Säuglingspflegefibel von Schwester Antonie Zerwer, 1914 und 1933

Die Säuglingspflegefibel von Ordens- und Krankenschwester Antonie Zerwer (1873-1956) ist ein Lehrbuch für die oberen Klassen der Volks- und höheren Mädchenschulen, also für Mädchen im Alter von ca. 10 bis 16 Jahren. Die erste Auflage erschien 1912 während die Autorin im berühmten Kaiserin-Auguste-Viktoria-Säuglingsheim in Berlin arbeitete, dessen Leitung sie 1924 übernahm. Sie war auf Wunsch des Arztes Arthur Keller 1908 von Magdeburg nach Berlin gekommen.

Mir liegen sowohl die dritte, unveränderte Auflage von 1914, sowie die neunte Auflage von 1933 vor. Die Säuglingspflegefibel wurde in mehrere Sprachen übersetzt und sich etwa zwei Millionen Mal verkaufte. Die zehnte und letzte Auflage erschien 1940.

Das Buch ist im wesentlichen in einer Frage-und-Antwort-Form geschrieben. Es beinhaltet viele Fotos und Abbildungen, die beispielsweise die zur Säuglingspflege benötigten Utensilien oder das korrekte Halten eines Babys beim Tragen oder Baden zeigen. Zudem gibt es ein Lehrgedicht und einige kleine Geschichten, anhand derer Gefahren und Regeln der Säuglingspflege verdeutlicht werden sollen. Die neunte Auflage enthält zudem noch Aufgaben für die Schülerinnen und wurde um drei Geschichten ergänzt.

Man merkt der Säuglingspflegefibel an, dass das Kaiserin Auguste Viktoria Haus der Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit verpflichtet war, da das Hauptaugenmerk auf Hygiene gelegt wird. Typisch für Unterricht in dieser Zeit lehrt die Fibel allerlei Regeln und Maßnahmen, ist aber äußerst sparsam mit Begründungen. Was die Erziehung der Säuglinge und Kleinkinder angeht, merkt man keinen großen Unterschied zwischen den Auflagen.

Was tun wir, wenn ein Kind schreit?

1914: Ihr seht nach, ob es naß ist, ob es unbequem liegt, oder zu warm bedeckt ist. Wenn es trotz aller Beruhigung weiter schreit, dann laßt ihr es schreien; Schreien ohne Grund schadet dem Kinde nichts, es ist sogar recht gesund für seine Lungen. Doch wenn das Kind die ganze Nacht durchschreit und dauernd unruhig bleibt, muß es zum Arzt gebracht werden.
Nur wenn es sehr warm ist, schreit das Kind manchmal auch aus Durst, dann darf es etwas abgekochtes Wasser zwischen den Mahlzeiten bekommen.

1933: Ihr seht nach, ob es naß ist, ob es unbequem liegt oder zu warm bedeckt ist. Wenn es trotz aller Beruhigung weiterschreit, dann laßt ihr es schreien. Schreien ohne Grund schadet dem Kinde nichts. Es ist sogar recht gesund für seine Lungen. Doch wenn ein Kind, das sonst ruhig war, die ganze Nacht durch schreit und dauernd unruhig bleibt, muß der Arzt gefragt werden.
Wenn es sehr warm ist, schreit das Kind manchmal auch aus Durst, dann darf es etwas abgekochtes Wasser oder dünnen, leicht gesüßten Tee teelöffelweise zwischen den Mahlzeiten bekommen.

Beispiele für die Aufgaben aus der späteren Auflage.

Für die Selbstarbeit.

  1. Bau einer Kochkiste.
  2. Einrichtung einer Puppenküche.
  3. Zeichnen: Magen des Kindes, Säuglingsuhr, Flasche mit Grammeinteilung.
  4. Eure Lehrerin nimmt vielleicht einmal, wenn ihr sie darum bittet, eure Gesundheitsscheine aus dem Spind: Wer war Brust-, wer Flaschenkind? Vergleichen.

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