Hebamme Katharina Mayrhofer

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In den Kirchenbüchern des Bistums Passau wurden im 19. Jahrhundert die betreuenden Hebammen bei den Geburten notiert. Ich habe diese Daten schon einmal für eine kleine Geburtenstatistik für das Örtchen Kirn für die Jahre 1810-1814 genutzt. Die Daten bieten eine Fülle an Möglichkeiten der Auswertung. Heute habe ich mir eine der Hebammen aus der genannten Statistik vorgenommen und versucht, ihren Lebensweg nach zu verfolgen.

Mit dem Namen alleine wäre das natürlich sehr schwierig gewesen. Zwar hätte ich alle Geburten, die sie betreut hat, zählen und auswerten können, aber das Persönliche hätte gefehlt. Glücklicherweise finden sich zu den Hebammen immer wieder einige Hinweise, wie Alter, Wohnort und Beruf. Ja, Beruf! Die Hebammen waren meist verheiratet und arbeiteten im Betrieb ihres Mannes mit. Ebenso erfahren wir, welche Hebamme die staatliche Prüfung abgelegt hatte und welche nicht. Durch diese Angaben ist es nur noch eine Sucharbeit, mehr über eine bestimmte Hebamme heraus zu finden.

Ich habe aus der Geburtenstatistik die geprüfte Hebamme mit den meisten Geburten gewählt: Katharina Mayrhofer. Sie schien ihre Karriere 1812 gestartet zu haben, was schon mal ein guter Ansatzpunkt ist. Durch die weiteren Angaben weiß ich, dass sie Schuhmacherin aus Münchham war und ca 1774 geboren wurde. Schuhmacherin kann sie nur sein, wenn sie einen Schuhmacher geheiratet hat. Also mache ich mich auf die Suche nach ihrer Heirat. Hier ist ihre Geschichte.

Katharina Mayrhofer wurde als Katharina Beham am 3.April 1774 in Osternach (Oberösterreich) geboren. Ihre Eltern waren das Schneiderehepaar Jakob und Eva Beham. Am 7. Februar 1809  heiratete sie im Alter von 34 Jahren in Münchham den 32jährigen Schuhmacher Franz Mayrhofer aus Malching.

Das Paar hatte 4 Kinder. Elisabeth wurde am 25.12.1810 geboren und arbeitete später als Näherin. Ihr zweites Kind - ein Sohn - verstarb gleich nach der Geburt am 29.11.1812. Die zweite Tochter, Katharina, kam am 20.4.1814 zur Welt und wurde nur 17 Tage alt. Das letzte Kind, Sohn Jakob, wurde am 26.7.1815 geboren. Er starb am 2.11.1838.

Katharina hatte bei ihren eigenen Geburten drei verschiedene Hebammen. Bei der ersten Geburt war es Theres Borghamer, die ihre Vorgängerin in Münchham war. Die zweite Geburt wurde von Anna Maria Grier, der Ortshebamme aus dem benachbarten Kößlarn, begleitet. Die letzten zwei Geburten begleitete Maria Anna Pfeiffenthaler aus Ering.

Wir können auch erahnen, ob Katharina sich an ihr eigenes Wochenbett gehalten hat. Bei ihrem 2. Kind hatte sie nur 12 Tage zuvor eine Geburt betreut, die nächste ziemlich genau 6 Wochen nach ihrer eigenen Niederkunft. Beim 3. Kind hat sie bis 6,5 Wochen vor der Geburt gearbeitet und danach erst knapp zwei Monate später wieder. Beim 4. Kind waren es vor der Geburt nur 10 Tage und danach arbeitete sie nach 3 Wochen schon wieder.

Franz starb im Alter von 65 Jahren am 25.3.1842. Katharina starb 83jährig am 21.1.1858.

Franziska Mayrhofer war viele Jahre lang die Ortshebamme von Münchham (heute zu Ering am Inn gehörend). Ihre Karriere überspannte 39 Jahre. Von 1812 bis Mitte 1845 gab es in Münchham kaum eine Geburt, die nicht von ihr betreut wurde. Erst danach, im Alter von 71 Jahren, ist sie kürzer getreten. Sie übernahm dann bis auf eine Ausnahme keine Geburten mehr in Kirn. Kein Wunder, ist doch Kirn 3,5 km von Münchham entfernt.

Mit Freude habe ich festgestellt, dass die vorletzte, von ihr betreute Geburt die von meinem Altgroßvater Johann Baptist Schachinger am 13.5.1851 in Münchham war. Die letzte Geburt betreute sie am 26.10.1851. Da war sie 77 Jahre alt.

Katharina Mayrhofer scheint nur in den Orten Münchham und Kirn tätig gewesen zu sein. In den umliegenden Orten konnte ich bei Stichproben keine von ihr betreuten Geburten finden. Ihre allererste Geburt als geprüfte Hebamme betreute sie demnach am 24.2.1812 in Kirn und ihre zweite direkt am nächsten Tag in Münchham. 

Insgesamt habe ich 444 Geburten gezählt, bei denen Katharina die Hebamme war. 120 in Kirn und 324 in Münchham. Möglicherweise waren es mehr Geburten, da die Hebamme nicht verzeichnet wurde, wenn ein Arzt zur Geburt hinzugezogen worden war. Dann wurde nur noch der Name des Arztes notiert. Außerdem lässt es sich nicht ausschließen, dass Katharina nicht doch die ein oder andere Geburt in anderen Nachbarorten betreut hat.

Spannend wäre noch herauszufinden, ob Familien für gewöhnlich bei derselben Hebamme blieben, oder ob verschiedene Hebammen unterschiedliche Mortalität unter den Wöchnerinnen und Säuglingen zu verzeichnen hatten. Oder ob die Beliebtheit einer Hebamme in der Zahl der Geburten ablesbar ist.

Es gibt auch spannende Fragen, die die Kirchenbücher nicht beantworten können. Wann und wo hat Katharina ihre Prüfung abgelegt? Wieviel Geld hat sie verdient? Bei im Schnitt 12,5 Geburten pro Jahr kann es nicht allzuviel gewesen sein. Wovon hing es ab, wieviele Geburten sie betreute? 1825 waren es nur 3, 1813 waren es 22. Wer hat sie ausgebildet und hat sie auch andere ausgebildet? Wovon hing es ab, in welchen Nachbarorten sie Geburten betreute?

Trotz der vielen unbeantworteten Fragen finde ich es wunderbar, dass die wichtige Arbeit der Hebammen in den Kirchenbüchern sichtbar gemacht wurde.

Was würdest Du Katharina und ihre Kolleginnen fragen wollen? 

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