2.8 Die Erkennung der Schwangerschaft

Achtes Kapitel.

Die Erkennung der Schwangerschaft, die Schwangerschaftszeichen.

§. 110.

Die Erscheinungen, welche eine Schwangerschaft hervorruft, theilt man nach dem Werth, den sie für Erkennung der Schwangerschaft haben, in unsichere und sichere Zeichen. Die unsicheren Zeichen sind theils von dem allgemeinen Befinden der Frau, theil s von den Veränderungen in den Geschlechtstheilen entnommen, die eine Schwangerschaft oft schon früh vermuthen lassen; sie sicheren Zeichen gehen vom Kinde selbst aus und kommen erst um die Mitte der Schwangerschaft zu den übrigen hinzu.

1. Unsichere Zeichen.

§. 111.

Im Anfange der Schwangerschaft tritt häufig eine Reihe von Veränderungen des Befindens auf, die nicht ohne Bedeutung sind. Viele Schwangere klagen über Uebelkeit und erbrechen namentlich Morgens nüchtern Wasser und Schleim, zeigen Abneigung gegen sonst gewohnte Speisen und Appetit zu ungewohnten Dingen, sind ganz gegen ihre Gewohnheit hartleibig oder bekommen Durchfall. Bei manchen zeigt der Harn eine dunklere Farbe oder die Harnentleerung ist erschwert, oder schmerzhaft mit häufigem Drang. Veränderte Gesichtszüge, dunkle Flecken im Gesicht und an anderen Stellen der Haut, blaue Ringe um die Augen, Ausschläge; veränderte Laune, Kopfschmerz, Mattigkeit; Herzklopfen, Zahnschmerz, Nasenbluten; Anschwellung der Beine, Blutaderknoten an denselben und viele andere Erscheinungen gehören zu diesen unsicheren Zeichen der Schwangerschaft.

§. 112.

Alle diese Zeichen können aus irgend einer anderen Veranlassung entstehen, ohn daß die Frau schwanger ist; alle diese Zeichen können auch fehlen und die Frau ist doch schwanger.

So lange keine deutlichen Zeichen die Vermuthung, daß Schwangerschaft besteht, unterstützen, so lange bleibt neben dieser Vermuthung gleich groß der Verdacht, daß die genannten Erscheinungen durch Krnakheit bedingt sind.

War die Frau früher schon schwanger und der Beginn jener Schwangerschaft von ganz denselben Störungen des Befindens begleitet, die nun wieder auftreten, so gewinnt die Vermuthung einer Schwangerschaft an Wahrscheinlichkeit.

§. 113.

Das Ausbleiben der monatlichen Reinigung kann ebensowohl durch eine eingetretene Schwangerschaft, als durch Aufhören der Zeugungsfähigkeit im Alter, als auch durch mancherlei Krankheit bedingt sein; wenn aber einer ganz gesunden Frau im zeugungskräftigen Alter die monatliche Reinigung ausbleibt, so ist es wahrscheinlich, daß sie schwanger sei.

Auch die im §. 100. beschriebenen Veränderungen an den Brüsten machen es wahrscheinlich, daß eine Frau schwanger sei. Dieses Zeichen hat eine viel größere Bedeutung bei einer Frau, die noch nie schwanger war, als bei einer solchen, die schon ein Kind gesäugt hat.

§. 114.

Die sämmtlichen Veränderungen am Bauch, welche im §. 98. und §. 99. beschrieben wurden, auch das Gebärmuttergeräusch, §. 101., können durch Schwangerschaft, können aber auch durch krankhafte Zustände hervorgebracht werden; manche derselben, wie die Hervortreobung des Nabels, die Streifen am Bauch, können auch bis zum regelmäßigen Ende der Schwangerschaft fehlen. Durch Krankheit kann auch die Gebärmutter selbst oder irgend ein anderer Theil eine Geschwulst im Bauch darstellen, die einer schwangeren Gebärmutter ganz ähnlich ist. Auch die Veränderungen am Scheidentheil der Gebärmutter können in ganz ähnliccher Weise, wie bei Schwangerschaft, durch krankhafte Anfüllungen und Vergrößerungen der Gebärmuter hervorgerufen werden. Dasselbe gilt von den im §. 100. genannten Veränderungen der äußeren Geschlechtstheile.

Daher sind alle diese eben genannten, am Unterleibe der Frau tastbaren, sichtbaren und hörbaren Zeichen noch nicht sicher, sie machen es aber wahrscheinlich, daß die Frau schwanger sei, weil alle jene Krankheiten sehr viel seltener sind als Schwangerschaft; Sie gewinnen an Wahrscheinlichkeit, wenn andere Krankheitserscheinungen, als Schmerzen, Blutungen, Abmagerung, welche jene Zustände oft begleiten, nicht auftreten; sie kommen der Gewißheit nahe, wenn außerdem die fortgesetzte Beobachtung zeigt, daß alle jene Veränderungen der Gebärmutter in derselben Reihenfolge und Zeitfolge, wie bei regelmäßiger Schwangerschaft, auftreten.

§. 115.

Man hat krankhafte Zustände, die von Schwangerschaft nicht leicht zu unterscheiden sind, scheinbare Schwangerschaft, und wenn die Gebärmutter ein fremdartiges Gebilde enthält, auch wohl falsche Schwangerschaft genannt. Das sind schlechte Ausdrücke, die nichts bezeichnen und die Wahrheit verdecken. Entweder ist eine Frau schwanger, oder sie ist es nicht; entweder kann die Hebamme es erkennen, oder sie kann es nicht. Vielleicht giebt eine zweite oder eine dritte Untersuchung Gewißheit über den Zustand. Will die Frau diese Gewißheit gleich haben, so sage die Hebamme ja nicht mehr, als sie weiß; sie schicke die Frau zum Geburtshelfer. Klagt aber die Frau irgend welche krankhafte Erscheinungen, oder findet die Hebamme bei der Untersuchung, daß nicht alle Theile in regelmäßiger Beschaffenheit sich befinden, so ist es ihre heilige Pflicht, die Frau sogleich an einen Geburtshelfer zu weisen; die Frau hat vielleicht eine Krankheit, die jetzt noch geheilt werden kann, nach einigen Wochen nicht mehr; oder die Frau ist vielleicht schwanger und krank zugleich, und wenn ihre Krankheit nicht sogleich zweckmäßig behandelt wird, steht eine Unterbrechung der Schwangerschaft, der sichere Tod für das Kind, und für die Mutter hohe Gefahr und lange Leiden bevor.

2. Sichere Zeichen.

§. 116.

Das Bestehen einer Schwangerschaft ist sicher:
1) Wenn die Hebamme unzweifelhaft Kindestheile bei der inneren oder äußeren Untersuchung, oder im Muttermunde das Ei erkennt. (§. 98. und 102. Fig. 30. 31. §. 316.)
2) Wenn die Hebamme Kindesbewegungen mit der aufgelegten Hand oder mit dem angelegten Ohr wahrnimmt (§. 98. u. 101.). Die Frauen täuschen sich leicht über die im eigenen Leibe gefühlten Bewegungen.
3) Wenn die Hebamme die Herztöne des Kindes deutlich hört (§. 101.).

Jedes dieser drei Zeichen für sich allein läßt über das Bestehen einer Schwangerschaft gar keinen Zweifel übrig.

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