Wie sollen neugeborne Kinder getragen werden?

Das Tragen von Kindern mit und ohne Hilfsmitteln war auch in deutschsprachigen Gegenden sehr verbreitet. Es wurde nur vom Kinderwagen verdrängt, weil es meist wesentlich weniger praktisch war als dieser.

Der folgende Text stammt aus Pflichten gegen Kinder von Dr. Thomas Joseph Lauda, 1855. Er zeigt uns, wie und warum so getragen wurde. Die Nachteile werden so deutlich sichtbar.

Wie sollen neugeborne Kinder getragen werden?

Bei dem Tragen der Neugebornen machen sich Mütter und Wärterinnen so mancher Fehler schuldig, wodurch sie den Kleinen sehr schaden. Ich habe oft bemerkt, daß man die Kinder zu früh auf dem Arm der Wärterin sitzend herumtragen läßt. Allein in den ersten drei Monaten nach der Geburt sind die Knochen und Bänder noch zu weich, die Muskeln haben zu wenig Kraft, und der Kopf der Kinder ist zu schwer, als daß ihnen das Sitzen überhaupt nicht leicht schaden sollte. Bei der sitzenden Stellung solcher Kinder leidet insbesondere das Rückgrat. Da die Verbindung der Wirbelknochen noch nicht hinlängliche Festigkeit hat, so wird das Rückgrat bei dem Sitzen der Kleinen von der Last des Kopfes und des Brustkorbes zu sehr nach Außen oder nach der einen oder andern Seite gebogen, und da kann es, zumal bei schwächlichen Kindern, leicht geschehen, daß die weichen Bänder hier zu gewaltig ausgedehnt werden. 

Die hier beschriebene Trageweise war die übliche für das Tragen ohne Hilfmittel. Das Kind wurde mit geschlossenen Beinen auf den angewinkelten Unterarm gesetzt und mit der Hand des anderen Armes gehalten. Das war natürlich nicht nur für die tragende Person sehr anstrengend. Es war auch unphysiologisch für das Kind. Es kann nur spekuliert werden darüber, warum nicht der viel bessere Hüftsitz verwendet wurde. Möglicherweise hat es etwas damit zu tun, dass das Kind "ordentlich" sitzen sollte, wie auf einem Stuhl.

Lauda hat natürlich völlig recht, dass diese Trageweise für Kinder vor dem Sitzalter erst recht völlig ungeeignet ist. Er erklärt auch, warum.

Das Rückgrat bei Menschen besteht aus 24 kleinen Knochen, welche in Form einer Säule übereinander geschichtet sind, und in dieser Lage durch kurze und lange Bänder verbunden werden. In der Rückensäule befindet sich das Rückenmark, welches nach dem Gehirne, aus dem es unmittelbar entspringt, der empfindlichste Theil des menschlichen Körpers ist, und viele Eingeweide und die Gliedmassen mit Nerven versieht. Bänder sind flechtenartige Häute, welche sich von einem Knochen zum andern erstrecken. Nur durch die Festigkeit der Bänder und durch die genaue Verbindung derselben an die Knochen werden diese in ihrer natürlichen Lage erhalten. Mit Hilfe der Bänder werden alle Gelenke des menschlichen Körpers gebildet.

Obgleich die Natur wegen des Rückenmarkes für genaue Befestigung des Rückgrates sorgte, so ist es doch aus sehr vielen kleinen Knochen zusammengesetzt. Wenn nur ein Band zu sehr ausgedehnt wird, so können sich von den Bewegungen des Körpers, dessen vorzüglichste Stütze das Rückgrat ist, allmälig die Wirbelknochen verschieben, wodurch die Kinder, wie man sagt, einseitig werden, oder wohl gar nach und nach einen mehr oder weniger großen Höcker bekommen. Kinder unter drei Monaten sollte man nur liegend auf beiden Armen von der Wärterin herumtragen lassen.

Wie die meisten seiner Zeitgenossen kam Lauda also nicht auf die Idee, den Rücken besser zu unterstützen, sondern riet einfach generell vom aufrechten Tragen ab. Zugegeben, beim Sitzen auf dem Unterarm dürfte eine geeignete Unterstützung auch schwierig zu bewerkstelligen sein.

Das Rückgrat wird bei der sitzenden Stellung des Leibes sehr in Anspruch genommen. Erwachsene Menschen sogar, welche lange ruhig sitzen müssen, bekommen sehr oft Kreuzschmerzen. Es ist also allen Müttern auch anzuempfehlen, ihre Kleinen, wenn sie zu sitzen anfangen, niemals zu lange in dieser Stellung zu lassen. Die Wärterin soll das Kind, wenn sie es auf einem Arme sitzend herumträgt, anfangs mit der andern Hand unter der Achsel hinreichend unterstützen. Diese Maßregel sollte vorzüglich bei schwächlichen Kindern nicht außer Acht gelassen werden, da man durch eine zweckmäßige Unterstützung unter der Achsel die Last des Kopfes sehr vermindern kann.

