Das Interesse des Staates am Stillen

"Die Ernährung des Kindes in der ersten Lebenszeit ist für den Staat keine gleichgiltige Sache; denn sie hat auf den allgemeinen Gesundheitszustand und auf das Sterblichkeits-Verhältniß der Bevölkerung einen sehr bedeutenden Einfluß, und viele Menschen werden durch Mißgriffe in der Ernährung während der ersten Lebensperiode für immer schwächlich und kränklich. 

Deshalb ist es sehr zu beklagen, daß dem Kinde so oft das Einzige, wovon seine Erhaltung abhängt, nicht zu Theil werden kann. Gar nicht selten stirbt es in Folge dessen im eigentlichen Sinne des Wortes den Hungertod. Es wäre aus diesem Grunde zu wünschen, daß besonders bei ärmern Leuten vor Ertheilung der Heirathsbewilligung auf die Fähigkeit der Mutter ihr Kind zu ernähren, gesetzlich Rücksicht genommen würde."

Kinder-Diätetik. Eine Anleitung zur naturgemäßen Pflege und Erziehung des Kindes, von L.W. Mauthner Ritter von Mautstein, 3. Auflage, Wien 1857
Dieses Buch ist online lesbar.

Auch heute erkennen wir, dass das Stillen im Sinne des Staates ist. Gesündere Menschen führen angenehmere Leben und sind im Schnitt zufriedener. Zufriedene Menschen geben eine bessere Gesellschaft. Gesündere Menschen verursachen auch weniger Kosten für das Gesundheitswesen. Das sind gute Gründe für eine staatliche Stillförderung.

Mauthner hingegen fordert eine Heiratsverbot für stillunfähige Frauen! Besonders für arme Frauen! 

Es ist eine für die Zeit typische Sicht, dass die Menschen für den Staat da sind und nicht umgekehrt. Doch Mauthners Forderung hat einen großen Haken: bevor eine Frau nicht geboren hat, kann ihre Stillfähigkeit überhaupt nicht beurteilt werden. Die Brust reift erst in der Schwangerschaft zuende.

Biedert erkannte, dass echte Stillunfähigkeit sehr selten ist. Sein Lösungsvorschlag für bessere Stillquoten: Stillfähige Frauen züchten!

"Ausser der die Brüste drückenden Volkstracht wird jetzt auch bei andauerndem Nichtstillen die Vererbung des Schwundes der Brustdrüse als Ursache der zunehmenden Unfähigkeit zu stillen bezeichnet. Bei Bollinger (347 e) hat dies sein Assistent Altmann mit dem Mirkoskop nachgewiesen, Hegar (347 a), Rouge (347 b u. c) hat Generationen darauf geprüft; indes konnte Oppenheimer (347 d) aus v. Winkels Klinik berichten, dass dieser bei 95% der Niedergekommenen das Stillen durchsetzen konnte. Das geht durch immer wieder gemachte Stillversuche (S.115), sowie durch kräftige Ernährung, Anlegen der Milchpumpe (S.118), besser von älteren kräftig saugenden Kindern. So konnte Schlossmann (344 b) den allergrößten Teil seiner Wöchnerinnen zum Stillen und die meisten zu grösseren, viele zu enormen Milchmengen bringen. Eine hatte im 11. Monat noch 2705 ccm, im 14. Monat noch 1810 ccm Milch täglich und hat zu Notzeiten durch Aushilfe mit ihrer Milch 20 Kinder vom sicheren Tode errettet. Schon Budin (l'Obstets. 5/97) hatte drüher durch ein ähnliches Trainieren im Tag 1650-2270 g Milch erzielt, und unter Zuziehung von Beinahrung für die kräftigeren, 3,8 Kinder von einer Amme stillen lassen. Finkelstein (373) erklärt, dass keine Mutter zum Stillen ganz untauglich wäre. Man wird also die Frauenbrüste leicht wieder verbessern können, wie man auch Euter der Kühe richtet. Hegar regt dazu eine Verschwörung an, dass Männer nur vollbusige Mädchen, diese nur Männer, die an der Brust gelegen haben, heiraten sollen. Und in jedem Einzelfall werden die hier gemachten Mitteilungen den Willen stärken, ein Ergebnis, und sei es auch nur eine Brusternährung mit baldiger Beinahrung zu erzielen."

"Die Kinderernährung im Säuglingsalter", Philipp Biedert, 1905

Später wurde versucht, mit Stillgeld oder Stillprämien die Stillquoten zu erhöhen. Da Stillen aber schon Geld spart, indem keine Pulvermilch gekauft werden muss, war der Anreiz nicht groß genug. Stillprämien wurden zum ersten Mal zu Beginn des 20. Jahrhunderts eingeführt. Nach dem Mutterschutzgesetz von 1952 gab es 0,75 DM täglich solange die Mutter ihr Kind selbst stillte, aber längstens bis Ablauf der 26. Woche nach der Entbindung. 1957 wurden die Stillprämien in Deutschland eingestellt.

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