Was heißt hier eigentlich verwöhnen?

Dieser Beitrag basiert auf meinem Vortrag gleichen Titels, gehalten am 10.10.2014 auf dem Attachment Parenting Kongress in Hamburg.

Erst mal einen Tee trinken. Das tut gut und beruhigt. Vor Vorträgen ist man ja doch immer ein wenig nervös. Ich trinke überhaupt gerne Tee. So zwischendurch im trubeligen Alltag mal fünf Minuten die Füße hoch legen und Tee trinken, das hat doch was! Muss natürlich kein Tee sein. Vielleicht mögt Ihr lieber Kaffee? Oder wie wäre es mit einem Stück Schokolade oder Pralinen? Oder wenn wir uns mal so richtig was gönnen möchten, wie wäre es mit etwas Wellness? Eine Massage vielleicht? Hört sich gut an, oder?

Sich selbst zu verwöhnen ist doch genau das. Sich etwas Gutes tun. Sich auch mal was gönnen. Mal zu sagen: "Das hab ich mir verdient!"

Ich bin mir sicher, dass einige von Euch sich gedacht haben "Das gönn ich mir!" als sie vom Attachment Parenting Kongress erfahren haben. Auch das ist ja eine Art des Verwöhnens. Nette, gleichgesinnte Leute treffen, Neues lernen, Austausch in angenehmer Atmosphäre. Da fühlt man sich wohl! Und in diesem Sinne möchte ich Euch mit meinem Vortrag verwöhnen.

Worum es geht

Ich möchte Euch von den verschiedenen Arten des Verwöhnens erzählen. Warum fassen wir das Verwöhnen manchmal als gut und manchmal als schlecht auf? Was bedeutet Verwöhnen und wie hat sich der Begriff in den letzten 200 Jahren gewandelt? Ich möchte mit Euch darüber reden, warum Attachment Parenting oft als Verwöhnen angesehen wird und warum es dann häufig zu Konflikten mit Andersdenkenden kommt.

Aber wer bin ich eigentlich? Mein Name ist Karin Bergstermann. Ich habe drei Kinder und lebe seit vier Jahren mit meiner Familie in England. Vor den Kindern war ich mal Informatikerin. Seit etwa zehn Jahren bin ich Stillberaterin und Mütterberaterin. Mit der Zeit hatte ich angefangen, mich zu fragen, wo diese ganzen Ammenmärchen rund um das Stillen und die Säuglingspflege eigentlich her kommen. Der Erklärungsansatz von Sigrid Chamberlain, dass es auf Johanna Haarer zurückzuführen sei, schien mir nicht genug. So begann ich, mich mit der Geschichte der Säuglingspflege und den resultierenden Generationenkonflikten zu beschäftigen. Man findet mich auf Facebook, Google+ und neuerdings auch auf Twitter. Ich arbeite als Autorin und führe einen Blog zum Thema (nämlich diesen hier).

Aufgrund meiner Vorliebe für die Geschichte der Säuglingspflege sammele ich alte Bücher. Insbesondere sind dies Erziehungsratgeber und Lehrbücher für Hebammen und Kinderkrankenschwestern. Ich habe sogar eine Wunschliste auf meiner Webseite! Also falls jemand von Euch mich mal verwöhnen möchte, schenkt mir doch ein Buch!

Perspektive

Ja, Ihr lacht! Das war klar. Warum? Weil es einen großen Unterschied macht, ob man sich selbst oder jemand Fremdes verwöhnen soll. Die Perspektive auf das Verwöhnen ändert sich sofort. Je weniger Bezug wir zu der Person haben, die verwöhnt werden soll, desto abgeneigeter sind wir dem Ganzen.

Fremde zu verwöhnen ist schon eher ungewöhnlich. Wenn mir einer von Euch tatsächlich ein Buch schenken würde, dann würden wir es eher als Spende oder Geschenk ansehen, als als Verwöhnen. Spenden gelten als selbstlos und lassen den Gebenden in einem gutem Licht dastehen. Der Fokus liegt also mehr auf dem Gebenden als auf dem Empfangenden.

