header photo Über den Umgang mit Fieber

Im 18. Jahrhundert hielt man Fieber mitunter noch für eine eigenständige Krankheit. Man unterschied unter anderem zwischen hitzigem Fieber, Faulfieber, Wechselfieber, schleichendem Fieber und anhaltendem Fieber. Da man noch nicht viel über die Vorgänge im menschlichen Körper wusste und Aberglaube weit verbreitet war, gab es viele Quacksalber, die allerlei Mittel gegen Fieber verkauften. Die Medizin selbst steckte noch in den Kinderschuhen und vieles war Trial and Error.

Unter allen Fiebermitteln ist keins von so zuverläßiger Wirksamkeit wie die Chinarinde; aber ihre Anwendung erfordert so viele Vorsicht, sie kann so viel schaden, wenn sie zur Unzeit gebraucht wird, wenn noch Unreinigkeiten in den ersten Wegen vorhanden sind, oder Verstopfungen und Verhärtungen im Gekröse und andern Eingeweiden des Unterleibes und der Brust - daß sie nie gebraucht werden sollte, als auf Verordnung eines geschickten Arztes. Ebenso verhält sichs mit einigen Mitteln, die etwas der Chinarinde ähnliches haben, den Weidenblättern und der Rinde davon, der Roßkastanienrinde, der Nelkenwurzel. Man rühmt sonst noch eine große Menge von Mitteln gegen die Wechselfieber. Manche von denselben sind gefährlich und andere ganz unwirksam. Man wagt bey jenen zu viel, als daß es rathsam wäre sie zu gebrauchen. Dergleichen sind die Pulver von Tormentillwurzeln, von Eichenrinden, der Vitriol und Alaun. Die stark zusammenziehenden Dinge vermehren die Verstopfungen in den Eingeweiden, welche so ift die vorläufigen Ursachen des Fiebers sind. Die geringsten Uebel, so von ihrem gebrauch entstehen können, sind schlimme Rückfälle der Krankheit: oft verursachen sie Wassersuchten, die Gelbsucht, die Auszehrung und andere langwierige Karnkheiten - Ferner die scharfen Dinge, und hitzigen Gewürze, die Bertramswurzel, weißer Pfeffer, von dem man mehrere Körner auf einmal verschluckt, gestoßener Pfeffer, Ingwer, Muskatnüsse, etc elche die gemeinen Leute in Branntwein einnehmen, sich stark darauf bewegen, dann im Bette den Schweiß abwarten. Manchesmal gelingt diese Kur; aber man hat auch Beyspiele genug, daß das Fieber dadurch verstärkt, und hitzige Karnkheiten und Magenentzündungen veranlasset worden. Es ist noch gefährlicher, wenn man im Anfall des Fiebreparoxismus hitzige Gewürze mit Branntwein nimmt, oder sich kurz vorher betrinkt. Dvon sind manche in dem Anfall selbst ohne Verstand und sinnlos gestorben. - Die zerquetschten großen Spinnen und die Spinneweben sollen sehr zuverlässige Fiebermittel seyn. Sie verursachen gewöhnlich ein starkes Erbrechen. Man kann aber dergleichen schmutzige Sachen, die zudem nicht sicher sind, so wie die unwirksamen Dinge: Tobakspfeifenpulver, gebrannte Eyerschaalen, und dergleichen leicht entbehren, da es an guten und kräftigen Fieberarzneyen nicht fehlet.

Die Arzneykrämer, Herumträger, Dorfbader und vagirende Quacksalber verkaufen mancherley fieberstillende Mittel. Die brauche man gar nicht, denn man kann es nie mit Sicherheit thun. Mehrentheils enthalten sie entweder heftig wirkende Brech- oder Purgiermittel, wodurch der ganze Körper geschwächt und die Gesundheit auf immer zerrüttet wird; oder wirkliche Gifte, vorzüglich Arsenik, den nur die gewissenlosteste Habsucht in den gemeinen Arzneyhandel bringen konnte. Man hat sich besonders vor den Fiebertropfen zuhüten, die von vielen Quacksalbern und Dorfbadern verkauft werden, und von denen oftmals eine sehr kleine Quantität das Fieber auf einmal wegnimmt. Aber diese Tropfen enthalten Arsenik, und dieses ist unter allen Giften das heftigste und gefährlichste. Die Personen, die durch solche Tropfen sich das Fieber vertrieben haben, verfallen daher insgemein nachher in die Auszehrung und in die Wassersucht, und werden ein Opfer ihrer Unvorsichtigkeit.

