Was nimmt das Baby im Bauch wahr?

Das Leben beginnt mit der Geburt. So dachten die Gelehrten früher. Doch Babys bewegen sich im Bauch. Muss den Menschen nicht klar gewesen sein, dass das Kind im Bauch lebt?

Doch, aber die Vorstellung, wie dieses Leben aussah, war von unserer sehr verschieden.

"Vor der Geburt führte das Kind ein stilles Pflanzenleben, tief verborgen und eingewurzelt im Schooße der Mutter; weit einfacher waren die zu seinem Leben und gedeihen nothwendigen Verrichtungen, und keine Gefahr konnte ihm drohen, so lange das Wohlseyn und die Gesundheit der Mutter nicht gestört wurde."
Taschenbuch für Mütter, Adolph Henke, 1832

Lange Zeit dachten die Leute, dass das Leben selbst in den ersten Monaten nach der Geburt nur eine Art Dahinvegitieren sei. Diese Zeit wurde das "dumme Vierteljahr" genannt. Selbst 1907 schrieb Dr. Walther Kaupe noch, das Neugeborene hätte noch kein Bewußtsein. Dieses erwache erst nach und nach, und erst im fünften bis sechsten Monat gäbe es die ersten Willensäußerungen.

Kaupe sieht aber keinen Widerspruch zu seiner Behauptung, dass das Baby absichtlich schreie, um seinen Willen durchzusetzen.

"Aus demselben Grunde ist auch davon Abstand zu nehmen, das schreiende Kind durch Hin- und Hertragen in Ruhe bringen zu wollen. Der kleine Mann merkt sehr bald, daß er mit den Äußerungen seines Eigenwillens alles vermag. (...) In dieser Beziehung hat man also schon einen recht großen erzieherischen Einfluß auf den Säugling, indem wir schon recht zeitig ihn lehren können, zu gehorchen und seinen Willen besserer Einsicht unterzuordnen."
Der Säugling - seine Ernährung und seine Pflege, Dr. Walther Kaupe, 1907

Bemerkenswert im Bezug auf das Erleben und die Erfahrungswerte des Kindes im Mutterleib, dass deren Existenz im Laufe des 19. Jhdt immer mehr geleugnet wurde. Die Vorstellung, dass das Kind als Tabula Rasa auf die Welt käme, ist eine uralte. Aber sie scheint sich erst im 19. Jhdt als gültig durchgesetzt zu haben. Sie wurde auch viel umfassender interpretiert. Wo es zunächst nur darum ging, dass der Mensch ohne Wissen ins Leben starte, begann nun die Menschwerdung mit der Geburt. Das Kind wurde als defizitäres Wesen angesehen, das erst durch äußere Einflüsse zu einem vollwertigen Menschen gemacht werden müsse.

"Vom ersten Lebenstage ab haben wir es schon in der Hand, den kindlichen Willen den gültigen Anschauungen von dem, was man als richtig anerkannt, anzupassen. Wir haben es an die Ordnung zu gewöhnen, die ihm die meiste Aussicht auf ein normales Gedeihen bietet."
Der Säugling - seine Ernährung und seine Pflege, Dr. Walther Kaupe, 1907

Die Argumentation, was ein Neugeborenes wissen kann und was nicht, war allerdings sehr zweifelhaft.

"Kann man überhaupt Säuglinge erziehen? Sehr wohl, man muß es sogar, und zwar vom ersten Lebenstage an. Wie schwierig und lästig es beispielsweise ist, einem Kind die Nachtmahlzeiten abzugewöhnen, ist bekannt. Weiß dasselbe aber von Anfang an gar nicht, daß nachts auf dieser Welt überhaupt Milch existiert, so wird es nicht danach verlangen."
Pflege und Ernährung des Säuglings, Dr. M. Pescatore, 1906

Vor seiner Geburt weiß das Kind weder von der Existenz der Milch überhaupt, noch von der Existenz von Tag und Nacht. Von der Existenz der Milch erfährt es für gewöhnlich ziemlich bald. Die Existenz von Tag und Nacht ist für das Neugeborene weit weniger offensichtlich.

Ähnliche falsche Schlüsse wurden im Bezug auf das Tragen und Wiegen gezogen.

"Von Anfang an weiß kein Kind etwas vom Schaukeln, Wiegen oder Eintragen! Es schläft ruhig ein. Warum später nicht mehr? Weil es die Umgebung verwöhnte, sich und dem Kinde zur Qual; denn nun will es den ganzen Tag getragen werden oder bis zum jedesmaligen Einschlafen gewiegt werden!"
Das Buch von der gesunden und kranken Frau, Dr. med. Ernst Kormann, 1883

Waren sich denn alle Ärzte einig, dass ein Neugeborenes keine wiegenden Bewegungen kenne? Immerhin bewegt sich die Mutter und mit ihr das Kind im Bauch.

"Mehrere Aerzte haben das Wiegen der Kinder dadurch zu rechtfertigen gesucht, daß sie vorgaben, das Kind werde schon gleichsam im Mutterleibe gewiegt, indem es daselbst in des Fruchtwasser eingeschlossen durch die Bewegungen der Mutter hin- und hergeschaukelt werde, und man setze daher nach der Geburt nur das durch die Kunst fort, was vorher die Mutter selbst bewerkstelligt habe. Dem ist aber nicht so, das Kind wird in der letztern Zeit der Schwangerschaft nicht so geschaukelt, als sich es diese Aerzte vorgestellt haben, indem um diese Zeit das Fruchtwasser nur in so geringer Quantität vorhanden ist, daß das Kind durchaus nicht in demselben schwimmen und also auch nicht hin- und herbewegt werden kann."
Belehrungen für Schwangere, Dr. Johann Christian Gottfried Jörg, 3.Auflage, 1826

Der ganze Bauch bewegt sich hin und her, mein lieber Dr. Jörg. Der ganze Bauch.

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