Nahestehende Freunde und Familie verwöhnen wir hingegen gerne. Wir tun es regelmäßig zu Geburtstagen oder Familienfeiern, aber auch mal so ohne besonderen Anlass. Wir tun es gerne und wir freuen uns an der Freude der anderen. Insbesondere verwöhnen Großeltern gerne ihre Enkel. Verwöhnen ist schließlich was schönes! Für beide Seiten!

Großeltern

Manchmal sehen Großeltern das Verwöhnen als ihr gutes Recht an. Wenn sie unter Verwöhnen massenweise Süßkram und Geschenke verstehen, finden wir Eltern das meist nicht so prickelnd. Großeltern verwöhnen aber auch mit Spiel und Spaß. Oft haben sie einfach mehr Zeit zum Spielen als die Eltern.

Wenn die Eltern allerdings das Verwöhnen übernehmen, wird das von den Großeltern plötzlich gar nicht gern gesehen. Skepsis und Ablehnung kommen auf. Eine Oma fasste das mir gegenüber mal folgendermaßen zusammen:

Als Großeltern kann man das Kind genießen. Als Eltern muss man es erziehen.

- eine Oma

Ich weiß nicht, wie es Euch mit diesem Zitat geht, aber ich finde es sehr traurig. Das heißt nämlich im Umkehrschluss, dass diese Oma ihre eigenen Kinder nicht genießen konnte. Nun hatte diese Oma eine Schwiegertochter, die Attachment Parenting betrieb und ihre Kinder lieber selber genoss als sie zum Geniessen der Oma zu überlassen. Diese Oma liebte Kinder über alles und hatte nun den doppelten Verlust zu verkraften, dass sie weder ihre Kinder noch ihre Enkel geniessen durfte.

Für diese Art der Großeltern bricht Attachment Parenting quasi eine Art Generationenvertrag. Sie kennen es nicht anders von den vorherigen Generationen. "Wenn ich Oma bin, bin ich an der Reihe mit Verwöhnen!" Und dann ist das erste Enkelkind da und auf einmal ist alles ganz anders als man es sich sein Leben lang vorgestellt hat. Da machen sich Enttäuschung, Wut und Trauer breit. Und Skepsis! Kann das denn so richtig sein? Das war noch nie so!

Die Bedingungen

Wenn ich mich selber verwöhne, entscheide ich ganz allein, wann, warum und womit ich das tue. Ich mag mir sagen, dass ich einfach Lust darauf habe, oder dass ich es mir verdient habe. Manchmal denke ich auch, dass ich eigentlich lieber noch fleißig sein sollte, und es liegt dann ganz an mir, ob ich weiter werkele oder sage "egal, ich mach jetzt trotzdem eine Pause zum Wohlfühlen". Ob ich mich ohne Schuldgefühle selber verwöhnen kann, liegt ganz an meiner (momentanen) inneren Einstellung.

Doch auch bei anderen knüpfen wir das Verwöhnen manchmal daran, ob es "verdient" ist. Und schon werten wir über den anderen. Wir bewerten andere automatisch anders als uns selber. So kann das Verwöhnen in der Erziehung als Belohnung benutzt werden, wenn es an Bedingungen geknüpft wird.

Als Belohnungssystem funktioniert das Verwöhnen offensichtlich nur, wenn es etwas besonderes und nicht alltäglich ist. Die berühmten fünf Mark für eine Eins im Zeugnis beispielsweise. Die gab es auch von meiner Oma.

Häufiges Verwöhnen

Klar, wird in einer solchen Umgebung das häufige Verwöhnen als schlecht angesehen! Denn wenn es häufig geschieht, kann es ja keinen Anlass haben und muss wohl grundlos sein. Nicht nur grundlos, sondern auch zwecklos, denn wie kann es so einen Erziehungseffekt haben?

Durch Regelmäßgkeit ist das Verwöhnen nicht mehr als Belohnung zu gebrauchen, denn es ist nichts besonderes mehr. Aus der Sicht der Vertreter des Belohnungssystems ist es eine schädliche Gewöhnung an Überfluss und Luxus. Man befürchtet zudem, dass beim Empfänger (dem Kind) eine Erwartungshaltung eintritt und es sich ohne Verwöhnen nicht mehr zufrieden gibt.

