Eine kurze Geschichte des Stillens

Dass die Gattung Mensch so unvoreingenommen und problemlos gestillt hat wie jedes andere Säugetier auch, dürfte so lange her sein wie die Anfänge jeglicher Zivilisation. Im 20. Jahrhundert jedoch erreichten die Stillquoten ihren Tiefststand.

Die Stillregeln, die jungen Müttern damals beigebracht wurden, standen einem erfolgreichen Stillen konträr entgegen. Das wissen wir heute. Doch wie konnten diese Regeln dann überhaupt entstehen und sich so hartnäckig halten?

Die meisten Stillregeln haben sich in den letzten 300 Jahren langsam entwickelt. Mal abgesehen vom Adel stillten Frauen im 18. Jahrhundert so, wie sie es von ihren Müttern, Tanten, Schwestern und Hebammen kannten und lernten, denn Stillen ist ein soziokultureller Vorgang.

Im 19. Jahrhundert sanken die Stillquoten im heutigen Süddeutschland rapide gen Null. In Norddeutschland stillte die Landbevölkerung um 1870 im Schnitt schätzungsweise noch 14 Monate lang. Doch in den höheren Ständen und in den Städten verbreiteten sich neues medizinisches Wissen und neue Ansichten über die Kindererziehung, so dass letztlich im gesamten deutschsprachigen Raum kaum oder nur noch kurz gestillt wurde.

Anmerkung: In Niederbayern erbte in der Regel der älteste Sohn den Hof. Er gründete seine eigene Familie während er noch bei den Eltern wohnte, so dass die Schwiegertochter sich den Hausregeln der Schwiegereltern unter zu ordnen hatte.
In Niedersachsen erbte für gewöhnlich der jüngste Sohn den Hof. Er übernahm ihn am Tag seiner Hochzeit, was seine Frau zur Hausherrin machte. Nicht selten erbten hier auch Töchter den Hof ihrer Eltern.

Um 1830 waren die von Ärzten propagierten Forderungen geradezu ideal für einen Stillerfolg. Das Wochenbett sollte in Ruhe und mit dem Kind zusammen verbracht werden. Man wusste, dass Neugeborene sehr kleine Mägen haben und häufig trinken müssen. An eine Regelmäßigkeit sei daher in den ersten Wochen nicht zu denken, hieß es. Stillabstände von 2-3 Stunden hielt man zwar für erstrebenswert., zum Herbeiführen dieser Abstände wurden aber hauptsächlich sanfte Methoden wie Ablenken, Trösten oder die Gabe von Wasser vorgeschlagen. Die Ärzte forderten die Frauen auf, neun Monate lang zu stillen. Das vollständige Abstillen sollte aber nicht im Sommer geschehen, da es dann durch verdorbene Kuhmilch häufiger zu gefürchteten Durchfallerkrankungen kam. Wurde das Kind also im Sommer neun Monate alt, so sollte man bis zum Herbst weiter stillen.

Im Laufe der Zeit gewannen die Stillabstände immer mehr an Bedeutung. Sie wurden länger und sollten immer früher eingeführt werden. Die Ärzte wurden immer strenger in ihrem Ton. Zunächst waren sie übereingekommen, dass Regelmäßigkeit in allen „animalischen Vorgängen“ für den menschlichen Organismus von Vorteil und dann äußerst wichtig sei. Alle Unregelmäßigkeiten würden auf Krankheiten hinweisen und könnten auch zur Ursache für Krankheit werden. Mit den Fortschritten in der Medizin und der Hygiene kam die Erkenntnis, dass Krankheiten nicht Schicksal, sondern vermeidbar seien. Aus dieser Möglichkeit der Krankheitsvermeidung wurde allmählich eine Pflicht. Wer krank wurde bzw. wessen Kind krank wurde, musste etwas falsch gemacht haben und war Schuld an der Krankheit. Aus diesem Druck entstand eine regelrechte Kontrollsucht. Wie oft trinkt das Kind? Wie viel trinkt das Kind? Wie lange trinkt das Kind? Wie viel Gramm nimmt es pro Tag zu?

Kontrolle spielte auch in der Erziehung eine immer größere Rolle. Das gipfelte darin, dass schon Neugeborene durch feste Abstände zur Regelmäßigkeit und durch Nahrungsbegrenzung zur Selbstbeherrschung erzogen werden sollten. Wir schreiben nun das Jahr 1935. Mutter und Kind werden nach der Geburt für 24 Stunden getrennt. Die Mutter darf ihr Neugeborenes niemals mit ins Bett nehmen, da der Wochenfluss als höchst infektiös und als Gefahr für das Baby angesehen wird. So lange sie im Krankenhaus ist, bekommt die Mutter ihr Kind nur alle vier Stunden für eine begrenzte Zeit zum Stillen gebracht. In der Nacht gibt es eine achtstündige Pause von Anfang an. Auch Zuhause hat sich die Mutter streng an die Zeiten zu halten. Zudem sollte sie die Hände und die Brüste vor jedem Stillen gründlich reinigen. Bei jeder Mahlzeit durfte nur eine Brust gereicht werden, welche nach dem Stillen noch manuell zu entleeren war. Abstillen sollte man nachwievor nach neun Monaten, doch die Ärzte wussten, dass die wenigsten Mütter so lange stillen konnten. Man führte dies allerdings auf die angebliche Degeneration der deutschen Frauen zurück statt auf die fürchterlichen Stillregeln.

So ist das „Stillparadies“ in gerade einmal 100 Jahren komplett verschwunden.

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