2.7 Die geburtshülfliche Untersuchung

Siebentes Kapitel.

Die geburtshülfliche Untersuchung.

§. 97.

Um die in den vorigen Kapiteln beschriebenen, an und in der Gebärmutter vorgehenden Veränderungen an der lebenden Frau, so weit es möglich, zu ermitteln, bedienen wir und der tastenden Hand, des Auges und unter Umständen des Ohres. Zur Ermittelung ähnlicher Vorgänge bei Gebärenden und Wöchnerinnen bedienen wir uns derselben Mittel, und darum heißt der Inbegriff des zu genannten Zwecken einzuschlagenden Verfahrens im Allgemeinen die „geburtshülfliche“ Untersuchung. Sie zerfällt in die äußere und innere Untersuchung. Beide werden in der Regl an der auf dem Rücken liegenden Frau vorgenommen; zu einigen besonderen Zwecken ist eine andere Lage oder die Untersuchung der stehenden Frau vorzuziehen.

1. Aeußere Untersuchung.

§. 98.

Durch Betasten des Unterleibes, mit den langsam aufgedrückten Fingern der einen oder beider Hände von der Schamfuge nach aufwärts gehens und in umgekehrter Richtung, ermitteln wir, ob überhaupt die Gebärmutter aus dem kleinen Becken in den Bauch hinaufragt. Wir ermitteln die Größe, Form und Lage, sowie die Beweglichkeit der Gebärmutter, namentlich bestimmen wir durch Eindrücken des Kleinfingerrandes der Hand, an welcher Stelle des Bauches der Grund der Gebärmutter steht. Gleichzeitig achten wir darauf, ob etwa andere geschwülste im Bauche liegen. Die Größe des ganzen Bauches, die Spannung der Bauchhaut an den verschiedenen Gegenden des Bauches, die Beschaffenheit des Nabels, der in der letzten Zeit der Schwangerschaft hervorgetrieben wird, werden ebenfalls durch Betastung erkannt. Nach der Mitte der Schwangerschaft erkennt die aufgelegte Hand oft die Bewegungen der Frucht als schnelles Anschlagen, häufig werden dieselben durch kalte Berührung des Bauches hervorgerufen. Gegen Ende der Schwangerschaft kann man durch Gegeneinanderdrücken mittelst beider Hände die einzelnen Theile der Frucht, die Beine und Füße, den Steiß, den Kopf meist deutlich erkennen und daraus die Art, wie die Frucht in der Gebärmutter liegt, bestimmen. Endlich ist durch Betastung noch Einiges über die Beschaffenheit des Beckens zu ermitteln, der Grad der Ausbiegung überm Kreuzbein, der Abstand und die Form und Richtung der Hüftbeinkämme.

§. 99.

Durch das Gesicht erkennt die Hebamme schon von weitem die veränderte Gestalt und Haltung der Schwangeren. Zu je größerem Umfang und Gewicht die Gebärmutter sich entwickelt und jet weiter sie nach vorn übersinkt, desto mehr biegt die Schwangere den Oberleib zurück, um das Gleichgewicht auf den Beinen zu bewahren. Frauen, die in der Lendengegend sehr biegsam sind, wissen durch veränderte Beckenneigung die Verunstaltung ihrer Form zu verringern.

Die Besichtigung des Bauches zeigt die Formveränderung, wie sie durch die Betastung genauer festgestellt wird, auch die Kindesbewegungen kann man sehen, oft selbst durch die Kleiner. Auf der Haut des Bauches sieht man meist schon on frühester Zeit der Schwangerschaft vom Schamberg zum Nabel verlaugen einen dunkelgefärbten Streif, der auch wohl über den Nabel hinauf sich fortsetzt. in späterer Zeit der Schwangerschaft erscheinen durch die Spannung der Bauchhaut an der unteren Parthie desselben in gleicher Richtung mit der Leistenfalte bei den meisten Frauen in der ersten Schwangerschaft rothe Streifen, die auch manchmal schon zu fühlen sind. Bei zum zweiten und öfteren Male Schwangeren sind diese Streifen (von der ersten Schwangerschaft herrührend) nicht roth, sondern weiß glänzend und deutlicher zu fühlen wegen der Schlaffheit der Bauchhaut.

§. 100.

