2.10 Die Zeitrechnung der Schwangerschaft

Zehntes Kapitel.

Die Zeitrechnung der Schwangerschaft.

§. 124.

Die schwangere Frau will von der Hebamme wissen, wann sie die Geburt zu erwarten hat.

Um jederzeit zu ermitteln, wieviele von den 40 Wochen der regelmäßigen Schwangerschaftsdauer bereits zurückgelegt sind, hat man verschiedene Ausgangspunkt der Berechnung gewählt.

§. 125.

1) Man berechnet die Dauer der Schwangerschaft vom Ausbleiben der Regel.

Die 280 Tage, die das Ei zu seiner Entwicklung braucht, zählen von der Zeit, wo es den Eierstock verläßt. Dies geschieht meist zur Zeit der Regel. Da nun, wenn Befruchtung eingetreten ist, die monatliche Blutung ausbleibt, so wählt man die 208 Tage der Schwangerschaft von der Zeit, wo zum letzten Mal die Regel eintrat. Diese Berechnung trifft zwar nich ganz genau auf den Tag, aber doch nicht weit davon in den meisten Fällen ein. Aus zwei Gründen aber dürfen wir uns, selbst wenn jene Zeit genau bekannt ist, nie allein auf diese Rechnung verlassen. Erstens weil in dem Fall, wo die befruchtende Begattung kurz vor dem erwarteten Eintritt der Rgel stattfand (§. 66.), manchmal eben diese erwartete Blutung schon ausbleibt; zweitens weil bei anderen Frauen während der Schwangerschaft die Regel noch ein- oder mehrmals wiederkehrt. Im ersten Fall würde daher das Ende der Schwangerschaft dieser Rechnung nach 4 Wochen früher, im anderen 4 oder 8 Wochen später fallen, als es wirklich fällt. Diese großen Fehler kann aber die Hebamme durch die Untersuchung, auf die wir gleich wieder zurückkommen, vermeiden.

§. 126.

Die Rechnung selbst ist sehr einfach. Neun aufeinanderfolgende Monate sind 273 bis 276 Tage; man hat also, um den 208sten Tag zu finden, die fehlenden hinzuzuzählen. Den neunten Monat findet man schneller, wenn man, anstatt neun Monate vorwärts, drei rückwärts zählt. Zu dem gleichnamigen Tage des so gefundenen neunten Monats rechnet man nun, um den 208sten Tag zu finden, im Februar 4, im December und Januar 5, im April und September 6, in allen übrigen Monaten 7 Tage hinzu. (In einem Schaltjahr kommen in diesen letzteren Monaren nur 6, im April und September nur 5 Tage hinzu.)

Die nebenstehende Figur 32., der Schwangerschaftskalender(*), erleichtert die Rechnung. Nach kurzem Gebrauch wird ihn die Hebamme im Kopfe haben. Die unter dem Monatsnamen stehende große Ziffer bezeichnet die Tage, die den vorangegangenen 9 Monaten an 280 fehlen und also hinzugezählt werden müssen. (Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Schaltjahr.)

§. 127.

Einige Beispiele werden die Rechnung erläutern.

Eine Frau hat z. B. am 10 Mai ihre Regel zum letzten Mal bekommen. Am 10 Februar ist der 276ste, am 14. Februat der 208ste Tag der muthmaßliche Tag der Geburt. Eine andere Frau hat am 30. Oktober die letzte Regel gehabt. Der 30. Juli ist der 273ste, der 6. August der 280ste Tag. Durch umgekehrte Rechnung findet man vom Tage der Geburt her den Tag, wo die letzte Regel da war, wo die Schwangerschaft muthmaßlich begonnen hat. Eine Frau kommt am 14. Februar nieder, so hatte sie, wenn alles regelmäßig verlaufen ist, 280 Tage früher ihre letzte Regel. Vom 14. Februar zählt man 3 Monate vorwärts auf den 14. Mai, und weil die Geburt im Februat war, nur 4 Tage zurück. Also am vorigen 10. Mai muß sie die Regel zuletzt gehabt haben. Die andere Frau kommt am 6. August nieder; neun Monate zurück (oder 3 vorwärts) ist der 6. November, weitere 7 Tage zurück der 30. October; da muß sie zuletzt die Regel gehabt haben.

