Tragehilfen im 19.Jahrhundert

(Zu den Kommentaren)

Was macht man, wenn man keinen Kinderwagen hat, aber das Baby transportieren will? Heute ist diese Frage klar, denn es gibt ein breites Angebot an Tragetüchern und Tragehilfen. Und wenn man von der Vielzahl der Möglichkeiten überfordert ist oder die Tricks und Kniffe der verschiedenen Bindeweisen von Tragetüchern lernen möchte, dann geht man zur Trageberatung. Ganz einfach. Doch wie sahen Tragehilfen früher aus?

Weit verbreitet war der Tragemantel. Er war keine Tragehilfe im eigentlichen Sinne, da er das Kind nicht stützte, sondern nur Trägerin und Kind zusammen warm hielt. Der Tragemantel war sehr beliebt und wurde nicht nur von Müttern, sondern auch von Ammen und Gouvernanten benutzt. Ärzten war er jedoch wegen der mangelnden Stützung ein Dorn im Auge.

Die Ärzte des 19.Jahrhunderts hatten mit Recht Angst vor Rachitis und schiefem Wuchs aufgrund einseitiger und krummer Haltung. Allerdings gab es auch Übertreibungen in die andere Richtung. So wurden ganz junge Kinder bis zum Alter von 3-4 Monaten in Wickelpolster und Steckkissen eingeschnürt.

Bei uns in Böhmen benutzt man einen Wickelpolster, der durch ein ihn in Kreuztouren umschließendes Wickelband, dessen künstlerische Ausgestaltung der weiblichen Phantasie dankbare Aufgaben stellt, fixiert wird. Ich muß gestehen, daß ich dieser Art des Einwickelns der Kinder vor dem Steckkissen, wie es zum Beispiel in Deutschland fast ausschließlich verwendet wird, den Vorzug gebe. Der muskel- und knochenschwache Körper des Säuglings der ersten Lebensmonate findet darin beim Tragen einen viel besseren Halt als im Steckkissen, in welchem das Kind geradezu versinkt, und seinem Bewegungsdrange, der in diesem Alter sich ja nur bei horizontaler Lagerung betätigen kann, läßt sich durch Lockerung oder Lösung des Wickelbandes vollständig entsprechen.

"Allgemeine Körperpflege und Hygiene des Kindes im frühen Kindesalter. Hygiene der Kinderstube." von Prof. Dr. Rudolf Fischl, in "Das Buch vom Kinde", Band 1, Adele Schreiber Hrsg., 1907

Ein strittiger Punkt bei der Erstlingsbekleidung ist die Frage des Einbündelns oder der Steckkissen. Im allgemeinen treten die neueren Ärzte dafür ein, dem Kinde möglichst viel Bewegungsfreiheit zu gewähren, selbst Verfechter des alten Wickelpolsters mit dem eng darüber angelegten Wickelbande, das wohl fast überall abgekommen ist, heben es nur als Vorzug hervor, daß es beim Tragen einen besseren Halt gewährt, als das Steckkissen. Die beste Lösung liegt wohl darin, kleine Kinder überhaupt nicht so viel unnütz herumzutragen, sie vor allem nicht zu früh aufzurichten. Es mag darauf hingewiesen werden, daß die musterhaft gepflegten englischen Babys niemals eingebündelt und eingewickelt werden. Ein bequemes Auskunftsmittel um die Kleinsten leicht tragen zu können, ohne sie in ihrer Ruhe zu stören, sind die sogenannten Moseskörbe, leichte, längliche Körbchen, die weich gefüttert und mit Stoff bezogen auch für die allererste Zeit als Kinderbettchen dienen können (Abbild. 3)

"Die Kleidung des Kindes" von Adele Schreiber in Berlin, in "Das Buch vom Kinde", Band 1, Adele Schreiber Hrsg., 1907

Wenn das Kind beginnt, sich aufzusetzen und mobil zu werden, sind solche Bündel natürlich nicht mehr verwendbar. Jetzt kommen die Tragkleidchen zum Einsatz. Selbst von meinem Opa (Jahrgang 1926) gibt es noch ein Bild, in dem er ein solches Tragkleidchen trägt. Für die kleineren Kinder ähneln die Tragkleidchen einem Taufkleid. Es ist lang genug, um die Beinchen beim Tragen vor Zugluft zu schützen. Für Kinder, die bereits stehen und laufen können, sind die Tragkleidchen entsprechen kürzer, damit sie nicht beim Gehen stören. (Kleine Bemerkung am Rande: Warum zieht man den kleinen Jungs in dem Alter noch keine Hosen an? Damit sie sich allein aufs Töpfchen setzen können.)

So nett es also auch aussieht, wenn ein solches kleines Kerlchen mit seinem Tragkleid einherstolziert, darf man es in seinem Interesse doch nicht früher in Gebrauch ziehen, bis die Rückenmuskulatur so weit erstarkt und der willkürlichen Inanspruchnahme unterworfen worden ist, daß das Kind längere Zeit und ohne zu ermüden stramm aufrecht sitzen kann, was selbst bei guter Entwickelung kaum vor Ablauf des dritten Lebensvierteljahres der Fall ist.

"Allgemeine Körperpflege und Hygiene des Kindes im frühen Kindesalter. Hygiene der Kinderstube." von Prof. Dr. Rudolf Fischl, in "Das Buch vom Kinde", Band 1, Adele Schreiber Hrsg., 1907

Alle Tragehilfen hatten neben der Problematik von zu festem Einschnüren und zu wenig Stütze einen weiteren Nachteil: Man hatte nie beide Hände frei. Nicht weit entfernt von uns war man da wohl klüger, denn in der Slowakei gab es offensichtlich sogar Tragetücher.

Das Kind ist horizontal oder fast horizontal, mit dem Kopfe etwas höher, zu legen und auch so zu tragen; das frühe Aufrichten, namentlich anhaltendes, ist zu vermeiden, weil die noch schwache Wirbelsäule leiden könnte. Freilich tragen die Slovakenweiber ihre kleinen Kinder in aufrechter Stellung auf dem Rücken, und dieselben behalten doch ihre geraden Glieder; aber sie sind nicht frei aufgerichtet, sondern ruhen vorne auf dem Rücken der Mutter, und hinten hält sie das Tragetuch, so dass ihr ganzer Körper gestützt ist.

"Wie behütet man Leben und Gesundheit seiner Kinder?", Dr. Ernst Brücke, 1892

Vielleicht hätte man sich den Gebrauch der Tragetücher mal abschauen sollen, statt vom Tragen abzuraten. Ich frage mich, ob der Kinderwagen sich dann durchgesetzt hätte. Was meint Ihr?

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