Die äußeren Geschlechtstheile werden bei Schwangeren etwas größer und weicher, sie fühlen sich feuchter und wärmer an, zeigen meist eine dunklere Färbung, und wenn man die großen Schamlippen auseinanderbreitet, zeigt die Schleimhaut der inneren Theile nicht die rosenrothe Färbung wie im nichtschwangeren Zustande, sondern eine dunkler- und mehr bläulich-rothe.

Der Hof der Brustwarze färbt sich während der Schwangerschaft dunkler und wird größer, in seinem Umkreis treten die Hautdrüsen meist stärker hervor (siehe Fig. 25). DIe Brustdrüse selbst wird größer, fühlt sich gegen Ende der Schwangerschaft körnig an und läßt, bei Druck, etwas milchige Flüssigkeit aus der meist stärker hervortretenden Warze ausfließen.

§. 101.

Mit dem aufgelegten Ohr hört die Hebamme am Bauch der Schwangeren die Kindesbewegungen manchmal schon früher, als sie dieselben fühlen kann. Nach der Mitte der Schwangerschaft hört man meist am Bauch der Schwangeren den Herzschlag der Frucht, als ein zweischlägiges Ticken ähnlich dem einer Taschen-Uhr. Wenn die Frucht ihre in der letzten Zeit der Schwangerschaft regelmäßige Lage eingenommen hat, so hört man diesen Herzschlag links, seltener rechts, unter dem Nabel. Außerdem hört die Hebamme fast jedesmal in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft ein taktmäßiges Summen oder Sausen, welches von den Blutgefäßen der Mutter herrührt, das sogenannte Gebärmuttergeräusch. Sie kann beide Geräusche leicht unterscheiden, wenn sie gleichzeitig nach dem Puls am Handgelenk der Frau fühlt. Die Geräusche in den Blutgefäßen der Mutter haben genau denselben Takt wie der Puls. Der Herzschlag der Frucht ist viel schneller. Ein Gluckern in den Gedärmen, das Klopfen der großen Bauchschlagader der Frau, die Herztöne der Frau selber, die man manchmal am Unterleib hört, muß man mit den von einer Schwangerschaft herrührenden Geräuschen nicht verwechseln.

2. Innere Untersuchung.

§. 102.

Die innere Untersuchung wird von der Hebamme nur mittelst Betastung und zwar mit dem in Oel getauchten Zeigefinger oder mit dem Zeige- und Mitelfinger vorgenommen. Die Hebamme legt den Zeigefinger mit der Daumenseite an den Damm und läßt ihn nach vorn in die Schamspalte gleiten. Während der Zeigefinger an der hinteren Wand der Scheide langsam in die Höhe geschoben wird, kommt der Daumen zur Seite des Schamberges, die übrigen Finger ausgestreckt an den Damm zu liegen.

Am Scheidengewölbe angelangt, hat der Finger zuerst die Scheidenportion aufzusuchen. Ist das Scheidengewölbe weit, so bildet es häufig Falten; von diesen Falten unterscheidet man die Scheidenportion, indem man dieselbe als einen Zapfen erkennt, um den der Finger ringsum frei geführt werden kann; man bestimmt nun die Länge und Breite, die Gestalt, die Festigkeit oder Weichheit des Scheidentheils, und indem man dann den Finger vom Umkreis desselben gegen die Spitze führt, überzeugt man sich von der Beschaffenheit des Muttermundes, ob er geschlossen oder geöffnet, und im letzteren Fall ob seine Ränder glatt ider narbig oder eingerissen sind und wie tief der Finger in den Halskanal eindringen kann. Auch neben der Scheidenportion durch das Scheidengewölbe nach dem Gebärmutterkörper zu fühlen, ist wichtig. In der späteren Zeit der Schwangerschaft liegt auf dem Beckeneingang meist ein vorliegender Kindestheil, bei regelmäßiger Lage der Schädel, siehe Fig. 25. Um nach diesem zu fühlen, schlägt man am besten die vorher am Damm ausgetreckten Finger jetzt in die Hohlhand, so daß die Hohlhandfläche des untersuchenden Fingers nach der vorderen Wand des Beckens gerichtet wird, und greift nun mit dem Zeigefinger hinter der Schamfuge in die Höhe; da ist der vorliegende Theil, auch wenn er noch hoch steht, meist am besten zu erreichen.

