Das Zielpublikum der Erziehungsratgeber im Wandel der Zeit

Kindererziehung war immer auch eine Vorbereitung auf spĂ€tere Aufgaben. Dementsprechend gab es unterschiedliche Erziehungsratgeber fĂŒr unterschiedliche StĂ€nde. Denn was die Kinder fĂŒr ihr spĂ€teres Leben brauchten, war keineswegs einheitlich. Die Erziehung sollte auf den Beruf vorbereiten. Der Beruf war abhĂ€ngig vom Stand. 

Die allermeisten der ersten Ratgeber richteten sich an Damen der gehobenen Gesellschaft. Diese hatten das nötige Geld, sich BĂŒcher zu kaufen, und die Zeit und FĂ€higkeit diese auch zu lesen. Einige andere richteten sich an Bauersleute.

Ich werde in dieser Abhandlung immer die besonderen UmstĂ€nde von KĂ€rnthen vor Augen behalten, in so weit mir solche bekannt sind. Ich werde mich also bemĂŒhen, nicht nur zu zeigen, wir unsere Landjugend ĂŒberhaupt mĂŒsse erzogen werden: sondern auch worauf man bey Erziehung der Bauernkindern in KĂ€rnthen besonders Achtung geben mĂŒsse. (...) Auch werde ich mein Hauptaugenmerk freylich nur auf die Söhne besonders richten können. Dem ohnerachtet hoffe ich, daß das mehreste, was ich zu sagen mir vorgenommen habe, auch auf die Erziehung der Töchter zugleich wird mit angewandt werden können. Denn die körperliche Behandlung ist ja bey Knaben und MĂ€dchen gleich. Und es gibt fĂŒr das weibliche Geschlecht nur zween besondere periodische UmstĂ€nde, wo es eine ausschließende und eigene Sorgfalt fĂŒr die Gesundheit ihres Leibes vonnöthen hat: und diese sind, wie bekannt, diejenige Zeit, wo sich die ersten und monatlichen Zeichen ihrer Mannbarkeit Ă€ußern: und dann die Zeit der Schwangerschaft und des SĂ€ugens. 
Ueber die Erziehung der Landkinder in Absicht auf die Landwirthschaft und die hĂ€usliche GlĂŒckseligkeit, 1790, S. 20f

Durch die Erfindung der Schnellpresse 1811 begann sich der BĂŒchermarkt zu wandeln. Doch erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der BĂŒchermarkt zum Massenmarkt. Dennoch richteten sich die meisten Ratgeber an die "Schönen und Reichen". Deutlich wird das an Themen wie der Ammenhaltung oder dem Benehmen, das den Kindern beigebracht werden sollte.

"In vielen Familien ist die Sitte des Handkusses eingefĂŒhrt. Ich möchte dieser Sitte nur im engsten Familienkreise das Wort reden in dem Falle, wo die Reinlichkeit der Hand der Eltern nichts zu wĂŒnschen ĂŒbrig lĂ€ĂŸt."
Mutter und Kind - Ein Lexikon der Kinderstube, J. von Wedell, 1898

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war es durch medizinischen Fortschritt geglĂŒckt, die SĂ€uglingssterblichkeit zu senken. Den Ärzten war daher daran gelegen, dass die neuen Erkenntnisse möglichst große Verbreitung fanden. Gleichzeitig fĂŒhrten die neuen Regeln in der SĂ€uglingspflege einen anderen Umgang mit dem Kind mit sich. Insbesondere der nun immer energischer geforderte geregelte Tages- und Mahlzeitenrhythmus hatte Einfluss auf die Erziehung von klein auf. 

Im frĂŒhen 20. Jahrhundert wurden alle MĂŒtter mit den Erziehungsratgebern angesprochen. Schon lange forderten vor allem mĂ€nnliche Ärzte, dass bereits MĂ€dchen auf den "Mutterberuf" vorbereitet werden sollten. Nun wurde diese Forderung auf breiter Ebene durchgesetzt. Man begann, SchĂŒlerinnen schon in der Volksschule in SĂ€uglingspflege auszubilden. So wurde den SchĂŒlerinnen neben Pflege aber auch eine immer strengere Erziehung beigebracht.

Was tun wir, wenn ein Kind schreit?
Ihr seht nach, ob es naß ist, ob es unbequem liegt, oder zu warm bedeckt ist. Wenn es trotz aller Beruhigung weiter schreit, dann laßt ihr es schreien; Schreien ohne Grund schadet dem Kinde nichts, es ist sogar recht gesund fĂŒr seine Lungen. Doch wenn das Kind die ganze Nacht durchschreit und dauernd unruhig bleibt, muß es zum Arzt gebracht werden.
Nur wenn es sehr warm ist, schreit das Kind manchmal auch aus Durst, dann darf es etwas abgekochtes Wasser zwischen den Mahlzeiten bekommen.
SĂ€uglingspflegefibel, Schwester Antonie Zerwer, 1914

Durch diese frĂŒhzeitige Intervention wurde die Saat fĂŒr die Schwarze PĂ€dagogik gesĂ€ht. Gleichzeitig wurden in Erziehungratgebern immer vehementer die Erziehungsmethoden der Großeltern verurteilt. Diese seien zu zart und nachsichtig.

"Der ungĂŒnstige Einfluß, welchen GroßmĂŒtter oder alte Eltern auf SĂ€uglinge und nicht selten auch jĂŒngere Eltern auf den Erstgeborenen ausĂŒben, beruht darauf, daß sie die Kinder nicht erziehen, sondern sich selbst vollstĂ€ndig den Launen und WĂŒnschen der Kinder unterziehen. Sie stehen auf dem Standpunkt, daß es ihre vornehmste Aufgabe ist, dem Kinde jeden Wunsch an den Augen abzusehen und denselben so schnell als möglich zu erfĂŒllen und ĂŒberdies noch alles zu tun, was ihnen fĂŒr das Kind angenehm erscheint. Sie verlieren ihre Macht ĂŒber die Kinder schon im ersten Lebensjahre derselben, und dies hat zur Folge, daß die Kinder schon im zweiten und dritten Lebensjahr das Haus terrorisieren."
Der Arzt als Erzieher, Adalbert Czerny, 1908

Im dritten Reich wurden Hefte und BĂŒcherÂ ĂŒber SĂ€uglingspflege und Erziehung kostenlos auf StandesĂ€mtern, in MĂŒtterberatungsstellen und von Ärzt*innen verteilt. Die meisten davon waren im Ton noch hĂ€rter als das berĂŒhmt-berĂŒchtigte "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" von Johanna Haarer. Ein Teil des Erfolges von Haarers Buch mag genau darauf zurĂŒckzufĂŒhren sein, dass es im Vergleich mit der offziellen Propaganda beinahe harmlos klang.

WeiterfĂŒhrende Informationen findet Ihr in meinem Vortrag "300 Jahre Erziehungsratgeber". Eine Aufzeichnung des Webinars können UnterstĂŒtzer*innen sich auf Patreon anschauen. Ihr findet dort ebenfalls die Aufzeichnung eines Livestreams ĂŒber Erziehungsratgeber aus der Nachkriegszeit.

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