header photo Sind Krankheiten gut für die Entwicklung?

"Höchst merkwürdig und beachtenswerth ist der Einfluß, den Krankheiten auf das Gemüth des Kindes haben; dasselbe entwickelt sich etwa im fünften oder sechsten Jahre oft wunderbar während des Verlaufs derselben."

So schreibt Friedrich August von Ammon in den "Mutterpflichten" 1892. Er behauptet also, Krankheiten seien gut für die Entwicklung des Kindes in einem gewissen Alter. Wie kann das sein? Einen ersten Hinweis gibt der nächste Satz:

"Wie Kinder fast immer vom Krankenlager physisch gewachsen erstehen, so erstehen sie auch in ihrem Gemüthe reifer und innerlicher, als sie sich legten."

Krankheiten dauerten so lange, dass die Kinder in der Zeit körperlich merklich wuchsen. Durch unsere moderne Medizin sind wir es gewohnt, schnell wieder gesund zu sein. Drei Wochen wären schon extrem lang für eine Krankheit, die man zuhause behandelt. Doch im 19. Jahrhundert rechnete man allein für Scharlach mit einer Krankheitsdauer von sechs Wochen.

Während ansteckender Krankheiten wurden die Kinder, so es möglich war, isoliert. Manchmal wurde sogar eine Pflegeperson mit ihnen isoliert; immer jedoch standen sie unter intensiver Aufsicht eines Erwachsenen. Das heißt insbesondere, dass sie im Krankheitsfalle mehr Umgang mit Erwachsenen hatten, als wenn sie gesund waren.

Denn auch, wenn Kinder früher mehr in Haus und Hof mit anpacken mussten, so hatten sie in ihrer Freizeit viel mehr Freiheiten als Kinder heutzutage.

"Je mehr Kinder heranwachsen, je weniger Pflege haben sie nöthig. Sie werden desto stärker und dauerhafter, je mehr Freyheit man ihnen läßt, und es ist ihnen nicht so nachtheilig, wenn sie gewissermassen versäumt werden, als wenn man zu viele Sorgfalt bey ihrer Erziehung anwendet."

Anleitung für Landleute zu einer vernünftigen Gesundheitspflege, Heinrich Felix Paulitzky, 1798

Kinder durften sich früher auch unbeaufsichtigt viel weiter von ihrem Zuhause entfernen, als heute. Die Erwachsenen hatten zum einen gar keine Zeit, sich intensiv mit den Kindern zu beschäftigen, zum anderen wäre das zumindest im späten 19. Jahrhundert auch als Verwöhnen betrachtet worden.

War das Kind nun auf dem Weg der Besserung und musste beschäftigt werden, damit es im Bett blieb, so bekam es ganz viel Input, den es sonst nicht bekommen hätte. Es lernt und wird im "Gemüthe reifer"; erwachsener. Das "Verwöhnen" macht sich auch im Verhalten des Kindes bemerkbar, denn das Kind gibt die Aufmerksamkeit, die es bekommen hat, nicht so gerne wieder auf. Darum gibt von Ammon folgenden Hinweis:

"Deshalb ist die Mutter darauf aufmerksam zu machen, bei dem genesenden Kinde nicht gleich mit pedantischer Disciplin streng einzuschreiten, sondern zunächst den Weg der Duldung und der Gewährung innezuhalten."

Und was meint von Ammon mit "innerlicher", wenn er vom Gemüt spricht? Er erklärt es nicht weiter, aber ich denke mir, dass es etwas mit der Schwere der Krankheit zu tun hat. Im Alter von fünf oder sechs Jahren dürften sich die Kinder der Gefährlichkeit so mancher Krankheit bewusst gewesen sein. Dass Kinder an Krankheiten starben, war keine Seltenheit. Man ist mit dem Tod damals auch viel offener umgegangen. Er wurde nicht tabuisiert.

Wenn man eine solche Krankheit dann am eigenen Leib erfährt, kann einem schon ein Stück Unbeschwertheit abhanden kommen, und man wird eventuell nachdenklicher; mehr nach Innen gekehrt, erwachsener.

Hatte die Krankheit selbst also einen positiven Einfluss? Wohl kaum. Lediglich die gesteigerte Aufmerksamkeit durch erwachsene Bezugspersonen war eine positive Begleiterscheinung.

Heute wissen wir außerdem, dass beispielsweise die Masern das Immunsystem auf lange Zeit schädigen.  Das erklärt auch, warum andere epidemische Krankheiten häufig in räumlicher und zeitlicher Nähe zu Masern auftraten. Dass es quasi immer zu Folgekrankheiten kommen konnte, wusste aber auch schon von Ammon:

"Außerdem ist nach längerer Krankheit, namentlich nach Nervenfieber, Scharlach, Masern, Blattern, nach Entzündungskrankheiten, nach dem Keuchhusten, der Zustand der Zähne und der gesammten Sinneswerkzeuge, die Haltung des Körpers sammt Armen und Beinen beim Stehen, Gehen und beim Sitzen, selbst beim Urinlassen, beim Stuhlgang genau zu beobachten, damit in der Stille einherschleichende Nachkrankheiten bald erkannt und in ihrer Entstehung beseitigt werden können. Diese Nachkrankheiten sind entweder Nervenkrankheiten oder Krankheiten der Muskeln, der Sehnen und der Gelenkverbindungen und treten unter der Form der Lähmung, des Schwundes und der Gelenkverbildung auf. Auch stehen manche Ausschlagskrankheiten in einer verderblichen Beziehung zu den Sinnesorganen. Nach Masern entwickeln sich leicht Augenleiden, und das Scharlachfieber wird dem Gehörorgan durch innere Entzündung oder durch innere Eiterung gar zu leicht gefährlich. Ferner ist es zu empfehlen, den Zustand der Zehen und ihrer Nägel, und die Haut zwischen ihnen öfters zu untersuchen, weil diese Theile in gewissen Wachsperioden, in welche Krankheiten fallen, leicht erkranken. Endlich gehen gar nicht selten bei längeren Krankheiten manche Erziehungresultate der Aeußerlichkeit verloren, und genesende Kinder fallen in frühere fehlerhafte Angewohnheiten zurück, dahin gehören das Blinzeln mit den Augenlidern, das Schielen, das Zucken mit einzelnen Muskeln im Gesicht und an den Gliedmaßen, Erscheinungen, die bei strenger Aufsicht und Beachtung meist rasch wieder beseitigt werden können."

Sind Krankheiten also gut für die Entwicklung? Nein. Sie waren es nie, und sie sind es nicht.

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