Sprachliches

Von einem verwöhnten Kind erwarten viele Leute regelrecht ein schlechtes Benehmen. Das schlägt sich in der Sprache nieder. Wir alle kennen Ausdrücke wie "verwöhntes Blag" oder "verzogenes Gör". Da ist selten vom "Kind" die Rede. Es wird sofort ein abfälliger Begriff verwendet.

In anderen Sprachen ist es ähnlich. "Verwöhnt" hat immer eine negative Konnotation.

Englisch spoilt verdorben
Französisch gâté verdorben, faul
Spanisch consentido launisch, verzogen
Italienisch viziato verdorben, fehlerhaft

Verdorbenes Obst ist zu nichts zu gebrauchen. Verdorbene Menschen ebenso. Is ja klar, ne?

Diese Sichtweise hat tiefe Wurzeln, denn auch historisch ist das Verwöhnen eine Gewöhnung an etwas schädliches.

verwöhnen - übel gewöhnen, durch schlechte Gewöhnung u. bes. durch beständige Gewährung des Guten od. Angenehmen u. Abzehrung aller Übel und Beschwerden einen verderben, sinnv. verziehen, verzärteln, verweichlichen (Kinder muß man nicht verwöhnen, vom Glück verwöhnt sein)

- Hauptwörterbuch der deutschen Sprache, Johann Christian August Heyse, 1849

Man beachte, dass auch in dieser Definition das Wort "verderben" vor kommt. Bemerkenswert sind zudem die beiden Verwendungsbeispiele. Das erste ist negativ, das zweite positiv. Anscheinend ist Verwöhnen schon lange nur dann schlecht gewesen, wenn ein Kind der Empfänger war. (Nebenbemerkung: "muss nicht" ist zu verstehen wie das Englische "must not" und bedeutet "darf nicht")

Die Gebrüder Grimm waren in ihrer Definition im Jahre 1854 weniger wertend.

verwöhnen, vb., entwöhnen; durch Gewöhnung (nachteilig) beeinflussen.

- Grimmsches Wörterbuch, 1854

Ähnlich auch im Deutschen Wörterbuch von 1878:

verwöhnen - so gewöhnen, wie es nicht sein sollte oder daß eine Abweichung schmerzlich oder auffällig wird.

- Deutsches Wörterbuch, Friedrich Ludwig Karl Weigand, 1878

Aktuell wird das Verwöhnen zumindest auf wiktionary.org nur noch negativ angesehen.

verwöhnt - in einem Zustand befindlich, indem man durch vorangegangenen Überfluss bestimmte Dinge nicht mehr zu schätzen weiß

de.wiktionary.org

Rückblick

Auffällig ist, dass das Gewöhnen beim Verwöhnen eine große Rolle spielt. Nicht nur vom Wortstamm her, sondern auch in der Regelmäßigkeit und der Erwartungshaltung. Woher kommt das?

Als die allerersten Erziehungsratgeber Ende des 18./ Anfang des 19. Jahrunderts auf den Markt kamen, war die gültige Lehrmeinung, dass Kinder als Tabula Rasa auf die Welt kämen. Das Kind sei ein unbeschriebenes Blatt, ohne Vorlieben, ohne Vorstellung von sich und der Welt und ohne Erwartungen, so dachte man. Diese Vorstellung hielt sich lange.

Sicher habt Ihr auch schon mal den Begriff des "dummen Vierteljahres" gehört. Babys galten in den ersten drei Monaten als rein triebgesteuert. Trieb und Instinkt wiederum galten als minderwertig. Instinkte waren die animalische Seite des Menschen und der Mensch war doch etwas höheres als ein gemeines Tier! Erst Verstand, Wissen und Selbstbeherrschung machten den vollkommenen Menschen aus.

Wie wenig man den Babys zutraute und wie wichtig die Gewöhnung angesehen war, machen die folgenden zwei Zitate deutlich.

Von Anfang an weiß kein Kind etwas vom Schaukeln, Wiegen oder Eintragen! Es schläft ruhig ein. Warum später nicht mehr? Weil es die Umgebung verwöhnte, sich und dem Kinde zur Qual; denn nun will es den ganzen Tag getragen werden oder bis zum jedesmaligen Einschlafen gewiegt werden!

