Geburtshilfe in Portugal - Ein Bericht von 1798

Ein nicht näher beschriebener Dr Langsdorf schrieb 1798 auf einer Reise durch Portugal an den berühmten Geburtshelfer Friedrich Benjamin Osiander (1759-1822). Ein Jahr später veröffentlichte Osiander den Brief in seinem Buch Neue Denkwürdigkeiten für Aerzte und Geburtshelfer (S. 315 ff) mit einigen Anmerkungen versehen.

Der Brief gibt einen interessanten Einblick in die Unterschiede zwischen den Kulturen. Faszinierend ist beispielsweise, dass eine kniende Gebärposition von beiden Ärzten als bei unproblematischen Geburten unschädlich anerkannt wird, sie aber keine Folgen daraus ziehen. Es kommt ihnen nicht in den Sinn, dass auch deutsche Frauen so gebären könnten. Osiander sucht regelrecht nach Gründen, diese Position abzulehnen.

Nachrichten aus Lissabon über das weibliche Geschlecht, die Geburten, und Entbindungskunst in Portugal

"Nach einer Reise durch verschiedene Provinzen des Königreichs, auf welcher ich mehrere Monate zugebracht habe, bin ich endlich glüklich in der Hauptstadt angekommen, und eile, Ihnen einige Nachrichten, die unsere Kunst betreffen, mitzutheilen.

Von Büchern, die Entbindungskunst betreffend, habe ich nach allen bis jezt eingezogenen Nachrichten nur ein einziges in Portugiesischer Sprache ausfindig machen können, und auch dieses einzige ist blos eine Uebersezung, der Titel desselben ist: Breves instruccoēs sobre os partos a favor das parteiras das provincias feitas por ordem do ministerio por Mn Raulin, obra traduzida do francez por M.R.d.A. Lisboa 1772 (neueste Ausgabe). Das Original ist Ihnen bekannt1). Sie können also aus dieser Wahl leicht von selbst auf den Zustand der Litteratur der Entbindungskunst hier schliessen.
Oeffentliche Lehranstalten zum Unterrichte der Hebammen giebt es hier nicht. In Coimbra und Lissabon wird die Entbindungskunst gelehrt, allein blos oberflächlich. Die Hebammen in der Hauptstadt, und einigen andern grossen Städten werden von Chirurgen unterrichtet, die fast eben so wenig wissen, als die Weiber, welche von ihnen unterrichtet werden sollen. Auf dem Lande weis man beynahe nichts von einer Hebamme. Eine alte Frau steht in Geburten bey, und ihre ganze Kunst besteht im Abschneiden der Nabelschnur2).

Etwas aufgeklärte Personen fürchten sich vor den Hebammen, und nehmen lieber gar keine. Ein treuer Hausvater versicherte mich, dass er jedesmal bey seiner Frau Hebammendienste verrichtete.

Fällt etwas Widernatürliches bey Geburten vor, so ist nirgends Hülfe zu finden. Ist die Natur selbst nichtvermögend, die Schwürigkeiten zu überwinden, so ist die arme Mutter samt der Frucht verlohren. Dergleichen Beyspiele habe ich in einigen Provinzen erfahren.

In Lissabon selbst ist man doch etwas besser daran. Es sind hier einige Geburtshelfer, zu denen man seine Zuflucht nehmen kann. In der Hauptstadt gebären die meisten Frauen in einer liegenden Lage auf einem Bette, oder auf einem gewöhnli- Stuhl, oder auch auf zweyen neben einander stehenden Stühlen. In den Provinzen aber ist es anders.

Die meisten Weiber gebären, indem sie sich auf die Kniee legen, mit vorwärts gebeugtem Kopf und zusammengeschlagenen Armen, welche sie auf einen Stuhl oder ein Bett auflegen, und während dem knieet die so genannte Hebamme hinter der Gebärenden,  um auf diese Art die Frucht zu empfangen3). Einige wenige gebären auf einem Stuhl; aber, wie man mich versicherte, niemals auf einem Bette.

Man hört wohl auch in den Provinzen von widernatürlichen und schweren Geburten; allein im Ganzen doch weniger als in unserem kälteren Teutschlande. Mutterblutflüsse hingegen sind häufiger4).

