Göttingen 1797: ein Geburtsbericht

*WARNUNG!* Die folgenden Beschreibungen sind sehr explizit und haben keinen guten Ausgang. Rassismus, Misshandlung und Vergewaltigung kommen auch vor.

Friedrich Benjamin Osiander (1759-1822) war ein deutscher Arzt und Geburtshelfer, der lange Jahre das Göttinger Entbindungshospital leitete. In seinem Buch Neue Denkwürdigkeiten für Aerzte und Geburtshelfer von 1799 beschreibt er zunächst ausführlich seinen Werdegang und listet dann 156 Grundsätze auf, die er für die Arbeit eines Geburtshelfers für wichtig erachtet. Zuletzt widmet er sich einigen Fallbeispielen und Erfahrungsberichten zu. Darunter befindet sich ein Geburtsbericht, den ich hier nacherzählen will.

Eine Zyste verengt das Becken

Der von Osiander für diesen Fall gewählte vollständige Titel lautet "Künstliche Entbindung einer N*gerin wegen einem Steatom in der Bekenhöhle, mittelst der Wendung und Zange glüklich vollendet; nebst einer Zoologischen Beobachtung über die schwarze Knochen der Mohrenhühner." Ja, der Bericht ist so rassistisch, wie der Titel vermuten lässt. Nein, die Entbindung endete nicht "glücklich".

Die Frau war 27 Jahre alt und zum zweiten Mal schwanger als sie im März 1797 im Göttinger Entbindungshospital aufgenommen wurde. Laut Osiander stammten ihre Großeltern aus Afrika (nicht näher spezifiziert) und ihre Eltern aus Kanada. Sie selber war in London geboren worden und lebte seit 22 Jahren in Deutschland. Ihr erstes Kind war vor 5 1/2 Jahren geboren und nur sechs Wochen alt geworden. Der Vater war ein Weißer.

Auch dieses Mal war sie von einem Weißen schwanger. Als Tag der Empfängnis gab sie den 1. Oktober 1796 an. Natürlich lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen, warum sie sich diesen Datums so sicher war, oder unter welchen Umständen sie diese Aussage gemacht hat. Ich muss anmerken, dass es allerlei Gründe und selbstgemachte Regeln gab, nach denen Schwangere oder auch Hebammen und Ärzte meinten, den Tag der Empfängnis bestimmen zu können. Dennoch lässt sich nicht von der Hand weisen, dass es gut möglich ist, dass sie es deshalb so genau wusste, weil sie vergewaltigt worden war. Jedenfalls lässt sich sagen, dass es in einer liebenden Beziehung mit einvernehmlichem Verkehr wesentlich schwieriger ist, eine Empfängnis zu datieren, als bei einem Übergriff, solange dieser nicht mehrmals im Monat geschieht.

Das Aussehen der Schwangeren wird beschrieben, ohne das dies eine Relevanz für die Schwangerschaft oder Geburt hätte. Es gleicht einer Kuriositätenbeschau. Die Schwangere wurde äußerlich und innerlich untersucht, wobei eine Zyste der Größe eines halben Hühnereies und so hart wie ein Knorpel entdeckt wurde. Die innere Untersuchung wurde mehrfach wiederholt.

Die Schwangere litt außerdem an Husten und Ausfluss. Osiander berichtet, dass sie den Winter größtenteils in einer kalten Stube hatte zubringen müssen, wo sie sich an einem sogenannten "Feuerstübchen" wärmte. Diese, auch "Fußstövchen" genannten Wärmespender wurden mit glühender Kohle betrieben, so dass es nicht verwunderlich ist, dass sie - wie auch bei dieser armen Frau - häufig zu Verbrennungen führten.

Durch die Arzneien, die gegen den Husten eingesetzt wurden, bekam die Schwangere einen krätzeartigen Ausschlag. Osiander beschreibt genau, welche Mittel ihr gegeben wurden, und wie versucht wurde, die Zyste schrumpfen zu lassen. Die rassistischen Beschreibungen, die er dabei einfließen läßt, erspare ich Euch hier genauso wie die Details der Behandlung.