- Das Buch von der gesunden und kranken Frau, Dr. med. Ernst Kormann, 1883

Kann man überhaupt Säuglinge erziehen? Sehr wohl, man muß es sogar, und zwar vom ersten Lebenstage an. Wie schwierig und lästig es beispielsweise ist, einem Kind die Nachtmahlzeiten abzugewöhnen, ist bekannt. Weiß dasselbe aber von Anfang an gar nicht, daß nachts auf dieser Welt überhaupt Milch existiert, so wird es nicht danach verlangen.

- Pflege und Ernährung des Säuglings, Dr. M. Pescatore, 1906

Alles, was der Säugling tat oder nicht tat, wurde als eine Frage der Gewöhnung angesehen. Und die wenigen Dinge, die das Kind von Natur aus mit auf die Welt brachte, mussten reglementiert werden.

Intellekt vs Instinkt

Galt denn die Natur als etwas so schlechtes? Nein, im Gegenteil! Die Natur wurde geehrt und als Leitmotiv angesehen. Allerdings war der Naturbegriff ein ganz anderer als heute. Das zeigt wunderbar die Existenz einer hochgelobten Schrift mit dem vielsagenden Titel:

Von der Benutzung der ersten Lebenstage des Säuglings zu dessen Eingewöhnung in eine naturgemäße Lebensordnung

Leopold Besser, 1858

Musstet ihr das auch zwei Mal lesen? Dieser Titel macht aus heutiger Sicht überhaupt keinen Sinn. Für uns ist die Natur das vom Menschen Unberührte. Sobald der Mensch anfängt zu manipulieren, ist es nicht mehr natürlich.

Ganz anders damals. Die Natur war einerseits chaotisch und musste geordnet werden. Andererseits versuchte man Ordnung aus der Natur abzuleiten. Ein Beispiel, bei dem sich häufig auf die Natur berufen wurde, ist die Frage der Stilldauer. Die Mutter solle den Winken der Natur folgen, indem sie das Kind, das sie neun Monate unter dem Herzen getragen hatte, neun Monate an ihrer Brust nähren sollte.

Nur das Wissen um die sinnvolle Ordnung konnte nach damaliger Vorstellung ein gesundes Leben erlauben. Da das Kind aber ohne solches Wissen auf die Welt kam, konnte es nicht wissen, was gut für es ist. Dementsprechend hatte es sich dem Willen der Mutter unter zu ordnen. Und die Mutter hatte sich den wissenschaftlichen Erkenntnissen unter zu ordnen. Denn nur, wer seine Instinkte zugunsten besseren Wissens unterdrücke, könne gut gedeihen und gesund leben.

Vom ersten Lebenstage ab haben wir es schon in der Hand, den kindlichen Willen den gültigen Anschauungen von dem, was man als richtig anerkannt, anzupassen. Wir haben es an die Ordnung zu gewöhnen, die ihm die meiste Aussicht auf ein normales Gedeihen bietet.

- Der Säugling - seine Ernährung und seine Pflege, Dr. Walther Kaupe, 1907

Konsequenzen

Diese Sichtweise hatte weitreichende Folgen. Denn wenn Kinder als Tabula Rasa zur Welt kommen, ist jedes Fehlverhalten automatisch Schuld der Eltern. Somit stehen die Eltern unter einem enormen Druck. Sie schämen sich, wenn die Erziehung nicht funktioniert und das Kind sich nicht in das gewünschte Schema pressen läßt. Allerdings schämen sie sich für das Kind und nicht etwa für ihr Verhalten, denn die Fachleute haben ihnen ja gesagt, was richtig ist. Wer zweifelt schon gelehrte, hoch angesehene Leute an? Das Kind galt dann im Extremfall als schwer erziehbar, obwohl - wie wir heute wissen - der Fehler in der Art der Erziehung lag und nicht im Kind.

Die Eltern haben sich von ihren "schwer erziehbaren" Kindern häufig emotional distanziert. Das geschieht leicht, wenn die Frustration über den ausbleibenden Erziehungerfolg zu groß wird. Auch heutzutage passiert das noch, denn es ist leider nur menschlich. Und in so geschädigten Eltern-Kind-Verhältnissen kommt es dann mitunter auch zu Wut, Aggression und Gewalt.

