Zum Wohlfühlen: Bedürfnisorientierte Texte aus alten Tagen

(Zu den Kommentaren)

Co-sleeping

"Ich kann den Müttern nicht genug empfehlen, die neugebornen Kinder zu sich in's Bett zu nehmen. Der Nutzen hievon für die Kleinen ist so ausgezeichnet, daß es gewiß keine Mutter bereuen wird, diesen Rath befolgt zu haben. Neugeborne Kinder, die man in der Bettwärme der Mutter schlafen läßt, sind viel lebhafter und munterer, sie kommen viel schneller zum Gebrauche ihrer Sinneswerkzeuge, sie werden nicht so leicht krank, und unterscheiden sich durch ihre blühende Gesichtsfarbe gar auffallend von jenen Kleinen, die abgesondert von der Mutter schlafen müssen.
Die ersten neun Tage nach der Entbindung sollten Kindbetterinnen, um nicht in gefährliche Krankheiten zu verfallen, ohnehin nicht aus dem Bette gehen, und darum können sie auch den Säugling beständig in ihrer Wärme erhalten. Nach Verlauf der neun Tage haben die Neugebornen schon so viel an Lebenskraft gewonnen, daß sie am Tage ohne Nachtheil die mütterliche Wärme entbehren können. Bei der Nacht jedoch benöthigen sie diese Wärme wenigstens noch zwei bis drei Monate, und dann erst sollte man sie allmälig gewöhnen, abgesondert in einem eigenen Bettchen zu schlafen."
Pflichten gegen Kinder, Dr. Thomas Joseph Lauda, 1855

Im weiteren Text betont Lauda noch, dass das Ausquartieren wirklich behutsam und nicht abrupt geschehen soll.

Bindung

"Frühzeitig offenbart sich die Macht der Sympathie. Der Säugling fühlt sich in der Nähe von Menschen wohler, will nicht allein seyn, sondern auf den Arm genommen werden, oder doch an seinem Lager Jemanden um sich sehen. So tönt ihm die Menschenstimme angenehm, und er läßt sich dadurch besänftigen und erfreuen; auch zeigt er bald Wohlgefallen an der Menschengestalt, blickt in das Auge und sieht gern menschliche Bewegungen. Dann unterscheidet er auch die Personen, und liebt diejenige, welche ihn wartet und ihm mancherlei Sinnesbeschäftigung verschafft, mehr als die, welche ihn nährt. Während er besonders in der Nähe Derer sich wohl fühlt, an die er gewöhnt ist, und deren Anblick ihn an die bisher durch sie erregten angenehmen Empfindungen erinnert, fängt er an mißtrauisch gegen Fremde zu werden und sich vor ihnen zu scheuen, wobei er jedoch zu einzelnen eine specifische Zuneigung gewinnt, und gegen andere Abneigung zeigt, mit Kindern aber in der Regel gern sich beschäftigt. Er äußert auch schon Mitleid, wenn ihm das Leiden einer geliebten Person sichtbar wird. Vermöge solcher Sympathie versteht er frühzeitig Geberden, Mienen und Töne nach der allgemeinen Stimmung, welche sie ausdrücken, so daß er sich durch sie erfreuen oder schrecken läßt."
Der Mensch nach den verschiedenen Seiten seiner Natur, Dr. Carl Friedrich Burbach, 1858

Burbach erkennt, dass schon Neugeborene soziale Wesen sind. Seine Beobachtungen sind so einfühlsam, wie er es auch schon den Kleinsten zugesteht.

Stillen nach Bedarf

"Im Anfange saugt der Säugling sehr häufig, aber nur in kleinen Portionen und daher im Ganzen betrachtet nicht besonders viel. Darum auch muß man demselben in den ersten Wochen seines Daseins so oft die Brust reichen, als er aus dem Schlafe erwacht, in wie ferne sichs immerhin zeigt, daß dieser nicht durch ein anderes Bedürfniß, oder wohl gar durch ein Leiden unterbrochen worden: denn es ist beinahe nur Leiden und Verlangen nach Nahrung, was den Schlaf des Neugebornen stört; um seine Unbehaglichkeit vernehmlich zu machen. (...) Ein schon etwas älterer Säugling sieht sich schreiend nach der Mutter um, und wird ruhig, indem sie Anstalten macht, ihm die Brust zu reichen, oder er greift weinend nach der Brust, dringt beruhigt mit Lächeln der entblößten Brust zu und nimmt darauf mit Hast die Warze. Wie oft das Kind der Mutterbrust bedürfe, läßt sich im Einzelnen nicht bestimmen. Die Natur gibt hierin ihren Getreuen die nöthigen Winke; denn sie kündigt der Mutter die Zeit eben so richtig an als dem Kinde. Die Mutter empfindet nämlich in solchem Falle den Trieb des Säugens zu gleicher Zeit, wenn im Kinde das Bedürfniß des Gesäugtwerdens wieder erwacht."
Bemerkungen über das Selbststillen, Dr. J. E. Löbisch, in Oesterreichischer Kalender zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse für das Jahr 1846