Es ist schon bemerkenswert, dass zu langes Sitzen als schädlich erkannt wurde, daraus aber keine Rückschlüsse gezogen wurden, dass die Art und Weise, wie wir sitzen, vielleicht verbesserungsfähig wäre. Dies ist ein gutes Beispiel dafür, wie unser Erleben, unser Gefühl von "Normalität" und unsere Vorstellungen davon, was Sinn und Zweck unserer Kulturgegenstände (hier der Stuhl) sind, unseren Horizont beschränken und uns nicht objektiv das große Ganze sehen lassen. Kleinkinder können ohne Mühe in der tiefen Hocke sitzen. Wir verlernen das später, weil uns beigebracht wird "ordentlich" auf Stühlen zu sitzen und so die notwendigen Muskeln und Bänder nicht mehr trainiert werden.

Darum verwundert es aber auch nicht, dass es Lauda nicht gefällt, wenn die tragende Person das Kind näher am Körper und nicht in "ordentlicher" Sitzposition trägt.

Manche Kindermägde haben die Gewohnheit, den Säugling beim Herumtragen zu sehe an ihren Leib anzudrücken. Diesen Fehler sah ich vorzüglich bei trägen Weibspersonen, welche die Mühe scheuen, den Arm, auf welchem das kleine Kind ruht, ordentlich von ihrem Leibe wegzuhalten. Der Druck, den die Kleinen auf diese Art erleiden, kann unmöglich ohne Nachtheil für sie sein, da ihre Knochen noch nicht hinlänglich hart, die Bänder weich, und die Nerven und Adern sehr zart sind. Ich bin einigemal von Müttern darum zu Rathe gezogen worden, weil ihre obgleich gesunden, und übrigens gut gepflegten Kinder, nachdem sie längere Zeit herumgetragen worden waren, einen Arm oder Fuß nicht ordentlich bewegen konnten. Da nun diese Kinder, indem man sie auf einer Decke ganz leicht bekleidet liegen ließ, allmälig wieder zu dem Gebrauche ihrer Glieder kamen, so war es erwiesen, daß diese Taubheit in der Hand oder im Fuße nur auf dem Spaziergange von dem Drucke der Kindermagd beim Tragen erzeugt worden war. Wie leicht könnte aber nicht durch einen solchen Druck, besonders, wenn er oft wiederholt wird, eine Schwäche in dem betheiligten Gliede entstehen, die dem Kinde durch die ganze Lebenszeit in allen seinen Bewegungen hinderlich sein würde. Die Knochen bei neugebornen Kindern sind noch sehr zart und weich. Ein anhaltender Druck kann nicht nur das Wachsthum hindern, sondern auch eine Verunstaltung in denselben verursachen. Obgleich die sogenannten Säbelfüße, die ebenso häufig, wie die bedeutende Schwäche und Abmagerung der untern Gliedmassen vorkommen, am häufigsten eine Folge der Scrophelsucht sind, so mögen sie in der Entwickelung doch öfters auch durch diesen Druck beim Tragen der Kinder sehr begünstiget werden.

Taubheit in den Gliedmaßen kann eigentlich nur entstehen, wenn versucht wurde, das Kind in einer unphysiologischen Stellung bequemer zu tragen. Im Hüftsitz beispielsweise wird nicht abgequetscht. Wenn das Kind dagegen auf dem Unterarm sitzt und seine Beine gegen die Seite oder den Bauch der tragenden Person gedrückt werden, kann ich mir schon vorstellen, dass es zu temporärer Taubheit kommen kann.

Das zeigt aber auch nur, wie verankert diese Trageweise in den Köpfen war, wenn den Leuten nicht in den Sinn kam, das Kind einfach komplett anders zu halten.

Auch an Tragehilfen hatte Lauda einiges auszusetzen.

Viele Landweiber, wenn sie das kleine Kind eine größere Strecke Weges tragen sollen, wickeln es in ein großes Tuch, um es auf ihrem Rücken anbinden zu können. Allein auf diese Art wird das Kind ebenfalls stark gedrückt, und da es durch die beständige Bewegung beim Gehen unmöglich an einer und derselben Stelle liegen bleibt, und die Tücher, in welche es eingewickelt wurde, ebenfalls nachgeben, so kann es leicht sehr nachtheilige Lagen annehmen, wie z.B. daß die Füße höher zu liegen kommen, als der Kopf, oder, daß wohl gar der Kopf des Kindes an das Rückgrat der Trägerin fest angedrückt werde u.dgl. Wenn ein neugebornes Kind eine große Strecke getragen werden soll, so ist es am besten und bequemsten, man bediene sich hiezu eines hinreichend großen, mit guten Achselbändern versehenen Tragkorbes, in welchem für das Kleine ein bequemes Bettchen gemacht worden ist.