Genau auf den Tag trifft, wie schon erwähnt, der Eintritt der Geburt meist nicht, doch hat von allen Berechnungen neben der Untersuchung (§. 130. und folgende) diese den Vorzug.

§. 128

2) Man hat auch die 280 Tage der Schwangerschaft vom Tage, wo der befruchtende Beischlaf stattfand, gezählt. Zur Berechnung der Schwangerschaftsdauer im einzelnen Fall läßt sich dieser Tag in den seltensten Fällen benutzen. Die Frauen haben bei der befruchtenden Begattung keine besondere Empfindung, die zur Berechnung der Schwangerschaftsdauer benutzt werden könnte; und in den Fällen, wo uns von einer einzigen Begattung berichtet wird, werden uns gerade oft falsche Angaben gemacht. Fand wirklich nur einmal Beischlaf statt, so fällt das Ende der Schwangerschaft ziemlich genau 9 Monate später.

§. 129.

3) Der denkwürdige Tag, wo die Frau die Kindesbewegung zuerst empfindet, gilt für Berechnung der Schwangerschaftszeit für wichtig. Wann die Kindesbewegungen von der Mutter zuerst empfunden werden können, hängt von der Kräftigkeit des Kindes und von der Menge des Fruchtwassers ab, und wann sie wirklich zuerst empfunden werden, von der Aufmerksamkeit der Frau. Alle diese drei Dinge sind aber nicht in allen Fallen gleich. Am häufigsten fühlt die Mutter die Kindesbewegungen um die Mitte der Schwangerschaft, also etwa 4 1/2 Monat vor der rechtzeitigen Geburt. Frauen, die schon schwanger waren und das Gefühl also kennen, fühlen die Bewegung früher als Frauen, die zum ersten Mal schwanger sind. Zur Berechnung hat dieses Zeichen um so weniger Werth, als nach der Mitte der Schwangerschaft durch die Untersuchung die Zeit sich genauer bestimmen läßt.

§. 130.

4) Das, was die Hebamme mit kundiger Hand fühlt, hat mehr Werth für sie als Alles, was die Schwangere ihr berichtet. Die geburtshülfliche Untersuchung giebt ihr die Möglichkeit, über die Zeit der Schwangerschaft ein sicheres Urtheil zu gewinnen. Wenn sie die Berechnung nach der letzten Regel mit dem Ergebniß der Untersuchung zusammenhält, wird sie mit so viel Genauigkeit, wie überhaupt möglich ist, die Zeit der Geburt vorhersagen können.

Im Folgenden sind die Zeichen der regelmäßigen Schwangerschaft, soweit sie für Bestimmung der Zeit von Bedeutung sind, nach vier wöchentlichen Zwischenräumen zusammengestellt.

§. 131.

Figur 33. giebt eine Uebersicht der Veränderungen, welche die Höhe des Gebärmuttergrundes, welche die Stellung des Scheidentheils und welche die Lage und Gestalt des Nabels während der Schwangerschaft erleiden.

Die Zahlen am Nabel, am Gebärmuttergrund und am Scheidentheil bezeichnen die Zahl der Wochen, welche die Schwangerschaft gedauert hat. Alles Uebrige ist aus diesem und den früheren Kapiteln von selbst verständlich, nur das Eine soll noch erwähnt werden, daß in der Figur straffe Bauchdecken angenommen worden sind, daß also bei Wiederholtschwangeren die Stellung des Gebärmuttergrundes etwas niedriger ist.

§. 132.

Nach vier Wochen. Der Scheidentheil ist dicker, runder, an der Spitze weicher als im nichtschwangeren Zustande ; bei früher nicht schwangeren Frauen ist die zweilippige Form des Muttermundes in die runde verwandelt. Der Scheidentheil steht etwas weiter nach vorn. (Dieselben Veränderungen finden zur Zeit der monatlichen Reinigung statt.)

