Roses Revolution - Gedenken an die Geburts-Traumata unserer Vorfahren

Am 25. November ist der Tag der Roses Revolution. Diese globale Aktion gegen Gewalt in der Geburtshilfe wird seit 2011 begangen. An diesem Tag legen Betroffene Rosen vor den Kreißsälen ab, in denen ihnen Gewalt widerfahren ist. Viele schreiben auch einen begleitenden Brief dazu. 

Zu dem Gewalterlebnis kommen manchmal im Nachhinein noch Bemerkungen Dritter dazu, die das Trauma verstärken und es Betroffenen noch schwerer machen, das Erlebte zu verarbeiten. Bemerkungen darüber, dass das doch alles nicht so schlimm gewesen sein könne, schließlich läge es in der Natur der Sache, dass eingegriffen werden müsse, und überhaupt hätten Frauen sich früher ja auch nicht beschwert.

Doch selbst Probleme unter der Geburt rechtfertigen nicht, zu vergessen, dass da ein Mensch gebiert, der als solcher mit Respekt zu behandeln ist. Und dass Frauen sich früher nicht oder selten beschwert haben, liegt im Patriarchat begründet. Da beißt sich die Katze in den Schwanz.

Meine Oma erzählte mir mehrmals die Geschichte, wie bei einer ihrer Geburten der Arzt die Plazenta herausgezogen hatte. Zunächst gab es keine Probleme, aber nach einiger Zeit setzte wieder eine Blutung ein. Als sie damit zu demselben Arzt ins Krankenhaus ging und dieser feststellte, dass durch seinen Fehler Reste der Plazenta in der Gebärmutter geblieben waren, sagte er zu meiner Oma: "Das erzählen wir aber niemandem, nicht wahr?" Und ich denke, sie hat es außer mir wirklich nie jemandem erzählt.

Aber genau aus so einer arroganten und eigensinnigen Haltung heraus, entsteht ein Großteil der Gewalt im Kreißsaal. Diese Art der Gewalt hat ihren Ursprung in den Gebäranstalten, in denen die ersten männlichen Ärzte ab den 1750ern zu Geburtshelfern ausgebildet wurden. Zwar gab es Leiter solcher Lehranstalten wie Dr. Jörg in Leipzig oder Dr Boër in Wien, in deren Schriften sich bis heute Mitgefühl und Respekt für die Gebärenden und Wöchnerinnen widerspiegeln. Doch waren auch sie Kinder ihrer Zeit mit dem entsprechenden Standesdenken, weshalb auch Geburten unter ihrer Leitung sicher nicht komplett gewaltfrei waren. 

Es muss ihnen aber angerechnet werden, dass sie sich wahrlich als Helfer und nicht als Macher verstanden. Boër legte großen Wert darauf, die natürliche Geburt zu unterstützen und nur dann einzugreifen, wenn es wirklich nötig war. Jörg hielt Vorlesungen für Frauen, die quasi als Geburtsvorbereitung zu verstehen sind - eine außergewöhnliche Sache zu seiner Zeit.

Von ganz anderem Kaliber war da der Leiter der Göttinger Gebäranstalt, Dr Friedrich Benjamin Osiander. In seinen Berichten ist vorrangig die Rede davon, was er getan hat und warum. Die Gebärende ist nur das Objekt, das er behandelt. Er war einer dieser Ärzte, die meinten, dass es immer etwas zu verbessern gäbe. Einer, der sich profilieren wollte, indem er ein funktionierendes System optimierte. 

"Je mehr die Entbindungskunst vervollkommnet wird desto mehr wird dieser Zwek der Kunst, das Gebären leicht und angenehm zu machen, unter gebildeten Nationen erreicht werden. Bis jezt ist man in der Kunst, die Geburtsarbeit der Natur zu erleichtern, schon weit gekommen, aber man wird noch weiter komme, wenn man auf dem Weg fortwandeln wird, den ich vielleicht unter meinen Zeitgenossen zuerst einschlug."

