header photo Gegen strenge Zeiten beim Stillen, 1892

Schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts wollten viele Ärzte sehr strenge Regeln für das Stillen durchsetzen. Vor allem die Abstände zwischen den Mahlzeiten und deren Anzahl sollte fest vorgegeben werden. Doch bis ihnen das Durchsetzen dieser Lehrmeinung in den 1920ern und 1930ern gelang, gab es laute Gegenstimmen.

In Wie behütet man Leben und Gesundheit seiner Kinder? läßt Dr. Ernst Brücke einige davon zu Wort kommen.

"Die weitere Frage ist: Wie oft soll das Kind Nahrung bekommen? Es wird von einigen gelehrt, man solle das Kind von vornherein nur alle drei Stunden anlegen, von andern, man solle ihm im ersten Monate alle zwei oder zweieinhalb Stunden, aber niemals früher als nach zwei Stunden zu trinken geben. Eine Ausnahme davon macht der erste, beziehungsweise auch der zweite Tag, wo es schon der Zustand der Mutter erheischen kann, dass das Kind nicht so oft angelegt werde, und wo auch das Verdauungsvermögen desselben noch gering ist. Vom zweiten Monate ab und weiter soll man das Kind alle drei Stunden trinken lassen, es aber niemals des Trinkens halber aus dem Schlafe wecken. Dabei, heisst es, solle man anstreben, dem Kinde eine Nachtpause anzugewöhnen, so dass es um 10 oder 11 Uhr abends zuletzt trinkt und dann erst wieder um 5 oder 6 Uhr in der Frühe. Es wird zum Theil mit drakonischer Strenge auf die Regelmässigkeit in den Mahlzeiten gedrungen. "Man solle das Kind nur schreien lassen, es werde schon aufhören, wenn es damit nichts ausrichtet, oder man solle ihm einen Löffel voll Wasser geben, den werde es nicht mögen" u.s.w. Ich kann diesen strengen Erziehern die Autorität eines Mannes entgegenstellen, welchen sie gewiss nicht gering achten werden, die von Franz Karl Naegele. Als er mein Lehrer in der Geburtshilfe war, war er gewiss reich an Erfahrung, denn er war ein alter Mann, aber er hatte die geistige Frische eines Jünglings. Ich entsinne mich noch lebhaft, dass er uns in seiner satyrischen Weise schilderte, wie die Basen zu der jungen Frau kommen, die im ersten Wochenbette liegt, und ihr sagen: 'Der Fresser wird nicht geboren, aber er bildet sich aus', und ihr sodann alle strengen Lehren geben, von denen ich soeben gesprichen habe. Er lehrte, wenn ein gesundes Kind schreie und die Mutter wisse, sie könne es an der Brust beruhigen [1], so solle sie ihm dieselbe reichen, und selbst wenn das Kind die Milch theilweise wieder ausbreche, so solle sie sich nicht abhalten lassen, im ähnlichen Falle wieder so zu handeln. In der That ist Erbrechen, wenn keine Diarrhöe zugegen ist und das Kind nicht abmagert, keine so bedrohliche Erscheinung, wie manche Mütter glauben. Sagt doch schon der Volksmund: Speikinder - Gedeihkinder! [2]

Wo sich leicht Regelmässigkeit in den Mahlzeiten durchsetzen lässt, ist dies für das Kind vortrefflich und für die Mutter das bequemste, aber Naegele würde einer schon damals verbreiteten Lehre sicher nicht so entgegengetreten sein, wenn ihm nicht Fälle bekannt gewesen wären, in welchen sie auf Kosten der Kinder zur Anwendung kam. Dass glänzende Ernährung auch mit seinen Lehren vereinbar ist, dafür gibt das niedere, aber nicht gerade nothleidende Volk zahlreiche Beispiele. [3]

Die Anzahl der Mahlzeiten binnen vierundzwanzig Stunden, an die das Kind zu gewöhnen sei, wird auf sechs bis zehn angegeben, die grösseren Zahlen gelten für die Zeit, in der noch keine Nachtpause erzielt wurde. *)

