Anleitung zum richtigen Strafen

"Strafe muss sein", so dachten Eltern lange Zeit. Aber das Leben ist nicht schwarz und weiß. Nicht alle Eltern gingen diesen Weg. Es gab auch Eltern, die von Strafen nichts hielten. Es gab auch Versuche von "logischen Konsequenzen" und "Aufbauen statt Herunterziehen". Das ist alles nicht neu. Werfen wir einen Blick auf eine Auswahl verschiedener Ansätze.

"Es gibt zwei extreme Richtungen, zwischen denen wir wohl den Mittelweg zu wählen haben. Die einen stellen in den Vordergrund der Erziehung die Erziehung zur Selbstbeherrschung und zum Gehorsam und schränken deshalb die Freiheit des Kindes mehr als notwendig ein. Die anderen, wie Gurlitt, gehen von dem Prinzip aus, dem Kinde möglichste Freiheit zu lassen und es allmählich dahin zu lenken, daß es von seiner Freiheit den rechten Gebrauch machen lernt, daß alle Fähigkeiten und Kräfte zur vollen Entwicklung kommen, ohne daß jedoch die gleichberechtigte Natur der Mitmenschen geschädigt wird. Die beiden Richtungen lassen sich durch ein Beispiel charakterisieren. Der Erzieher will, daß das Kind einen bestimmten Weg geht. Der eine errichtet unübersteigbare Schranken zu beiden Seiten des Weges oder verbietet kraft seiner Autorität dem Kinde das Abschweifen vom Wege, und der andere errichtet keine Schranken, weder materielle noch moralische, sondern geht mit dem Kinde auf der Straße und sucht durch seinen ständigen Einfluß zu erreichen, daß das Kind diesen letzten Weg geht. Nun wird trotz des besten Willens die Erziehung nicht ohne Einschränkung der Freiheit zu ihrem Ziele gelangen, es müßte denn sein, daß Eltern so viel Verständnis für Erziehung, so viel Liebe zu ihrer Aufgabe und zum Kinde haben, und schließlich auch so viel Zeit zu opfern imstande sind, um die Erziehung der Eigenart ihres Kindes in vollem Umfange anzupassen. Eine ideale Erziehungsmethode ist es, wie sie Gurlitt in seinem Werke 'Der Verkehr mit meinen Kindern' beschreibt. In jedem anderen Falle, wenn der Erzieher nicht so berufen und geeignet ist wie ein Gurlitt, und wenn die Kinder nicht so gut veranlagt sind wie die seinen, wird die Erziehung zur Subordination, die nun einmal dem Wesen des Kindes zuwider ist, nicht ohne Härte vor sich gehen."

Kinderpflege-Lehrbuch, Dr. med. Arthur Keller, Dr. med. Walter Birk, 1914

Der Reformpädagoge Ludwig Gurlitt hatte sich nicht nur gegen Strafen, sondern auch gegen den Gehorsam ausgesprochen. Andere, wie der Gymasialdirektor Dr. Adolf Matthias waren der Meinung, Gehorsam sei ein Bedürfnis des Kindes.

Doch die meisten befürworteten Strafen in irgendeiner Form. Zu nett sollten Eltern nicht zu ihren Kindern sein.

"Erziehen heißt: wachsen lassen und führen. Das Kind braucht zu seiner seelisch-geistigen Entfaltung viel Liebe, Geduld und eine Erzieherpersönlichkeit. Miterzieher, besonders dann, wenn sie mit dem Haupterzieher nicht einig sind, lehnen wir entschieden ab. Ein Zuviel an Liebe, das wir als "Affenliebe" kennen, ist ebenso schlecht wie Lieblosigkeit. Sie erzieht zu Brutalität. Gemeinheit, Tyrannei oder zur Unselbständigkeit und somit zur Lebensuntüchtigkeit."