Im Laufe der Zeit wurde der Druck auf die Eltern (insbesondere die Mütter) immer größer. Ironischerweise trugen die Fortschritte in der Medizin stark dazu bei. Auf einmal fand man heraus, dass es Bakterien und Viren gab. Somit waren Krankheiten nicht mehr Gott gegeben, sondern vor allem eines: vermeidbar! Dadurch entstand aber auch die Pflicht zur Krankheitsvermeidung. Denn wenn Dein Kind krank wird, hast Du etwas falsch gemacht!

Um den Wechsel vom 19. ins 20. Jahrhundert herum waren die Menschen geradezu besessen von Machbarkeit, Messbarkeit, Regelmäßigkeit und Ordnung. Das sehen wir beispielsweise an der Vehemenz mit der nun Abstände zwischen den Stillmahlzeiten eingefordert wurden. Wir sehen es auch beim Thema Schlafen. Wo es 1832 noch hieß, dass man ein Kind mit einem halben Jahr so langsam an feste Schlafenszeiten gewöhnt werden könne, wurde nun das Durchschlafen vom ersten Lebenstag an gefordert.

Auf der anderen Seite galt aber auch alles, was man nicht nachweisen oder messen konnte, als nicht existent. So ging man davon aus, dass Neugeborene nicht hören könnten, denn es fehlte den Gelehrten an der Möglichkeit, das Hörvermögen nachzuweisen. Ebenso gingen einige Ärzte (nicht alle!) davon aus, dass Neugeborene keine Schmerzen empfinden könnten. Und wer von Euch jetzt sagt "Wie konnten sie nur! Das Baby weint doch!", dem muss ich entgegnen: Nein, nein, das Weinen galt nicht als objektiver Nachweis. Zum einen, so argumentierte man, weint das Neugeborene ohne Tränen und da Erwachsene mit Tränen weinen, könne es sich nur um eine rudimentäre Reaktion handeln, die rein aus dem Rückenmark, aber nicht aus dem Hirn komme. Zum anderen war es in einer objektiven Wissenschaft unzulässig, von sich auf andere zu schließen. Das habe ich sogar noch in der Verhaltensforschung im Bio-Unterricht gelernt! Nur weil etwas (ein Tier, ein Baby) traurig aussieht, ist das noch lange kein Beweis, dass es auch wirklich Trauer empfindet! Das ist eine unzulässige Unsachlichkeit und Subjektivität! (Ich empfehle an dieser Stelle "Haben Tiere ein Bewusstsein?" von Volker Arzt und Immanuel Birmelin, die u.a. beschreiben, wie sich diese Sicht änderte.)

Erziehungsziele

Die steigende Wichtigkeit der Gesundheit spiegelte sich auch in der Rechtslage wider. So stand im Reichsgesetz für Jugendwohlfahrt von 1924:

§1. Jedes deutsche Kind hat ein Recht auf Erziehung zur leiblichen, seelischen und gesellschaftlichen Tüchtigkeit.
Das Recht und die Pflicht der Eltern zur Erziehung werden durch dieses Gesetz nicht berührt. Gegen den Willen des Erziehungsberechtigten ist ein Eingreifen nur zulässig, wenn ein Gesetz es erlaubt. (...)

- Reichsgesetz für Jugendwohlfahrt, 1924

Mit anderen Worten: die Eltern hatten freie Hand darin, das Kind auf welche Art auch immer dazu zu bringen, sich einzufügen in die vorherrschenden Vorstellungen darüber, was ein nützliches Mitglied für die Gesellschaft ausmacht.

Zum Glück hat sich das gewandelt und ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass heute der Schutz des Kindes mehr zählt als der Schutz der Gesellschaft. Jeder, der es noch nicht weiß, möge sich bitte folgendes hinter die Ohren schreiben:

§ 1631 Absatz 2 BGB
Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.

- Gesetz zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung und zur Änderung des Kindesunterhaltsrechts, 2000

Früher diente die Erziehung also dazu, nützliche Mitglieder für die Gesellschaft zu produzieren. Ein solches darf natürlich keine schlechten Gewohnheiten haben. Also bloß nicht verwöhnen!