Osiander war Erfinder einer Geburtszange und hat diese sehr gerne eingesetzt - auch um komplikationslose Geburten zu beschleunigen.

"Aber auch bey der natürlichsten Geburt kann die Kunst das Gebären leicht und angenehm machen, und jede Gefahr abwenden, die sich manchmal ohne prophylactische Hülfe und Anordnung plözlich erzeiget."

"Leicht und angenehm". Für wen, frage ich mich. Und wenn er die Gebärende meint, woran macht er dann aus, ob eine Geburt "leicht und angenehm" war? Er erwähnt zwar ein paar Fälle, in denen das Verhalten und das Minenspiel der Gebärenden darauf schließen ließ, dass ihnen die Geburt nicht sonderlich schmerzhaft war - eine schrieb unterdessen Briefe, eine andere scherzte, eine dritte hatte durchgehend einen gelassenen Gesichtsausdruck. Doch scheint Osiander allein das Unterlassen von Schmerzäußerungen ein Beweis dafür zu sein, dass Frauen sich ja eigentlich nur anstellen, wenn sie über Schmerzen klagen.

"Es gibt unter den gebildeten Ständen ganz schmerzenlose Geburten zeitiger Kinder. Manches junge und zärtlich erzogene Mädchen konnte das kindische Wimmern sehr gut lassen, wenn es darauf ankam, stille zu seyn, um heimlich zu gebären, oder mit dem Stilleseyn einen Vortheil zu erlangen."

Osiander schließt also daraus, dass ungewollt Schwangere leise gebären können, um die Geburt zu verheimlichen, dass es ja eigentlich gar nicht wirklich weh täte. Er verwirft die Schmerzäußerungen sogar als "kindisch". Nach seiner überheblichen Meinung, waren die Frauen selber Schuld, wenn sie Schmerzen litten. Wenn eine schmerzlos gebären könne, müssten es alle können.

"Ohne längst las ich den Brief einer geistreichen Dame, den sie während der Geburt geschrieben hatte, und an dem man bey der Geistesruhe und Munterkeit, welche daraus hervorleuchteten, abnehmen konnte, dass ihr das Gebären eine leichte und angenehme Sache seyn musste; wie sie es dann jeder Mutter von Geist und Herzen seyn soll, oder durch Kunst werden kann."

Da wundert es nicht, dass Osiander eine Geburt dann als "glücklich beendet" ansah, wenn weder Mutter noch Kind "einigen bedeutenden Verlust an Kräften, Gesundheit und Integrität des Körpers" erlitten. Mit anderen Worten: wenn sie weitestgehend gesund blieben. Dabei unterschied er durchaus zwischen "glücklich für die Mutter" und "glücklich für das Kind", was dann bedeutete, dass entweder Kind oder Mutter verstorben war. Die Wortwahl "glücklich" wirkt aus heutiger Sicht geradezu makaber; als ob es vom Glück abhinge, eine Geburt zu überleben.

*TRIGGERWARNUNG* - Im folgenden werden Praktiken und Fälle beschrieben, die auf einige Menschen verstörend oder triggernd wirken können.

Die 1751 in Göttingen von Albrecht von Haller zur Ausbildung von Geburtshelfern gegründete Gebäranstalt war die erste ihrer Art für Ärzte. Ältere Gebäranstalten gab es zwar, aber dort wurden ausschließlich Hebammen ausgebildet. Bis dahin hatte sich die ärztliche Geburtshilfe darauf beschränkt, im Ernstfall das Leben der Gebärenden zu retten. Das geschah vor allem dadurch, dass das Kind mit Gewalt nach draußen befördert wurde. Um dies zu erreichen, wurde nicht selten das Kind im Mutterleib zerstückelt. Es gab spezielles Werkzeug, um den Schädel zu öffnen, das Gehirn zu entfernen und dann den Schädel zu zerdrücken. 