Mutter und Säugling in gesunden und kranken Tagen, Helene Howad, 1954

Der Begriff der "Affenliebe" war schon im frühen 19. Jahrhundert geläufig. Wie hier bei Ludwig Griesselich:

"Die Affenliebe der Eltern bringt nicht allein den Kindern Nachtheil, sondern auch jenen, denn nur zu oft dreht sich der Stiel um, und die Folgen künstlicher, angewöhnter und aus elterlicher Affenliebe hervorgegangener Bedürfnisse strafen sich an den Eltern selbst. Ueberhaupt aber ist ja die Erziehung der Kinder auch eine Erziehung der Eltern, denn indem sie ihre Sorgfalt den Kindern zuwenden, die guten und die schlimmen Neigungen an ihnen herausfinden, und letzteren hemmend, ersteren bildend begegnen, sind sie genöthigt, sich selber kennen zu lernen und an sich aufzubauen und einzureißen, – fortzubilden und weiter zu entwickeln. – Und so hütet euch denn auch vor der Affenliebe gegen eure Kinder, rücksichtlich des Essens, Trinkens und sonstiger Leibesbedürfnisse."

Gesundheitslehre, Dr. Ludwig Griesselich, 1843

Die Botschaft hier ist: "Wenn du dich zu sehr um deine Kinder kümmerst, gewöhnen sie sich dran, und du hast mehr Arbeit, als wenn du von vornherein strenge Regeln einführst, an die das Kind sich zu halten hat." Doch wie sollten die Regeln durchgesetzt werden?

"Mit Prügeln kann man nicht nur nichts erreichen - höchstens den Körper verletzen und den Geist ducken - sondern sehr wahrscheinlich auch gar nicht bezwecken. Sie dürften sicherlich nichts anderes als eben nur der Ausfluß und Ausdruck der momentanen völligen Gedanken-, Rat- und Hilflosigkeit der prügelnden Person sein und erziehen überdies das Kind zu ganz denselben Äußerungen des Jähzornes."

Vernünftige und unvernünftige Mütter, Dr. Heinrich Keller, 1917

Das heißt jedoch nicht, dass jede Art körperlicher Strafe verpöhnt war. Nur das kopflose Eindreschen aus dem Affekt heraus. Geplante Prügel sahen andere zwar als letzte Wahl, aber als gerechtfertigte Option.

"Andere vermeintliche Verfehlungen des Kindes, welche von den Erziehern fälschlich gerügt oder bestraft werden, sind nichts als Äußerungen des Schwäche und der Unerfahrenheit. Der verständige Erzieher wird aus der liebevollen Beobachtung des Kindes die Ursache erkennen und entsprechend eingreifen. Er muß beobachten, wann niedere Triebe sich beim Kind bemerkbar machen, sollte dann dem Kinde zur richtigen Zeit beispringen und die ersten Versuchungen überwinden helfen - wenn es sein muß durch einen gut gemeinten Klaps, der manche Tracht Prügel späterer Jahre unnötig macht."

Kinderpflege-Lehrbuch, Dr. med. Arthur Keller, Dr. med. Walter Birk, 1914

Das sind dieselben beiden Autoren, die oben noch behaupteten, der Mittelweg sei die richtige Wahl. Und jetzt sagen sie, dass Prügel manchmal nötig seien.

Unerwünschtes Verhalten mit Belohnungssystemen auszumerzen wurde auch versucht. Ebenso mit "Appellen an das Ehrgefühl". Aus heutiger Sicht sind diese Versuche jedoch nichts weiter als schädliche Psycho-Spielchen.

"Die Angst vor körperlichem Schmerz versuche mit einem Appell an das Ehrgefühl zu heilen. "Du willst ein Mann werden und fürchtest dich vor dem bißchen Zahnausziehen? Dann kannst du ja nicht Soldat werden!" - "Mutters große Tochter ist so tapfer wie Muttchen selbst, nicht wahr?" In einer befreundeten Familie, die zur Erinnerung daran, daß einst ein Urahne Franz den Ersten in der Schlacht bei Pavis bewachte, die bourbonischen Lilien im Wappen führt, spielt dieser Großvater eine gewaltige Rolle in der Kinderstube. "Wie, du weinst bei der Dusche, du, dessen Großvater den Franzosenkönig gefangen nahm?" Sofort legt sich das Geschrei. "Nein, da würde Großpapa mich ja auslachen!" und tapfer hält der Kleine dem verhaßten Wasserregen stand. Besonders in solchen Fällen empfiehlt sich die Kräftigung des Ehrgefühls, wo die beginnende Angst und Furchtsamkeit auf Feigheit schließen lassen. Hier muß die Mutter den fehlenden natürlichen Mut allmählich durch moralischen zu ersetzen wissen. Sie muß Standhaftigkeit belohnen, das Selbstbewußtsein heben, die Verantwortlichkeit lehren."

