Epilepsie und andere Zuckungen bei Kindern, 1798 - Paulitzky §365

Anleitung für Landleute zu einer vernünftigen Gesundheitspflege, Heinrich Felix Paulitzky, 1798

Von der Fallsucht, Epilepsie, den Gichtern, dem bösen Wesen etc.

§ 122 Zufälle der Fallsucht

Dies traurige Krankheit ist unter dem Landvolk gar nicht selten. Die Kinder sind einer Gattung von derselben vorzüglich unterworfen; sie haben eine größre Anlage dazu als Erwachsene, und die Krankheit wird bey ihnen von mehrern Ursachen veranlasset, die bey Erwachsenen nicht statt finden. Ich werde davon insbesondre noch bey den Kinderkrankheiten reden.

§ 123 Ihre Ursachen
§ 124 Wie man sich inn- und außer den Anfällen verhalten muß.
§ 125 Was man sonst noch gebrauchen kann.
§ 126 Warnung vor schädlichen und unnützen Mitteln.

§. 365.

Von den Zuckungen und Gichtern der Kinder.

Die Kinder haben sehr empfindliche und reizbare Nerven, Daher sind sie den Zuckungen und Gichtern so sehr unterworfen. Manche haben vor andern eine große Anlage dazu. Sie machen selten eine Krankheit in sich; sondern fast allemal sind es Würkungen einer andern. Daher können sie gar vielerley Ursachen haben.

Mehrentheils entstehen sie bey Säuglingen von Verstopfungen, von zurückgebliebenem Kindspech, Säure und daher rührendem Leibreißen, von Diätfehlern der Mutter. Bey etwas ältern Kindern entstehen sie von beschwerlichem Zahnen, von Würmern, oft auch von zurückgetretenen Ausschlägen, vor dem Ausbruch der Pocken, Masern etc.

Wenn ein Kind, bey welchem einer oder der andere von diesen Fällen zutrifft im Schlafe lächselt, so hat man Grund zu besorgen, daß es die Gichter bekommen werde. - Wenn es darauf anfängt, die Augen zu verdrehen, und blau im Gesichte wird, so ist die Krankheit würklich vorhanden. Manchmal wird nur eins oder das andere Glied, ein andersmal der ganze Leib krampfhaft bewegt. Dann hat die Krankheit viel ähnliches mit der fallenden Sucht.

Da dieser Zufall von so mancherley Ursachen herrühren kann, so fällts in die Augen, daß man nicht einerley Mittel dagegen gebrauchen dürfe. Die, welche in einem Falle helfen, sind in dem andern unwürksam oder gar schädlich. So ists mit dedn mancherley Gichtpulvern, dem Marggrafenpulver, Doctor Michels Pulver, der Päonienwurzel, den erhitzenden und beruhigenden Arzneyen, dem Hirschhorngeist, Agsteinöl, Theriak, Mithridat, Klatschrosensaft. - Manche helfen zu gar nichts, wie die Anhängsel von Elendsklauen, Eisenkraut etc. Man muß die Ursachen des Uebels aufsuchen, dann ist es mehrentheils leicht, dasselbe zu entfernen.

Kommen die Gichter von verhaltenen Unreinigkeiten in den ersten Wegen, von Verstopfung, dem zurückgebliebenen Kindspech, oder Säure, so muß man diejenigen Mittel anwenden, die in dem 345. und 348. § dagegen empfohlen worden.

Wenn die Mutter oder Amme sich geärgert hat, oder erschrocken ist, und gleich darauf das Kind an die Brust legt, so kann dieses sehr krank davon werden; denn die Milch wird verdorben und scharf. Sie verursache gemeinglich Erbrechen, Leibreißen, Unruhe; das Kind fährt im Schlaf auf, und oft bekommts Gichter, die manchesmal tödtlich werden. Das nämliche kann bisweilen bey zärtlichen Kindern geschehen wenn die Mutter grobe Diätfehler begehet, z. B. wenn sie ungewohnte scharfe und saure Dinge genießet, wenn sie nüchtern Branntwein trinkt, und gleich hernach das Kind säuget. Hier kommt alles darauf an, daß die verdorbene Milch weggeschafft werde. Daher muß man dem Kinde sogleich ein Klystier aus Milch, Zucker und Oel beybringen, und solches, wenn es nicht besser darauf wird, nach einiger Zeit wiederholen. Man kann ihm Lindenblüththee zu trinken geben; aber in einem oder zwey Tagen darfs nicht an der Brust trinken. Man nährt es indessen mit Wecksuppen, oder andern schicklichen Speisen.

Manchmal bekommen die Kinder die nämlichen Zufälle, wenn ihnen die Mutter, bey der eben die Monatszeit eintritt, die Brust giebt. Man gebraucht dann die ebengedachten Mittel und entwöhnt das Kind.

Was man bey Zuckungen und Gichtern, die vom Zahnen entstehen, zu thun habe, ist im 357. §. gelehrt worden.

Die Gichter, welche von Würmern herrühren, sind mehrentheils sehr heftig; aber man kann die Anfälle leicht heben, wenn man dem Kranken unverzüglich ein Klystier von lauwarmer Milch setzt. Wenn es verstopft ist, so muß man ein wenig Salz dazu thun, sonst aber nicht. Wenn der Anfall vorüber ist, so muß man nach der im vorigen §. angegebenen Art, die Würmer zu vertriben suchen.

Wenn die Gichter daher entstehen, daß Ausschläge zurückgetreten, oder durch äußerliche Mittel vertrieben worden, so muß man sich bemühen, sie wieder hervorzubringen (M. s. im 355 §.)

Am wenigsten hat man Ursache sich vor den Gichtern zu fürchten, die bisweilen kurz vor dem Ausbruche der Blattern, Masern oder dem Scharlachfieber vorhergehen. Sie sind selten gefährlich. Im Gegentheil geben sie eine gute Vorbedeutung, daß die Krankheit gutartig seyn wird. Man hat daher nicht nöthig, etwas besonders dagegen zu brauchen. Allenfalls setzt man das kranke Kind ein Paar Minuten lang in einlaues Bad, trocknet es dann ab, bringt es in ein warmes Bette, und giebt ihm Holder- oder Lindenblüththee zu trinken.

Während dem Anfall der Gichter, kann man überhaupt wenig thun. Die einzigen und nützlichsten Mittel sind Klystiere und lauwarme Bäder. Wenn der Anfall sehr heftig und anhaltend ist, so kann man dem Kranken das Gesichte mit kaltem Wasser besprützen, und ein Tuch, das in warmen Wein getunkt worden, um ihn herumschlagen, oder auch ein Tuch mit Essig oder Branntweiln befeuchtet, auf den Magen legen. Man kann den Kranken nichts eingeben, weil sie entweder gar nicht, oder doch nicht leicht schlucken können. Es ist schädlich, wenn man sie während dem Anfall mit starkriechenden geistigen Dingen bestreicht, wenn man sie heftig rüttelt, die Daumen ausbricht und den Körper feste hält. Man muß sie nur auf ein Bette legen, und ihnen etwas zwischen die Zähne stecken, damit sie sich die Zunge nicht zerbeißen.

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