Leider wird die Art und Weise, wie diese Tücher gebunden wurden, nicht näher beschrieben. Das wäre hilfreich, um beurteilen zu können, ob Laudas Kritikpunkte überhaupt in der Realität fußten oder eher Spekulationen waren. Es ist natürlich gut möglich, dass es gar keine einheitlichen Trageweisen gab. Dass vielmehr jede Familie und jede tragende Person ihre eigenen Kniffe entwickelte. Da Lauda beschreibt, dass die Tücher nachgaben, vermute ich, dass sie sich dem Körper des Kindes anpassten, und daher von allen beschriebenen Trageweisen noch die gesündesten waren.

Mit Sicherheit jedoch ist ein Tuch für die tragende Person bequemer als ein Tragekorb. Denn ein Korb, in dem das Kind wie im Bettchen liegt, ist auf jeden Fall sperriger zu tragen. Die Erwähnung von Achselbändern lässt darauf schließen, dass der Korb entweder auf dem Rücken oder an der Seite getragen wurde. Beides ist auf Dauer wesentlich anstrengender als ein gut gebundenes Tuch.

Zu Laudas Zeiten waren Kinderwägen noch weitgehend unbekannt. Sie wurden erst einige Jahre später aus dem Stubenwagen entwickelt. Es gab jedoch schon Bollerwagen oder Lastenwagen, in denen die Kinder gezogen wurden. Diese waren für die ganz Kleinen aber nicht geeignet.

Man fährt auch die Kinder in kleinen Wagen. Wenn die Magd sehr träge wäre, oder die Kinder nur auf einem und demselben Arme tragen könnte, so ist es weit zweckmäßiger, das Kleine von ihr fahren, als tragen zu lassen. Doch dürfte für Neugeborne der Wagen nicht etwa auf die Art, wie unsere gewöhnlichen Leiterwagen gebaut sein, sondern der Kasten müßte, wie bei den großen Kutschen, in guten elastischen Federn hängen. Die kleinen Kinderleiterwagen, wie man sich deren gewöhnlich bedient, stoßen zu sehr, besonders auf schlecht gepflasterten Wegen, und verursachen auf diese Art dieselben Nachtheile, wie die holpernden Wiegen, von welchen ich schon gesprochen habe.

Das Fahren war also noch keine Alternative zum Tragen. Zudem waren Krankheiten wie Rachitis ("englische Krankheit", "doppelte Glieder"), die sich schädlich auf das Knochenwachstum auswirken konnten, sehr verbreitet. Es war darum wichtig, beim Tragen auf einige Dinge zu achten. Besonders da die Trageweise auf dem Arm ja in sich schon unphysiologisch war.

Die meisten Kindermägde sind gewohnt, die Kleinen nur auf einem Arme zu tragen; allein für die Kinder, die bereits sitzen können, ist es von großem Vortheile, sie, wenn sie auch ganz gesund sind, abwechselnd das eine Mal auf dem rechten, das andere Mal auf dem linken Arme tragen zu lassen. Diese Vorsichtsmaßregel empfehle ich den Eltern aber vorzüglich in jenen Fällen, wenn die Kleinen schwächlich sind, oder wohl gar schon an Scropheln, oder doppelten Gliedern leiden. Bei solchen Krankheiten sind die Knochen und die Bänder der Kleinen noch viel weicher, als im gesunden Zustande, und daher kann das Rückgrat, da es beweglich, und aus so vielen Knochen und Bändern zusammengesetzt ist, gar bald verschoben werden. - Wenn man das Kind immer auf einem und demselben Arme trägt, so wird sich das Rückgrat, wovon sich Jeder überzeugen kann, stets auch auf die eine und dieselbe Seite krümmen. Wie leicht kann also die Krümmung, wenn das Kind stundenlang nur in einer einzigen Richtung sitzen muß, allmälig bedeutender, und am Ende sogar bleibend werden? Wird jedoch bas Kind abwechselnd auf beiden Armen von der Kindermagd getragen, so kann das Rückgrat, da es sich das einemal auf die rechte, und das anderemal auf die linke Seite beugt, nicht so leicht Schaden leiden. Kranke Kinder sollten jedoch, wenn sie auch mehrere Monate alt geworden sind, der Vorsicht wegen allzeit liegend auf beiden Armen der Wärterin getragen werden.