Osiander war entsetzt über diese Praktik. Nicht nur, dass dabei Kinder getötet wurden, auch bereits verstorbene Kinder sollten seiner Meinung nach nicht so behandelt werden. Dieses eigentlich lobenswerte Ziel verfolgte er allerdings auch dann, wenn es von Nachteil für die Gebärende war. 1792 übernahm Osiander die Leitung der Göttinger Gebäranstalt. 

In seinem Buch Neue Denkwürdigkeiten für Aerzte und Geburtshelfer, Band 1, in der zweiten Auflage von 1799 beschrieb Osiander seine eigenen Anfänge in der Geburtshilfe, und schon hier wird deutlich, dass er sich selbst am nächsten ist. Sein Ruf und seine Taten sind ihm wichtiger als die Gebärenden. Dennoch erinnern seine Worte an ihr Leid. Geben wir ihnen also im Sinne der Roses Revolution eine Stimme und erinnern wir an sie. Sie stehen stellvertretend für all die Frauen, die als Versuchskaninchen für die frühe Geburtshilfe herhalten mussten.

Osiander begann seine Ausbildung zum Geburtshelfer im Frühjahr 1779 in Straßburg, nachdem sein Interesse an dem Gebiet durch die Lektüre von Fallbeispielen geweckt worden war. Unter der Leitung von Professor Röderer "sahe ich neben mehreren natürlichen Geburten einige künstliche Entbindungen, und bekam auch zwey natürliche Geburten zu meiner Besorgung; überdiss wohnte ich der täglichen ärztlichen Behandlung der kranken Schwangeren und Wöchnerinnen bey."

"Nichts nährt die Liebe für eine Wissenschaft und Kunst so sehr, als das gemeinschaftliche Interesse für eine Kunst unter wahren Freunden.
Der in Tübingen schon gegründeten Freundschaft meines lieben Landsmanns, des fürstl. Speyerischen Geheimen Rathes und jezt Wirtembergischen Leibarztes Hr. G. A. Reuss zu Stuttgardt, des Hrn. Dr. Stükelberger zu Basel, und des wakern Schweizers Hrn. Lindemann, die in einem Hause mit mir wohnten, und mit gleichem Eifer sich auf Entbindungskunst legten, verdanke ich das in Strassburg noch vermehrte Interesse für das Studium der Geburtshülfe."

Osianders Studium bestand also weitestgehend aus Beobachtung und Theorie, sowie vermutlich vielem Fachsimpeln unter Männern. Was ihnen an Übung fehlte, verschafften sie sich illegal durch Ausbeutung armer Frauen. Möglich machte dies "eine berühmte Hebamme". Deren Namen hält Osiander nicht für erwähnenswert im Gegensatz zu denen der gerade erst aufgelisteten Herren.

"Mit einigen von diesen Freunden hatte ich noch einen besondern Cursus bey einer der berühmtesten Hebammen der Stadt. Diese verschafte nehmlich wöchentlich 2 Mal Gelegenheit in ihrem Hause uns an armen Schwangeren gegen Bezahlung im Untersuchen zu üben, und diese arme Frauen in ihren eigenen Wohnungen zu entbinden. Einer von uns machte abwechslend den Lehrer, fragte und entschied, was geschehen sollte.
Da mich die Reihe des Lehrers beym Entbinden traf, wäre mir mein Eifer beynahe übel zu stehen gekommen. Als Protestant unbekannt mit den Gebräuchen der Katholiken bey Geburten, wollte ich durchaus nicht zugeben, dass eine alte Frau einer Gebärenden ein bey den Kapuzinern geholtes schmuziges Zettelchen (mich deuchte, es wäre ein Stükchen eines alten Kalenderblattes) in einem eben so schmuzigen Weihwasser eingeben sollte; und indem ich ihr den Löffel wegnehmen wollte, ward das Weihwasser verschüttet. Wüthend fuhren die anwesenden Weiber auf, und die Gebährende durfte sich uns Weihwasserverächtern nicht weiter anvertrauen.
Dieser Auftritt machte mich in der Folge so tolerant, dass ich es zugelassen hätte, wenn eine Gebärerin einen ganzen Kalender samt einem Kessel voll Weihwasser verschlukt hätte. Zugleich aber verlohr ich die Lust, bey diesen Privatentbindungen zu seyn, die ohne hin von der Policey verboten waren, und bey denen wir, im Fall einer uns unmöglichen und anderer Hülfe erfordernden Entbindung, immer eine Ahndung riskirten."

