rauhe Vorsprung, auf welchem der Körper beim Sitzen ruht. Von demselben geht nach vorn und innen und etwas nach oben der aufsteigende Sitzbeinast ab, as, welcher den unteren Rand des eiförmigen Loches bildet.

Das Schambein ist der vordere untere Theil des Seitenbeines. An jedem Schambein unterscheidet man außer dem Körper des schambeins, Fig. 7. 3, einen queren Ast, qa, welcher von da zu der Pfanne verläuft, und einen absteigenden Ast, ab, welcher am vorderen unteren Rande des eiförmigen Loches mit dem aufsteigenden Ast des Sitzbeines, as, zusammenläuft.

§. 35.

Die Schambeinkörper des rechten und des linken Seitenbeines sind mit einander durch eine feste Bandmasse verbunden. Diese Verbindung heißt die Schamfuge oder Schambeinfuge, a g. Dieselbe schließt vorn den Ring des Beckens. Hinten stößt jedes Seitenbein an eine Seitenwand des Kreuzbeins, und indem die ohrförmige Fläche des Hüftbeins auf jeder Seite genau auf eine der ohrförmigen Flächen des Kreuzbeins paßt, wied ebenfalls durch starke Bänder das Kreuzbein jederseits mit einem Hüftbein verbunden. Diese Verbindungen sind die Hüftkreuzbeinfugen, eine rechte und eine linke, Fig. 8 und 9. cc.

So schließen die drei Knochen den Ring, der das Becken heißt. Duch das Verbundensein der beiden Schambeine in der Schamfuge entsteht an der vorderen Beckenwand ein nach unten bogenförmig offenstehender Knochenrand, k g k, welcher von den absteigenden Aesten der Schambeine und den aufsteigenen der Sitzbeine begrenzt wird, das ist der Schambogen.

§. 36.

Wie das Becken außen von Weichtheilen umhüllt ist, die seine Form verstecken, siehe Fig. 1., so ist es auch innen von Weichtheilen ausgekleidet. Dieselben sind aber so nachgiebig und nehmen dann so wenig Raum ein, daß die Form des inwendigen Beckenraumes hauptsächlich durch die knöchernen Wände bestimmt wird. Wichtig für die Gestalt des Beckenraumes sind noch die starken Bänder, welche vom Sitzbeinstachel Fig. 9. g und vom Sitzbeinhöcker zu dem Seitenrand des Kreuzbeins gehen, Fig. 9. hh.

Durch dieselben werden die Hüftausschnitte zu Hüftlöchern.

Wo in der knöchernen Wand Lücken sind, an, den eiförmigen Löchern und den Hüftlöchern, da wird die Wand, wie vorne amBauch über der Schamfuge, durch Weichtheile gebildet.

Nach oben öffnet sich der Beckenraum in die Bauchhöhle. Der Beckenboden, welcher von Knochen nur die kleinen Steißbeinwirbel enthält, wird durch Weichtheile geschlossen, durch welche hindurch sich der After und die Schamspalte öffnen.

§. 37.

Vom Vorberg läuft nach beiden Seiten eine stumpfe Kante über die vordere Fläche des Kreuzbeins, diese Kante setzt sich bogenförmig über die Hüftbeine fort und endigt auf dem queren Ast der Schambeine.

Diese Linie ist die Bogenlinie. Fig. 5. Fig. 9. Fig. 10. i. Der Raum oberhalb dieser Linie heißt das große Becken, der Raum unterhalb derselben das kleine Becken. Das kleine Becken nennt man auch schlechtweg nur das Becken.

§. 38.

Das große Becken mißt von rechts nach links an der weitesten Stelle der Hüftbeinkämme, Fig. 8. hk. hk., 10 Zoll, von dem vorderen Darmbeinstachel der einen Seite zu dem des anderen, vs. vs, gegen 9 Zoll. Die Wände laufen trichterförmig gegen die Bogenlinie hinab.

§. 39.

Im kleinen Becken sind die Durchmesser in verschiedenen Höhen zu merken: 1. im Beckeneingang, 2. in der Beckenmitte, 3. in der Beckenenge, 4. im Beckenausgang.

Der Beckeneingang wird durch die Linie begrenzt, welche das große Becken vom kleinen trennt.

Sein gerader Durchmesser, von der Mitte des Vorbergs zum oberen Rand der Schambeinfuge gezogen, Fig. 9. Fig. 10. ab, mißt vier Zoll.

Sein querer Durchmesser, der von der größten Ausschweifung der Bogenlinie der einen Seite zu der der anderen gezogen wird, Fig. 9. i i, mißt fünf Zoll.

Die beiden schrägen Durchmesser, welche von der Hüftbeinfuge der einen Seite zur Vereinigungsstelle des Hüft- und Schambeins der anderen Seite gezogen werden, Fig. 9. cd. cd, messen jeder vier und einen halben Zoll. Der von rechts hinten nach links vorne gezogene schräge Durchmesser heißt der rechte oder erste, der von links hinten nach rechts vorn gezogene der linke oder zweite schräge Durchmesser.

§. 40.

