Leitsätze für die Ernährung und Pflege des Säuglings 1933

Die folgenden Leitsätze stammen aus "Der gesunde Säugling - Seine Entwicklung Ernährung Pflege" von Philipp Niemes, 1933. Mit diesen Leitsätzen eröffnet er das Buch.

Leitsätze für die Ernährung des Säuglings

1. Gib deinem Kinde so lange es geht die ihm von Natur allein zustehende Nahrung: die Muttermilch. Denn nur diese gewährt ungestörte Ernährung und vollwertige Entwicklung.

"so lange es geht": bei den wenigsten Frauen ging es in den 1930ern wirklich lange. An anderer Stelle sagt Niemes, es soll mit 9 Monaten abgestillt werden. Wir sehen daraus, dass die aufgestellten Regeln kontraproduktiv für eine erfolgreiche Stillzeit waren, denn hat sich das Stillen erst mal eingespielt, läuft es einfach weiter bis Mutter oder Kind abstillt

2. Nimm nur im Notfalle Zuflucht zur unnatürlichen Ernährung. Prüfe vorher, ob nicht die natürliche Ernährung möglich ist und wenn auch nur teilweise.

"Unnatürliche Ernährung" ist alles außer Muttermilch. Durch das Stillen nach der Uhr, dass Niemes fordert, sorgt er selbst für diesen "Notfall".

3. Gib dem Säugling, was ihm gebührt, vermeide aber jede Überfütterung. Bedenke, daß dadurch das Kind krank werden kann.

Es ist nicht möglich, Stillkinder zu überfüttern. Muttermilch macht nicht krank. (Es gibt extrem seltene Ausnahmen wie die Galaktosämie) Für die damals verwendete Ersatznahrung galt dieser Leitsatz allerdings schon.

4. Gib die Nahrung zur rechten Zeit, halte Ordnung in der Mahlzeitenfolge und in ihren Abständen. Halte streng die Nachtpause ein.

Das ist ein sicherer Weg zum vorzeitigen Abstillen. Beim Stillen bestimmt die Nachfrage das Angebot, daher sollte das Baby immer gestillt werden, wenn es das möchte.

5. Übe größte Reinlichkeit in der Zubereitung der unnatürlichen Nahrung. Benütze Gegenstände, die dafür dienen, zu keinem anderen Zwecke. Komme nie mit deinem Munde dem Sauger zu nahe!

Das gilt auch heute noch. Pulvermilch sollte nach den Herstellerangaben mit heißem, abgekochtem Wasser zubereitet werden. Der Grund ist, dass weder Pulver noch Wasser keimfrei sind. Allerdings sind heute viel weniger Utensilien zur Herstellung von Flaschennahrung nötig als damals, was die Zubereitung einfacher macht.

6. Benutze bei unnatürlicher Ernährung nur beste Ausgangsstoffe: nur geeignete Milch und beste, reine Zusätze.

Bitte nur industriell hergestellte Nahrung verwenden! Selber gemischter Muttermilchersatz kann niemals dieselbe Qualität erreichen. Pulvermilch wird heutzutage eine Vielzahl an Stoffen zugesetzt, die in Muttermilch von Natur aus enthalten sind. Tiermilch enthält einige dieser Stoffe nicht oder in der falschen Menge. Von pflanzenbasierten Getränken brauchen wir hoffentlich gar nicht erst reden!

7. Gib nur geeignete Mischungen und geeignete Nahrungsmengen. Steigere die Mengen nur bei tatsächlichem Bedarf. Gib nie mehr als einen Liter Flüssigkeit täglich.

Mit der Flasche kann es aus mehreren Gründen leicht zur Überfütterung kommen. Die Milch fließt schneller, so dass das Kind das Sättigungssignal erst bekommt, wenn es schon zu viel getrunken hat. Der Reiz des harten Saugers am Gaumen kann den Saugreflex auslösen, so dass das Kind nicht anders kann als zu trinken. Das sogenannte "paced bottle feeding" kann dem entgegenwirken. Es ist bedauerlich, dass Eltern heute nicht beigebracht wird, wie die Flasche korrekt gefüttert wird. Das kann nämlich einige der mit dem Flaschefüttern assoziierten Probleme reduzieren.