Mutter und Kind - Ein Lexikon der Kinderstube, J. von Wedell, ca 1890

Adalbert Czerny war ein vehementer Verfechter des Gehorsams und sah Strafen als das einzige wirksame Mittel an, diesen zu erreichen.

"Wer sich nicht gleich dazu entschließen kann, ein Kind zu strafen, um es zum Gehorsam zu bringen, der wird oft dazu gezwungen, wenn er die Methode der Belohnung erschöpft hat. Dies ist bereits die Korrektur eines Erziehungsfehlers, der vermieden werden sollte. Die Strafmittel, über die wir für Kinder der ersten Lebensjahre verfügen, bestehen entweder in der Ablehnung eines Wunsches oder einer Bitte der Kindes oder in der körperlichen Züchtigung. Die ersteren Strafen sind für alle Kinder anwendbar, und es verrät immer ein vollständiges Verkennen der wichtigsten Erziehungsmaßregeln oder eine pathologische Willensschwäch von seiten der Eltern oder Erzieher, wenn von ihnen kein Gebrauch gemacht wird. Keinem Beobachter kann es entgehen, daß es aber auch Kinder gibt, welche damit allein nicht zum Gehorsam und zur Subordination zu bringen sind. Für diese ist und bleibt die körperliche Strafe als Erziehungsmittel untentbehrlich. Sie soll als die strengste Strafe aufgefaßt und deshalb nur relativ selten in Anwendung gezogen werden. Der Effekt der körperlichen Strafe wird nur dann erreicht, wenn sie mit einer tatsächlichen Schmerzempfindung verknüpft ist. (...)

Die körperliche Strafe darf aber auch bei normalen Kindern nur so lange angewendet werden, als die Schmerzempfindung das wirksame Prinzip darstellt. Kommen Kinder in ein Alter, wo sie sich durch solche Strafen in ihrem Ehrgefühl verletzt glauben, dann darf von diesen nicht mehr Gebrauch gemacht werden, da sonst nur Trotz und Haß gegen die Erzieher die Folge ist."

Der Arzt als Erzieher des Kindes, Prof. Adalbert Czerny, 11. Auflage, 1946

Merke: Schläge sollen körperlich weh tun. Wenn die Kinder glauben, dass es seelisch weh tut, dann werden sie als Erziehungsmittel unwirksam. Oberstes Ziel ist immer die Subordination. Gefühle sind irrelevant. Sie stehen höchstens der Erziehung im Weg.  Das ist so menschenfeindlich, dass es mir seelisch weh tut.

Eine andere seelisch grausame Strafe ist der Liebesentzug.

"Und muß das Kind einmal bestraft werden, so ist noch die Nichtbeachtung gewöhnlich die wirksamste Strafe. Auch bei gewichtigem Grund braucht man das Kind nicht schimpfend anzuschreien. Wenn es sieht, daß es die Eltern traurig gemacht hat und zudem mit Nichtbeachtung bestraft wird, so wird es sich zumeist sehr bald emsig bemühen, wieder gutzumachen, was es verdarb. Auch bei der Versöhnung sei man mit Zärtlichkeit betont sparsam. (...)
Es kommt also darauf an, daß die Eltern in allem sehr überlegt, beharrlich und klug handeln. (...)
Beharrlich im einmal gefaßten Entschluß, maßvoll in Zärtlichkeiten, klug in der erzieherischen Anleitung und ebenso maßvoll aber beharrlich in der Strafe, - das ist eine für die Erziehung des Kindes gute Linie der elterlichen Haltung."

