header photo Medizin, Naturheilkunde, Homöopathie. 1914

Wilhelm Liepmann (1878-1939) arbeitete an der Universitäts-Frauenklinik in Berlin als er sein Buch Die Frau - was sie von Körper und Kind wissen muß 1914 in zwei Bänden veröffentlichte. Es handelt sich dabei um eine Sammlung an Vorträgen, die er zuvor für Laien, insbesondere für Frauen, gehalten hatte. Der zwölfte und letzte Vortrag trägt den Titel Medizin, Naturheilkunde, Homöopathie. So oft wurde er nach seiner Meinung zu diesen Themen gefragt, dass er es für unerlässlich hielt, ihnen einen ganzen Vortrag - und somit ein ganzes Kapitel -  zu widmen. Er berichtet, dass er ein populäres Buch zum Thema gelesen habe, um für den Vortrag zu recherchieren. Seine Anspielungen legen nahe, dass die Zuhörer'innen schon wüssten, auf welches Buch er sich bezieht. Er nennt aber weder Autor'in noch Titel. Er zitiert:

"Die Schulmedizin (Allopathie) hat das Erbe des Mittelalters in bezug auf den Arzneimittelglauben angetreten. Die ältere Richtung vertritt einseitige Wissenschaftlichkeit, alle Konsequenzen der Bakterienlehre und hofft durch Experimente an lebenden Tieren Neues zum Wohl der kranken Menschheit zu entdecken. Wahre Gesundheitspflege und Vorbeugung hat sie nicht auszubilden verstanden; dafür geben die städtischen Kliniken und die medizinischen Lehrbücher traurige Beweise, nicht minder die praktisch sein sollenden, populären ärztlichen Werke mit ihrem gelehrten Wust und ihrem für die Anforderungen des täglichen Lebens unzulänglichen Inhalt."

Das gefiel Liepmann ganz und gar nicht. Er stört sich an dem Begriff "Schulmedizin" und beginnt aufzuführen, wo sich die Medizin der Naturheilkunde bedient. Denn funktionierende Methoden haben in der Medizin immer ihren Platz gefunden.

Schon der Ausdruck Schulmedizin bedeutet eine Herabsetzung. Die voraussetzungslose Wissenschaft nimmt das wahrhaft Gute, von welcher Seite es auch immer kommen mag, ob ein Bauer Priesnitz die kalten Umschläge angab, ob Pfarrer Kneipp die Kaltwasserbehandlung überschwenglich empfahl, immer hat die Medizin es verstanden, das was an den Ideen Gutes war, für sich zu verwerten.

Als nächstes listet er einige Errungenschaften der Medizin auf und erinnert, wie verbreitet viele Leiden früher waren, als die Medizin noch nicht so weit fortgeschritten war.

Denken Sie an unsere ersten Vorträge, in denen die Grundlagen unseres ganzen Wissens Ihnen vor Augen geführt wurden, denken Sie an die beharrliche Arbeit, die es sich zum Ziele setzte, die Säuglingssterblichkeit einzuschränken, denken Sie an die große Entdeckung Credés, dem es gelang, die zur Blindheit führende Augenentzündung der Neugeborenen zu beseitigen, denken Sie fernerhin an des armen Semmelweis unsterbliches Lebenswerk, dem Kindbettfieber einen Damm gesetzt zu haben, um so unzählige Mütter ihren Männern, ihren Kindern zu erhalten. Denken Sie an die gewaltigen Fortschritte der Chirurgie, die es ermöglicht hat, den Kaiserschnitt, um nur ein Beispiel aus den vielen herauszugreifen, so auszuführen, daß eine lebende Mutter und ein glücklich lebendes Kind das Resultat ärztlicher Kunst wurden. Denken Sie an die Bekämpfung der Geschwülste, die rechtzeitig erkannt in nahezu allen Fällen zu heilbaren Leidern verwandelt wurden.

