Epilepsie in einer Beschreibung von 1798 - Paulitzky §124

Anleitung für Landleute zu einer vernünftigen Gesundheitspflege, Heinrich Felix Paulitzky, 1798

Von der Fallsucht, Epilepsie, den Gichtern, dem bösen Wesen etc.

§ 122 Zufälle der Fallsucht
§ 123 Ihre Ursachen

§. 124.

Wie man sich inn- und außer den Anfällen verhalten muß.

Während dem Anfall hat man wenig zu thun. Es ist nicht allein ohne Nutzen, sondern auch gefährlich, wenn man den Kranken mit starkriechenden geistreichen Dingen anstreicht, oder ihm solche gar eingießet, wenn man ihn stark frottiert, sehr fest hält und die eingeschlagenen Daumen mit Gewalt aufbricht. Man thut am allerbesten, wenn man den Kranken sich selbst überläßt, und nur Acht giebt, daß er sich durch Stoßen und Fallen nicht beschädige. Man kann ihm ein Röllchen von fest zusammengewickelter Leinwand zwischen die Zähne stecken, um dadurch zu verhindern, daß er sich die Zunge nicht verbeiße. Nur dann, wann der Anfall gar zu heftig ist, oder zu lange dauert, muß man suchen, ihm ein Klystier von Kamillenthee mit Baumöl und Seife beyzubringen.

Wenn ein Fallsüchtiger nach dem Anfall sehr lange wie betrübt und leblos liegen bleibt, so muß man ihm das Rückgrat, die Arme und Beine mit wollenen Tüchern reiben, man muß ihm kaltes Wasser ins Gesicht sprützen, oder das Gesicht mit Weinessig waschen. Wenn etwa das Gesicht aufgetrieben, braun oder blau ist, so muß man am Halse oder am Arme zur Ader lassen. Man bringe den Kranken in ein Bad von lauwarmem Wasser oder wenigstens in ein tieges Fußbad, und wenn es möglich ist, so applizire man ihm ein Klystier. Sobald er wieder zu sich gekommen ist und schlucken kann, läßt man ihn eine Schaale warmen Thee von Holderblüthen oder Melissen, mit einem Löffel voll Weinessig trinken.

Allemal kann der Kranke nach dem Anfall etwas warmen Thee trinken, um die Ausdünstung dadurch zu befördern.

Leute, welche die fallende Sucht haben, sind insgemein, zwischen den Anfällen stark und munter, und haben mehrentheils einen guten Appetit. Sie essen alles, was ihnen vorkommt, überfüllen sich gerne und nähren ihre Krankheit dadurch; denn sie verderben den Magen, es sammlen sich um so mehr Unreinigkeiten, und selbst die überflüßige Nahrung vermehrt die Anfälle der Fallsucht. Die Mäßigkeit im Essen und Trinken ist daher für Fallsüchtige von der größten Wichtigkeit, die Kranken müssen ihrem Appetit so viel abbrechen, als sie können und sich nur auf eine geringe Menge von Nahrungsmitteln einschränken.

Sie müssen alle Speisen vermeiden, die im Magen leicht zu einem dicken zähen Schleim werdn, die blähend, scharf und erhiztend sind, und die Nerven angreifen. Alle rohen Mehlspeisen, Mehl- und Grützbreye, Klöse, Pfannkuchen, trockene Erbsen, Bohnen, Linsen, Kartoffeln, Erdäpfel, Buttergebackenes, harte Eyer und Eyergebackenes, frisches oder schlecht ausgebackenes wässeriges Brod, der alte Käse und Speck, Schweinenfleisch, geräuchertes Fleisch, Gänse, Enten, Aale, Stockfisch - alle stark gesalzene und gewürzte Sachen, Zwiebeln, Knoblauch, Petersilien - sind ihnen in aller Absicht schädlich; auch der Kaffee, das Bier, den Wein und Branntwein müssen sie meiden, zumal wenn sie bey der Krankheit schon alt geworden sind.

Die Enthaltung von diesen Dingen hilft oft mehr als alle Mittel, die man gegen die Krankheit gebrauchet: wenigstens können diese niemals etwas helfen, wenn keine Diät beobachtet wird.

Die Fallsüchtigen befinden sich allemal desto besser, je einfacher, milder und leichter ihre Kost ist, Man hat Beyspiele, daß sich die Krankheit verlohren, wenn die Kranken nicht anders als reines Wasser getrunken - oder sonst nichts genossen haben, als Milch, Gemüse und andre Speisen aus dem Pflanzenreiche. Ihr Abendessen muß insbesondre gering seyn, und sie dürfen nicht mit vollem Magen zu Bette gehen, denn dieses verursachet unruhige ängstliche Träume, mit welchen die Fallsüchtigen ohnehin schon sehr beschweret sind.

Es ist nöthig, daß sie sich viele Bewegung machen, Das Reiten ist ihnen vorzüglich zuträglich. Sie müssen sich in einer trocknen, reinen und temperirt warmen Luft aufhalten. In dumpfigen Stuben befinden sie sich übler: der Kohlendampf und jeder starke Geruch, es sey was für einer es wolle, auch der süße Geruch von Blumen greift ihre Nerven an, und beschleuniget und verstärkt ihre Anfälle.

Eben dieses geschiehet von einer starken Hitze und Kälte.

Gemeiniglich sind diese Kranke sehr empfindlich; aber bey jedem heftigen Affekt laufen sie Gefahr, einen Anfall zu bekommen. Sie müssen daher, so viel es möglich ist, aller Gelegenheit ausweichen.

Es folgen in nächster Zeit:
§ 125 Was man sonst noch gebrauchen kann.
§ 126 Warnung vor schädlichen und unnützen Mitteln.
§ 365 Von den Zuckungen und Gichtern der Kinder.

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