In der Provinz Beira fragte ich einen alten ehrwürdigen, und, wie es mir schien, verständigen Arzt eines Ortes von 600 Feuerstellen, wie es hier um die Entbindungskunst stände? Er antwortete mir, dass man gar keine rechte Hebamme hier kenne. Und auf die Frage, ob und welcher Werkzeuge man sich denn gewöhnlich bey schweren widernatürlichen Geburten bediene? antwortete er: das gewöhnlichste Werkzeug, eine Geburt zu erleichtern,  sey ein Mutterspiegel; Allein auch diesen habe nicht einmal der im Ort befindliche Chirurgus; und von Zangen oder Hebel habe man noch nie etwas auf dem Lande gehört. Hieraus ermessen Sie, in welchem Zustand die Entbindungskunst in diesem Reiche ist.

Ich sagte vorhin, dass die Geburten im Ganzen hier leichter seyen, als in Teutschland. Das warme Clima mag dazu freylich das Meiste beytragen;  indessen glaube ich, dass eine Sitte und Gewohnheit, die mir hier auffiel, auch sehr vieles zu dem leichteren Gebären beyträget. Diese ist nemlich folgende: Bürger- und Bauerweiber und ihre Töchter, von der mittleren Klasse an bis herunter, kennen beynahe den Gebrauch der Stühle nicht. Alle häuslichen Verrichtungen verrichten sie, indem sie sich auf die platte Erde auf eine Stroh- oder Wollendeke, auf eben die Art niedersezen, wie in  Teutschland grösstentheils die Schneider zu sizen pflegen, mit kreuzweise übereinander geschlagenen Füssen. Spinnen (nemlich mit Spindeln, dann Spinnräder kennt man hier nicht) Striken, Nähen und andere weiblichen Arbeiten werden in dieser Lage verrichtet. Ich sahe hochschwangere Weiber noch im lezten Monat, ja in der lezten Woche der Schwangerschaft, auf diese Weise arbeiten.

Bürger- und Bauerweiber machen doch unstreitig den grösseren Theil der Gebärenden aus, sollte also nicht diese Gewohnheit es seyn, welche das leichtere Gebären des grösseren Theils des Volkes veranlasst? Sollte man nicht muthmassen dürfen, dass das beständige Auseinanderhalten der Schenkel eine Anlage zu weiteren äusseren Geburtstheilen zuwegen bringe5)?

Ueberdiss muss man wissen, dass das portugiesische schöne Geschlecht eine äußerst sittsame eingezogene Lebensart führt, und, ich werde nicht zu viel sagen, vier bis fünf Mal mehr sizt, als unsre teutschen Frauen. Spazierengehen ist gar nicht üblich; der einzige Ausgang ist Sonntags in die Messe, und viele Tausende kommen ausser diesem gar nicht aus dem Hause. Alle Bestellungen in der Stadt und auf dem Lande werden nicht durch Dienstmägde, sondern durch Bedienten verrichtet; mit einem Wort, viele hundert Frauenspersonen sizen auf die eben beschriebene Art von Morgen bis an den Abend. Selbst in keiner einzigen Kirche sind Bänke oder Stühle, und die Frauenzimmer knieen während der ganzen Messe, und zum Ausruhen sezen sie sich zuweilen auf den flachen Boden.

Dass die Frauenzimmer hier, so wie in allen heissen Climaten sehr frühe mannbar werden, ist eine Ihnen wohlbekannte Sache. Das viehrzehente und fünfzehente Jahr ist ungefähr das, was bey teutschem Frauenzimmer das zwanzigste ist. Die meisten Mädchen heurathen um diese Zeit, zuweilen auch einige Jahre früher. Ich sahe, (freylich eine seltenere Ausnahme) ein Mädchen von zehen Jahren, tüchtig jeden Tag zu heurathen.

Eine andere, für mich wenigstens neue Bemerkung ist die ausserordentliche Fruchtbarkeit vieler Frauen. Es ist nichts Seltenes, Familien von vier und zwanzig Kindern zu sehen, die von einerley Vater und Mutter gezeugt und geboren sind, und ohne dass Zwillinge sich darunter befinden. Ein guter Freund von mir sahe sehr viele Mädchen in seiner Nachbarschaft beständig in einem und denselben Hause, und glaubte, dass eine Schule oder Pension-Anftalt darinnen wäre; bey der Nachfrage aber erfuhr er, dass es achtzehen Kinder Einer Mutter seyn.

Ich wunderte mich zuweilen bey einer oder der andern Familie über die Anzahl der Söhne und Töchter, und sogleich erzählte man mir noch Duzende von Beyspielen, da immer eine Familie noch zahlreicher war, als die andere.