Nachdem Osiander sich autoritär über die örtlichen Gebräuche der Frauen hinwegsetzen wollte und auf Widerstand gestoßen war, reagierte er eingeschnappt und mit Trotz. Er behauptet zwar, der Vorfall habe ihn tolerant gemacht, aber eigentlich fühlte er sich in seiner Ehre verletzt und geht weiteren Demütigungen aus dem Weg. Es ist bemerkenswert, dass Osiander erst jetzt erwähnt, dass dieses Unterfangen polizeilich verboten war. Er schafft es so, diese Geburten als für ihn riskant darzustellen, statt für die Frauen. Immerhin dienten diese hier als Versuchskaninchen.

Die fehlende Übung und Erfahrung hielt Osiander nicht davon ab, sich bereits als Geburtshelfer zu sehen. Dass seine ersten Fälle ihn in dieser Ansicht bestätigten, zeigt nur, wie eingenommen er von sich selber war.

"Im Spätjahr 1779 reisste ich von Strassburg zurük, und trat in meiner Vaterstadt Kirchheim unter Tek im Wirtembergischen eine Stelle, als praktischer Arzt und Geburtshelfer an.
Die erste Hülfe war bey einem höchst critischen Fall wegen Blutfluss vor der Geburt zu leisten, und sein glüklicher Ausgang verschaffte mir das grösste Zutrauen bey meinen Mitbürgern.
Die zweyte Hülfe hatte ich bey einer, mit starkem Blutfluss nach der Geburt des Kindes begleiteten, Entbindung zu leisten, wobey die äusserliche Anwendung des kalten Wassers gute Dienste that.
Der dritte Fall, der mir zu behandeln vorkam, war eine Wendung eines Kindes mit vorgefallenem Arm. Ich werde es nie vergessen, wie sauer es mir worden ist, diese Wendung zu vollenden. Das Kind war todt, doch unverlezt, und die Mutter befand sich vollkommen wohl. Bald nachher hatte ich eine Steissgeburt in eine Fussgeburt zu verwandeln, wo der Ausgang für Mutter und Kind vollkommen glüklich war. Die Mutter war mit meiner Behandlung so zufrieden, dass sie sich mir das Jahr darauf bey einer natürlichen Geburt einzig anvertraute, und durchaus den Beystand einer Hebamme nicht mehr haben wollte.
Die fünfte Hülfe leistete ich einer Frau, bey der das Kind mit der Stirne gegen die Schambeinvereinigung stand. Sie hatte einen überhängenden Leib, und sass in einem Stuhl, dessen Lehne nicht zurükgelegt werden konnte. Viele Stunden war sie schon von der Hebamme zum Verarbeiten der Wehen, in dieser aufgerichteten Stellung vergeblich gequält, und ihre Kräfte waren endlich erschöpft worden, als sie mich in der Nacht rufen lies. Ich machte auf dem Bett ein Geburtslager zurecht, brachte die Gebärende darauf, schob die Stirne vom Schosbein, drehte den Kopf in grossen Durchmesser, was bey ihrem sehr geraumigen Beken leicht war, das übrige vollendete die Natur so schnell, dass ich den Kopf mit meiner Hand herausbrachte. In fünf Minuten war die Frau von einem lebenden Kinde entbunden. Unstreitig wäre sie längst von der Natur entbunden gewesen, hätte die Hebamme sie horizontal liegen gelassen. Allein für mich hatte diese lange Verzögerung durch Unwissenheit der Hebamme, und durch meine darauf erfolgte schnelle Hülfe den Nuzen, dass diss den Ruf meiner Geschiklichkeit unter meinen Mitbürgern ungemein vermehrte. Denn die Frauen, welche zugegen waren, hatten noch nichts weniger, als die Vollendung der Geburt erwartet, waren über die schnelle Hülfe erstaunt, und unterliessen nicht, die Sache zu meinem Vortheil, nach ihrer Art, zu vergrössern, und die schnelle Hülfe beynah für ein Wunder zu erklären."

