Die 10 seltsamsten Behauptungen aus Erziehungsratgebern

1. Schreien ist für Babys, was Singen und Hüpfen für Kinder ist.

"Das natürliche  Schreien des Kindes - und wie werden noch sagen, woran man dieses erkennen kann - ist ein Bedürfniß für dasselbe und gereicht darum zum Nutzen seiner Lebensentwicklung. In erster Zeit ist das Schreien nichts anderes als das Bestreben, Lebenskraft zu äußern, seinem Kraft- und Daseinsgefühle einen Ausdruck durch Bewegung zu geben, wie ein älteres Kind dies durch Singen, Hüpfen und alle Arten von Muskelactionen ausdrückt. Das kleine Kind hat aber keine anderen willkürlichen Bewegungen als die der Brust-, Kehl- und Bauchmuskeln, also der Bewegungsorgane des Athmens; diese bethätigt es und sein Ausathmen wird zum Schrei."
Die Mutter, Hermann Klencke, 1875

2. Stillen nach Bedarf ist unnatürlich.

"Häufigeres Anlegen, wie solches früher üblich war, ist jetzt als unnatürlich erkannt worden und wird mit Recht verworfen. Nachts wird stets, und zwar von Anfang an, eine längere Pause von mindestens 7 Stunden gemacht. Vom zweiten Halbjahre ab sollen 5 Mahlzeiten in 24 Stunden auf jeden Fall genügen.
    Warum geben wir jetzt weniger oft und nachen wir größere Pausen als früher? Folgendes ist uns klar geworden: Dier kindliche Magen braucht eine gewisse Zeit, um die zugeführte Nahrung zu verarbeiten (meist mehrere Stunden), und er hat dann, wie jeder Organismus, der Arbeit geleistet hat, eine Ruhepause nötig. Ferner soll das Kind wirklich Hunger bekommen, damit es die Brust vollständig entleert, was von allergrößter Wichtigkeit ist, denn dadurch wird die Drüse zu erhöhter Tätigkeit angeregt und außerdem ist gerade die letzte Milchpportion die nahrhafteste (fettreichste). Was aber über alle diese Gründe hinausgeht, ider der Umstand, daß das Kind überhaupt nicht öfter haben will, wenn man es von vornherein sich selbst überläßt. Wenn die Mutter noch dabei bedenbkt, wieviel Arbeit sie sich so erspart und dadurch gleichzeitig ihrem Kinde nützt, so wäre sie eine Törin, wenn sie anders handelte."
Pflege und Ernährung des Säuglings - Ein Leitfaden für Pflegerinnen, Dr. M. Pescatore, 1906

3. Neugeborene sind häßlich.

"Das häßliche, tiefrote Menschenkind mit seinem unverhältnismäßig großen Kopf und den meist geschlossenen Augen macht es so den Besuchern der jungen Mutter recht schwer, dieses Objekt ihres Stolzes "schön" oder auch nur passabel zu finden. Und manchen jungen Vater beschleicht auch ein gar eigenes Gefühl, wenn man ihm seinen Sprößling zeigt, dessen, nach seiner Ansicht unmögliches, Aussehen die stolzen Erwartungen, die er gehegt hatte, so arg enttäuschte."
Der Säugling - seine Ernährung und seine Pflege, Dr. Walther Kaupe, 1907