Ich wage es bey weitem nicht, die Ursache dieser ausserordentlichen Fruchtbarkeit ausfindig zu machen, unterdessen erlaube man mir doch die Bemerkung, als wichtig anzuführen, dass die meisten dieser zahlreichen Familien aus Eltern von verschiedenen Nationen zusammengesezt sind; z.B. aus einem Portugiesen und einer Afrikanerin, aus einem Engelländer oder Franzosen mit einer Portugiesin &c. so dass ich beynahe zu behaupten wage, dass kein Ort, ich will nicht gerade sagen in der Welt, allein sicher kein Ort in Europa aus so vermischten Geschlechtern bestehe, als Lissabon6). Bald siehet man einen M*latten mit einer N*gerin, bald einen Europäer mit einer Schwarzen, bald einen M*latten mit einer Weissen sich verheurathen, und diese Mischung von Rassen erzeugt Species von aller Art.

Von Zwillingen ist mir noch nichts zu Ohren gekommen, um ungefähr das Verhältniss angeben zu können, die wie vielste Geburt eine Zwillingsgeburt sey. Indessen wurden vor mehreren Monaten in der Gegend von Porto Fünflinge geboren, welche aber alle, ob sie gleich lebendig zur Welt kamen, in wenigen Tagen starben.

Das Stillen von 24 Kindern nacheinander, möchte man sagen, wird eine Mutter nicht aushalten können. Man muss aber wissen, dass äusserst selten eine Mutter ihr Kind stillt. Die Kinder werden nach der Geburt aufs Land geschikt, und kommen nach einem Jahre von der Amme wieder zurük. Damen von Stande sagen: sie müssten viel zu thun haben, wenn sie ihr Kind selbst stillen wollten. Oft ist aber die Folge davon höchst traurig. Vor wenigen Tagen starb ein Kind, welches nach und nach nicht weniger, als fünf Ammen hatte. Wenn man sahe, dass die eine nicht taugte, so übergab man es einer andern.

Noch ist mir der sehr starke Haarwuchs des Frauenzimmers hier zu Lande aufgefallen. Beynahe alle haben schönes langes Haar. Zu den grossen Seltenheiten der Natur aber mag es gehören, dass eine Dame, in Oporto, die Signora Donna C. drey englische Ellen lange Haare hat. Ausserdem hat das portugiesische Frauenzimmer sehr schöne Füsse, und meistentheils schneeweisse Zähne. - Zu dem ersteren mag wohl das wenige Gehen, und zu  der Schönheit ihrer Zähne das fleissige Reinigen das Meiste beytragen. Nach jeder Mahlzeit wird ein Teller mit Zahnstochern auf den Tisch gesezt, und jede Person bedient sich eines davon. Die Zahnstocher sind meist von sehr weichem Orange-Holz.”,

Lissabon im May. 1798.    

Dr.Langsdorf.

1) Instruction succintes sur les Accouchemens en faveur des Sages-Femmes; Par Mr.Raulin, Dr.en Médec. Edit, augmentée &c. Yverdon 1770. 8. mit 2 Kpf.

2) In einem grossen Theil von Teutschland ist's nicht besser. Schon zu den Zeiten der  Griechen waren die meisten Hebammen nichts weiter als ομφαλοτόμοικαι, und so ist es noch; und so lange der Viehhirte im Dorf sich besser steht, als die Hebamme, kanns nicht besser werden. O.

3) Bey guter Lage und Beschaffenheit der Geburtstheile und der Frucht kann die Geburt in dieser Positur allerdings gut vor sich gehen;  allein bey mehr als natürlicher Neigung des Bekens und bey überhangendem Leibe wird die Geburt durch solche Vorwärtsneigung des Körpers erschwert und verzögert werden, und der Afterunrath dem Kinde bey der Geburt gerade ins Gesicht fallen. Zu dem mag Manche diss Knieen, ohne Krampf in den Fussen zu bekommen, nicht lange aushalten können. O.

4) In allen heissen Climaten sind die Mutterblutflüsse bey Gebärenden und Entbundenen häufig und gefährlich. So sollen die meisten Europäerinnen, die nach Java kommen, an Blutflüssen im ersten Wochenbett sterben. O.

5) Gewiss trägt die morgenländische Art zu sizen zu Erweiterung der harten und weichen Geburtstheile vieles bey, neben dem, dass das Beken durch keinen Druk der Kleidung verbogen und verengert wird. O.   

6) Ganz gewiss ist die Vermischung der Eingebornen mit Ausländern das beste Mittel zur Beförderung der menschlichen Fruchtbarkeit. Bey den Hausthieren und bey den Pflanzen kennt man das Mittel wohl; Aber beym Menschengeschlecht achtet man zu wenig darauf. Je länger die Vermischungen in einer Familie dauern, desto negativer werden die Körper des verschiedenen Geschlechts gegen einander. O.

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