Ein abwechselndes Tragen auf beiden Armen ist durchaus angebracht und sinnvoll. Im folgenden übertraibt Lauda aber.

Ein schwaches, oder wohl gar krankes neugebornes Kind ist immer in Gefahr, ein Krüppel zu werden, wenn die Wärterin, während sie es auf dem einen Arme trägt, mit der andern Hand so manche schwere Arbeiten verrichtet, wie dieß sehr oft zu geschehen pflegt. Es erfordert große Geschicklichkeit, ein Kind zu tragen, und dabei noch andere Arbeiten zu machen. Dazu taugt sehr selten eine Kindermagd. Gesunde, lebhafte Kinder können sich sehr leicht überschlagen und das Rückgrat dabei bedeutend beschädigen, wenn sich die Wärterin bei dem Herumtragen derselben nicht mit beiden Armen beschäftiget. Die Mütter handeln sehr klug, den Kindermägden, während sie die Kleinen tragen, jede Arbeit zu untersagen.

Wenn die Kindermagd das Kind so trägt, dass sie nebenbei noch Arbeiten verrichten kann, macht sie es bestimmt auf eine Weise, die in der Regel sicher für das Kind ist. Denn Arbeiten sind doppelt so schwierig, wenn das Kind nicht vernünftig gehalten wird. Möglicherweise spielt hier aber auch mit rein, dass Lauda an anderer Stelle erwähnt, dass häufig besonderes junge Mägde für die Kinderbetreuung genommen wurden. Mitunter waren diese erst 14 oder gar erst 12 Jahre alt. Da mag es durchaus stimmen, dass das Tragen und Arbeiten zur gleichen Zeit einfach zu viel für die Mägde war.

Aus Spaß zu tragen war Lauda allerdings auch nicht geheuer.

Manche Kindermagd hat die Gewohnheit, die kleinen Kinder auf ihrem Halse sitzen, oder reiten zu lassen. Diese Art, die Kinder zu tragen, sollten Eltern stets verbieten, da die Geschlechtstheile durch den Druck, besonders, wenn die Magd, wie es oft zu geschehen pflegt, dabei auch tanzt und springt, sehr gefährlich beschädigt werden können.

Bei der Sorge um die Geschlechtsteile geht es Lauda nicht etwa um Verletzung oder Schädigung. Er befürchet vielmehr die "Weckung des Geschlechtstriebes" und die Masturbation.

Es scheint allerdings, dass Lauda wegen eines persönlichen Schicksalsschlags voreingenommen gegen dieses Vergnügen war. Sein Sohn war bei einem solchen Unterfangen unglücklich gestürzt und letztlich gestorben.

Das Reiten der Kinder auf dem Halse oder Rücken der Wärterin ist ferner auch darum nicht zu billigen, weil das Kind in dieser Lage den Händen der Magd leicht entschlüpfen, und so von einer bedeutenden Höhe auf die Erde herabstürzen könnte. Dieses Unglück hat sich schon oft ereignet. Ich selbst musste solch’ ein trauriges Beispiel vor 10 Jahren an einem auffallend gesunden, und starken Knaben von meinen eigenen Kindern erfahren, der rücklings vom Halse der leichtsinnigen Dienstmagd herabstürzte, und sich durch diesen Fall das Rückgrat in der Art beschädigte, daß er trotz aller Mühe und Pflege einen bedeutenden Höcker bekam, und nicht am Leben erhalten werden konnte. 

Es ist nicht wirklich klar, woran genau Laudas Sohn gestorben ist. Offensichtlich wurde er verletzt, aber er muss nach dem Sturz noch eine ganze Weile gelebt haben, wenn er dadurch einen Höcker bekam. Der Höcker selber wird wohl nicht die Todesursache gewesen sein. Möglicherweise kam es zu Wundbrand oder inneren Verletzungen. Möglicherweise stand der Tod aber auch gar nicht im direkten Zusammenhang mit dem Unfall. Aus der Beschreibung allein lässt sich das nicht mit Sicherheit sagen.

Unglücke können leider immer wieder passieren. Heute würde ich jedoch von einem Arzt erwarten, dass sich seine Empfehlungen an realistischen Einschätzungen orientieren und nicht an Einzelfällen, auch wenn ein solches Erlebnis selbstverständlich nicht ignoriert werden kann.

Abschließend lässt sich sagen, dass es durchaus gute Ansätze zum Tragen von Kindern gab, aber diese in die falsche Richtung korrigiert wurden, weil das Verständnis für Physiologie fehlte und Sittenvorstellungen keine Alternativen zuließen.

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