4. Das Verhalten der Mutter in der Schwangerschaft bestimmt das gesamte Leben ihres Kindes.

"die Gesundheit der Seele. - Auch auf sie kann während der Schwangerschaft ungemein viel von Seiten der Mütter eingewirkt werden, und ich kann mich hier nicht dringend genug an die Herzen liebender Mütter wenden. Ich rechne dahin die vorherrschenden Neigungen, die Stimmung und Richtung der Seele, die Gemüthsart, das Temperament. - Daß diese im Menschen sehr verschieden sind, und daß sie dem Menschen angeboren, und also in seiner ersten Organisation begründet sind, das zeigt uns die tägliche Erfahrung. Wir sehen Kinder von denselben Eltern gezeugt, unter denselben Verhältnissen und Einflüssen aufgewachsen, dennoch von ganz verschiedener Gemüthsart und Neigung. Das eine Kind verräth schon frühzeitig Neigung zu List oder Schlauheit, das andere zur Sinnlichkeit und Wollust, das dritte zu Zank und Streit, das vierte zum Stehlen, das eine hat von Natur eine heitere, das andere eine ernste, auch wohl gar eine traurige Gemüthsstimmung. - Es ist nach dem Obigen keinem Zweifel unterworfen, daß die Neigungen, die Gemüthsstimmung der Mütter während der Schwangerschaft hierauf einen sehr großen Einfluß haben, und ich habe Beispiele gesehen, die mir dieß bestätigt haben. Ich beschwöre also liebende und gewissenhafte Mütter, dieses wohl zu beherzigen, und während der Schwangerschaft möglichst alle vorherrschenden bösen und sündlichen Neigungen und Leidenschaften aus der Seele zu verbannen, alle Leidenschaftlichkeit und Heftigkeit zu unterdrücken, und ihr Gemüth rein, heiter, nach dem Höhern, Ewigen gerichtet, zu erhalten, und sie werden die unaussprechliche Zufriedenheit dadurch erlangen, ihren Kindern dadurch nicht blos die Anlage zu einem glücklichen Leben auf Erden, sondern selbst für den Himmel gegeben zu haben."
Guter Rath an Mütter, Christoph Wilhelm Hufeland, 1830

5. Zuviel Liebe erzieht zur Brutalität.

"Erziehen heißt: wachsen lassen und führen. Das Kind braucht zu seiner seelisch-geistigen Entfaltung viel Liebe, Geduld und eine Erzieherpersönlichkeit. Miterzieher, besonders dann, wenn sie mit dem Haupterzieher nicht einig sind, lehnen wir entschieden ab. Ein Zuviel an Liebe, das wir als "Affenliebe" kennen, ist ebenso schlecht wie Lieblosigkeit. Sie erzieht zu Brutalität, Gemeinheit, Tyrannei oder zur Unselbständigkeit und somit zur Lebensuntüchtigkeit."
Mutter und Säugling in gesunden und kranken Tagen, Helene Howad, 1954

6. Die Schule ist dazu da, Unterwürfigkeit beizubringen.

"Wie sich Kinder ohne einen geregelten Schulunterricht entwickeln, braucht nicht durch neue Beobachtungen erwiesen zu werden, denn es gab und gibt Kinder genug, welche frei vom Schulunterrichte aufgewachsen sind. Belehrend sind auf diesem Gebiete die Erfahrungen, welche in Amerika gemacht wurden. Die Freiheit in der Erziehung der Kinder hat daselbst leider nicht eine große Zahl hervorragend origineller oder leistungsfähiger Menschen hervorgebracht, sondern im Gegenteil zu der Erkenntnis geführt, daß dadurch die Zahl der Kinder, welche auf Abwege geraten und zu jugendlichen Verbrechern werden in erschreckender Weise vermehrt wird. Man sah sich genötigt, eigene Kindergerichte einzusetzen, die die Kinder nicht zu Freiheitsstrafen verurteilen, sondern einem kontrollierten Zwangsunterrichte oder der Internierung in Zwangserziehungsanstalten zuführen. Das Hauptprinzip des Unterrichtes in den Zwangserziehungsanstalten besteht darin, den Kindern eine Schulbildung beizubringen, sie zur Subordination unter die Autorität von Lehrer und Vorgesetzten zu erziehen und in ihnen das Pflichtbewußtsein zu wecken, also die Aufgabe der normalen Schulbildung nachzuholen."
Der Arzt als Erzieher des Kindes, Adalbert Czerny, 1946

7. Negative Gefühle machen die Muttermilch giftig.

"Während des Nährens hüte sich die Mutter vor Gemütsbewegungen. Aerger, Zorn, Schrecken können gefährliche Erkrankungen des Kindes zur Folge haben."
Das Kind im ersten Lebensjahre - dessen Pflege und Krankheiten, Dr. Friedrich Böhm, 1904

Diese Ansicht ist alt.

"Es ist mir aber selbst auch ein Fall vorgekommen, wo eine Amme, die wegen ihrer schlechten Aufführung plötzlich aus dem Dienst entlassen werden sollte, in dem heftigsten Zorn, um sich an ihrer Herrschaft zu rächen, dem Kinde die Brust gab. Das zuvor völlig gesunde Kind wurde von den heftigsten Zuckungen (Gefraisch Fraisen, in Niedersachsen Scheuerchen) befallen, und konnte nur mit Mühe gerettet werden."
Taschenbuch für Mütter, Adolph Henke, 1832

Uralt.