Der deutschen Mutter, Hanns Sylvester Stürgkh, 1940

Emotionale Distanz ist hier die Grundlage für gute Erziehung. Die Beziehung zwischen Eltern und Kind soll keine innige, sondern eine hierarchische sein.

Neben Czerny war auch Philipp Niemes ein Kinderarzt, für den Gehorsam und körperliche Züchtigung anscheinend untrennbar verbunden waren.

"29. Wie ist das Tempo der Erziehung?
A.: Langsam. Insbesondere ist zu vermeiden, durch immer neue Reize die Ansprüche des Säuglings zu steigern.
30. Wann beginnt die Erziehung zur Reinlichkeit?
A.: Sie hat mit dem zweiten Halbjahr einzusetzen. Sie muß aber dann stets durchgeführt werden, da sich das Reinsein leicht wieder verlernt und dann wesentlich schwerer wieder zu erreichen ist.
31. Wann beginnt die Erziehung zur Folgsamkeit?
A.: Gegen Ende des ersten Lebensjahres. Anwendung körperlicher Strafe im Säuglingsalter ist Roheit!"

Der gesunde Säugling - Seine Entwicklung Ernährung Pflege, Philipp Niemes, 1933

"Ungerechtes Strafen verwundet des Kindes Herz, (...)", sagt Marie Susanne Kübler. Sie lässt uns wissen, dass es für jedes Alter die passende Art zu strafen gibt. Und sie beginnt schon beim Säugling.

"Die Erziehung hat sich in dieser Periode dreierlei Aufgaben zu stellen. Die erste ist wiederum eine sehr aufmerksame Behandlung der Sinneswerkzeuge. Was zur Schonung und Pflege des Auges und Ohres in diesem Alter nötig ist, wurde früher gesagt (I. Buch, Kap. 13). - Den Tastsinn übe man, indem man dem Kindchen, sobald es nach den Gegenständen zu greifen beginnt, kleinere abgerundete Gegenstände von unbemaltem Holze, Flechtwerk oder die sehr passenden, von Wolle getrickten Spielzeuge, als da sind: Puppe, Hund, Katze, Hahn, Bälle u. dgl. reicht. Der Ball ist ganz besonders ein zweckmäßiges Spielzeug für den Säugling, da sich beim Halten und Werfen desselben die Muskelkräfte der Hände üben. So werden die Sinnesthätigkeiten in naturgemäßer Weise geweckt und geübt und der Grund zu Aufmerksamkeit und Achtsamkeit gelegt.
Die zweite Aufgabe ist die richtige Gewöhnung des Kindes. Ein altes Sprichwort sagt: "Wie man sich Kinder erzieht, so hat man sie." Manche junge Mutter bedenkt oder weiß wohl nicht, daß sie schon ihren Säugling verziehen, ihm Unarten anerziehen kann, die ihm zur andern Natur werden und später durch Lehre und Strafe nur schwer wieder ausgetilgt, oft bloß noch gemildert werden können. Das durch unrichtige Gewöhnung bereits verzogene Geschöpfchen muß durch Versagung alles Unpassenden, durch Liegen- und Schreienlassen, ja selbst durch ernste Worte und einige Klapse auf das Gesäß, "antipolarische" Ableitungsmittel, von dieser ersten Unart geheilt werden.
(...) Die dritte Aufgabe der Erziehung in dieser Lebensperiode ist somit die, dem Kinde ein vorleuchtendes Beispiel zu sein und es mit guten Vorbildern zu umgeben."

Das Buch der Mütter - Eine Anleitung zu naturgemäßer und geistiger Erziehung der Kinder und zur allgemeinen Krankenpflege, Marie Susanne Kübler, 1891

Anscheinend hält Kübler körperliche Strafe nicht für Rohheit. Als Dame der höheren Gesellschaft hätte sie sich Rohheit sicher nicht vorwerfen lassen. Mal schauen, wie es weiter geht. Nach der Säuglingszeit kommt das "erste Kindesalter". Dieses ist die Kleinkindzeit.