Auch auf die Beschaffenheit des Beckens ist bei der inneren Untersuchung zu achten. Den Vorberg erreicht die Hebamme bei regelmäßigem Becken nciht mit einem, meist auch nicht mit zwei Fingern; erreicht sie ihn leicht, so muß sie daher auf eine Verengerung des geraden Durchmessers schließen. Das Kreuzbein erreicht sie dagegen mit Leichtigkeit, und an dessen unterem Ende muß sie das Steißbein auf seine Beweglichkeit prüfen. Indem sie mit dem Finger die Geschlechtstheile verläßt, achte sie auf die Weite des Schambogens und auf die Beschaffenheit des Dammes.

§. 103.

Alles, was an den weichen oder harten Theilen bei der inneren Untersuchung dem Finger als von der Regel abweichend auffällt, muß die Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, dabei darf es nicht zu Täuschungen Veranlassung geben, daß bei Schwangeren die Harnröhre hinter der Schamfuge hinauflaufend als ein oft beinahe fingerdicker Strang gefühlt wird, und daß in dem Mastdarm hinten links von der Scheide oft bedeutende und manchmal fast knochenhart sich anfühlende Kothmassen sich befinden.

§. 104.

Bei sehr enger oder verschlossener Scheide, bei großer Empfindlichkeit derselben oder wenn das Eingehen in dieselbe verweigert wird, kann man genöthigt sein, die innere Untersuchung durch den Mastdarm vorzunehmen. Dabei ist zu berücksichtigen, daß von hier aus die Scheidenportion viel dicker erscheint, weil zwischen ihr und dem Finger die Wand der Scheide und die des Mastdarms selbst sich befinden.

§. 105.

Sowohl die äußere, als auch die innere Untersuchung wird an der liegenden Frau vorgenommen. Die Hebamme setzt sich auf den Rand des Sopha's oder Bettes, ihr Gesicht dem der liegenden Frau zugewandt, führt die Hand der der Schwangeren zugewendeten Seite zwischen deren Schenkel, so daß ihr ganzer Unterarm in der Richtung der Frau sich befindet, und geht auf oben beschriebene Weise mit dem Finger ein.

§. 106.

Unter Umständen, so zum Beispiel wenn es gilt, eine noch nicht weit in den Bauch hinaufragende Gebärmutter zu ermitteln, ist es vortheilhaft, die äußere mit der inneren Untersuchung zu verbinden, um so die der Gebärmutter von außen mitgetheilten Bewegungen am Scheidentheil, und umgekehrt, wahrzunehmen.

§. 107.

Um die Neigung des Beckens, die Spannung der Bauchhaut, oder den vorliegenden Kindestheil zu beurtheilen, ist es manchmal vortheilhaft, auch noch die stehende Person zu untersuchen. Man läßt sich behufs derselben vor der Schwangeren auf die Knie nieder, und legt aus dieser Stellung die Hand an den Leib der Schwangeren und führt die rechte Hand, indem man den Ellenbogen auf das rechte Knie stützt, unter die Kleider und führt den Finger ganz in der vorhin beschriebenen Weise ein.

§. 108.

Die Hebamme muß mit der rechten und linken Hand gleich gut untersuchen können.

Die Hand der Hebamme muß durchaus rein, frei von Schwielen und Warzen, frei von wunden Stellen, und die Fingernägel müssen kurz und glatt beschnitten sein.

§. 109.

Die Betastung und Behorchung des Bauches wird über dem Hemde vorgenommen. Die mit Entblößung verbundene Besichtigung ist in den meisten Fällen nicht erforderlich. Bei der inneren Untersuchtung ist jede Entblößung und jedes planlose Herumfahren an und in den Geschlechtstheilen zu vermeiden.

Die Hebamme muß vorher genau wissen, wonach sie zu fühlen hat, sie muß eine bestimmte Reihenfolge bei der Untersuchung beobachten, damit die Untersuchung nicht mehr als nöthig ausgedehnt wird, und damit die Hebamme, wenn ihr Finger die Geschlechtstheile verläßt, wirklich über all' die Punkte, die sie ermitteln wollte, im Klaren ist. Nicht immer kann aber mit einer Untersuchung alles ermittelt werden, dann wird dieselbe nach einiger Zeit wiederholt.

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