Die Macht der Gewohnheit

Schlechte Gewohnheiten los zu werden ist schwer. Das weiß ja wohl jeder! Abgewöhnen ist schwieriger als angewöhnen. Naja, ich wage zu behaupten, dass im Prinzip jedes Abgewöhnen gleichzeitig auch ein Angewöhnen ist.

Ich gewöhne mir ab, spät ins Bett zu gehen. Ich gewöhne mir an, früh ins Bett zu gehen.
Ich gewöhne mir ab, Cola zu trinken. Ich gewöhne mir an, mehr Wasser zu trinken.
Ich gewöhne mir ab, meine Brille mit Taschentüchern zu putzen. Ich gewöhne mir an, meine Brille mit Brillenputztüchern zu putzen.

Abgewöhnen ist dann schwierig, wenn es nicht meiner Persönlichkeit entspricht. Manchen Leuten fällt es leicht, früh ins Bett zu gehen, anderen nicht. Manche Leute mögen gar keine Cola, andere sind geradezu süchtig danach. Manche Leute empfinden jeden kleinsten Kratzer auf ihrer Brille als störend und würden daher nie auf die Idee kommen, diese mit Taschentüchern zu putzen.

Solche Entscheidungen sind natürlich bewusst getroffene. Doch der Mensch ist ein Gewohnheitstier und nicht alle unsere Gewohnheiten sind uns bewusst. Beispielsweise werden Dinge, mit denen wir groß werden, oft nicht hinterfragt. Irgendwann als Kind hab ich mal gelernt, dass man nach Steinobst kein Wasser trinken soll, weil das Bauchschmerzen macht. Das hab ich hingenommen und Jahre später nur zufällig erfahren, dass das gar nicht (mehr) stimmt. Jedem von Euch fällt sicher ein ähnliches Beispiel ein von "Wissen", das sich zufällig als falsch heraus gestellt hat.

Ein anderes Beispiel für unbewusste Gewohnheiten sind soziale Verhaltensformen. Nicht nur in verschiedenen Kulturen gelten unterschiedliche Verhaltensregeln, sogar innerhalb eines Landes gibt es regional unterschiedliche Regeln. So sind z.B. Norddeutsche in anderer Schlag Mensch als Süddeutsche. Und das liegt in erster Linie an der Gewohnheit an regional unterschiedliche soziale Eigenheiten.

Meine Familie und ich sind vor vier Jahren nach England gezogen. Nicht nur, dass wir uns an neue Gepflogenheiten und den Linksverkehr gewöhnen mussten. Nein, ganz unerwartete Dinge waren plötzlich neu. Selbstverständliches war nicht mehr selbstverständlich.

Ich geh also in unserem neuen Heim in ein Zimmer, um zu staubsaugen, mache das Licht an und will den Stecker in die Steckdose stecken. Und suche die Steckdose. Fun fact number 1: In England sind die Steckdosen nicht unter den Lichtschaltern.

Ein bisschen frische Luft wäre auch nicht schlecht, aber wie gehen eigentlich diese Fenster auf?!? Fun fact number 2: In England öffnen sich die Fenster in alle möglichen Richtungen, aber nicht nach innen.

Könnt Ihr Euch vorstellen, wie irritierend solche Kleinigkeiten sein können? Das Gute an Gewohnheiten ist ja, das man nicht drüber nachdenken muss. Und je weniger man über alltägliche Kleinigkeiten nachdenken muss, desto mehr Kapazitäten hat man für andere Dinge frei. Gewohnheiten können entlasten und entspannen. Ungewohntes kann extrem irritierend sein.

Eine gute Bekannte hat mir mal erzählt, dass ihre Eltern eine alte Standuhr hatten, die jede Stunde laut schlug. Sie war daran gewohnt und es hat sie nicht gestört. Als sie dann allerdings von zuhause auszog, wurde sie in der ersten Zeit nachts ständig wach, weil die Uhr nicht schlug.

Das folgende Beispiel für störende Veränderungen könnt Ihr sicher alle gut nachvollziehen. Ich finde es immer ziemlich nervtötend, wenn der Supermarkt, in dem wir meistens einkaufen, schon wieder seine Regale umgeräumt hat! Der Einkauf dauert dann immer gleich eine Viertelstunde länger. Planbarkeit spart einfach Zeit und Arbeit.