In der Beckenmitte zieht man den geraden Durchmesser von der Mitte der Kreuzbeinaushöhlung, also vom oberen Rand des dritten Kreuzwirbels nach der Mitte der Schambeinfuge, Fig. 10. dc, er mißt vier und einen halben, ja bei tiefer Aushöhlung des Kreuzbeins gegen fünf Zoll.
Der quere Durchmesser geht durch die Mitte des eben genannten beiderseits nach den Pfannengegenden, er mißt vier und einen halben Zoll.
Die schrägen Durchmesser in dieser Höhe des Beckens sind die weitesten am ganzen Becken und zugleich dehnbar, weil ihre Enden auf die Weichtheile des Hüftausschnittes und des eifrmigen Loches treffen. Sie messen über 5 Zoll.

§. 41.

In der Beckenenge läuft der gerade Durchmesser von der Verbindungsstelle des Kreuzbeins mit dem Steißbein zum unteren Rande der Schambeinfuge, Fig. 10. fe, er mißt vier Zoll.
Der quere Durchmesser, von dem Sitzbeinstachel der einen Seite zu dem der anderen, mißt drei Zoll und zehn Linien, er ist der engste am ganzen Becken, Fig. 9. g g.
Die schrägen Durchmesser auch der Beckenenge treffen zwar auf Weichtheile, aber ihre Dehnbarkeit ist der beschränkt durch die straffen Bänder, welche vom Sitzbeinstachel zum Kreuzbein gehen.

§. 42.

Im Beckenausgang läuft der gerade Durchmesser von der Steißbeinspitze zum untern Rand der Schamfuge, Fig. 10. h g, Er mißt zwar nur 3 1/2 Zoll bei nach vorn gebogenem Steißbein, kann aber, wie bei der Geburt geschieht, durch Zurückbiegen des Steißbeins auf vier und einen halben Zoll und mehr erweitert werden.
Den queren Durchmesser bildet der Abstand zwischen der beiden Sitzhöcker, derselbe beträgt vier Zoll.
Die schrägen Durchmesser treffen vorn an den Schambogen, hinten in die dehnbaren Weichtheile.

§. 43.

Die rechte und die linke Wand des Beckens sind gleichgestaltet, siehe Fig. 8 u. 9., die vordere und hintere sind sehr verschieden, Fig. 10. Die Tiefe des Beckens beträgt hinten, vom Vorberg b, zur Steißbeinspitze h, fünf Zoll, vorn, an der Schambeinfuge von a nach g, anderthalb Zoll, seitlich, von der Bogenlinie i zum Sitzhöcker k drei und einen halben Zoll.

Weil die hintere Wand des Beckens ausgehöhlt, die vordere Wand ein wenig in das Becken hinein gewölbt ist, ist die ganze Richtung des Beckenkanals eine nach vorn gekrümmte. Eine Linie, die durch die Mitte aller vorher genannten Durchmesser geht, zeigt diese Richtung an, sie steht überall von den gegenüberliegenden Wänden des Beckens gleich weit ab. Diese Linie heißt die Führungslinie des Beckens lm. Sie ist für die Hebamme von der größten Wichtigkeit, weil Alles, was durch das Becken geht, von oben hinaus oder von unten hinein, das Kind, die Hand der Hebamme, oder was es sei, diese Richtung einschlagen muß.
Wenn durch Zurückbiegen des Steißbeins die hintere Beckenwand zurückgebogen wird, dann liegt im Beckenausgang auch die Führungslinie weiter nach hinten, ln; so läuft die Führungslinie zum Beispiel, während der Kindskopf aus dem Becken tritt.

§. 44.

Je nachdem wir sitzen, liegen oder stehen, hat unser Becken eine verschiedene Stellung zu den Theilen unseres Körpers und zu dem Fußboden; auch im ruhigen Stehen können wir absichtlich die Stellung unseres Beckens verändern. Beim zwanglosen Stehen und Gehen hat aber das Becken bei jedem Menschen eine ganz bestimmte Stellung, weil nur auf eine Art der Körper bequem auf dem Becken getragen wird.
Diese Stellung des Beckens zum Boden heißt die Neigung des Beckens. Die regelmäßige Neigung des Beckens der Frau ist ungefähr der Art, daß bei ungezwungener aufrechter Stellung die Hüftbeinstacheln und der obere Rand der Schambeinfuge gleichweit nach vorn stehen. Dabei sieht der Beckeneingang mehr nach vorn als nach oben. Fig. 10 zeigt diese regelmäßige Neigung des Beckens, auch in Fig. 1., dann in Fig. 16. ist das Becken regelmäßig geneigt.

Fig. 11. stellt die Haltung des Körpers dar bei absichtlich sehr verminderter, Fig. 12. bei sehr verstärkter Beckenneigung.
Man bezeichnet die Neigung eines Beckens ganz genau durch den Winkel, den der verlängerte gerade Durchmesser des Einganges mit dem Fußboden bildet. In Fig. 10. ist q o die Richtung des Fußbodens, b o der verlängerte gerade Durchmesser des Einganges. Der Winkel bei o ist also der Neigungswinkel. Auch in Fig. 11 u. 12. ist unten der Neigungswinkel gezeichnet und der Buchstabe n hineingesetzt. c a b in beiden Figuren drückt den Neigungswinkel aus, wie er regelmäßig sein sollte.

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