8. Wechsele die Nahrung nicht zu oft, versuche nicht zu viel! Bedenke, daß der Säugling sich auf jede neue Nahrung einstellen muß.

Falls hier Muttermilchersatz gemeint ist: Pre-Milch ist ein streng überwachtes Lebensmittel. Hier gilt nicht "je teurer desto besser". Eltern können sich für eine Sorte entscheiden und bei dieser die gesamte Flaschenzeit über bleiben. Es gibt keine relevanten Unterschiede zwischen den Pre-Milchen.

Falls Beikost gemeint ist: heute wird nicht mehr dazu geraten, mit der Einführung eines neuen Lebensmittels eine gewisse Zeit zu warten. Das Kind kann ruhig alle geeigneten Lebensmittel durcheinander essen.

9. Gib rechtzeitig Beinahrung und gewöhne bei Zeiten dein Kind an festere Nahrung.

An festere Nahrung müssen Kinder nicht gewöhnt werden. Die nehmen sie sich schon selber, wenn sie soweit sind. Beikost wird ab dem Alter von 6 Monaten bzw. ab Vorhandensein aller Beikostreifezeichen angeboten.

10. Bei Zweifeln, besonders aber bei auftretenden Störungen ziehe sofort einen Arzt zu.

Bei Fragen rund ums Stillen lieber eine'n Stillberater'in als eine'n Ärzt'in. Die Ärzt'innen lernen in ihrer Ausbildung nämlich so gut wie nichts, oder gar veraltete Informationen übers Stillen. Bei Störungen oder gesundheitlichen Problemen bitte zum/zur Arzt'in und ggf eine Stillberaterin mit ins Boot holen.

Leitsätze für die Pflege des Säuglings

1. Übe peinlichste Reinlichkeit und Ordnung an dir selbst, an dem Säugling und seiner Umgebung.

Meine Oma pflegte zu sagen "Dreck macht immun". Und in der Tat ist zu viel Reinlichkeit im allgemeinen eben nicht gesundheitsfördernd. Der Körper muss lernen, mit alltäglichen Keimen umzugehen. Sauberkeit ist gut und wichtig, aber Sterilität (die Niemes de facto fordert) braucht das Zuhause nicht.

2. Bewahre stets Ruhe, Besonnenheit und Selbstbeherrschung, daneben Gewissenhaftigkeit und Zuverlässigkeit.

Das mag erst mal gut klingen, da sich die Unruhe der Eltern durchaus auf Kind überträgt. Es läuft aber darauf hinaus, dass die Mutter emotional distanziert mit ihrem Kind umgehen soll. Und das ist dann halt nicht mehr gut.

3. Verwende Gebrauchsgegenstände zur Pflege und Beschäftigung des Säuglings nur für diesen allein.

Jein. Bei manchen Dingen mag das durchaus sinnvoll sein, aber nicht als absolute Regel.

4. Halte alle ungeeigneten Gegenstände vom Säuglinge fern und bewahre ihn vor Schädigungen.

Guter Tipp. Aber eigentlich selbstverständlich, oder? Die Frage ist halt, was mit "Schädigung" gemeint ist. Rein auf Gegenstände beschränkt verstehe ich es als Verletzen oder Verschlucken. Da wir jedoch wissen, dass beispielsweise auch "Verwöhnen" als schädlich betrachtet wurde, sind solche Begriffe immer mit Vorsicht zu genießen.

5. Halte kranke Personen vom Säuglinge fern. Übe selbst Zurückhaltung ihm gegenüber. Bedenke, daß du selbst Krankheitskeime in dir tragen kannst.

Ja, kranke Personen von ganz kleinen Säuglingen fern zu halten, ist sinnvoll. Aber sich selber im Umgang mit dem Baby beschränken, weil man ja Keime an sich tragen könnte, ohne tatsächlich krank zu sein, ist absurd und schädigt die Eltern-Kind-Beziehung. Zudem sind "familieninterne Keime" durchaus wichtig für die Gesundheit. Es gibt eben gutartige Bakterien (zB für die Verdauung) und schädliche Bakterien. Bei Stillenden gilt zudem noch, dass sie ihren Kindern Antikörper für virale Infekte mitgeben.

