Der Mythos von den Stillabständen

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Die Nachfrage regelt das Angebot. Auch bei der Muttermilch ist das so. Je häufiger ein Baby bei seiner Mama trinkt, desto mehr Milch bildet sie. Besonders das Wechselstillen ist äußerst effektiv, um die Milchmenge zu steigern. Wechselstillen bedeutet, dass während einer Mahlzeit mehrmals die Seite gewechselt wird, sobald das Kind weniger saugt. Längeres Stillen an einer Brust hat dagegen nur eine wenig steigernde Wirkung auf die Milchmenge.

Trotzdem hört man immer wieder, man solle beim Stillen Mindestabstände von zwei oder drei Stunden zwischen den Mahlzeiten einhalten. Ist da nicht vielleicht doch etwas Wahres dran, wenn diese Meinung so verbreitet ist? Meistens ist es einer der folgenden drei Gründe, der für die Abstände angeführt werden.

Neue Milch auf alte Milch

Der am häufigsten genannte Grund ist, dass es zu Bauchschmerzen führe, wenn neue Milch auf angedaute Milch trifft. Dabei ist dieses Vorurteil schnell widerlegt, denn Muttermilch ist so leicht verdaulich, dass bereits während einer einzigen Mahlzeit frische Milch auf angedaute trifft. Demnach müssten alle Stillkinder ständig Bauchweh haben.

Das Märchen von der angedauten Milch stammt aus der Zeit als es noch keinen sicheren Ersatz für die Muttermilch gab. Die frühen Ersatzprodukte waren von so schlechter Qualität, dass sie weit mehr als nur schlimme Verdauungsbeschwerden hervorrufen konnten. In Gegenden, in denen nicht gestillt wurde, starb mitunter über die Hälfte aller Babys. Dort, wo gestillt wurde, starben dagegen im Schnitt 12-15% aller Babys im ersten Lebensjahr. Um überhaupt das Leben der nicht gestillten Kinder zu bewahren, musste man strenge Regeln bei der künstlichen Ernährung einhalten, unter anderem gehörten dazu eben auch Mindestabstände zwischen den Mahlzeiten.

Im Laufe der Zeit ging die Zahl der stillenden Mütter immer mehr zurück. Der Muttermilchersatz wurde immer sicherer und trotzdem wurde an den Abständen festgehalten, denn man vergaß den Ursprung dieser Regel. Je weniger gestillt wurde, desto mehr Stillwissen ging verloren. Und so kam es, dass von der Ernährung mit der Flasche auf die Ernährung an der Brust geschlossen wurde und auch für das Stillen Mindestabstände gefordert wurden.

Stillen ist nur Nahrungsaufnahme

Der zweite oft genannte Grund ist, dass Kinder lernen müssten, was Hunger sei und nicht bei jedem Mucks angelegt werden sollten. Dahinter steckt die Vorstellung, dass zum einen das Stillen eine reine Nahrungszufuhr sei, und dass zum anderen das Kind nicht wissen könne, was gut für es ist. Auch das stimmt natürlich nicht. Schon ein neugeborenes Baby weiß genau, wann es Hunger hat. Das zeigt es zuerst durch Suchbewegungen und Nuckeln an den Fäustchen und letztlich – wenn es zu lange warten muss – durch sein Schreien. Außerdem dient das Saugen auch der Beruhigung und befriedigt das Bedürfnis nach Nähe und Hautkontakt.

An dieser Stelle spielt auch die weit verbreitete Angst vor dem Verwöhnen mit rein. Ein Kind, das bekommt, was es will, wann es das will, wird zu einem Tyrannen, so die Befürchtung. Doch das Verlangen nach Muttermilch, Stillen und Geborgenheit ist nicht gleich zu setzen mit dem Verlangen nach einem Riegel Schokolade an der Supermarktkasse oder dem x-ten Spielzeug.

Rhythmus ist wichtig fürs Familienleben

Der dritte Grund ist, dass Kinder Regelmäßigkeit bräuchten. Alles habe seine feste Zeit. Das soll dem Kind helfen, sich in der Welt zurecht zu finden und sich in die bestehende Ordnung einzufügen. Diese Vorstellung stammt zum einen aus einer Zeit, als die Gruppe noch mehr wert war als das Individuum. Die Bedürfnisse des einzelnen mussten den Regeln der Gruppe untergeordnet werden. Dazu kommt noch, dass damals Hausarbeit richtig harte Arbeit war. Je besser sich das Kind in den Haushalt einfügte, desto leichter hatte es die Mutter.

Des weiteren ging man beispielsweise im 19.Jahrhundert davon aus, dass es wichtig sei, den menschlichen Organismus an feste Zeiten zu gewöhnen, sonst würde er schnell anfällig für Krankheiten werden. Diese Regeln galten nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene. Das ging so weit, dass man die Uhrzeit festlegte, zu der der Stuhlgang zu erfolgen hatte.

Zur Zeit des Nationalsozialismus dann wurde das Einhalten von festen Zeiten als erzieherische Maßnahme angesehen, die dem Kind beibringen sollte, seinen Willen zu beherrschen. Durch Einhalten fester Nahrungsmengen wollte man die Kinder sogar zur Mäßigkeit erziehen.

Sicher gibt es Kinder und Familien, denen ein gewisser Rhythmus gut tut. Manche Kinder brauchen tatsächlich feste Strukturen, um sich zurecht zu finden. Doch es wäre grundfalsch daraus zu schließen, dass das für alle Menschen gelte oder sogar noch die Zeitpläne für alle Familien gleich setzen zu wollen, wie es früher durchaus gemacht wurde.

Alle drei Gründe sind also nicht mehr zeitgemäß. Die Erfahrung zeigt, dass Stillen nach festen Zeitplänen oder mit Mindestabständen meistens zu Milchmangel führt. Darum hatten auch in den 1970er und 1980er Jahren, als noch streng auf Abstände geachtet wurde, so viele Frauen zu wenig Milch. Allen drei Begründungen ist gemeinsam, dass man den Ursprung aus den Augen verloren hat. Es mag früher einmal sinnvoll gewesen sein, Abstände einzuhalten. Und auch heute mag es für manche Familien stimmig sein, eine gewisse Regelmäßigkeit anzustreben. Eine allgemein gültige Regel kann das Stillen nach der Uhr aber nicht sein.

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