"Das Christfest" - Weihnachten in einem Kinderbuch von 1880

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"Karl und Marie - Kinderleben. Eine Sammlung von Erzählungen für Kinder von 5 bis 9 Jahren" von Elise Averdieck, 9. Auflage, 1880. Die erste Auflage erschien 1851.

 Das Buch beschreibt das Leben einer wohlhabenden Kaufmanns-Familie in  der Nähe von Hamburg. Marie (6 Jahre), Karl (4 Jahre), Elisabeth (1  Jahr) sind die Kinder; Trina und Martha die Hausangestellten; Adolf  Meiler ein Vetter, der beim Vater lernt; die Waise Lotte Bendel eine  Ziehtochter.

Nachdem in dem Kapitel "Der 24. December" der Tag bis zum Heilig Abend beschrieben wurde, geht es nun im Kapitel "Das Christfest" weiter.

"Die Kinder singen viel Lieder, Trina erzählt mancherlei, und so vergeht die Zeit. Da geht die Thür. Alle Kinder springen auf; aber der Vater ist's noch nicht, wenigstens nicht der Vater, auf den die Kinder warten; es ist der alte Martin und Mutter Anna mit dem kleinen Peter. Dieser ist einer von den sechs Gästen, die sich die Kinder eingeladen haben. - Wieder geht die Thür. Noch nicht der Vater! Gesa ist es, die Tochter der Scheuerfrau, mit ihren beiden Brüdern, Hans und Adolf. Alle lauschen - dann geht was auf der Treppe! Ob es wohl der Vater ist? Nein, noch nicht, es sind die letzten beiden kleinen Gäste: Mathilde und Jette. Da schlägt es fünf Uhr! Und nun -- und nun -- unten geht die Thür, es kommt die Treppe herauf -- die Stubenthüre wird aufgemacht und -- "Kommt, das Christkind ist da!" ruft der Varter. Alle eilen hinunter. Die Thüre ist noch zu, aber durch die Ritzen und durchs Schlüsselloch da glitzert und strahlt es, daß man sich gar nicht denken kann, wie wunderhell!

Nun ordnet der Vater sie nach der Größe; die kleinsten der Kinder voran, die größern dahinter und zuletzt Martha, Trina, Martin und Anna. In der Stube spielt Mama: "O du selige, o du fröliche, freudenbringende Weihnachtszeit! Welt ging verloren, Christ ward geboren, freue dich, o Christenheit!" Alle stimmen schon draußen vor der Thür das schöne Weihnachtslied an, und während sie singen, macht der Vater langsam die Thüre auf, daß sie hineinsehen und hineingehen können. Ach wie schön, wie schön ist's drin! das ganze Zimmer ist von oben bis untern mit Tannenzweigen geschmückt, daß es aussieht, wie ein Platz mitten im Walde. Gerade aus, auf einem niedrigen Tischchen, steht eine allerliebste Hütte von Binsen und Schilf und Moos gemacht und mit Tannnenzweigen besteckt. In der Mitte steht eine Krippe; darin liegt das liebe Jesuskindlein und sieht gar hold unf freundlich aus. Bei der Krippe kniet die Jungfrau Maria, Jesu Mutter und hat die Hände gefaltet, als bete sie; bei ihr steht Joseph, der Zimmermann, und betet auch. Auf der andern Seite der Krippe knien zwei Hirten, und ein dritter steht hinter den Beiden, und Alle schauen auf das heilige Kindlein und sehen dabei sehr fromm und selig aus. Vor der Krippe stehen Körbchen mit Blumen und Früchten, und ein  Paar Lämmchen liegen dabei. Das Alles haben die Hirten für das Christkindlein zum Geschenk mitgebracht. Sonst sieht es aber in der Hütte gerade so aus, wie in einem Stall. Da liegt Heu und Stroh umher; an der Wand hängen Nester mit brütenden Hühnern, es stehen und liegen da allerlei Geräthschaften und aus einer zweiten Krippe, die weiter nach hinten steht, fressen zwei Kühe und ein Esel. Aber rund um die Hütte her da sieht es gar nicht aus, wie sonst um einen Stall. Am Eingange stehen zwei himmlische Engel mit lichten Flügeln, die schauen mit gefalteten Händen hin auf das heilige Kind. Und hoch über ihnen da strahlt ein Stern herab auf das Hüttlein, so groß und so leuchtend, daß man wohl sieht, er habe was Besonderes zu bedeuten. Die Tannenzweige, die das Zimmer schmücken, sind aber auch nicht kahl und dunkel. Darin hängen alle die bekannten Weihnachtsbilder, und eine zahllose Menge von goldenen Netzen und Ringelketten und Ringelstreifen und leuchtenden Glaskugeln und bunten Blumen. Alles ist so blendend hell, daß die Kinder es beinahe nicht in den Augen aushalten können, und doch sehen sie kein einziges Licht; sie können gar nicht begreifen, wo die Helligkeit eigentlich herkommt.

Wohl eine Stunde lang stehen Alle vor der Hütte, und können sich nciht satt sehen an dem lieblichen Bilde. immer findet der Einge dies, der Andere das, was er bisher noch nicht gesehen hatte und nun den Andern voll Freuden zeigt. Dazu spielt die liebe Mama alle Weihnachtslieder, eins nach dem andern. Nun verstehen die Kinder erst recht, was sie gelernt haben, und singen mit einer Lust, wie nie zuvor."

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