Aber alle diese gewaltigen Großtaten - das kann man wohl ohne jede Übertreibung sagen - scheinen klein, wenn wir uns die moderne Seuchenbekämpfung vor Augen führen. Erst durch die Entdeckung Robert Kochs, zu desen Füßen ich als junger Arzt in seinem Institut noch arbeiten konnte, erst durch seine Entdeckungen, die Licht brachten in die Welt der kleinen Krankheitserreger, konnte die Seuchenbekämpfung diese gewaltigen Erfolge erringen. Was weiß das heutige Geschlecht noch von den verheerenden Zügen der Cholera durch unsere deutschen Auen? Kaum sind in unserer kurzlebigen Zeit noch die furchtbaren Tage der Hamburger Choleraepidemie im Jahre 1892 in der Erinnerung. Und doch erkrankten damals an einem Tage 1200 Leute! Daß es nun gelang, diese furchtbare Seuche auf ihren Krankheitsherd zu beschränken, unzählige Familien, ja das ganze übrige Land vor Leid und Verzweiflung zu bewahren - war das keine wissenschaftliche Großtat? Das kann nur leugnen, wer wissentlich einem gewissen Zweck zuliebe die Unwahrheit sagen will.

Die Pest, früher ein wohlbekannter Gast in Europa, wütet noch immer in schrecklicher Weise in Indien. In den Jahren 1907-1908 sollen nicht weniger als 1 200 000 Leute ihr erlegen sein. Seitdem heldenmütige Gelehrtenarbeit - wahrlich es ist einfacher, kalte Güsse zu verschriben, als in Pestdörfern die gefährlichen Erreger dieser Seuche zu erforschen - die Erreger dieser Seuche erkannt, ihre Verbreitung durch die Schiffsratten nachgewiesen hatt, gelang es auch sie, wo immer sie sich zeigte, auf ihren Herd zu beschränken.

Über die Pocken und ihre Beseitigung durch die Impfung haben wir so ausführlich gesprochen (erster Band, S.190), daß wir hier darauf verzichten können. Ebenso brauchen wir die Mörderin der besten Kinderjahre, die Diphterie und ihre Bekämpfung durch das Heilserum (erster Band, S.198) hier nur nochmals kurz zu erwähnen.

Sehen Sie sich in den allwöchentlich in den meisten Zeitungen erscheinenden Sterblichkeitsberichten die Zahlen an, die über die Todesfälle an Typhus berichten. Früher starben zum Beispiel in München von zehntausend Einwohnern alljährlich etwa dreißig an Typhus, heute sterben im ganzen Deutschen Reich von zehntausend Menschen weniger als einer an dieser Erkrankung.

Mit der Entdeckung von Bakterien und Erkenntnissen über die Verbreitungswege von Krankheiten, kamen Forderungen an die Hygiene. Liepmann erinnert daran, dass die Hygiene, die es ermöglichte, dass Krankheiten seltener und weniger verheerend wurden, eine medizinische Disziplin ist.

Die Sauberkeit der Städte, die Einführung der Kanalisation und Wasserleitung, alle diese dem heutigen Kulturmenschen so selbstverständlichen hygienischen Maßnahmen sind durchgesetzt worden durch die Tatkraft dieser Männer, die die Ursachen dieser Krankheiten fanden, und durch den unaufhörlichen wissenschaftlich begründeten Appell Robert Kochs, Virchows und Pettenkofers an den Staat und die Stadtgemeinden. Und die oberste Stelle der Gesundheitspflege im Deutschen Reich, das Reichsgesundheitsamt, wäre es ihm möglich, ohne die Grundlagen, die diesesr Männer schufen, ohne die ständige Mitarbeit aller mit diesen Grundlagen vertrauten Ärzte seine segensreiche Tätigkeit zu entfalten?

Für die Tuberkulösen sorgt die Heilstättenbewegung, für die Erkrankung durch Trichinen die Fleischbeschau, für die von tollwutkranken Hunden Gebissenen die nach dem Vorbild des Pasteurschen Institutes in Paris gegründeten Institute in Berlin und Breslau.

