header photo Freitags-Fundstück: Interview mit Miriam Gebhardt

Miriam Gebhardt ist Historikerin und Autorin des Buchs "Die Angst vor dem kindlichen Tyrannen". In der Zeitschrift Nido gab es am 9.1.2014 ein Interview mit Frau Gebhardt, das hier gelesen werden kann.

Sie erzählt in dem Interview unter anderem von dem Einfluss Haarers auf die heutige Erziehung, ihrer eigenen Erziehung und unserer Sicht auf Aufopferung in der Mutterschaft.

Auch das Buch ist lesenswert. Es enthält viele höchst interessante Sichtweisen und Ideen. So finde ich Gebhardts Blick auf das Werk von Sigrid Chamberlain ("Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind") sehr gut nachvollziehbar und schließe mich ihr an, dass Frau Chamberlain eine recht einseitige Sicht auf die NS-Erziehung hat. Insbesondere lässt Sigrid Chamberlain die Entwicklung hin zur der NS-Erziehung außer Acht, mit der ich mich so intensiv in diesem Blog beschäftige. Siehe z.B. Die Haarer ist Schuld! Oder etwa nicht?

An wenigen anderen Stellen jedoch bin ich durchaus anderer Meinung als Miriam gebhardt. Sie vermutet beispielsweise, dass Eltern früherer Generationen -speziell im 19. Jahrhundert- eine weniger enge (emotionale) Bindung an ihre Kinder gehabt hätten. Als Indiz dafür führt sie u.a. an, dass im Falle des Todes eines Kindes dessen Vorname bei Geburt eines weiteren Kindes erneut vergeben wurde. Die Kinder seien also "austauschbar" gewesen.
Das sehe ich nicht so. Mein Hobby der Familienforschung hat mich gelehrt:

  • Der Namensraum war knapp bemessen. Die Eltern hatten keine so große
    Auswahl an Vornamen.
  • Vornamen waren mitunter abhängig von denen der Paten. Wenn die Paten
    von Kind A dieselben Vornamen wie die von Kind B hatten, so bekam auch
    Kind B dieselben Vornamen wie Kind A.
  • Die erneute Vergabe des/der Vornamen könnte auch als Ehrung des
    verstorbenen Kindes bzw. als Wunsch, den verlorenen Menschen zu
    ersetzen, gedeutet werden.
  • Es gab auch doppelte Vergaben derselben Namen, wenn das erste Kind gar
    nicht gestorben war.

Als Anhängerin der Bindungstheorie sehe ich, dass das Wochenbett -wie es damals gehandhabt wurde- eine fast ideale Grundlage für eine gelungene Mutter-Kind-Bindung war. Ich vermute, dass die Bindung zu dieser Zeit wesentlich größer war als zur NS-Zeit; auch wenn die Eltern dann, wie Miriam Gebharst bemerkt, die Kinder genauer beobachteten.

Dieses Beobachten und ständige Kontrollieren steht meiner Meinung nach einer guten Bindung eher entgegen. Je mehr man kontrollieren und in Formen zwängen will, desto frustrierter wird man, da das Kind eben nicht beliebig formbar ist. Die Erwartungen waren damals völlig überzogen. Der entstehende Frust wandelte sich früher oder später in Aggression gegen das Kind und somit in emotionale Abkehr vom Kind. Denn bei Misserfolg wurden ja nicht etwa die eigenen Erwartungen überprüft, sondern die Schuld wurde dem Kind gegeben. Evtl. könnte man das genaue Beobachten sogar interpretieren als "kenne deinen Feind".

Der Epilog wiederum spricht mir aus der Seele. Hier schreibt Miriam Gebhardt:

Wer heute wieder lauthals fordert, Fachleute sollten sich in die Familienerziehung einmischen und möglichst verbindlich die richtigen Regeln zur Ernährung und Erziehung unters Volk bringen ("Elternführerschein"), wer meint, Kinder müssten wieder Disziplin und Gehorsam lernen, wer ständig von "Grenzen" spricht, die Eltern wieder ziehen müssen, der muss sich gefallen lassen, dass man ihn zu dem Wort "wieder" befragt; dass man an die Vergangenheit erinnert - an all die Ratgeberpäpste und -päpstinnen, die dazu beigetragen haben, dass den deutschen Eltern angst und bange wurde vor ihren "kindlichen Tyrannen".

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