Leute, wir müssen über Sprache reden. Dringend.

Vor kurzem habe ich einen Artikel einer rechtsgelagerten Webseite auf Facebook geteilt, der den Titel trug „Gebt den Kindern ihre Mutter zurück“: Die ersten Lebensjahre sind prägend für die ganze Nation. Im begleitenden Kommentar habe ich einen Absatz des Artikels zitiert und geschrieben, dass sich dies lese wie aus den 1930ern. Womit ich nicht gerechnet habe, war, dass anscheinend viele die Problematik der verwendeten Sprache nicht erkennen konnten. Ich habe dann zwei Tage lang versucht, die Problematik zu verdeutlichen. Obwohl einige - auch prominente - Leser'innen meines Blogs mir beiseite standen, ist es uns nicht gelungen, die wichtigsten Punkte zu transportieren.

Sprachgebrauch spiegelt die vorherrschenden Meinungen der Gesellschaft wider. Sprachgebrauch kann aber umgekehrt auch zur Meinungsbildung - sprich Propaganda - verwendet werden. Darum ist es essentiell wichtig, manipulativen Sprachgebrauch erkennen zu können. Klügere Menschen als ich haben darüber schon ausführlich geschrieben, aber das Thema "Sprachgebrauch" ist für das Thema "Geschichte der Säuglingspflege" von so grundlegender Bedeutung, dass ich hier ein paar Punkte anführen möchte. Kleine Tricks, um Propaganda zu erkennen.

Umformulieren

Sprache ändert sich im Laufe der Zeit. Die Bedeutung und Konnotation von Wörtern ändert sich im Laufe der Zeit. Wenn ich historische Texte lese, muss ich immer darauf achten, wie der Text damals gemeint war und wie er ankam. Ich muss vermeiden, meine eigenen Assoziationen als Basis für das Textverständnis zu verwenden.

Es ist auch beim Lesen aktueller Texte eine gute Übung, sich von den eigenen Assoziationen zu distanzieren, und zu schauen, ob der Text wirklich das beinhaltet, was ich gerne darin erkennen möchte. In dem eingangs erwähnten Artikel stand beispielsweise:

„Während des Großziehens der Kinder erhalten Mütter das wertvollste Geschenk auf Erden“

Wenn ich das persönlich so empfinde, fällt es mir leicht, mich mit dieser Aussage zu identifizieren. Es ist auch völlig okay, das so zu empfinden. Das Problem ist, dass es als allgemeingültige Aussage formuliert ist. Es beinhaltet eine Überhöhung der Mutterschaft, die deutlich wird, wenn wir dieselbe Aussage umformulieren:

„Nur als Mutter kann eine Frau das wertvollste Geschenk auf Erden erhalten.“

Mutterschaft wird also als das schönste und beste für eine Frau dargestellt. Das ist eine Überhöhung. Frauen können auf viele verschiedene Weisen ein schönes und erfülltes Leben leben. Nur weil ich mir ein Leben ohne Kinder nicht vorstellen kann, heißt das noch lange nicht, dass dies für alle Frauen gelten muss. Dies anzunehmen wäre heute so anmaßend wie in den 1930ern.

„Wie unermeßlich ist ihr Glück, wie überwältigend ihre Seligkeit, wenn sie das Gebot der ewig neuen Schöpfung erfüllte und wenn das Kind mit seinem Lebensanspruch all jene großen Gefühlswerte der Frau, die ohne Mutterschaft verkümmern müßten, verhundertfacht.“
Der deutschen Mutter, Hanns Sylvester Stürgkh, 1936

Kontext beachten

Der Kontext, also der eine Aussage umgebende Inhalt, ist nicht dasselbe wie der Aufhänger. Der Aufhänger des genannten Artikels ist das Wohl der Kinder. Angeblich wird dargestellt, welche Betreuungssituation das Beste für Kinder U3 ist. Der Kontext ist aber das "Wohl der Nation". Das geschieht hier nicht mal versteckt: es steht direkt im Titel!

Dem zugeordnet ist die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Hier geht in dem Artikel die Nation vor dem Individuum. Frauen und Männer haben hier feste Rollen, die sich nicht überschneiden sollen.