Etwa drei Wochen vor der Entbindung "hatte sie das Unglük, dass sie rüklings auf eine steinerne Treppe fiel." In den letzten zwei Wochen der Schwangerschaft "behauptete sie", keine Kindsbewegungen mehr wahrzunehmen.

Am 1. Juni 1797 verlor sie Fruchtwasser. Kein Wort verliert Osiander darüber, dass dies zu früh ist. Ausgehend vom 1. Oktober als Tag der Empfängnis wäre der 24. Juni und sie war im sechsten Monat in die Klinik gekommen. In seinen 156 Grundsätzen hatte Osiander noch darauf gepocht, dass eine Schwangerschaft 39-40 Wochen dauern müsse, um als natürlich und nicht als widernatürlich gelten zu können. Da wäre es doch zu erwarten, dass es ihm eine Bemerkung wert wäre, dass die Geburt über drei Wochen vor Termin los ging. Das kann eigentlich nur dann nicht relevant gewesen sein, wenn der Ausgang der Geburt für ihn nicht relevant war.

Natürlich wurde sofort innerlich untersucht. "Bey der innern Untersuchung fühlten ich und andere das Steatom," das sich an der linken Beckenseite befand. "Der Muttermund war 2 Finger breit geöffnet, und der Kopf lag über dem Steatom auf dem Eingang in das kleine Beken." Die innere Untersuchung wurde im folgenden mehrfach wiederholt.

Die Geburt kam nur sehr langsam in Gang und es ist unklar, ob Osiander dachte, das Kind sei noch am Leben oder nicht. Klar ist nur, dass es ihm mehr um sich ging als um die Gebärende und ihr Baby.

"So blieb es den ganzen Tag; Gegen Nacht kamen die Wehen stärker, und in der Nacht erweiterte sich der Muttermund mehr, aber der Kopf konnte nicht ins Beken eintreten, Dennoch lies ich der Natur noch mehr Zeit, weil ich wünschte, dass sich der Kopf einkeilen möchte, indem ich ihn als dann mit der Zange herauszubringen Hoffnung hatte.
An Perforation dachte ich nicht, weil ich sie, wie ich hoffe, in meinem Leben nie wieder vornehmen werde; zum Kaiserschnitt hatte ich keine Lust, und daher sah ich das Steatom nicht für eine schöne Gelegenheit an, diese Operation zu machen, sondern traute mir zu,noch ohne Schneiden fertig zu werden, nachdem ich in meinem Leben so manches Kind unverlezt durch ein enges Beken gebracht hatte."

Die hier erwähnte Perforation ist das Durchlöchern der Schädeldecke des Ungeborenen. Bei im Mutterleib verstorbenen Kindern konnte mitunter die Mutter gerettet werden, indem das Kind im Mutterleib zerstückelt wurde. Manchmal wurde das Kind aber auch absichtlich oder unabsichtlich erst durch dieses Vorgehen getötet. Osiander beschreibt im ersten Teil des Buches, wie er einmal eine solche Zerstückelung vorgenommen hatte, bei der das Kind schon tot war. Danach wurde ihm bewusst, dass es in diesem Falle zwar "gut gegange" war, er aber ja nie mit absoluter Sicherheit wissen könne, ob das Ungeborene tatsächlich tot sei, und dass das Zerstückeln für die Eltern so oder so ein schreckliches Erlebnis ist. Osiander schwor darauf hin, diese Operation nie wieder durchzuführen, und führte in seinen 156 Grundsätzen auf, dass ein guter Geburtshelfer sich der dafür nötigen Instrumente nie bedienen würde.

Diese Geburt ging jedoch nicht voran und es lag nahe, dass die Zyste verhinderte, dass der Kopf sich richtig ins Becken einstellte. Was also tun? Osiander unternahm mehrere Versuche, das Kind mit der Hand oder Zange am Kopf nach draußen zu befördern. Da dies nicht von Erfolg gekrönt war, beschloss er, das Kind umzudrehen und mit den Füßen zuerst zu holen. Das folgende lasse ich Osiander selbst beschreiben. 