Äußerst bemerkenswert ist vor allem, dass der Autor weiß, dass die Stillende selber merkt, wann es wieder Zeit zu stillen ist, noch bevor das Kind sich meldet. Beim Stillen nach Bedarf ist das oft der Fall.

Unterstützung für bedürftige Mütter

"Jede arme Wöchnerinn erhält zu Stuttgart, neben anderen Unterstützungen an Speise ec., unentgeldlich 2 Windeln, welche ihr als Eigenthum überlassen werden, und lehnungsweise 1 Tragkissen, das sie nach 3 Monaten wieder zurückzugeben hat; es werden alle Jahre gegen 100 Windeln und 12 Tragkissen auf solche Weise abgegeben, was den öffentlichen Cassen jährlich einen Kosten von 25 bis 60 fl. verursacht."
Württembergische Jahrbücher für vaterländische Geschichte, Geographie, Statistik und Topographie. Jahrgang 1829

Zwei Windeln sind zwar etwas wenig, aber die Leihgabe eines Tragkissens finde ich rührend.

Aufforderung zum Tragen

"Wenn das Kind vom Schlaf erwachet, oder wenn es, nachdem es in die Wiege geleget worden, durch sanftes Wiegen doch nicht einschlafen will; so muß man es nicht mit starkem oder gewaltigen Wiegen wieder in den Schlaf zu bringen suchen. Man muß es aufnehmen, und eine Zeitlang tragen; denn es hat oft genug geschlafen, oder es ist hungrig, oder hat sich unrein gemacht, oder das lange Liegen ist ihm zu verdrüßlich geworden."
Unterricht für rechtschaffene Eltern zur dietätischen Pflege ihrer Säuglinge, Dr. Johann Friedrich Zückert, 1771

Das Kind soll nicht zu lange liegen gelassen werden. Ist das nicht schön?

Hungerzeichen

"Aber woran kann man erkennen, daß das Kind hungrig sey? Man betrügt sich sehr, wenn man sein Weinen allemal für ein Zeichen seines Hungers hält. Zuweilen kann es Statt finden. Aber muß nicht auch ein Kind weinen, wenn es andere Schmerzen empfindet; wenn es sich zu enge eingewickelt siehet; wenn es die Falten des Wickelzeuges drücken; wenn es eine Nadel sticht; oder die Schärfe der Excremente es beunruhiget; oder wenn es zu warm oder zu kalt ist. Hingegen wenn das Kind, es mag weinen oder nicht, seine Augen steif auf die Amme gerichtet hat, derselben allenthalben nachsiehet, und traurig wird, wenn sie sich entfernet; wenn sein Mund voller Speichel ist; wenn es seinen Finger nach den Mund führet und daran sauget; wenn es den Finger der Amme, welchen sie ihn in den Mund gestecket, mit seiner Zunge und seinen Lippen begierig drücket; und wenn es mit den Händen weinend nach den Brüsten greifet: So sind dieses alles Zeichen, daß das Kind hungrig sey. Sobald sich alsdenn die Amme die Brust vor ihm aufmachet, so siehet das Kind freudig aus, es lächelt, es ergreift die Warze begierig mit dem Munde, und legt seine beyden Händgen auf die Brust, gleichsam um dadurch den Ausfluß der Milch zu beschleunigen."
Unterricht für rechtschaffene Eltern zur dietätischen Pflege ihrer Säuglinge, Dr. Johann Friedrich Zückert, 1771

Besonders schön ist hier auch, dass vom Weinen gesprochen wird und nicht vom Schreien, wie es meistens der Fall ist.

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