Auch die Mittel, die den Ärzt'innen zur Untersuchung ihrer Patient'innen zur Verfügung stehen, hatte sich seit Liepmanns eigener Kindheit vervielfacht. Es gab bereits das Zystoskop, einen Vorläufer des Endoskops (Liepmann nennt es ein "elektrisches Fernrohr"). Er erwähnt Röntgenstrahlen ebenso wie Krebsbehandlung mit radioaktiven Stoffen, Blutuntersuchungen und Bakteriologie. Das Wissen in der Medizin sei so umfangreich geworden, dass ein Mensch allein gar nicht alles wissen könne, betont Liepmann.

So haben wir in kurzen Worten gesehen, wie die Medizin als Erforscherin der unendlichen Natur, als Kulturträgerin der gesamten Menschheit, als dauernde unermüdliche Arbeiterin auf dem Wege des Erkennens der Krankheiten tätig war und tätig ist. Und wenn Sie, die Sie mit Aufmerksamkeit und Interesse meinen Vorträgen folgten, über die Art des Heilens nachdenken, dann werden Sie mir wohl zugeben, daß nichts dem guten Arzte ferner liegt, als eine Überschätzung seines Wissens und Könnens.

Nachdem nun umfangreich die Medizin gepriesen wurde, wendet Liepmann sich den "Naturheilkundigen" zu. Liepmann ist überzeugt:

Heilen ist Sache der Allmutter Natur, und unsere Sache ist, diese Naturheilung zu befördern.

Leiden wie beispielsweise Verstopfung könne man gut mit speziellen Diäten behandeln. Bei anderen ärztlichen Methoden wie dem Kaiserschnitt oder der Zangengeburt sei abzuwarten bis die Maßnahme sicherer erscheint als weiteres Zuwarten. Es gäbe außerdem recht wenige Arzneimittel die bei genau nur einer Krankheit helfen würden, und die nicht als Naturheilmittel gelten könnten.

Gegenüber diesen Naturheilungen ist die Zahl derjenigen Mittel, die wirklich als Zerstörer der eingedrungenen Krankheitskeime gelten können und die als solche - wir nennen sie spezifische - durch jahrelange Erfahrungen wirklich erprobt sind, klein zu nennen. Um nur einige Beispiele herauszugreifen: wie das Chinin bei der Malaria; so sank in Italien seit der planmäßigen Bekämpfung dieser Seuche die Erkrankungsziffer von 60  Prozent (das heißt von hundert Bewohnern erkrankten sechzig) auf 3 Prozent; - oder wie die Quecksilber-, Jod- und Salvarsanbehandlung bei dem Abtöten der Spirillen der Syphilis; - oder die Silbersalze bei der Gonorrhöe, die Arsenbehandlung zur Aufbesserung des Blutes und des allgemeinen Stoffwechsels und die Heilsera. Damit hätten wir so ziemlich die Liste der hauptsächlichen spezifischen Heilmittel erschöpft.

Es ist Liepmann wichtig zu betonen, dass Heilkunde und Gesundheitspflege (= Hygiene) gleichermaßen wichtig sind und dass gute Ärzt'innen sich immer auch der Naturheilkunde bedienen, wo dies angebracht ist. Dementsprechend ist er skeptisch gegenüber solchen Ärzt'innen und Heiler'innen, die sich die Naturheilkunde extra auf die Fahnen schreiben. Er hält dieses Herausstellungsmerkmal für reines Marketing; oder wie er es ausdrückt "reklamehaft".

So kannte ich einen jungen Arzt, der in einer Stadt lebte und sich einer nur recht kleinen Praxis erfreute; plötzlich kam er auf die Idee, sich "Naturarzt" zu nennen und nun pilgerten von weit und breit jung und alt, arm und reich aus Stadt und Dorf zu ihm, war er doch nun ein weißer Rabe unter den vielen ganz gewöhnliche schwarz aussehenden anderen geworden. In wenigen Jahren war er ein reicher Mann, und nun interessierten ihn weder Medizin noch Natur, und er wurde Privatier. "Mundus vult decipi." "Die Welt will getäuscht sein."