„dass ein Mann ein Mann ist und dass eine Frau Frau sein darf“

Zu gütig! Ich darf Frau sein. Weißt Du was? Das bin ich so oder so! Mein Frausein hat nichts mit meiner Rolle in der Gesellschaft oder in meiner Familie zu tun. Mein Frausein kann mir niemand nehmen, also brauche ich dafür auch keine Erlaubnis. Und meine Rolle gestalte ich selber nach meinen Möglichkeiten, Vorlieben und Fähigkeiten. Die hat mir auch niemand vorzuschreiben. Genau das wurde in den 1930ern aber gemacht.

„Wir alle sind mit tausend sichtbaren und unsichtbaren Fäden in unserem eigenen Schicksal auf Gedeih und Verderb mit dem Schicksal unseres Volkes verknüpft.“
Der deutschen Mutter, Hanns Sylvester Stürgkh, 1936

Auslassungen

Was wird in dem Text nicht erwähnt? Was fehlt, das eigentlich dazu gehört? Der Rest der Familie.

Wo ist der Vater? Wo ist die lesbische Mutter? Wo sind die Adoptiveltern? Wo ist überhaupt irgendeine andere Bezugsperson? Die Absonderung von Mutter und Kind vom Rest der Familie war in der Vergangenheit überhaupt grundlegende Ursache für die Entstehung der schwarzen Pädagogik. Sie ist für die Psyche der Mutter und des Vaters von großem Nachteil. Die psychische Gesundheit der Bezugspersonen hat aber großen Einfluss auf die psychische Gesundheit der Kinder und letztlich - wenn es genug Familien betrifft - für die ganze Gesellschaft.

„Eine Mutter gibt dem Kind Geborgenheit, grenzenlose Liebe und Verständnis.“

Dazu gibt es zwei Dinge zu sagen.

1) Nicht jede Mutter ist so. Manchmal ist es besser, wenn das Kind nicht bei der Mutter ist.

2) Andere Menschen können dem Kind genau dasselbe geben.

Es geht in dem Artikel weder um Wahlfreiheit, noch um die Betreuungssituation in Kindertagesstätten, noch um Familienleben. Es geht einzig und allein darum, Frauen die Wahl zu nehmen und ihnen ihre Rolle vorzuschreiben.

Wortwahl

Ich möchte zum Schluss noch auf ein paar Formulierungen aufmerksam machen, die wieder und wieder in den Schriften aus der Nazi-Zeit vorkamen. Sie sind heute ein Warnsignal, besonders wenn sie zusammen auftreten - wie in dem Artikel.

„Lebensauftrag: Mutterrolle“

Der ganze Sinn und Zweck des Lebens einer Frau soll die Mutterschaft sein. Dies ist die deutlichste Form der Hochstilisierung der Mutter, welche von den Nazis auf vielfache Weise betrieben wurde.

„Das, nur das ist Glück, uneingeschränktes, wahres Glück, weil es Lebenserfüllung ist: Paarung, Zeugung, Fortpflanzung!
Dann erst, deutsche Frau, wirst Du wirklich im Kreislauf des Lebens stehen, im Bündnis mit höheren und größeren Mächten, mit dem Schöpfer und Betreuer aller Dinge.“
Der deutschen Mutter, Hanns Sylvester Stürgkh, 1936

Diese Überhöhung der Mutterschaft wird genutzt, um die Frau an Heim und Herd zu fesseln.

„Die Führer des neuen Deutschlands fordern die Rückführung der Frau zu ihrer wesensechten Bestimmung, zum Gedanken der Mütterlichkeit.“
Der gesunde Säugling - Seine Entwicklung Ernährung Pflege, Philipp Niemes, 1933
„Elternurlaub“

Offiziell wird diese Bezeichnung nicht mehr verwendet. Sie findet sich zwar im alltäglichen Sprachgebrauch, aber das liegt daran, dass es Zeit braucht bis sich ein neuer Sprachgebrauch verbreitet. Die korrekte Bezeichnung ist "Elternzeit". Wie absurd der Begriff "Urlaub" im Bezug zur Kindererziehung ist, macht folgendes Zitat deutlich. Strürgkh schreibt, dass berufstätige Mütter zumindet morgens und abends ihre Babys stillen sollten, und dass es eine leichte Möglichkeit gäbe, eine dritte Stillmahlzeit zu erreichen:

„Sie haben ja ein gesetzliches Anrecht auf eine Stunde Urlaub je Tag, ohne daß sie dadurch einen Lohnverlust erleiden. Manche berufstätige Mütter, deren Arbeitsstelle besonders nahe an ihrem Heim liegt, teilen sich diese Urlaubsstunde in halbstündige Hälften ein, so daß auf diese Weise auch vier Stillzeiten je Tag zustandekommen.“
Der deutschen Mutter, Hanns Sylvester Stürgkh, 1936

„Heldentat"

Im Artikel wird die Mutterrolle als Heldentat bezeichnet. Helden, Soldaten, Aufopferung, Selbstbeherrschung, die Zurückstellung der eigenen Wünsche und Bedürfnisse waren wiederkehrende Motive. Da die Frau nicht als Soldatin ihre Heldenhaftigkeit beweisen konnte, sollte sie es als Mutter tun.

„Das heroischste Mittel für eine junge Mutter ist, daß sie das Kind - wie man sagt - durchschreien läßt.“
Lehrbuch der Wöchnerinnen- Säuglings- und Kleinkinderpflege für Pflegerinnen, Schwestern und Mütter, Prof. Dr. W. Birk, Prof. Dr. A. Mayer, 1930

Dabei muss die Mutter natürlich stoische Ruhe bewahren. Egal wie sehr das Kind schreit.

„Bewahre stets Ruhe, Besonnenheit und Selbstbeherrschung, daneben Gewissenhaftigkeit und Zuverlässigkeit.“
Der gesunde Säugling - Seine Entwicklung Ernährung Pflege, Philipp Niemes, 1933

Und auch vom Kind wird Selbstbeherrschung gefordert.

„28. Womit beginnt die Erziehung?
A.: Mit der Gewöhnung an die Zeitordnung. Innehalten der Nähr- und Pflegeordnung erzieht zur Beherrschung des Willens. Innehalten der Nahrungsmengen erzieht zur Mäßigkeit.“
Der gesunde Säugling - Seine Entwicklung Ernährung Pflege, Philipp Niemes, 1933

„veredelt den Menschen"

Menschen müssen nicht veredelt werden. Das ist Sprachgebrauch aus der Zucht und genau so haben es die Nazis auch gemeint. Sie wollten ein besseres Volk, eine bessere Rasse züchten.

„Der nationalsozialistische Staat sieht nicht mehr das Einzelindividuum, den einzelnen Menschen, sein Glück und Wohlergehen als den Maßstab aller Dinge, als das Wichtigste und Höchste. Für den Nationalsozialismus und damit für das neue Deutschland ist das Volk in seiner Gesamtheit, des Volkes Glück und Wohlergehen, des Volkes Leben und Zukunft der Maßstab aller Werte. Volk ist nicht eine Zusammenzählung aller der Menschen, die zufällig gerade leben. Volk ist der lebendige Strom des Blutes von Generationen her über die heute Lebenden in ferne Zukunft bis zu den fernsten Urenkeln. Volk ist die Gemeinschaft der Jahrtausende vor uns mit der Gegenwart und der Zukunft, der Jahrhunderte und Jahrtausende nach uns."
Gesunde Eltern - gesunde Kinder! Propagandaschrift über das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" herausgegeben von der N.S. Volkswohlfahrt 1934

"Volk" ist ein Gedankenkonstrukt. Es gibt nur eine Menschheit, keine Völker. Wir gehören alle zusammen und jede'r hat das Recht auf eigene Weise glücklich zu sein. Wir haben die Pflicht aufeinander aufzupassen und zu verhindern, dass wir oder unsere Kinder oder "fernste Urenkel" in einer Welt leben, in der sie weniger Freiheiten haben als die, die wir uns bis hier erkämpft haben. Die Welt muss offener werden, nicht verschlossener.

Keine Macht den Nazis und Faschisten. Augen auf beim Verbreiten von Texten und Quellen.

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