header photo Stationsbetrieb im Kinderkrankenhaus

1930 verstanden sich die Ärzte noch als Erzieher. Dem Aufenthalt im Krankenhaus wurde ein positiver Einfluss auf die Erziehung zugeschrieben.

Klar, gegenüber fremden Kindern, zu denen man keinen Bezug hat, streng zu sein, ist sicher einfacher als gegenüber den eigenen. Und Zucht und Ordnung waren damals das höchste Gut. Die meisten Kinder fügen sich früher oder später der Strenge, aber dies geschieht aus Angst oder Resignation, und ist aus heutiger Sicht alles andere als positiv zu bewerten.

Die größte Schwierigkeit des Stationsbetriebes in einem Kinderkrankenhaus liegt darin, daß die meisten Kinder keine Ordnung halten, daß sie in ihren Betten herumwühlen, die Spielsachen zum Bett herauswerfen und möglichst einen Erwachsenen für sich allein zur Unterhaltung haben möchten. Dem läßt sich nur dadurch einigermaßen steuern, daß man ein gewisses System, dass den Neigungen der Kinder Rechnung trägt, in den Stationsbetrieb hineinbringt, und daß man die Kinder von vornherein an Anstaltszucht gewöhnt: Sobald in den frühen Morgenstunden die Kinder gebadet oder gewaschen, und die Betten geordnet sind, erhalten sie das erste Frühstück. Nach diesem werden sie auf den Topf gesetzt und dann wird solange gelüftet, bis die ärztliche Visite kommt. Die Kinder sind vom ersten Tag an zu gewöhnen, solange still zu liegen und zu schweigen, als ein Arzt im Zimmer weilt.

Nach der ärztlichen Visite werden die Spielsachen verteilt, während die nicht-bettlägerigen Kinder angezogen und in den Tagesraum oder ins Freie geschickt werden, wo sie mit Reigenspielen, Gesellschaftsspielen oder Turnübungen beschäftigt werden.

Um 10 Uhr werden die Spielsachen eingesammelt, und wird das 2. Frühstück gegeben, Dann wird gelüftet, und danach werden neue Spielsachen verteilt, jedoch so, daß das Kind, das in der ersten Spielstunde Bilderbücher besehen hat, nun Bauklötze bekommt oder Farbstifte, um zu malen, oder buntes Papier zum Ausschneiden und Kleben. Auf diese Weise wird dem Drang der Kinder nach etwas Neuem Rechnung getragen, und es wird vermieden, daß ihm die Spielsachen langweilig werden.

Um 12 Uhr wird das Essen gereicht, und danach werden die Kinder auf den Topf gesetzt. Während dessen wird ihr Bett geordnet, dann werden ihnen Mund und Hände gewaschen, die Fenster geöffnet, und es beginnt der Mittagsschlaf (bis gegen 3 Uhr).

Nach dem Vesper wird wieder gelüftet, und danach werden Märchen erzählt, vorgelesen, Fröbelarbeiten gefertigt.

Hienach werden Betten und Krankenzimmer zur Abendvisite gerichtet, Sobald diese vorbei ist, treten das Grammophon, das auf einer Kinderabteilung unentbehrliche Instrument, oder der Rundfunk in Tätigkeit. Währenddessen richten die Schwestern die Abendmahlzeit, erledigen die abendlichen Bäder, reichen dann das Essen und richten Kind und Bett zum Schlafen. Um 7 Uhr tritt Ruhe auf der Abteilung ein.

Medikamente sind zu den vorgeschriebenen Stunden zu geben. Morgens und abends, alle Tage zur gleichen Zeit, sind die Kinder auf den Topf zu setzen, um ihren Stuhl zu lassen. Nach jeder Mahlzeit ist ihnen das Harnglas zu reichen. Es ist - nach Möglichkeit - nicht zu dulden, daß sie Harn und Stuhl lassen, wann es ihnen paßt, sondern sie sind zu gewöhnen, diese Geschäfte zu erledigen, wann es Zeit ist, und wann die übrigen Kinder es auch tun.

Auf diese Weise erreicht man es, daß es auf den Abteilungen nicht allzu unordentlich aussieht, daß Ruhe herrscht, und daß die Kinder nicht nur Genesung, sondern auch etwas Erziehung mit nach Hause nehmen und gern an die im Krankenhaus verbrachte Zeit zurückdenken.

"Lehrbuch der Wöchnerinnen- Säuglings- und Kleinkinderpflege für Pflegerinnen, Schwestern und Mütter", Prof. Dr. W. Birk, Prof. Dr. A. Mayer, 1930

Leider galten die strengen Regeln noch bis in die 1980er. Kleinkinder und Babys erlitten im Krankenhaus nicht selten ein Trauma. Ich denke, diese Traumata sind den heute erwachsenen, ehemaligen PatientInnen oftmals gar nicht bewusst. Sie äußern sich jedoch im Verhalten in triggernden Situationen und können sehr vielfältig sein. Nicht zuletzt können sie sich in einer tiefen Angst oder Misstrauen gegenüber Krankenhäusern äußern.

Die Folgen des Traumas können auch körperlicher Natur sein. Mich selber hat man als Kleinkind im Krankenhaus ans Bett gefesselt. Ich habe daraufhin aufgehört mit dem linken Auge zu gucken. In Folge dessen schiele ich und habe kein räumliches Sehvermögen. Man kann erahnen, wie groß die innere Resignation gewesen sein muss, wenn sie sich körperlich manifestiert.

Irgendwann erzählte mir meine Mutter mal, dass das Schielen eine bekannte Nebenwirkung gewesen sei. Ich frage mich, warum es dann so lange gedauert hat, bis man auf den Trichter kam, dass das Festschnallen vielleicht keine so gute Idee ist.

CC0, pixabay.com SilasCamargo

Foto: SilasCamargo, pixabay.com, CC0 public domain

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