Soweit so gut. Der Arzt ist reich geworden und die Patient'innen gesund. Problematisch wird es jedoch dann, wenn es nicht gut ausgeht.

Ich kenne einen Fall, in dem eine junge Lehrerin wegen einer Blutvergiftung einen solchen Heiligen aufsuchte. Dieser sah wohl, daß nur eine Operation hier nützen könne; weil er aber seinen Ruf, alles mit Wasser und Heuumschlägen heilen zu können, nicht aufgeben wollte, dokterte er ruhig mit diesen Mitteln an dem armen Mädchen herum, bis diese so schwer krank wurde, daß sie schließlich auf das Drängen ihrer Angehörigen einen Chirurgen zuzog. Der konnte das arme Ding wohl retten, aber das Bein blieb steif, die Vereiterung, die man durch einen Einschnitt leicht hätte nach außen ableiten können, hatte die Sehnen und das Gelenk schon zerstört.

Liepmann beschreibt die aggressiven Werbemethoden und hochtrabenden Werbeversprechen der Heiler'innen, insbesondere derjenigen, die keine Ärzt'innen sind.

Da lesen Sie alltäglich in den Tageszeitungen Annoncen: Heilungen ohne Berufsstörung, ohne Quecksilber, briefliche Behandlung, da flattern Ihnen die unsinnigsten Broschüren ins Haus, ungefährlich für Sie, die Wissenden, für Sie, die ernstlich das Wahre gesucht und mit Eifer und Verständnis meinen Vorträgen folgten. Aber die armen Nichtwissenden! Die Armen, denen diese ungeheilten Nichtwissenden wiederum zum Fluche werden.

Einer der Gründe, warum Menschen auf diese Versprechen herein fallen ist, dass möglicherweise durch die Behandlung die Symptome zurück gehen, nicht aber die Krankheit verschwindet. Ein weiterer Grund ist, dass "ohne Nebenwirkungen" ein sehr verlockendes Versprechen ist, insbesondere wenn die korrekte medizinische Behandlung nicht risikolos ist. Liepmann gibt als Beispiel die Syphilis.

Und da fragen Sie mich, ja merken denn diese Leute gar nicht, daß sie falsch behandelt werden? Leider nein und hierfür ein kurzes Beispiel: Soll man es dem jungen Mann übelnehmen, der an Syphilis erkrankt, von guten, ebenso unwissenden Freunden auf dei Gefahren und Unannehmlichkeiten der Quecksilberbehandlung aufmerksam gemacht, zu dem Naturheilkundigen geht, der ihm nun zu der Schrothschen Kur rät? Und wirklich, beim Hungern und Dursten (vgl. S.78) verblaßt der Ausschlag, die äußeren Krankheitserscheinungen gehen zurück und der junge Mann glaubt sich natürlich geheilt.

Das ist kritisch, denn Syphilis ist nicht nur hochansteckend, sondern wird auch auf das ungeborene Kind übertragen.

Ein weiterer Kritikpunkt Liepmanns an den Naturheiler'innen ist, dass ihnen nicht die richtigen Diagnosemittel zur Verfügung stehen. Behandeln sie zum Beispiel Magenleiden, so kann das neun Mal gut gehen, so dass die Heiler'innen sich einen guten Ruf aufbauen können, und beim zehnten Mal handelt es sich um Magenkrebs, der nicht erkannt wird. Bei den neun Malen zuvor war es aber nicht Behandlung, die geheilt hat, sondern der Glaube daran, dass geholfen würde.