Nachdem ich nun auf verschiedene Weise die Zangenblätter in gehöriger Lage zu erhalten, vergeblich mich bemüht hatte, so gab ich die Versuche, das Kind mit dem Kopf voran zur Welt zu bringen, auf, und hoffte bey der Wendung auf die Füsse in Absicht der Entbindung glüklicher zu seyn, ob ich gleich wohl wusste, dass auch dann das Hereinziehen des Kopfes ins Beken keine geringe Schwürigkeit machen würde. 
Ich gieng nun mit der linken Hand und einer Schlinge in die Gebärmutter ein, und hatte nicht wenig Mühe, der Füsse, die nach der Vorderwand des Uterus gekehrt waren, habhaft zu werden. Allein nachdem ich die mit den Fersen nach dem Muttergrund gekehrte Füsse durch ein eigenes Manoeuvre an den Knieen zu einer Querlage im Uterus gebracht hatte, so gelang es, Schlingen an die Füsse zu bringen, und nun zog ich solche ausser dem Leibe mit der linken Hand an, während ich mit der rechten den vorliegenden Kopf in die Höhe schob. 
Sobald die Füsse vor den Geburtstheilen waren, zog ich den linken Arm an Leib gestrekt herab, und nun gieng das Hervorziehen des Kindes bis an Hals gut von Statten; die Arme, deren einer schon herabgestrekt war, waren jezt bald gelöset, und der Kopf land verkehrt auf dem Eingang in die Bekenhöle. 
Jezt wendete ich das Gesicht des Kindes in die rechte Seite des Bekens, drükte die Kinladen an den Hals, zog den Kopf auf die Bekenöffnung, legte meine, vornen ganz zusammenschließende Zange im schiefen Durchmesser an, und wog nun durch ein eigenes Manoeuvre den Kopf herad in die Bekenhöle. Sobald diss gelungen war, so waren nur noch 10 bis 12 kräftige Tractionen nothwendig, und der Kopf war glüklich zur Welt. Das Kind gab kein Zeichen des Lebens mehr von sich, und war wahrscheinlich schon vor der Wendung todt, weil beym Herabholen der Füße und Arme überhaupt keine Bewegung der Glieder verspürt wurde. Auf der Stirne sah man einen leichten Eindruk von der Zange.
Die ganze Operation hatte eine gute halbe Stunde gedauert, mit allen Zurüstungen fünfviertelstunden. Die Kreisende hatte sich ziemlich ruhig betragen; Nur das erste Einbringen der ganzen Hand schien ihr sehr schmerzhaft zu seyn. 
Die Nachgeburt folgte ohne mehr, als gewöhnlichen, Blutabgang bald nach.

Die dem Geburtsbericht folgende Beschreibung des Kindes fokussiert sich darauf, dass es sich um das Kind einer Schwarzen und eines Weißen handelt. Zuletzt werden Kopfumfang, Größe und Gewicht des Kindes erwähnt, ebenso wie die Länge der Nabelschnur.

Das Wochenbett verbrachte die verwaiste Mutter im Hospital, wo sie Arzneien gegen Milchbildung und Milchfieber bekam. Auch werden ihr Mittel zur Schweißverminderung gegeben. Osiander betont immer wieder, wie abscheulich er und die Pflegerinnen den Körpergeruch der Frau finden würden, und dass das daran läge, dass sie eine Schwarze sei. Die Zyste (wenn es denn überhaupt eine war) hatte die Frau bei der Entlassung am 27. Juni noch immer.

Osiander macht noch einige abschließende Bemerkungen zu diesem Fall. Geburtshilflich relevant ist dabei nur seine Ansicht, dass eine Zyste im Becken nur dann einen Kaiserschnitt rechtfertigen würde, wenn ansonsten das Kind nicht ohne Zerstückelung an der Zyste vorbei geholt werden könne. Er legt enorm großen Wert auf die "körperliche Unversehrtheit" des Kindes, aber anscheinend kaum einen auf dessen Leben. Denn dass das Leben des Kindes durch einen Kaiserschnitt vielleicht gerettet werden könnte, findet in seinen Erläuterungen keine Erwähnung. 

Der Rest seiner Bemerkungen bezieht sich ausschließlich auf angebliche Unterschiede zwischen Schwarzen und Weißen.

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