Anleitung für Landleute zu einer vernünftigen Gesundheitspflege, Heinrich Felix Paulitzky, 1798

Es dauerte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts bis Fieberthermometer Einzug in die Haushalte hielten. Davor musste man durch Beobachtung beurteilen, ob jemand Fieber hatte oder nicht. Dementsprechend spielten leichte Fieber oder erhöhte Temperatur keine Rolle.

Bekommt ein Kind Fieber, d.h. gewahrt man Hitze mit abwechselndem Frost, oder bemerkt man einen Wechsel der Gesichtsfarbe, wird das Kind bald blaß, bald roth, tritt Wärme des Kopfes dazu, verlangt es oft zu trinken, wird das Athemholen beschleunigt und die Bewegung des Herzens heftig und jagend, verfällt es in Schlaf, der aber bald und schnell durch Umherwerfen, lautes Aufschreien, oder leises Wimmern unterbrochen wird, und aus dem das Kind plötzlich aufschreckt, treten hin und wieder kleine, schnell vorübergehende Zuckungen an Händen und Füßen ein, verschmäht das Kind seine gewohnte Nahrung, ist es mißmuthig, so ist jeder Mutter zu rathen, die Hülfe eines Arztes bald in Anspruch zu nehmen und die Krankheit nicht sich selbst zu überlassen.

Das Fieber ist nämlich der gewöhnliche Begleiter aller entzündlichen Krankheiten, die bei Kindern um so schneller zu bekämpfen sind, je gefahrvoller sie ihrem Sitze nach sein können. Bei Kindern treten freilich auch fieberhafte Anfälle auf, ohne daß irgend ein Theil des Körpers entzündlich erkrankt ist; allein dies kann kein Einwurf gegen den eben angegebenen Rath sein, im Gegentheil wird derselbe dadurch noch mehr bekräftigt, daß auch die andern Ursachen, welche das Fieber hervorrufen, durch einen Arzt schnell entfernt werden müssen, wenn dieses nicht einen langwierigen Charakter annehmen soll.

Die ersten Mutterpflichten und die erste Kinderpflege, Dr. Friedrich August von Ammon, 6. Auflage, 1854

Dieser Abschnitt war in der 33. Auflage von 1892 folgendermaßen verändert worden:

Gute Thermometer mit Celsius'scher (100theiliger) Scala sind jetzt in allen größeren Städten leicht zu haben. (...)

Als regelmäßig ist die Temperatur von 36,5 bis 37,5; als leichtes Fieber eine Höhe bis zu 38,5; mäßiges Fieber ein Steigen bis auf 39,5; beträchtliches Fieber von 39,5 bis 40,5  und als lebensgefährliches Fieber eine Höhe von 41 bis 42° C. zu bezeichnen.

Bei stärkerem Fieber ist in der Regel das Athemholen beschleunigt und die Bewegung des Herzens heftig und jagend, das Kind verschmäht seine gewohnte Nahrung, es ist mißmuthig. Bei solchen Erscheinungen ist jeder Mutter zu rathen, die Hülfe eines Arztes sofort in Anspruch zu nehmen und einstweilen das Kind zu Bett zu bringen, es bis zur Ankunft des Arztes bei mäßiger Zimmertemperatur (+ 15° R.) darin zu erhalten, und ihm als Getränk nur verschlagenes Wasser oder laues Zuckerwasser und als Speise nur eine dünne Wassersuppe zu reichen. Gesellen sich zu den fieberhaften Erscheinungen rothe Flecke auf der Haut, oder klagt das erkankte Kind über Augenschmerzen oder Halsweh, allgemeine Zerschlagenheit des Körpers, so ist gewöhnlich irgendeine Hautkrankheit, z. B. Masern, Scharlach oder Rötheln im Hintergrunde, und die ärztliche Hülfe ist bei einer solchen Krankheit nicht zu entbehren.

