"Vernünftige und unvernünftige Mütter" oder Mütter-Bashing 1917

In seinem Werk "Vernünftige und unvernünftige Mütter" von 1917 beschreibt Dr. Heinrich Keller (1866–1943), was Mütter seiner Meinung nach so alles falsch machen. In vier Kapiteln beschäftigt er sich mit den verschiedenen Altersstufen: dem Säugling, dem vorschulpflichtigen Kind, dem Schulkind und dem heranreifenden Kind.

Gleich zu Beginn lässt Keller uns wissen, dass der Mensch sich zu etwas höherem entwickelt hätte und somit nun über den Tieren und der Natur stünde. Instinkt habe in der Kinderstube nichts zu suchen. Er habe der Wissenschaft zu weichen, meint Keller. Unvernünftige Menschen gehören seiner Meinung nach zu denen, die nicht wissen, was sie tun. Und so macht Keller es sich zur Aufgabe, Müttern vorzuhalten, was sie alles nicht wissen.

Es handelt sich hier nicht um ein Aufklärungsbuch oder einen Erziehungsratgeber. Es ist eine Hetzschrift gegen Mütter.

Dinge, die Keller in der Säuglingszeit unvernünftig findet:

  • Instinkt
  • Beschränkung der Kinderzahl in einer Familie
  • Lebensumstände, die eine Beschränkung der Kinderzahl notwendig machen
  • Einzelkinder
  • Frauen, die keine Kinder wollen
  • Nichtstillen
  • restriktive Diäten für Stillende
  • aus Unwissenheit frühzeitig abzustillen oder zuzufüttern
  • vor Ablauf von 4 Stunden wieder zu stillen
  • Kinder nachts zu beachten
  • Kinder zu fördern
  • anderen stolz zu zeigen, was das Kind schon kann
  • Kinder zu warm einzupacken und "vor jedem Lufthauch bewahren"
  • Windeln nicht richtig auszukochen
  • Nabelbinden, die mehr als eine dünne Gazebinde sind
  • Mützchen, die die Ohren bedecken
  • Kinder im Winter nicht nach draußen zu bringen
  • Schnuller und Flaschensauger in den eigenen Mund nehmen
  • ewige Angst vor Verkühlung
  • Keine Angst vor Bakterien und Ansteckung zu haben
  • Angst vor Bakterien und Ansteckung zu haben
  • Zahnen mit Fieber in Verbindung zu bringen
  • dem zahnenden Kind ständig in den Mund zu fassen
  • Ausschläge nicht zu behandeln, weil der Aberglaube sagt, dass der Ausschlag sonst "nach innen schlägt" und Hirnhautentzündungen  verursache
  • Schnuller, wobei der mehrfach täglich ausgekochte Schnuller dem Fingerlutschen vorzuziehen sei
  • Beschneidungen, wobei er sich nicht näher dazu äußert, "da religiöse Vorurteile nicht einman von der Hygiene bekämpft werden können"
  • Ohrlöcher stechen lassen
  • Nichtimpfen

Was dieses Buch wertvoll für die Erforschung der Geschichte der Säuglingspflege macht, sind die Fülle an Aberglauben und verbreiteten Praxen, die darin geschildert werden. Es schafft so einen Einblick in die realen Lebensumstände der damaligen Zeit. Ebenso kann man dem Buch klar entnehmen, wie sich die Sicht auf die Erziehung und Pflege durch den Fortschritt in der Medizin gewandelt hat und mit welcher Hochnäsigkeit sich die Gelehrten über die Erfahrungen von Müttern gesetzt haben.

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