6. Benütze nur geeignete und reine Wäsche für den Säugling.

Ich weiß nicht so recht, was hier "geeignet" bedeuten soll, klingt aber soweit nachvollziehbar.

7. Beenge den Säugling nicht, schaffe ihm Gelegenheit zur Bewegung.

Manche Babys mögen Enge, insbesondere beim Schlafen. Aber Babys zeigen schon, was sie mögen und was nicht. Dabei ist es wichtig, die Kinder nicht so einzuwickeln, wie es früher üblich war, denn dabei wurden die Beine gerade gestreckt, was schädlich für die Hüfte ist. Das Baby sollte eine physiologische Haltung einnehmen können.

Bewegung ist immer gut. Auch Babys, die gerne eingewickelt werden, brauchen Strampelfreiheit. Traditionelle Wickeltechniken ließen allerdings kaum Bewegung zu. Daher kommt es auch, dass Babys meist in (fast) waagerechter Haltung getragen wurden. Die Wickeltechniken machten das Bündel zu unhandlich für irgendetwas anderes und Ärzte glaubten, aufrechtes Tragen sei schädlich für den kleinen Rücken.

8. Schütze das Kind vor Zugluft und Auskühlung, vermeide aber jede Überwärmung.

Zugluft ist nicht so schlimm, wie wir Deutschen das immer meinen. In anderen Ländern machen sie sich lustig über unsere Obsession mit Zugluft. Aber ja, Unterkühlung und Überwärmung sind beide nicht gut fürs Baby. Besonders in der ersten Zeit, wenn sie ihre Temperatur allein noch nicht so gut halten können. Daher ist Skin-to-skin so sinnvoll. Nicht nur merkt der große Mensch dabei, ob es dem kleinen Menschen angenehm ist, sondern es wurde mittlerweile nachgewiesen, dass Erwachsene ihre eigene Temperatur regulieren, so dass es genau richtig fürs Baby ist.

9. Halte den Säugling stets rein, bade ihn täglich, lege ihn fleißig trocken.

Säuglinge werden vor dem Krabbelalter kaum schmutzig. Tägliches Baden ist eher schädlich für den natürlichen Säureschutzmantel der Haut. Zeitig Windeln wechseln ist jedoch eine gute Idee.

10. Fördere des Säuglings körperliche und geistige Entwicklung entsprechend seinem Alter; sei nie voreilig, rege nur an; sei nicht zu geschäftig, überanstrenge ihn nicht.

Das ist eines dieser Dinge, die sich erst mal gut lesen, die bei weiterer Ausführung aber was anderes bedeuten, als wir heute assoziieren. Im Prinzip ging es darum, das Kind so lange wie möglich klein und unwissend zu halten. Eine strenge Trennung von Kinder- und Erwachsenenwelt, die den hierarchischen Aufbau der Gesellschaft untermauert, und dafür sorgt, dass Kinder nicht für voll genommen werden.

11. Beobachte den Säugling genau, lerne ihn kennen, fühle mit ihm.

Das ist eine gute Idee! Daran habe ich nichts auszusetzen.

12. Bei Auftreten von Störungen, Krankheiten und Zwischenfällen probiere nicht erst viel herum, verlasse dich nicht auf Rathschläge von Büchern und Bekannten, nimm sofort ärztlichen Rat in Anspruch.

Frag die Profis! Und lass Dich nicht von Quacksalbern beraten. Auch das ist eine gute Idee.

Vermutlich war dieser Leitsatz auch dringend notwendig. Ich erinnere mich noch daran, wie meine andere Oma immer erzählte, dass sie früher nicht "wegen jedem Pieps" zum Arzt gegangen seien. Sie war sehr stolz darauf, den (vermutlich) gebrochenen Finger ihres Kindes selber gerichtet zu haben.

Mitunter waren Arztbesuche aber auch eine Frage des Geldes. Die erste gesetzliche Krankenversicherung gab es in Deutschland zwar schon ab 1883. Diese galt aber zunächst nur für einen kleinen Teil der Bevölkerung.

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