"Wie in der früheren Lebensperiode, so gilt auch in dieser als Hauptgesetz der Erziehung, das Kind an nichts zugewöhnen, was ihm nachher wieder abgewöhnt werden muß. (...)
Indem das Kind sich dem Willen Erwachsener unterzuordnen lernt, wird ihm eine Haupttugend, der Gehorsam anerzogen, der die spätere Erziehung bedeutend erleichtert, ja ohne den es überhaupt keine Erziehung giebt. Es ist dabei zu beobachten, daß, wenn dem Kinde etwas befohlen wird, dies nicht mir Lachen oder in scherzhaftem Tone, sondern ruhig und mit wenig Worten geschehe, und daß der Befehl unbedingt ausgeführt, dem Verbote sofort Folge geleistet werde. Niemals lasse man sich herab, den Gehorsam des Kindes zu erbitten, erschmeicheln und durch Versprechen von Belohnung erkaufen zu wollen. Helfen ernste Worte, eine Absonderung an ein Örtchen, wo das Kind allein ist, eine Beschämung durch Verweisen in einen Winkel des Zimmers und endlich das Vorweisen der Rute nicht, so gebe man einige Schläge auf das Sitzfleisch oder ein paar Klapse auf das sündige Händchen, um "Unvernünftige zu bekehren"."

Das Buch der Mütter - Eine Anleitung zu naturgemäßer und geistiger Erziehung der Kinder und zur allgemeinen Krankenpflege, Marie Susanne Kübler, 1891

Nach dem Anfang war das ja nicht anders zu erwarten. Anscheinend sind diese Strafen in Küblers Augen gerecht, wenn wir ihre Einstellung zu ungerechten Strafen bedenken.

Das zweite Kindesalter - die Vorschulzeit.

"Die erste geistige Erziehung soll naturgemäß streng aber liebevoll, kräftig aber gerecht sein; das Kind soll durch Beispiel und Wort in seinem Fühlen und Denken zum Guten und Wahren geleitet werden. Fremde haben selten die Geduld, die Natur des Kindes in ihren verschiedenen Nüancen zu beobachten und die nötigen Rücksichten darauf zu nehmen. Fremde üben das Erziehungsgeschäft mit dem Gefühle des Herrschers, die Mutter mit dem Gefühle der Liebe."

"Bei der körperlichen Unbehilflichkeit und geistigen Unmündigkeit des Kindes ist der Gehorsam eine unumgängliche Notwendigkeit, und den instinktmäßigen zu einem bewußten Gehorsam heranzubilden, ist auf dieser Lebensstufe eine Hauptaufgabe der Erziehung."

"Das Kind lerne vertrauensvoll gehorchen, ohne erst zu fragen, warum es dieses oder jenes thun oder unterlassen müsse; es soll thun, weil die liebe Mutter befiehlt und im Bewußtsein, daß die Mutter ihm nie etwas befiehlt, was nicht gut und recht ist."

"Der Gehorsam gründet sich auf Liebe, Achtung und Vertrauen und es ist daher von großer Wichtigkeit, daß sich die Eltern dem Kinde gegenüber keine Blößen geben, daß sie nichts thun, was die Achtung des Kindes vor ihnen untergraben und den Glauben an die mütterliche Unfehlbarkeit und die väterliche Autorität erschüttern könnte."

Das Buch der Mütter - Eine Anleitung zu naturgemäßer und geistiger Erziehung der Kinder und zur allgemeinen Krankenpflege, Marie Susanne Kübler, 1891

Hier zeigt sich ein eindeutig hierarchisches Weltbild. Zwar spricht Kübler von Liebe, aber was sie meint ist Ehrfurcht. Es entsteht kein inniges Band zwischen Eltern und Kind, sondern das Kind soll zu den Eltern aufschauen - und die Eltern auf das Kind herab.

Kübler erklärt uns, warum wir so verfahren sollen.

"Die Strafen, welche wir in den ersten Lebensperioden anwenden, sind eigentlich nur darauf berechnet, dem Kinde instinktmäßig etwas an- oder abzugewöhnen, da der Verstand und Wille bei ihm noch nicht kräftig genug sind, um feste Vorsätze fassen zu können. Ebenso kann von Belohnung keine Rede sein, weil es den Sinn und Zweck derselben noch nicht zu erfassen vermag. Anders ist es auf dieser und den folgenden Lebensstufen, wenn das Kind bereits der Überlegung fähig ist und von Jahr zu Jahr fähiger wird."

