header photo Starke Frauen: Johanna aus Südafrika

Als ich vor einiger Zeit meine Leser'innen bat, mir für die Themenwoche "Kinder im Krankenhaus" ihre Erfahrungen zu schildern, schrieb mir auch Johanna. Sie habe die ersten zehn Jahre ihres Lebens im Krankenhaus verbracht, aber das sei in Südafrika gewesen;  ob mich das denn auch interessieren würde? Natürlich!

So durfte ich Johannas Geschichte lesen und war tief bewegt. Ich konnte ihren Bericht nicht einfach zu den anderen reihen. Diese Powerfrau hat ihren eigenen Beitrag verdient. Ihr werdet mir zustimmen. Lest selbst.

Johanna:

Ich kam 1979 im Groote Suur Hospital in Kapstadt, Südafrika, auf der chirurgischen Intensivstation zur Welt, auf der meine Mutter nach einem Verkehrsunfall, den sie 3 Monate zuvor erlitten hatte, lag - da meine Mutter drei Tage nach meiner Geburt verstarb bzw. die Maschinen abgeschaltet wurden, habe ich meine Eltern leider niemals kennenlernen dürfen.

Man stellte sofort nach meiner Geburt fest, dass etwas mit mir nicht stimmte: ich atmete sehr flach und bewegte mich fast gar nicht. Nähere Untersuchungen ergaben u.a. dass ich beim Unfall bereits im Mutterleib mehrere Knochenbrüche, sowie eine Lungenquetschung erlitten hatte - ich kam auf die Neugeborenenintensivstation, welche die nächsten 2 Jahre mein Zuhause werden sollte.

Ich durchlebte etliche OPs und mit 2 Jahren stellte man die Diagnose " Querschnittgelähmt ab C1/C2/C3", was im Klartext bedeutete: ich würde nie laufen, krabbeln, oder gar selbst sitzen können! - Dennoch versuchte man, mit jeder noch so sinnlosen Therapie wenigstens ein Minimum an Bewegung zu erreichen.

Das gelang. Zunächst. Denn mit  2 Jahren - ich war kurz zuvor geimpft worden - verschlechterte sich mein Zustand rapide: ich bekam hohes Fieber, wurde zeitweilig stocksteif und behielt kaum Nahrung bei mir. Man war erst einmal ratlos und einige Diagnosen standen im Raum, somit verabreichte man mir viele Medikamente, dachte gar an Leukämie... bis ich plötzlich beim Röntgen, auf dem Tisch liegend, blau anlief - von diesem Tag an bis zum Februar 2017 sollte eine Trachealkanüle mein Begleiter werden. Gleichzeitig wurde die Intensivstation mein neues Zuhause: wer zu mir wollte, musste sich komplett umziehen und regelrecht vermummen. Verließ jemand mein Zimmer und wollte wieder rein, ging die ganze Prozedur von vorne los. Ich lag komplett isoliert hinter einer Schleuse und es gab insgesamt nur fünf Ärzte, die Zugang hatten, und jeweils eine Schwester, die in meinem Zimmer direkt bei mir Wache schob!

Besuch o.ä durfte ich keinen empfangen. Dennoch bekam ich später Schulbücher und lernte lesen und später auch mit dem Kopf auf einer Schreibmaschine schreiben.

Die Diagnose Polio stellte man schließlich mit 4 Jahren. Zu spät, um jetzt noch etwas retten zu können. Ich lernte irgendwann stundenweise ohne Maschine zu atmen, aber ich kann bis heute nichts außer meinem Kopf bewegen - mein Rollstuhl, der Computer, alles wird mit dem Kopf bedient!

Der Alltag im Krankenhaus war teilweise nichts für schwache Nerven, und ich bekam oft Dinge mit, die ein Kind in diesem Alter nicht mitbekommen sollte. Ich wuchs während der Apartheid auf - Konflikte zwischen Schwarzen und Weißen waren damals an der Tagesordnung. Alle wichtigen Institutionen bei uns besaßen zwei Eingänge: einen nur für Weiße und einen nur für Schwarze. Selbst das Krankenhaus war zweigeteilt: es gab sozusagen eine Hälfte nur für Schwarze und die andere nur für Weiße. Und regelmäßig in der Nacht von Freitag auf Samstag wurde es sehr voll bei uns und sehr laut: dann nämlich gab es Lohn und viele betranken sich dann, um anschließend mit allem was sie besaßen aufeinander los zu gehen. Oft erlebte ich Schießereien auf dem Parkplatz unter meinem Fenster und sehr oft gab es Tote. Und selbst dann griff die Apartheid: kam es - was sehr selten war - doch einmal vor, dass ein Schwarzer im OP für Weiße behandelt wurde, so durften ihn seine Angehörigen nicht besuchen. Das war besonders tragisch für Kinder: waren die Besuchszeiten für Eltern, Famlilien etc. damals eh schon sehr knapp, so hatten schwarze Kinder gar nicht das Recht auf Besuch!

10 Jahre lang erlebte ich auf der Intensivstation Höhen und Tiefen, feierte meine Geburtstage... bis ich 1989 schließlich nach Hamburg adoptiert wurde. Dort besuchte ich das Gymnasium, machte Abitur und studierte Psychologie. Heute therapiere ich Straftäter! Ich habe es geschafft, trotz meiner Einschränkungen ein normales Leben zu führen - freue mich auch an ganz kleinen Dingen und lebe heute mit meinem Partner und zwei Katzen in Berlin!

Danke, dass Du Deine Geschichte mit uns teilst, Johanna.

PS: Die bis in die 80er verbreitete Schluckimpfung war dafür bekannt, dass es ein Risiko gab, durch sie an Polio zu erkranken. Darum wird sie heute nicht mehr verwendet.

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