Die ersten Mutterpflichten und die erste Kinderpflege, Dr. Friedrich August von Ammon, 33. Auflage, 1892

Zu derselben Zeit hat Marie Susanne Kübler eine leicht andere Vorstellung von den Temperaturstufen. Den Arzt zu holen, findet sie aber genauso wichtig, denn das Fieber soll gesenkt werden.

Nehmen wir also 37-37,4° als normale Temperatur an, so ist 37,6-38,5° schwaches, 38,6-39,5° mäßiges Fieber, stark nennen wir es bei 39,6-40,5°, hoch bei 40,6-41,5°, und als höchstes, lebensgefährliches bezeichnen wir es bei 41,6-42°.

Von dem Gange des Temperatur hängt aber auch häufig das ärztliche Eingreifen ab. Da besonders die gesteigerte Wärme im Fieber dem Kranken gefährlich ist, so geht das ärztliche Handeln dahin, diese krankhafte Hitze künstlich herabzusetzen, sei es durch innerliche Mittel, sei es durch direkte Abkühlung mit Bädern, Einwickelungen, Waschungen oder Umschlägen. Den richtigen Zeitpunkt für derartige Eingriffe liest die Krankenpflegerin am Thermometer ab und sie ist es auch, welche dieselben selbst und sofort ins Werk zu setzen hat.

Sobald ein Patient zu fiebern beginnt, bringe man ihn zu Bette und halte ihn ruhig in einem mäßig warmen, vorher gut gelüfteten Zimmer. Man setze den Kranken auf knappe Diät, verabreiche wenig, hauptsächlich flüssige, leicht verdauliche Nahrung.

Vor allem lasse man die Fieberkranken häufig trinken, jedoch nur kühlende Getränke, kaltes Wasser in genügender Menge, Kindern je nach Alter zwei bis vier Eßlöffel auf einmal, um ihnen fast so oft, als sie darum bitten, wieder geben zu dürfen, was bei brennendem Durste an dem ein Fieberkranker leidet, eine große Wohlthat ist.

Das Buch der Mütter, Marie Susanne Kübler, 1891

Im folgenden blieb äußerliches Herabkühlen für lange Zeit das Mittel der Wahl für die Fiebersenkung. Ich kenne Wadenwickel auch noch aus meiner Kindheit und ich bin gerade mal Anfang vierzig.

Bei allen Fieberzuständen, ganz gleichgültig welcher Ursache, leisten vorzügliche Dienste die Prießnitzschen kalten Packungen. Man kommt in der Praxis im allgemeinen mit 4 Wickeln aus.
1. Der Rumpfwickel (...)
2. Der Halswickel (...)
3. Der Wadenwickel (...)
4. Die 3/4-Packung (...)

Moderne Kinderpflege - Von Säugling bis zum Schulkind, Verhütung und naturgemäße Behandlung von Krankheiten im Kindesalter, Dr. med. Gerhard Ockel, ca.1930

Aber nicht nur im Hausgebrauch, auch im Krankenhaus stand das Fiebersenken durch Kühlen an erster Stelle.

Wir können die Höhe des Fiebers senken entweder:
1. durch Verbesserung (Vergrößerung) der Wärmeabgabe, z. B. durch Schwitzen (Salizylpräparate, Dunstwickel) oder durch Abkühlungsbäder;
2. durch Medikamente, die das Wärmezentrum lähmend beeinflussen (z. B. Antipyrin, Pyramidon, in besonderen Fällen auch Narkotika, z.B. Opium;
3. durch Herabsetzung des im Fieber gesteigerten Stoffwechsels der Zellen, z. B. durch bestimmte Medikamente (Chinin).

Die Pflege des gesunden und des kranken Kindes - zugleich ein Lehrbuch der Ausbildung zur Säuglings- und Kinderkrankenschwester, Prof. Dr. med. Werner Catel, 1964

Das heute im Hausgebrauch übliche Paracetamol gibt es erst seit den 1950er Jahren. Zunächst in den USA und seit Ende der 50er auch in Europa.

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