Gewiss werden Sie sagen, das sehen wir ein, aber wie kommt es daß so viele Leute gesund werden und sich glücklich fühlen, von einem solchen Naturheilkundigen behandelt zu sein. Nun, es gibt eine ganze Anzahl von Krankheiten, die bei jeder Behandlung, an die man glaubt, geheilt werden. Es gibt, um das wieder durch ein Beispiel zu beleuchten, nervöse Magenkrankheiten, bei denen solche Naturbehandlungen, die neben Wasser in einer ganz veränderten Ernährung bestehen, Vorzügliches wirken. Aber nun bedenken Sie, wenn sich hinter diesem nervösen Magenleiden ein Magenkrebs verbirgt. Ein Magenkrebs, dessen Erkennen die aufmerksamste, sachgemäßeste Untersuchung mit allen Mitteln der Neuzeit, die Durchleuchtung mit Röntgenstrahlen und anderes mehr erfordert, der natürlich nicht von dem ehemaligen Schäfer oder Heilgehilfen erkannt werden kann. Dann wird die Kur keinen Nutzen stiften können, aber unermeßlichen Schaden anrichten, der arme Kranke wird erst im letzten Stadium zum Arzt kommen, wenn es zu spät zum Helfen ist.

Als nächstes wendet Liepmann sich einem Argument der Impfgegner zu. Diese behaupteten gerne, dass sich Krankheiten durch die richtige Ernährung vermeiden ließen. Er fordert die Verfechter'innen dieser Theorie auf, das doch an sich selber auszuprobieren.

Dort können Sie lesen, daß der jetzt von der "Schulmedizin" geforderte Seuchenschutz, wie er zum Beispiel bei den Pocken besteht, ganz überflüssig ist, daß gesunde Menschen, die möglichst vegetarisch leben und sonst die Regeln der Naturheilmethode befolgen, gar nicht angesteckt werden. Das ist falsch! Sollen doch diese Wunderapostel erst an sich selbst die Wahrheit ihrer Lügenworte erproben! Aber selbst das, wovor sie sich hüten werden, ist unnötig. Bei allen Seuchen sehen wir, wie die Starken wie die Schwachen in nahezu gleicher Weise befallen werden, wenn nur die Seuchenkeime einen Eingang in ihren Körper finden.

Ganz besonders sollten sich die Menschen hüten, wenn ihnen durch eine einzige Methode die Heilung aller möglichen Krankheiten versprochen würde. Als Beispiel nimmt er die Behauptungen Kneipps, dessen Wasserkuren Liepmann zuvor ja durchaus ihre Berechtigung zugesprochen hatte, aber dessen kühne allumfassende Behauptungen keinen Bestand haben. Liepmann überlässt das Urteil über Kneipps Behauptungen seinem Publikum.

Wenn Sie sich selbst ein Urteil bilden wollen, mit welcher Überhebung einer der besten naturheilkundigen Laien, Pfarrer Kneipp, über seine Kuren sprach- und Sie wissen, daß die Überhebung in der Wissenschaft immer das Ende der Forschung und den Bankrott jeden Wissens bedeutet -, so hören Sie ihn selbst: "Jede Störung ruht im Blut und die Arbeit der Heilung kann nur die zweifache Aufgabe haben: entweder muß ich das ungeordnet zirkulierende Blut wieder zum richtigen und normalen Laufe zurückführen, oder ich muß die schlechten, die richtige Zusammensetzung des Blutes störenden Stoffe (Krankheitsstoffe) aus dem Blute auszuscheiden suchen. Das Wasser, speziell meine Wasserkur, heilt alle überhaupt heilbaren Krankheiten. Denn ihre verschiedenen Anwendungen zielen darauf hin, die Wurzeln der Krankheiten auszuheben, und die sind imstande: a) die Krankheitsstoffe im Blut aufzulösen; b) das Aufgelöste auszuscheiden; c) das so gereinigte Blut wieder in die richtige Zirkulation zu bringen; d) den geschwächten Organismus zu stählen."

Wenden Sie auf diese inhaltsschweren und dabei doch nichtssagenden Worte alles das an, was Sie in den bisherigen Vorlesungen erfahren haben, und ich glaube, ich kann mich selbst einer Kritik entheben, die ich vertrauensvoll in Ihr Verstandsempfinden lege.