Immerhin erkannte Osiander im Nachhinein, dass diese paar Geburten noch keinen guten Geburtshelfer machen. Und wir sehen, dass ärztliche Geburthilfe, sowie eine kontrollierte Hebammenausbildung, durchaus notwendig waren. Denn auch um Hebamme zu werden, brauchte es nicht viel, so dass hier tödliche Fehler nicht selten waren.

"Man kann leicht denken, wie diss meinen Muth hob, und bald hätte ich mich selbst beredet, dass ich schon ein geschikter Geburtshelfer sey. Allein es fehlte nicht lange, so kamen wieder schwerere Fälle, die meinen Sinn in Demuth erhielten, und mich fühlen liessen, dass noch mehr Kunst und Uebung erfordert werde, um in schweren Fällen ohne Zittern und mit wahrem Kunstgeschik fertig zu werden. Eine schwere Wendung wegen vorgefallener Hand und von der Hebamme entzweygerissener Nabelschnur, wozu ich, um dieses schändlichen Vergehens der Hebamme willen, erst spät gerufen wurde, nachdem die Wasser schon viele Stunden abgeflossen waren, machte mir so viele Mühe und Arbeit, dass ich froh war, sie mit Hervorziehung eines todten, aber unverlezten, Kindes für die Mutter glüklich beendiget zu haben."

Obwohl Osiander von Beginn an gegen die Zerstückelung war, griff er zu diesem Mittel, als er unmittelbar nach dieser kräftezehrenden Entbindung zu der nächsten gerufen wurde. Erschöpfung bringt Menschen dazu, Dinge gegen ihre Überzeugung zu tun und Fehler zu machen. Das sind die Folgen von Personalmangel, unter dem wir heute aus anderen Gründen wieder leiden. 

Während ich diese Frau entband, wartete meiner ein Landmann, mich zu seiner, seit einigen Tagen in Geburtsschmerzen befindlichen, Frau zu rufen. Kaum war also eine schwere Operation vollendet, so hatte ich eine andere zu verrichten, die ich noch schwerer fand, als die erstere. Vier und zwanzig Stunden vor meiner Ankunft waren die Wasser schon abgeflossen, und der Arm eines faulen, wahrscheinlich seit mehreren Tagen nach einem heftigen Zorn abgestorbenen, Kindes vorgefallen. Beym Aufsuchen der Füsse fiel auch der andere Arm vor. Nun war noch schwerer zu den Füssen zu kommen. Ermüdet von der Anstrengung bey der wenige Stunden zuvor verrichteten schweren Wendung, und überzeugt, wie ich damals glaubte, von dem Tod des Kindes, vergass ich meines festen Vorsazes, keine schneidende Werkzeuge anzuwenden, und lösete den einen Arm des Kindes ab, um zu den Füssen zu kommen, und die Wendung verrichten zu können. Der Ausgang lehrte zwar, dass das Kind vor dem Ablösen wirklich faul war; indessen reuete es mich doch sehr, dass ich einmal meinen Vorsaz übertreten hatte. Der Eindruk, den diese Reue in meinem Gedächtniss zurük lies, war so stark, dass es bis jezt der einzige Fall der Art in meiner Praxis blieb, obgleich mir nachher oft bey weitem schwerere Wendungsfälle wegen vorliegenden Armen vorkamen.