Der Alltag

In diesem Sinne macht die Gewöhnung an Regelmäßigkeit das Leben einfacher. Geordnete Tagesabläufe gehören auch dazu. Daher macht die Gewöhnung des Kindes an Regelmäßigkeit Mutterns Arbeit einfacher. (Das gilt natürlich für alle Betreuungspersonen, aber früher waren es halt fast nur die Mütter.) Das wusste man auch damals schon.

Die Stillende muß sich nun in der zweiten Hälfte des Wochenbettes daran gewöhnen, ihre häuslichen Geschäfte mit den Pflichten gegen das Kind zu vereinen, was meist ganz gut gelingt, wenn der Haushalt nicht zu groß und das Dienstpersonal nicht zu klein ist.

- Das Buch von der gesunden und kranken Frau, Dr. med. Ernst Kormann, 1883

Also mein Dienstpersonal ist definitiv zu klein!

Wir alle kennen das Bild der Vorzeigehausfrau der 1950er Jahre. Das war eine Zeit, in der die Frage "was sollen die Nachbarn denken?" wichtiger war, als das, was die eigenen Kinder dachten. Das Glück der Familie maß sich an der Sauberkeit des Fußbodens. Der Schein war wichtiger als das Sein. Ist in einer solchen Umgebung der Satz "du verwöhnst das Kind!" ein Vorwurf oder eine Befürchtung?

Hausfrau galt im 19. Jahrhundert als Beruf. Noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurden Mädchen darin ausgebildet, später mal gute Hausfrauen zu sein. Dieser Job ist natürlich umso einfacher, je weniger Arbeit das Kind zusätzlich macht. Nun sorgt sich die Großmutter zwar auch um den Enkel, aber in erster Linie um ihre eigene Tochter. Sie will, dass ihre Tochter es möglichst einfach hat. Und aus ihrer Sicht macht ein verwöhntes Kind alles nur schwerer. Auch hier wird also das Verwöhnen als Schaden anrichten angesehen.

Wer ein ruhiges und braves Kind haben will, muß dasselbe vom ersten Lebenstage an erziehen. Wer diesen Rat nicht befolgt, wird sich seinen Liebling zum Tyrannen machen, der während einer Krankheit die Mutter zur Verzweiflung bringt. Und es verlangt diese Erziehung in den ersten Monaten nichts besonderes; wer sein Kind ruhig im Bettchen sich selbst überläßt, es nur zur Mahlzeit, die nicht bei jedem Schrei (es ist ein Unfug, jedes Schreien des Säuglings als Hunger und als Verlangen nach Nahrung zu deuten), sondern erst nach der entsprechenden Pause gereicht wird, oder zum Trockenlegen herausnimmt, das viele Sprechen mit demselben, das beliebte ständige Herumtragen, Wiegen, Fahren, grelle Geräusche und Lärm vermeidet, es weder zur Nahrungsaufnahme noch aus sonst einem Grunde weckt, tut das Richtige. Ein einmal verzogenes Kind ist schwer zurechtzubringen.

- Das Kind - Der Mutter Glück, der Mutter Sorge, Karl Planner-Wildinghof, 1943

Attachment Parenting

Ich bin überzeugt vom Attachment Parenting. Mein Haushalt ist nicht mein Job. Unsere Kinder gehen vor. Unser Wohlbefinden als Familie geht vor. Wir genießen unsere Kinder.

Die typischen Begleiterscheinungen von Attachment Parenting, wie Familienbett, Stillen und Tragen, sind für mich kein Verwöhnen. Dabei geht es um Bedürfnisse sowie emotionale und körperliche Nähe. Darin stimmt Ihr mir sicher zu. Dennoch wird Attachment Parenting von anderen häufig als Verwöhnen angesehen. Warum? Vermutlich liegt der Fokus einfach auf einem ganz anderen Aspekt.

