Stillen in der Öffentlichkeit aus der Sicht des Kindes 1905

(Zu den Kommentaren)

"Aus dem Tagebuch eines Säuglings", Karl Eugen Schmidt, 1905

Stillen in der Öffentlichkeit aus der Sicht des Kindes 1905:

"So, da wären wir jetzt auf dem Lande. Der Wechsel hat mich so überrascht, und da gab es so viel Neues, daß ich volle zwei Monate lang nicht an mein Tagebuch gekommen bin. Um hierher zu gelangen, das war eine komplizierte Geschichte. Zuerst trug man mich die Treppe hinunter. Vor der Haustür hielt einer der lustigen Wagen mit dem Hottogaul, die mir immer so viel Spaß machten wenn ich sie vom Fenster aus auf- und abrollen sah. In diesen Wagen sind wir gestiegen: ich, Mama und Papa.

Papa hatte eine Flasche mit einem Kautschukpfropfen in der Tasche. Die Flasche sah aus der Tasche heraus, und die Leute lachten. Die Leute sind dumm. Hätten sie gewußt, was in der Flasche war, so hätten sie nicht gelacht. Ich habe es nachher erfahren: es war sogenannte sterilisierte Milch, abscheuliches Zeug, nicht zu genießen. Ich habe mich, sobald ich davon gekostet habe, energisch geweigert, dieses Gebräu zu trinken, und so lange habe ich gelärmt und geschrien, bis die Mama sich entschloß, ihre Pflicht zu tun und mir das zu trinken zu geben, was mir allein zukommt und gefällt.

Aber das geschah erst später. In dem Wagen mit dem Hottogaul hatte ich noch keinen Hunger. Der fuhr mit uns rollend und polternd über das Pflaster, zwischen endlosen Häusern hin. Dann gingen wir in ein großes Haus, und da fanden wir in langen Reihen kleine hölzerne Häuschen aufgestellt. Diese Häuschen standen auf Rädern, und jedes davon war in winzig kleine Kämmerchen eingeteilt. Das Kämmerchen, das wir betraten, war ganz mit Menschen angefüllt, und es war entsetzlich heiß.

Das gefiel mir gar nicht. In dem Kämmerchen waren drei oder vier Tanten und ebensoviele Onkel, die ich alle nicht kannte, und die sich so stellten, als ob sie mich auch nicht kannten. Einer dieser Onkel, der eine Zeitung las, guckte zornig nach meiner Ecke, so oft ich schrie. Die andern taten so, als ob sie überhaupt nichts von meiner Anwesenheit merkten.

Es war nicht schön in diesem Kämmerchen. Vorn an der Reihe der kleinen Holzhäuschen mußten wohl Hottogäule sein, oder aber man schob von hinten wie an einem Wagen. Jedenfalls setzte sich die Sache in Bewegung, und nun zogen alle möglichen grauen, braunen und grünen Dinger an den Fenstern vorbei, leider so schnell, daß man keine Zeit hatte, sie ordentlich zu untersuchen und zu erkennen. Mitunter hielt das Ding an, ein Onkel oder eine Tante stieg aus, und dafür stieg ein andrer ein.

Unter diesen Umständen wollte man mich mit der erwähnten Flasche, die der Vater in der Tasche trug, zum Schweigen bringen, aber Prost die Mahlzeit! Die Mutter schaute verlegen den Vater an und schielte nach den fremden Onkeln und Tanten hinüber, als ob die etwas in der Sache mitzusprechen hätten. Ich aber bestand auf meinem Recht, und schließlich bequemte sich die Mutter dazu, mir zu trinken zu geben. Die fremden Onkel und Tanten sagten nichts und schauten zum Fenster hinaus. Ich habe aber bemerkt, daß sie von Zeit zu Zeit heimlich nach mir hinüberschielten. Wahrscheinlich waren sie auch hungrig, aber da sollen sie zu ihrer eignen Mama gehen!"

"Aus dem Tagebuch eines Säuglings", Karl Eugen Schmidt, 1905

Was für Erfahrungen habt Ihr mit dem Stillen in der Öffentlichkeit gemacht? Lasst es mich in den Kommentaren wissen.

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