"Wenn die Mutter oder Amme sich geärgert hat, oder erschrocken ist, und gleich darauf das Kind an die Brust legt, so kann dieses sehr krank davon werden."
Anleitung für Landleute zu einer vernünftigen Gesundheitspflege, Heinrich Felix Paulizky, 1798

8. Ohne Gehorsam ist Erziehung nicht möglich.

"Eine der wichtigsten Grundlagen der Erziehung ist der Gehorsam. Nur wenn ein Kind gehorcht, kann es mit Erfolg erzogen werden. Wird der Gehorsam verweigert, so hüte man sich, zornig zu werden, wozu man in der Regel sehr geneigt ist. Man behandle ein ungehorsames Kind nicht hart, sondern man wiederhole das Gebot oder Verbot und lasse dem Kinde Zeit zur Besinnung. Nie aber bleibe der Ungehorsam ungerügt."
Die Kinderpflegerin, Hedwig Reich, 1913

Und ohne Strafen ist Gehorsam nicht möglich.

"Wer sich nicht gleich dazu entschließen kann, ein Kind zu strafen, um es zum Gehorsam zu bringen, der wird oft dazu gezwungen, wenn er die Methode der Belohnung erschöpft hat. Dies ist bereits die Korrektur eines Erziehungsfehlers, der vermieden werden sollte. Die Strafmittel, über die wir für Kinder der ersten Lebensjahre verfügen, bestehen entweder in der Ablehnung eines Wunsches oder einer Bitte der Kindes oder in der körperlichen Züchtigung. Die ersteren Strafen sind für alle Kinder anwendbar, und es verrät immer ein vollständiges Verkennen der wichtigsten Erziehungsmaßregeln oder eine pathologische Willensschwäch von seiten der Eltern oder Erzieher, wenn von ihnen kein Gebrauch gemacht wird. Keinem Beobachter kann es enrgehen, daß es aber auch Kinder gibt, welche damit allein nicht zum Gehorsam und zur Subordination zu bringen sind. Für diese ist und bleibt die körperliche Strafe als Erziehungsmittel untentbehrlich. Sie soll als die strengste Strafe aufgefaßt und deshalb nur relativ selten in Anwendung gezogen werden. Der Effekt der körperlichen Strafe wird nur dann erreicht, wenn sie mit einer tatsächlichen Schmerzempfindung verknüpft ist. (...)
    Die körperliche Strafe darf aber auch bei normalen Kindern nur so lange angewendet werden, als die Schmerzempfindung das wirksame Prinzip darstellt. Kommen Kinder in ein Alter, wo sie sich durch solche Strafen in ihrem Ehrgefühl verletzt glauben, dann darf von diesen nicht mehr Gebrauch gemacht werden, da sonst nur Trotz und Haß gegen die Erzieher die Folge ist."
Der Arzt als Erzieher des Kindes, Prof. Adalbert Czerny, 1946

9. Das Kind kann gar nicht wissen, was gut für es ist. Es hat ja noch nichts gelernt.

"Im Gegensatz zu der in manchen Ländern herrschenden Ansicht, z.B. der in den Vereinigten Staaten verbreiteten Lehre des "self-demand-feeding" haben wir die Meinung, daß (hauptsächlich bei der Nahrungsaufnahme) nicht die Wünsche des noch unerfahrenen Kindes das Handeln der Eltern bestimmen dürfen, sondern daß das Kind von Anbeginn an liebevoll, aber konsequent geführt werden und frühzeitig lernen soll, sich dem Willen und den Anordnungen des Erziehers einzufügen."
Die Pflege des gesunden und des kranken Kindes, Werner Catel, 1964

10. Sich "zu viel" mit einem Baby zu beschäftigen, macht es krank.

Das Übermaß an Pflege und Beschäftigung mit dem Kinde ist ein sehr häufiger Fehler, der viele Kinder nervös, unruhig, schlaflos und schließlich krank macht. Das Schaukeln, Hin- und Herfahren, Beklopfen im Kissen, Kitzeln, Anreizen zum Lachen, das beständige Anrufen, Aufheben, Herumtragen usw. muß das Kind mit allzufrüher Ermüdung, Aufregung, Schlaflosigkeit, Nervosität bezahlen.
Neues Schul-Lehrbuch der Säuglingspflege für Mädchenschulen, Dr. R. Hecker, B. Wörner, A. Mantel, 1941

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