So verständlich es ist, dass sich Osiander hier in seiner Beschreibung auf seine Taten und den Zustand des Kindes konzentriert - immerhin war es ein traumatisches Erlebnis für ihn, indem ihm klar wurde, dass Kind hätte noch am Leben sein können - so muss doch deutlich erwähnt werden, dass die Frau in dieser Erzählung nur ein einziges Mal eine aktive Rolle spielt. Ihr "heftiger Zorn" wird zur wahrscheinlichen Todesursache deklariert! Nicht nur, dass sie eine traumatische Geburt erlebte, ihr wird auch noch die Schuld gegeben.

Doch Osiander musste noch eine dritte Geburt an diesem Tag betreuen. Hier hatte die Hebamme bereits den Barbier zu Hilfe gerufen. Barbiere oder Bader waren eine Art Wundarzt. Sie machten Aderlässe, Klystiere, kannten einige Heilmittel. Sie waren die Ärzte des kleinen Mannes und auf den Dörfern meist schneller zu erreichen als ein Arzt. Darum wurden sie dort auch oft zu Geburten gerufen. Dieser hier wusste aber offenbar nicht, was er tat. 

"Ich kam bey der Gebärerin an, ohne dass die in der Stube anwesenden Personen meine Ankunft wahrnahmen, und sah da das schröklichste Schauspiel. Eine Frau lag ausgestrekt und bis an Nabel entblösst auf der Erde; und aus ihren Geburtstheilen war ein Kind bis an Hals hervorgezogen. Den einen Fuss dieses Kindes hielt die Hebamme, den andern der Dorfbarbierer in den Händen, und so zogen beyde mit allen Leibeskräften so stark, dass sie, wie ich nachher erfuhr, schon seit einer Stunde die arme Kreisende an dem Kinde in der ganzen Stube herumgeschleppt hatten. Die Kreisende war, wie leicht zu erachten, halb leblos, und an den Füssen des Kindes konnte man jeden Eindruk der Finger sehen, welche auf so entsezlich rohe Weise Hülfe leisten wollten.
Ich legte die Frau auf das Bett, griff in den Mund des Kindes, und brachte den Kopf so ohne viele Schwierigkeit zur Welt. Die Frau wurde gerettet; das misshandelte Kind aber war natürlich todt."

Hier hat Osiander die schwere Misshandlung der Gebärenden beendet und ihr das Leben gerettet. Er hat in seiner Karriere auch durchaus Gutes für die Geburtshilfe geleistet. Das ändert aber nicht, dass er einen miesen Charakter hatte, und vermindert nicht die Traumata, die er vielen Frauen verursacht hat.

Er selber hat sich seine Behandlungsfehler sehr schnell verziehen. Dass er bei der oben beschriebenen Geburt das Kind zerstückelt hat, fand er im Nachhinein nicht so schlimm, weil die Praxis bekannt und akzeptiert war, und dadurch sein Ruf nicht geschädigt wurde.

Das Gerücht, dass ich in einem Tag zu drey Gebärerinnen, an drey verschiedenen Orten gerufen worden sey, vermehrte meinen Credit, und machte das unternommene Armablösen vergessen, an dessen Nothwendigkeit das Publikum um so leichter glaubte, als man von dergleichen Operationen anderer Geburtshelfer meines Vaterlandes je und je zu hören längst gewohnt war. Aber mein geburtshelferischer Ruf ward vollends gegründet, als einige Monate hernach ein Wundarzt und Geburtshelfer meiner Vaterstadt mich zur Entbindung seiner Gattin rufen lies, und ich solche schnell und glüklich entband, nachdem er sie zu entbinden vergebens versucht hatte.

Wie bequem, dass Osiander das "glücklich entbunden" für sich so großzügig definiert hatte. Auf diese Weise konnte er mit dem Ergebnis seiner Interventionen fast immer prahlen. Aufmerksame Leser'innen werden bemerkt haben, dass Osiander hier nicht erwähnt, ob die Geburt auch für das Kind "glücklich" verlaufen ist. Hauptsache, der Ruf stimmt ...

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