Kübler versucht sich auch an "logischen Konsequenzen". Doch ihre Logik folgt nicht dem Schema "kein Regenschirm -> es regnet -> ich werde nass", sondern eher "kein Regenschirm -> ich gieße einen Eimer Wasser über mich".

"Die Strafe, welche man über ein Kind verhängt, sollte möglichst natürlich, dem begangenen Fehler entsprechend sein. So bringe man z.B. das streitsüchtige Kind an einen Ort, wo es allein bleiben muß, das naschhafte lasse man fasten, dem plauderhaften oder vorlauten lege man für kürzere oder längere Zeit Schweigen auf, indem man ihm nötigenfalls zur Verschärfung der Strafe mit einem leichten Tüchlein locker den Mund verbindet. Unverträgliche Geschwister lasse man eine Zeitlang mit demselben Löffel, derselben Gabel aus demselben Teller oder Schüsselchen essen, aus dem gleichen Glase trinken, im gleichen Bette schlafen, falls sie einerlei Geschlechtes sind. "Suchet den rechten Takt im Strafen," sagt Scheitlin in seiner "Agathe", "Zornigen haltet den Spiegel vor, macht Trägen durch Entziehung aller Beschäftigung Langeweile, gebt Unzufriedenen dreimal mehr als sie begehrten, zwingt die Kinder, beleidigten Dienstboten Abbitte zu thun, Tierquälerei bestraft körperlich, dem Verächter der Armut hängt einen Bettelsack um, das arg Unreinliche sperrt in einen Stall etc, das heißt, bestraft jedes Unrecht mit seiner eigenen Natur."

Körperliche Strafen sind für Kübler in erster Linie ein Mittel zur Gewöhnung bevor man mit dem Kind reden kann. Man könnte es auch Dressur nennen. Jedenfalls schließt sie hier mit einer ausführlichen Abhandlung über die Art und Weise des Strafens, um es ab dem Schulalter nicht mehr zu erwähnen.