Zu guter Letzt setzt Liepmann sich mit der Homöopathie auseinander. Diese wurde 1796 von Samuel Hahnemann erfunden. Er wollte Gleiches mit Gleichem heilen, demnach sollten Stoffe, die dieselben Symptome hervorrufen, wie die zu behandelnde Krankheit, eine heilende Wirkung haben. Jede Krankheit hätte demnach ein spezifisches Heilmittel, das hochverdünnt gegeben werden müsse. Liepmann betonte ja oben schon, dass es in der Medizin nur wenige spezifische Heilmittel gäbe, dementsprechend weist er diese Behauptung von sich.

Die Homöopathie glaubt an die Spezifität aller ihrer Mittel. Das ist eine Überhebung, die wir nicht mitmachen können, denn heute, wo wir wissen, daß eine große Zahl von Krankheiten durch bestimmte Krankheitskeime erzeugt werden, müssen wir nach dem Vorgang von Hahnemann nicht durch homöopathische Mittel, sondern durch eben diese nur abgeschwächten Krankheitskeime die Erkankung zu behandeln suchen. In Wirklichkeit tun wir also bei den Pocken etwas ganz Ähnliches, wie Hahnemann es sich damals, als man Bakterien noch nicht kannte, gedacht hatte.

Krankheiten mit abgeschwächten ("verdünnten") Auslösern zu bekämpfen, ist genau das Prinzip nach dem Impfungen funktionieren. Doch mit den Verdünnungen der Homöopathie kann das niemals funktionieren.

Das zweite Charakteristikum der Homöopathie sind die Verdünnungen der Medizin. Die Homöopathen verdünnen die Medizin etwa so, als wenn Sie auf zwei Liter Wasser einen Tropfen Rotwein gießen und nun glauben, Rotwein zu trinken. Die Erklärung wie diese Verdünnungen wirken sollen, sind so mystisch, daß sie kein Mensch verstehen kann. Das naturwissenschaftlich Wahre, mag es noch so kompliziert sein, läßt sich aber immer, wie Sie wohl aus unseren Vorträgen ersehen haben, leicht nicht nur dem Wissenschaftler, sindern auch dem Laien verständlich machen. Eine gute Methode ist einfach, eine komplizierte meist falsch. So bedeutet die Homöopathie durch diese Verdünnungen, die sie je nach der Abstufung mit erste, zweite, dritte und schließlich dreißigste Potenz nennt, in Wirklichkeit nichts anderes als einen Verzicht auf Medizin überhaupt. Ihre Medizin wirkt lediglich durch den Glauben an sie, und der Glaube wirkt, wie Sie ja schon bei der Naturheilkunde gesehen haben, bei nervösen Kranken oft Wunder.

Was Liepmann hier sagt, ist, dass Homoöpathie nicht über den Placebo-Effekt hinaus hilft. Aber wie schon bei der Naturheilkunde ist Liepmann keinesfalls dagegen, dass man diesen gezielt ausnutzt. Er schließt:

Aber auch die Homöopathie hat der Medizin genützt, indem sie zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, der Zeit ihres Entstehens, entschieden dem allzuvielen und allzustarken Medizinieren entgegentrat. Heute kann man sie als eine rein dietätische Heilmethode bezeichnen, mit allen ihren Vorzügen, wenn sie sich auf die ihre zustehenden Gebiete beschränkt, und mit allen ihren Nachteilen, wenn sie sich an Gebiete heranwagt, die richtig behandelt werden müssen. Und gerade dadruch wirkt sie leicht ebenso gefährlich wie die Naturheilkunde.

Bemerkenswert ist vielleicht noch, dass dies das einzige Buch in meiner Sammlung ist, das die Homöopathie überhaupt erwähnt. Sie spielte offenbar bis weit ins 20. Jahrhundert keine nennenswerte Rolle.

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