Nach acht Wochen. Die Formveränderungen des Scheidentheils bleiben dieselben. Er steht noch weiter nach vorn und tiefer, er erscheint dadurch länger, und weil dem entsprechend der Gebärmutterkörper etwas mehr nach hinten steht, fühlt man denselben, schwerer und größer als außer der Schwangerschaft, durch das hintere Scheidengewölbe.

Nach zwölf Wochen. Wegen der früher §. 84. besprochenen Lageveränderung der Gebärmutter steht der Scheidentheil jetzt höher und weiter nach hinten; er erscheint dadurch kürzer. Vor ihm durch das vordere Scheidengewölbe fühlt der untersuchende Finger den vergrößerten Gebärmutterkörper. Bei Erstgeschwängerten nimmt die Auflockerung der Schleimhaut des Scheidentheils mehr und mehr zu. Bei Wiederholt schwangeren wird der äußere Muttermund dem Finger zugänglicher.

§. 133.

Nach sechzehn Wochen. Der Scheidentheil steht wieder etwas höher nnd ist schon jetzt manchmal etwas nach links hinten gerichtet. Der Gebärmuttergrund ist bei zweckmäßiger Lagerung der zu Untersuchenden (§. 105. 106.) am Bauch einen Zoll hoch über der Schamfuge durchzufühlen. Die im §. 100. beschriebenen Veränderungen an den Brüsten pflegen jetzt, wenn nicht schon früher, deutlich zu sein.

Nach zwanzig Wochen. Der Scheidentheil steht wieder höher und mehr nach hinten und links. Der Gebärmuttergrund steht etwas über der Mitte zwischen Nabel und oberem Rand der Schamfuge. Das aufgelegte Ohr hört jetzt meist schon das Gebärmuttergeräusch (§. 101.) und oft auch die Kindesbewegung, manchmal auch schon die Herztöne der Frucht.

Nach vierundzwanzig Wochen. Der Scheidentheil steht wieder höher, ist deßhalb schwerer zu erreichen und erscheint dadurch mehr verkürzt. Der Gebärmuttergrund steht bei Erstgeschwängerten (vergl. §. 118.) einen Finger breit über dem Nabel, dessen untere Falte zu verstreichen beginnt. Das aufgelegte Ohr hört von jetzt an bei sorgfältiger Untersuchung fast stets das Gebärmuttergeräusch, meist auch den Herzschlag der Frucht; die Bewegungen derselben sind durch die aufgelegte Hand wahrnehmbar.

§. 134.

Nach achtundzwanzig Wochen. Durch die Erweiterung der Gebärmutterhöhle nach unten (§. 85.) ist der Scheidentheil jetzt wirklich kürzer geworden, er steht noch höher, mehr nach hinten und links. An dessen Spitze ist der Muttermund bei Erstgeschwängerten immer noch geschlossen, als ein seichtes Grübchen zu fühlen, bei Wiederholtschwangeren kann der Finger, wenn die Richtung es gestattet, mit dem ganzen ersten Glied bequem in den trichterförmigen Halskanal eindringen. Vor dem Scheidentheil im Scheidengewölbe fühlt der untersuchende Finger jetzt meist den vorliegenden Kopf der Frucht, derselbe entschlüpft schnell dem berührenden Finger. Der Gebärmuttergrund steht zwei Zoll über dem Nabel, dessen Falten mehr und mehr verstreichen.

Nach zweiunddreißig Wochen. Der Scheidentheil ist noch kürzer, bei Erstgeschwängerten etwa 4 Linien lang, steht höher und mehr nach hinten und links. Der Kindskopf ist im Scheidengewölbe deutlicher, aber noch leicht beweglich. Der Gebärmuttergrund steht 4 Zoll, also etwa eine Hand breit über dem Nabel, welcher jetzt meist vollständig verstrichen ist.

§. 135.