"Bei Fehlern, die bloß aus Unbesonnenheit, Lebhaftigkeit oder kindlicher Natürlichkeit entspringen, welche dem Alter und der Entwickelung gemäß sind und mit zum natürlichen Dasein der Jugend gehören, übe man Nachsicht, da sie sich allmählich von selbst verlieren. Man muss einen Unterschied machen zwischen Fehler und Fehler und sein Augenmerk hauptsächlich auf die des Temperamentes und Charakters richten. Einen Fehler, den das Kind zum erstenmal begeht, bestrafe man nicht, indem oft eine bloße Zurechtweisung genügt, bei der man dem Kinde die schlimmen Folgen seines Fehlers in kurzen Worten vor Augen stellt.
Läßt sich jedoch das Kind den Fehler wieder zu schulden kommen, so soll ihm ernstliche Strafe angedroht und dieselbe bei nochmaligem Rückfalle unbedingt vollzogen werden. Nichts schadet mehr, als mit Strafen zu drohen, die ewig leere Worte bleiben; denn man macht sich damit dem Kinde gegenüber lächerlich.
Man wende nicht zu häufig Strafen an, weil das Kind dadurch eingeschüchtert, furchtsam, sein Gemüt verbittert und verschlossen wird. Ungerechtes Strafen verwundet des Kindes Herz, verwirrt seine Begriffe, lähmt seinen Mut, macht es scheu, ängstlich, schwächt sein Vertrauen auf die Gerechtigkeit der Eltern oder Erzieher und kann Verstocktheit, Haß und Rachsucht in dem jungen Herzen entwickeln, das nur Gefühle der Liebe und Achtung kennen sollte.
Man strafe nie mit Bitterkeit und thue es nie in der ersten Regung des Zornes, sondern warte, bis man wieder ruhiger ist und liebendes Erbarmen unser Herz und unsere Hand leitet, die ohne diesen Einfluß schwerer züchtigen könnte, als man es bei kaltem Blute wünscht, ja das Kind gefährlich verletzen könnte. Kleine Trotzköpfe, wornige Dinger, die über das mindeste außer sich kommen und mit den Füßen stampfen, brauchen allerdings die Rute, die man auf das Sitzfleisch anwenet, wo sie nicht schaden kann; dagegen hüte man sich, statt ihrer in der ersten Aufregung das nächstliegende Werkzeug gebrauchen zu wollen.
'Die Kunst zu tadeln ist die frömmste Kunst,
Die Gute ehrt und Üble lehrt und bessert -
Die Pflicht zu bessern giebt das Recht zu tadeln.
Der Zorn ist göttlich, der die Seele schmerzt,
Daß eine Selle  fehlte, ja verbrach.
Doch wahrer Zorn ist sanft; er wütet nicht,
Er rastet, donnert, fluchet, vernichtet nicht.'
Wie sich der Arzt bei Kranken die Wirkung der angewandten Arzneimittel merkt, so sollten die Eltern bei den geistigen Gebrechen ihrer Kinder die Wirkung der Strafen auf dieselbe beobachten, da sie infolge der Verschiedenartigkeit der Charaktere auch verschieden wirken, Bei den einen Kindern wirken Worte besser als die Rute, bei andern die Rute besser als Einsperren oder Einsperren besser als das Versagen der Nahrung. Bei älteren Kindern sollte keine körperliche Züchtigung mehr angewandt werden, da sie bereits einen gewissen Grad von Ehrgefühl besitzen und folglich geistige Strafen ihren Zweck nicht verfehlen werden.  Überhaupt schone man beim Strafen das Ehrgefühl und züchtige ds Kind nicht vor den Augen anderer Kinder.
Nach vollzogener Strafe behandle man die Kinder wieder mit Güte und Liebe; denn nichts ist tadelnswerter als das Nachtragen. Liebende Eltern verzeihen gerne; dagegen zeugt es immer von Hartherzigkeit, Kindern ihre Fehler beharrlich vorzuwerfen oder sie bei jedem Anlasse 'ungeraten' und Taugenichtse zu nennen, aus denen zeitlebens nichts Rechtes werden würde.
Um dem Kinde die Folgen seines Fehlers ins Gedächtnis zu prägen und es vor Rückfall zu bewahren, lehre man es die auf denselben bezüglichen Sprichwörter und Kraftsprüche und erzähle ihm passende Fabeln. 'Die Zeit der Fehler ist die Zeit der Fabeln,' sagt Rousseau.
Die Eltern sollen beim Strafen in Übereinstimmung handeln und allfällig widersprechende Ansichten nicht in Gegenwart des Kindes erörtern oder gar sich gegenseitige Vorwürfe machen. Eine Mutter, welche das Kind in Schutz nimmt, wenn der Vater es bestraft hat, welche es durch gute Worte oder gar Näschereien zu trösten sucht, zerstört die Wirkung der Strafe und schwächt den beiderseitigen Einfluß auf das Kind."

Das Buch der Mütter - Eine Anleitung zu naturgemäßer und geistiger Erziehung der Kinder und zur allgemeinen Krankenpflege, Marie Susanne Kübler, 1891

Lassen wir zum Abschluss noch den Eingangs erwähnten Ludwig Gurlitt persönlich zu Wort kommen.

"Ein kleines Kind soll nie geschlagen werden, weil es keine Schläge verdient. Die vermeintlichen kindlichen Verfehlungen sind Äußerungen der Schwäche und Unerfahrenheit. Ein Kind schlagen, weil es ein kostbares Glas zerbrochen hat, beweist nur die entsetzliche Gedankenlosigkei und Brutalität der Mutter. Woher in aller Welt soll ein Kind wissen, daß Glas erbrechlich ist? Woher wissen, daß es einen Wert hat?"

Erziehungslehre, Ludwig Gurlitt, 1909

Alle Abbildungen aus "Mutter und Kind", Dr. med. Hannah Uflacker, 1957

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