header photo Jahresbericht der Entbindungsschule in Wien 1792

Triggerwarnung. Der folgende Bericht enthält Beschreibungen von kindlichen und mütterlichen Todesfällen.

Im ersten Band von Dr. Lukas Johann Boers Werk über "natürliche Geburtshülfe, und Behandlung der Schwangern, Wöchnerinnen, und neugebornen Kinder. Nach Beobachtungen an der öffentlichen Entbindungsschule in Wien." von 1817 (dritte Auflage) findet sich als letztes Kapitel ein Bericht über die Ereignisse in besagter Entbindungsschule. Er beginnt mit der Schilderung und Aufzählung der Geburten und Todesfälle.

Kurzübersicht:

  • 1015 Geburten
  • davon: 12 Zwillingsgeburten, 8 Gesichtslagen, 14 Steißlagen, 9 Fußgeburten
  • bei 8 Geburten wurde eine äußere Wendung vorgenommen. 5 dieser Kinder kamen lebend zur Welt, eines war schon vor längerer Zeit im Mutterleib gestorben.
  • 7 Zangengeburten führten zu fünf lebenden Kindern.
  • 10 Gebährende und Wöchnerinnen starben
  • 52 angehende Geburtshelfer waren an der Schule und
  • 41 Hebammen

"In den zwölf Monaten, vom September 1791 bis dahin 1792, zählte man am hiesigen allgemeinen Gebährhause auf Seite der unentgeldlich aufgenommenen Schwangern und Kindbetterinnen tausend und fünfzehn Geburten. Unter diesen waren zwölf Zwillings-, acht Gesichts-, vierzehn Steiß- und neun Fußgeburten. Bey acht Geburten mußte wegen übler Lage des Kindes die Wendung gemacht werden. Von den dadurch entlösten Kindern waren fünf am Leben; eines war schon faul, und zwey starben wahrscheinlich unter der Operation. Die Mütter blieben alle wohl. Sieben Geburten wurden mittelst der Zange vollendet. Von den Kindern kamen fünf lebendig zur Welt, und zwey todt. Von den Entbundenen starb eine am Gebährmutterbrand, durch die Beschwerniß der Geburt verursacht. In drey Fällen mußte ich mich zur Zerstückelung des Kindes entschliessen; die Mütter wurden gerettet. Eine davon konnte nach der Entbindung den Urin nicht halten. Man ließ sie deßhalb über sechs Wochen im Gebährhause, und versuchte Verschiedenes ohne Erfolg. Es zeigte sich nirgends um die Blase etwas von einer widernatürlichen Oeffnung, doch schien es auch nicht, als sickerte der Harn aus dem natürlichen Wege. Da die Patientinn nicht länger bleiben wollte, und sich übrigens wohl befand, so war man gezwungen, sie mit ihrem Ungemache zu entlassen. Nachbeyläufig sechs oder sieben Monaten kam sie wegen eines noch nicht vergangenen Milchknotens in der linken Brust zu mir in die Wohnung. Bey dieser Gelegenheit erfuhr ich, daß sie die Urinbeschwerde noch vier Monate gehabt habe, und deßwegen in keinem Dienste hätte aushalten können. Darauf sey sie zu einer Frau zu Bette gegangen, der sie denn nothwendig ihren Zustand nicht hätte verbergen können; die habe ihr gesagt, sie hätte schon mehrere solche Jungfern gehabt, welche ihr Bettgewand angenässet hätten, sie würde ihr schon etwas dawider geben. Den andern Tag, und so vierzehn Tage nach einander, hätte sie ihr alle Morgen einen Löffel voll gräulich eckelhaftes Pulver in Wasser angemacht, recht mit Gewalt eingegossen; von der Zeit an könne sie den Urin halten, wie ehe und vorhin; sey auch schon wieder über zwey Monate im Dienste, und es gehe ihr im Ganzen recht gut. Ich konnte nicht erfahren, was es für ein Mittel war.

Hier folgt das Verzeichnis der Geburten und der Mortalität:
Geboren wurden.....955
Getauft.....895
Zeitige und frühzeitige, meistens todt und schon faul zur Welt gekommen ..... 60
Mütter gestorben....10

Von den zehn verstorbenen Gebährenden und Kindbetterinnen starben vier an Zuckungen. Die Geschichte von der einen ist vorne im zweyten Abschnitt der Abhandlung von der Putrscenz der geschwängerten Gebährmutter erzählt worden. Drey starben unter der Geburt an Convulsionen; die hatten die Brustwassersucht. Die vierte verschied unter einem einzigen leichten Anfall von Zuckungen gleich nach dem gebornem Kinde an einer gänzlichen Atonie der Gebährmutter. Die Geburt war eher langwierig als kurz, und ging nicht ohne Anstrengung von Statten; dessen ungeachtet fand man den Uterus nicht contrahiert, sondern zusammengefallen, wie eine gäh entleerte paralytische Urinblase. Drey starben an Putrescirung der Gebährmutter, zwey davon hatten die Krankheit mit Frieselausschlag. Von der Ursache des Todes bey der Neunten ist gleich hier oben Meldung geschehen; und bey der Zehnten formirte sich nach einer muthwillig zugezogenen Recivide ein Milchstoffdepot in der Substanz der Lunge, an dem sie den dreyzehnten Tag verschied.

Puerperalfieber waren vom Ende Januar, die Monate Februar, März und April hindurch nicht unfrequent; doch kamen sie nicht so oft vor, als das vergangene Jahr. Die Kranken wurden alle mit dem im zweyten Buche angezeigten Antimonialmittel geheilt, bis auf die letztgenannte nicht, und die drey mit Putrescenz der Gebährmutter, wo das Fieber ein Symptom dieser schon vorhangengen tödtlichen Zerstörung, und also seiner Natur nach unheilbar gewesen war. Auch haben diese, da ich die Unmöglichkeit, sie zu retten, deutlich sah, auch vom Anfange der Krankheit ihren baldigen Tod vorhersagte, das Präparat gar nicht bekommen.

Es waren dieses Jahr zwey und fünfzig angehende Geburtshelfer, und ein und vierzig Hebammen an der Schule, nebst vielen andern, welche sie täglich in der Unterrichtsstunde frequentirten."

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