Nach sechsunddreißig Wochen. Der Scheidentheil ist bei Erstgeschwängerten auf etwa zwei Linien verkürzt, fast so weich wie das Scheidengewölbe selbst, der Muttermund meist noch als geschlossenes Grübchen, manchmal als kleine scharf-ringförmige Oeffnung zu fühlen. Bei Wiederholtschwangeren ist die Verkürzung des Scheidentheils weniger deutlich, doch gelangt der Finger meist leicht durch den kurzen Halskanal auf die glatten Eihäute, Der Scheidentheil steht sehr hoch, nach hinten und links. Durch das vordere Scheidengewölbe ist der Kopf, zwar noch beweglich, aber weit schwerer von Gewicht als früher, zu fühlen. Der Gebärmuttergrund reicht bis in die Herzgrube, und zur Seite, namentlich rechts, bis unter die Rippen. Der Nabel ragt meist etwas hervor und am Bauch sind die Streifen (§. 99.) bei Erstgeschwängerten deutlich entwickelt; bei Wiederholtschwangeren kommen zu den alten oft neue Streifen hinzu.

Von der siebenunddreißigsten Woche bis an's Ende der Schwangerschaft rückt der Scheidentheil wieder tiefer, zugleich aber immer weiter nach hinten in die Kreuzbeinaushöhlung, bei Erstschwangeren verstreicht er ganz, öffnet sich auch oft ein wenig, bei Wiederholtschwangeren bleibt er mehrere Linien lang, der Halskanal wird kürzer und weiter. Der Kindskopf steht fest auf dem Beckeneingang nnd wölbt das Scheidengewölbe nach abwärts in die Scheide hinein. Der Gebärmuttergrund kommt wieder tiefer zu stehen, er steht in der 40sten Woche nur etwa so hoch wie in der 30sten bis 32sten. Die Spannung am obersten Theil des Bauches, die bis zur 37sten Woche zunahm, hört jetzt auf, so daß man mit der Hand über den Gebärmuttergrund nach hinten greifen kann. Dafür ist der Bauch nach vorn und unten weit mehr hervorgedrängt. Der Nabel ist meist blasenförmig hervorgetrieben.

§. 136.

Wie bei der Erkennung der Schwangerschaft (Kapitel 8.), so haben auch bei der Zeitbestimmung der Schwangerschaft die Zeichen nicht alle gleichen Werth. Hier ist die Größe der Gebärmutter immer das wichtigste Zeichen. Dieselbe wird hauptsächlich durch den Stand des Gebärmuttergrundes erkannt ; doch ist gerade hier , was früher erwähnt wurde, zu berücksichtigen : daß bei Personen mit schlaffem Bauch, also namentlich bei Wiederholtschwangeren, die Gebärmutter bei gleicher Größe nicht so hoch hinaufreicht, als bei Frauen mit straffen Bauchdecken, also namentlich bei Erstschwangeren.

§. 137.

Nächst der Größe der Gebärmutter ist die Beschaffenheit des Scheidentheils das wichtigste Zeichen zur Beurtheilung der Zeit. Die Veränderungen am Scheidentheil sind bestimmter und daher wichtiger bei Erstschwangeren als bei Wiederholtschwangeren. Bei den letzteren kommt von der 39sten Woche an viel mehr auf die Länge und Durchgängigkeit des Halskanals, als auf die Länge des Scheidentheils an.

Die vom vorliegenden Kindestheil entnommenen Zeichen geben keine Sicherheit: sie können durch falsche Lage des Kindes abweichend sein, sie werden noch häufiger verändert durch die Menge des Fruchtwassers ; denn wenn das sehr reichlich ist , bleibt der vorliegende Theil bis zu Ende beweglich; im entgegengesetzten Fall kann er schon früh fest stehen.

Die von der Bauchhaut entnommenen Zeichen, auch die Beschaffenheit des Nabels, haben an sich für Bestimmung der Zeit wenig Werth wegen des im §. 119. Gesagten. Am meisten Bedeutung noch hat die in den letzten Wochen auftretende Erschlaffung der Bauchdecken über dem Grunde der Gebärmutter. Aber es muß schon hier daran erinnert werden, daß die den letzten vier Wochen zukommenden Erscheinungen der Senkung der Gebärmutter schon vor der 37sten Woche eintreten können in den Fällen, wo eine Unterbrechung der Schwangerschaft vor ihrem regelmäßigen Ende bevorsteht.

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(*) Die Abbildung 32 (Schwangerschaftskalender) fehlt in der 2. Auflage. Sie ist in der 1. Auflage hier und in einer aktualisierten Version in der 3. Auflage hier zu sehen (als Fig. 35).

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