Alte Jungfer

Dies ist ein Kapitel aus dem Buch Lebensführung - Eine Anleitung zur Selbsterziehung für die weibliche Jugend von Anton Heinen, 1918. 

Alte Jungfer

"Ich will keine alte Jungfer werden."

Was hast du denn dagegen einzuwenden?

"Ach nein, das ist etwas Entsetzliches. Ihre Witze machen sie darüber, und es ist ein Schimpfwort, und das mit Recht. Es gibt ja nichts Unzufriedeneres, Verdrosseneres als eine alte Jungfer. Sich selbst und andern macht sie das Leben sauer, nichts kann man ihr recht machen, keifen und zanken tut sie fortwährend. Fällt sie auf die religiöse Seite, so ist sie die unausstehliche Richterin, schwätzt über die Geistlichen, schmipft auf die Jugendlichen, will im Verein kommandieren und sonst niemand heranlassen; oder sie ist die unausstehlich Süßliche, Salbungsvolle, die trieft von Selbstgerechtigkeit und Bibelweisheit. Und schließlich hängt sie ihre Herz an einen Papagei oder an einen Mops, der ihr Liebling wird."

Nun, das ist ja gerade keine erbauliche Schilderung, die du da von der alten Jungfer entwirfst; aber ich muß gestehen: solcher Exemplare sind mir auch schon einige unter die Augen gekommen.

Allerdings auch andere, und deren nicht gerade wenige. Ein liebes altes Jungferchen besonders, das jedes Jahr einmal zu uns daheim für einige Zeit zu Besuch kam. Sie war klein und verwachsen, auch gar nicht schön von Angesicht; aber aus dem langen, runzeligen Gesicht leuchteten ein paar Seelenaugen, die strahlten von Gutheit und Bracheit, von Lebensfreude und Menschenliebe. Das gab ein Fest, wenn "Tant Stina" kam. Auf keinen Besuch freuten wir uns so wie auf den ihrigen. Sie war unsere Freundin. Nicht, als wenn sie sich kindisch benommen hätte mit uns Kindern; aber sie konnte alles: Kleider nähen, Strümpfe stricken, Löcher in den Hosen flicken, Spielsachen machen, Märchen erzählen, Bilderbücher erklären. Rätsel aufgeben; alles, was man von ihr verlangte.

Sie konnte auch streng sein, den Spielverderber, den Zänker, den Ungehorsamen gar sehr beschämen; aber das tat nicht weh, das tat bloß leid, und man gab sich alles Mühe, Tante Stina wieder zu versöhnen. Sie konnte auch gar ernst mahnen ohne Süßlichkeit und Öligkeit; den Brief, den sie mir damals geschickt hat, als ich ins Leben hinaustrat und fortan auf eignen Füßen stehen sollte, habe ich nicht bloß verstanden; er hat mir auch etwas gesagt von Glück und Aufgaben, und ich habe ihn als Heiligtum verwahrt. Wahrhaftig, wenn ich an sie zurückdenke, möchte ich sie Tante Sonnenkind nennen. Bis in ihren alten Tag ist sie Tante Sonnenkind geblieben, bis daß sie zu der ewigen Sonne der Seelen gegangen ist.

Warum war denn Tante Stina keine beißige "alte Jungfer" geworden? Warum war ihr Herz jung und frisch, ihr Blick klar und froh geblieben? Ich glaube, weil sie sich das Heilandswort vom Dienen tief ins Herz geschrieben hatte, weißt du, jenes schöne Wort, das der Herr so oft wiederholt hat: "Wer von euch der Erste sein will, der soll der Letzte und der Diener aller sein."

Sie hat gedient, wo immer es etwas zu dienen gab: uns Kindern, wo und wann sie nur konnte. Unsere Sklavin ist sie nicht gewesen, hat uns nicht den Willen getan und uns nicht verzogen; konnte sogar streng mit uns sein; aber trotzdem hat sie uns gedient, uns geholfen zum Nachdenken, zum Schaffen. Unserer Mutter hat sie gedient; denn wenn sie da war, so waren die zarten, schönen Hände niemals müßig. Auch andern guten Freundinnen hat sie gedient mit gutem, ernstem Rat und mit helfender Tat. Jungen Mädchen hat sie gedient nicht mit großer Beredsamkeit und mit Predigten; nein, sie wußte so still und bescheiden zu dienen, es so zu überlegen und anzupacken, wie eine richtige Mutter es nicht besser kann.

Und weil sie zu dienen verstand und froh war, den unsterblichen Menschenkindern etwas sein und geben zu könne, und sie hat ganz still den lieben Gott in der Seele getragen ohne Auffälligkeit und ohne Frömmelei, darum hatte sie ein Leben in ihrer Seele, und darum hat sie Mutterfreuden genossen, so reich und so schön, wie selbst manche wirkliche Mutter sie nicht zu schaffen weiß. Auf sie konnte man das Wort des heiligen Sängers anwenden: Er läßt die Unfruchtbare wohnen im Hause als glückliche Mutter von Kindern.

Und eine solche "alte Jungfer" verspottet man nicht, sondern die liebt man und achtet man hoch, ja sie verehrt man schier wie ein lebendig Heiligtum.

Fürchtest du, alte Jungfer zu werden? Schaff dir beizeiten ein richtiges Leben der Liebe und Sorge, lerne das Dienen, dann brauchst du es nimmer zu fürchten. Dann kannst du getrost in die Zukunft schauen; sie bringt dir Glück und Hochachtung der Menschen.

Lebensführung - Eine Anleitung zur Selbsterziehung für die weibliche Jugend, A. Heinen, 11. bis 22. Tausend, Volksverein-Verlag GmbH., M. Gladbach, 1918

Was sagt Dir dieser Text? Mir sagt er, du bist deines Glückes Schmied.

Heiraten ist halt nicht das Non-Plus-Ultra. Auch damals schon nicht. Vielleicht besonders damals nicht.

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