Das "dumme Vierteljahr"

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Viele der heute als falsch oder gar schädlich erkannte Verhaltensarten gegenüber Babys sind begründet in der Fehlinterpretation der Signale und der Fähigkeiten der Babys. Die Fehlinterpretationen kommen zustande, da aus einem bestimmten Blickwinkel auf das Baby geschaut wird. Dieser Blickwinkel ist abhängig vom (wissenschaftlichen) Wissensstand, dem Zeitgeist und persönlichen Erfahrungen.

Nehmen wir einmal das "dumme Vierteljahr". Es ist noch gar nicht so lange her, dass Menschen annahmen, im ersten Vierteljahr würden Babys quasi nur so dahin vegetieren. Sie würden von ihrer Umwelt kaum etwas mitbekommen, geschweige denn verstehen. Lediglich die zum Überleben notwendigen Instinkte seien vorhanden. Aber kein Verstand, kein Wille, kein Bewußtsein. Auch seien die Sinne noch nicht ausgereift. Das Neugeborene sei taub, könne kaum sehen (keine Farben, keine Strukturen, unscharf) und hätte kein Schmerzempfinden.

"Nach der ersten, sehr kurzen und zugleich ereignisvollen Epoche im Menschenleben, der Geburt, bleibt das Leben des Kindes etwa sechs Wochen lang noch vollständig ein Sein ohne Bewußtsein und ohne Willen, obwohl alle seine Sinnesorgane schon ausgebildet vorhanden sind. Erst durch wiederholte äußere Ursachen, wie Schall und Licht, auf die Empfindungsnerven werden die noch schlummernden Sinneswerkzeuge allmählich zu ihren Verrichtungen befähigt, wird die Thätigkeit des Gehirnes geweckt, in dem sich Bewußtsein, Gefühl, Wille entwickelt und das der Sitz des Geisteslebens ist."
Das Buch der Mütter, Marie Susanne Kübler, 1891

Babys kamen nach dieser Vorstellung als unbeschriebenes Blatt (Tabula Rasa) auf die Welt. Es sei daher ein mangelbehaftetes Wesen, dass erst noch ein richtiger Mensch werden müsse.

7. Welche Stufen der geistigen Entwicklung kann man erkennen?
A.: Die Stufe des Instinkts oder der Unbewußtheit. Sie umfaßt ungefähr das erste Vierteljahr.
Die Stufe der Aufmerksamkeit im dritten und vierten Monat.
Die Stufe des Gedächtnisses im fünften u. sechsten Monat.
Die Stufe des Verstandes im zweiten Halbjahr.
8. Wodurch ist die Stufe der Unbewußtheit ausgezeichnet?
A.: Durch das Triebleben und die instinktive Sinnestätigkeit.
Der gesunde Säugling - Seine Entwicklung Ernährung Pflege, Philipp Niemes, 1933

Instinkte und Triebe galten schon lange als minderwertig, als "animalisch". Sie sollten dem Verstand untergeordnet werden.

"Wann beginnen die Kinder zu denken, d. h. wann ziehen sie aus Erfahrungen Schlüsse und handeln danach? Der genaue Zeitpunkt ist nicht festzustellen, ich setze ihn sehr früh an, da ich die Beobachtung des Säuglings, daß er durch Schreien die Mutter mit der Nahrung an sein Bett rufen kann, und das Unterlassen dieses Schreiens, wenn er einige Male gemerkt hat, daß das nichts nützt, schon zu den Denkakten rechne.  Schon lange vor dem Sprechen gibt das Kind aber deutliche Zeichen einer sicheren Intelligent und sogar einer gewissen Verschmitztheit kund. So vergnügte sich ein Knabe von neun Monaten damit, ein Spielzeug immer wieder aus dem Wagen zu werfen, und als die Mutter es ihm wieder aufhob, dessen überdrüssig, ihm einen kleinen Klapps auf die Hand gab, tat er es doch wieder, nun aber mit einem drolligen Ausdruck im Gesicht, halb belustigt, etwas Verbotenes zu tun, halb ängstlich, was nun geschehen würde."
Ich und mein Mütterlein, Dr. med. Paul Croner, 1915

In diesem Zitat sehen wir gleich noch eine weitere Fehlinterpretation, nämlich die des "Beschwichtigungsgrinsens". Dieses machen kleine Kinder, um ihr Gegenüber freundlich zu stimmen. In einer Welt jedoch, die Kinder als potentielle Tyrannen wahrnimmt, wird es fehlinterpretiert als "freches Grinsen".

Wenn man Babys natürlich kein Bewusstsein, kein Gedächtnis und keinen Verstand zugesteht, lässt sich leicht behaupten, sie hätten keine anderen Bedürfnisse als Luft, Nahrung, Verdauung und Schlaf. Alle Bestrebungen des Babys wurden daher auf diese vier Dinge reduziert. Schrie ein Baby hatte es entweder Hunger oder nasse Windeln. War es satt und trocken, konnte das Schreien keinen Grund haben.

Zudem entstand in diesem Kontext der Ausdruck "Schreien ist die Sprache des Säulings". Dabei ist Schreien immer das letzte Ausdrucksmittel, das ein Baby benutzt. Bevor es schreit, gibt es eine ganze Reihe anderer Signale. Doch wenn man es eh für unfähig hält, gibt man sich halt auch keine Mühe, derartige Signale wahrzunehmen oder zu deuten.

Ähnliches gilt für den Willen des Kindes. Da das Baby kein Wissen und keine Erfahrungen habe, könne es auch keine Erwartungen an seine Umwelt haben.

"Wollen ist möglich nur nachdem Wahrnehmungen gemacht worden sind. Es muss durch wiederholte Vergleichung der Empfindungen (mittelst der Gefühle) das Begehrenswerthe von dem Abzuwehrenden geschieden sein, ehe ein Wollen sich bethätigen kann. Denn wer überhaupt will, weiss was er will und was er nicht will, hat vorher erkannt, was ihm begehrenswerth und was ihm nicht begehrenswerth ist. Das neugeborene Kind weiss davon nichts, hat also keinen Willen. Es hat keine Erfahrungen gemacht, keine Empfindungen miteinander verglichen, nichts von der Aussenwelt wahrgenommen, keine Kenntniss von dem erlangt, was ihm angenehm und unangenehm sein wird. Der Wollende hat diese Kenntnisse durch eigene Erfahrung erworben und richtet danach seine Bewegungen ein."
Die Seele des Kindes, William Preyer, 1895

Zum Überleben und Gedeihen brauchen Babys allerdings auch Nähe und Bezugspersonen. Menschen sind von Geburt an soziale Wesen. Auch wenn das Baby nicht in Worte oder Gedanken fassen kann, was es will, so weiss es doch, dass es sich gerade nicht wohl fühlt und erkennt auch, wann es ihm wieder gut geht. Es lernt "ich wollte auf den Arm genommen werden".

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