  • Ein Kind ins Bett zu legen und das Zimmer zu verlassen kostet weniger Zeit als Einschlafbegleitung. (Dafür kostet es unter Umständen Nerven und Vertrauen auf beiden Seiten.)
  • Stillen ist eh schwierig und die Flasche kann auch jemand anders geben. (Seien wir ehrlich, in der Regel ist es trotzdem die Mutter, die das Füttern übernimmt.)
  • Tragen ist schlichtweg unbekannt und der Kinderwagen ein Statussymbol. (Wer hat in der ersten Schwangerschaft nicht Kataloge gewälzt und Kinderwagen bewundert?)

Als solches widerspricht Attachment Parenting allem Gelernten. Es weiß doch schließlich jeder, dass man Babys auch mal schreien lassen muss, dass die Kinder auch mit Flasche groß werden und dass Tragen den Rücken schädigt (insbesondere Kinderlose und Großeltern "wissen" solche Dinge).

Da kommen eben Zweifel auf. Das kann doch nicht richtig sein! Das haben wir immer anders gemacht! Soll das damals etwa alles falsch gewesen sein? (Ein schmerzhafter Gedanke.) Außerdem klangen die Erklärungen glaubhaft.

Logik!

Die Erklärungen und Begründungen für alte Erziehungsregeln sind auch heute noch glaubhaft. Das sehen wir beispielsweise daran, wie gut sich das Buch "Jedes Kind kann schlafen lernen" noch immer verkauft. Die Logik dahinter stimmt halt!

Prämisse Folgerung
Wenn ich davon ausgehe, dass ein Kind beim Aufwachen dieselbe Situation vorfinden muss wie beim Einschlafen, um alleine weiterschlafen zu können, ... ... dann muss das Kind wach ins Bett gelegt werden, um durchschlafen zu können.
Wenn ich davon ausgehe, dass das Kind bei seiner Geburt eine Tablua Rasa ist, ... ... dann ist jegliches Verhalten des Kindes eine Gewohnheit.
Wenn ich davon ausgehe, dass sich alle Fenster nach innen öffnen lassen, ... ... dann kann ich in England nicht lüften!

Das Problem ist: Die Prämisse ist falsch!

Nun sind unsere persönlichen Prämissen aber unsere tiefsten inneren Überzeugungen, an denen wir bisher nicht gezweifelt haben. Darum reagieren manche Leute so heftig, wenn sie mit Attachment Parenting konfrontiert werden. Ihr Weltbild wird in den Grundsätzen erschüttert. Sie haben es anders gelernt und es war schlüssig und es hat funktioniert. "Das hat Euch auch nicht geschadet!"

Mit unterschiedlichen Prämissen kommen wir aber zu komplett unterschiedlichen Folgerungen. Wir dürfen anderen Menschen keine Vorwürfe für veraltetes Wissen machen, denn wir sind alle Kinder unserer Zeit. Wir haben heute ganz andere Möglichkeiten als unsere Eltern und Großeltern. Wenn unseren Eltern gesagt wurde, sie müssten ihr Kind zu dessen Wohle schreien lassen, dann mussten sie schon ein gewaltiges Rückgrat haben, um sich dagegen durch zu setzen.

Es war noch nie so leicht wie heute, seinen eigenen Weg zu gehen und sich Unterstützung dafür zu holen. Und wenn wir uns unser sprichwörtliches Dorf, mit dem wir unser Kind groß ziehen, virtuell im Internet zusammenstellen!

Generationenkonflikte

Nun wissen wir auch, wie die Generationenkonflikte entstehen. Nach der Geburt des ersten AP-Enkels wird die Erwartungshaltung der Großeltern nicht erfüllt. Alles ist anders als gewohnt. Enttäuschung, Skepsis und Besorgnis machen sich breit. Auf der anderen Seite fühlen sich die Eltern unverstanden und kritisiert. Der Blick aufs Kind ist ein ganz anderer und sich auf gemeinsame Prämissen zu einigen ist anstrengend und schwierig.

Die Zeit ist unser Verbündeter. Die Kinder entwickeln sich prächtig und sind der beste Beweis für das Funktionieren von Attachment Parenting. In diesem Sinne möchte ich Euch bitten:

Verwöhnt doch mal die Großeltern!

Verwöhnt sie mit verwöhnten Enkeln!

Eure Karin Bergstermann

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