Eine sich angeblich auf Erfahrung gründende Regel ist die, jedesmal nur eine Brust austrinken zu lassen und mit den Brüsten abzuwechseln. Letzteres ist die nothwendige Folge des ersteren. Von dieser Regel ist natürlich abzuweichen, wenn die eine Brust nicht ausreicht und auch dann, wenn die Milchsecretion sehr reichlich ist und die andere Brust belästigt. Hat man einen kräftigen, schon vorgeschrittenen Säugling, so lässt man sie auch austrinken, sonst muss mit dem Milchsauger abgesogen werden. [4]

*) Dr. W.B. Cheadle, Arzt an zwei Kinderhospitälern, schreibt in Morris 'Gesundheitslehre' vor, Kindern bis zu drei Monaten während des Tages nach je zwei Stunden, während der Nacht nach je drei Stunden die Brust zu geben, und fügt hinzu: 'wenn es gut schläft'. Er will hiemit wohl andeuten, dass man auch in der Nacht das Kind, wenn es schreit, schon nach zwei Stunden an der Brust beruhigen darf [5]; dass man, falls es über drei Stunden lang schläft, der Nahrungsaufnahme wegen wecken sollte, ist nur bei Frühgeburten empfohlen worden. Nach drei Monaten soll man ein kräftiges Kind mit gutem Schlafe am Tage nur nach je drei Stunden, des Nachts nur nach je vier Stunden an die Brust legen lassen. Dr. v. Widerhofer räth, das Kind vom zweiten Tage an anzulegen, so oft es schreit. Erfolglose Saugversuche dürfen nicht abschrecken, das Kind wieder anzulegen. Vom vierzehnten Tage an solle man Regelmässigkeit in den Mahlzeiten durchführen, nie öfter trinken lassen als alle zwei Stunden und nie länger als eine halbe Stunde. Von der dritten bis sechsten Woche lasse man sechsmal bei Tag trinken und zweimal nachts (um Mitternacht und gegen Morgen). Von der sechsten Woche an bis zum Alter von drei Monaten fünfmal bei Tage und zweimal bei Nacht, dann bis zur Entwöhnung fünfmal bei Tage und einmal bei Nacht. Dr. Monti empfiehlt, Neugeborene alle einundeinhalb Stunden, von der dritten Woche an alle zwei Stunden, von der fünften Woche an alle drei Stunden zu säugen."

"Wie behütet man Leben und Gesundheit seiner Kinder?", Dr. Ernst Brücke, 1892

Es fällt auf, dass alle diese Ärzte Abstände und Mahlzeitenanzahl benennen, aber zum einen sind diese sehr nah an den tatsächlichen Bedürfnissen der meisten Säuglinge, zum anderen sind die Empfehlungen eher lax formuliert. Sie sind mehr zur Orientierung gedacht, als zur Kontrolle.

[1] Dies ist ein sehr schönes Beispiel dafür, dass nicht alle Gelehrten das Stillen als reine Nahrungsaufnahme gesehen haben.

[2] Andere Ärzte haben zu derselben Zeit argumentiert, dass die Milch, die raus kommt, zu viel war. Sie meinten, es liege dann eine Überfütterung vor, die aus gesundheitlichen Gründen unbedingt vermieden werden müsse.

[3] Die Mittel- und Unterschicht hatte keinen Zugang zu der Ratgeberliteratur, die strenge Regeln propagierte. Dort herrschten Tradition und Bequemlichkeit, was das Stillen anging. Stillen nach Bedarf war daher weit verbreitet und es bekam den Kindern natürlich gut.

[4] Es war erkannt worden, dass beim Stillen die Nachfrage das Angebot bestimmt. Je mehr getrunken wird, desto mehr Milch bildet die Brust. Wenn nun vorgegeben wird, dass bei jeder Mahlzeit nur eine Brust zu geben sei, dann muss als Maßnahme gegen den Milchrückgang dafür gesorgt werden, dass diese eine Brust möglichst viel beansprucht wird. Leer ist eine Brust nie, denn die Milch wird schon während des Stillens neu gebildet. Wirklich effektiv ist diese Gegenmaßnahme aber nicht, denn nichts und niemand "entleert" die Brust so gut, wie ein gut trinkendes Kind.

[5] Auch hier wieder die schöne Wortwahl des Beruhigens, statt der Annahme, dass es nur der Hunger sei, der ein Baby an die Brust drängt.

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