Missverstandene Kindesentwicklung

Vieles, was wir heute über Kindesentwicklung wissen, haben wir durch Beobachtung gelernt. Doch der Weg zu unserem heutigen Wissen war alles andere als geradlinig. Vor allem waren die Deutungen unserer Beobachtungen immer auch geprägt von Zeitgeist, Vorwissen und nicht zuletzt Vorurteilen. Hier einige Beispiele für falsche Interpretationen.

Wie ich bereits berichtet habe, gab es in Adelskreisen den Irrglauben, Kinder könnten das Gehen nur lernen, wenn man es ihnen beibrächte.

„Es ist vergebliche und mehrentheils unnütze Mühe, wenn man die Kinder gehen lehren will. Sie müssens von sich selbst lernen. Die gemeinen Leute lassen gemeiniglich ihre Kinder, ehe sie laufen lernen, auf den Händen und Füßen herumkriechen. Der einzige Nachtheil davon ist, daß sie ihre Kleider besudeln; aber sie bewegen sich mehr, lernen ihre Glieder eher gebrauchen und werden stärker; sie sind denn auch gegen die Gefahr des Fallens am besten gesichert. Man darf nicht fürchten, daß sie sich zu sehr daran gewöhnen: denn wenn sie merken, daß sie Kraft genug haben, so richten sie sich von selbst auf, und lernen nach und nach gehen.“

1798, "Anleitung für Landleute zu einer vernünftigen Gesundheitspflege", Heinrich Felix Paulitzky

Durch "Abhärtung" wollte man Kindern eine besonders robuste Gesundheit bescheren. Die Auswüchse, die das annahm, waren allerdings gegenteiliger Wirkung.

"In den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts herrschte in manchen Kreisen eine Abhärtungsmanie, die einzelne sehr hochgestellte Familien ergriffen hatte: man steckte sogar neugeborene Kinder in kaltes Wasser; aber der allgemein schlechte Erfolg ließ bald wieder davon zurückkommen."

1892, "Wie behütet man Leben und Gesundheit seiner Kinder?", Dr. Ernst Brücke

Mit dem Zungenstreckreflex befördern Babys, die noch nicht beikostreif sind, Fremdkörper und eben auch Essen aus ihrem Mund. Natürlich muss man erst mal erkennen, dass das ein Reflex ist.

"Das 'Essenlernen' ist oft eine rechte Geduldsprobe für die Mutter. Manche Kinder futtern zwar gleich los 'wie die Alten', aber andere brauchen wochenlang, bis sie begriffen haben, daß man nach hinten und nicht nach vorne ißt."

ca, 1930, "Moderne Kinderpflege", Dr. med. G. Ockel

Frühförderung der etwas anderen Art betrieben die Eltern, die glaubten, man dürfe sein Kind nicht zu lange schlafen lassen.

"Es ist ein sonderbares Vorurtheil mancher Eltern, daß sie glauben, ein Kind könne zu viel schlafen, oder wohl gar sich dumm schlafen, daher denn manche auch so weit gehen, die armen Geschöpfe in ihrem süßesten Schlummer zu unterbrechen, und ihnen die Zeit dazu, nach selbst erdachten Regeln, aber nicht nach dem Willen der Natur, zuzumessen."

1830, "Guter Rath an Mütter", Christoph Wilhelm Hufeland

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