header photo Die Kinderpflegerin

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwarf die Österreicherin Hedwig Reich einen Kurs zur Kinderpflegerin. Dieser Kurs war in erster Linie als berufliche Qualifikation gedacht, aber auch als Lehrstück für zukünftige Mütter. Die Kursinhalte sind uns erhalten geblieben, da Hedwig Reich 1913 ein Lehrbuch dazu geschrieben hat. Das Buch ist eine erweiterte Ausgabe ihres Handbuchs für Mütter von 1912.

Aus dem Vorwort erfahren wir, dass die Kursdauer sechs bis zehn Monate betrug. Der Kurs umfasste sowohl praktische Übungen als auch theoretische Teile, zum Beispiel über die Erziehungslehre. Zum ersten Mal wurde der Kurs 1909 in Troppau in der heutigen Tschechischen Republik vom dort ansässigen "Verein für Fraueninteressen" durchgeführt. Damals gehörte der Ort zu Österreich.

Den Beruf der Kinderpflegerin gab es schon lange. Er war aber, wie die meisten "Frauenberufe" nicht reguliert. Es gab keine vorgeschriebene Ausbildung. In wohlhabenden Familien war es üblich, eine Kinderpflegerin zu haben.

"Bei der Wahl ihrer Stellung soll die Kinderpflegerin sich nicht davon leiten lassen, jenes Haus zu bevorzugen, wo man ihr das angenehmste Leben zu bieten vermag; nein, dort soll sie hingehen, wo man ihrer am meisten bedarf. Wo viele Kinder sind, da ist ein Feld, sich zu betätigen, da kann sie ihre Kräfte stählen, und keine bessere Empfehlung kann sie sich selbst ausstellen, als wenn sie sich in einer kinderreichen Familie jahrelang betätigt und über ihre Verwendung ein schönes Zeugnis erhalten hat.

Sie soll auch das einfache Haus nicht verschmähen. Es ist nur Gerechtigkeit, wenn sie nicht wieder jene bevorzugt, die ohnehin vom Schicksal und Leben schon die Bevorzugten sind. Die bürgerliche Frau, auf der oft der Lebenskampf erdrückend lastet, die Beamten- und Offiziersfrau, die ein standesgemäßes Haus führen muß und sich nicht viel Hilfskräfte leisten kann, die erwerbende Frau, sie bedürfen der Unterstützung am meisten."

Die Kinderpflegerin, Hedwig Reich, 1913

Das Buch ist unterteilt in fünf Abschnitte und einen Anhang zur "Österreichischen Bürgerkunde". Die Abschnitte sind:

  1. Körperpflege des Kindes in gesunden und kranken Tagen; Geistespflege des Kindes; Erziehungslehre; Spiel und Spielzeug
  2. Plichten der Kinderpflegerin; Verhalten der Kinderpflegerin gegen ihre Dienstgeber; Aufmerksamkeiten für die Familien- und Festtage; Die Kleidung, Anstandsregeln; Körperpflege der Kinderpflegerin
  3. Haushaltskunde
  4. Anleitung zur Herstellung von Kinderwäsche und einfachsten Kinderkleidchen
  5. Eine Sammlung an Gedichten, Erzählungen und Kinderliedern

"Der Beruf der Kinderpflegerin ist ein sehr schwerer, denn er erfordert große Selbstbeherrschung und es ist norwendig, daß die Pfelgerin sich der Verantwortung ihres Berufes ganz bewußt sei und daß sie sich bemühre, ihm gerecht zu werden."

Die Kinderpflegerin, Hedwig Reich, 1913

Beispielhaft lernen wir einen Arbeitsplan für eine Kinderpflegerin kennen, die sich um zwei Kinder kümmern muss, von denen eins 2 Jahre alt und das andere ein Säugling ist.

5:30 aufstehen
6:00 "Schuhe und Kleider des Kindes reinigen und das Kind nach seinem Erwachen anziehen. Indessen ist vielleicht der Säugling erwacht und wird trocken gelegt; dann wird ihm eine Flasche gewärmt und gereicht."
7:00 Die Kinder werden der mütterlichen oder einer anderen Obhut übergeben, damit die Pflegerin das Kinderzimmer aufräumen und lüften kann kann.
8:00 gemeinsames Frühstück
9:00 Baby baden und ihm die Flasche geben. Danach soll es bis Mittag schlafen. Während dessen wird die Flaschennahrung für den ganzen Tag hergestellt, "was mit der gründlichen Flaschenreinigung keine ganze Stunde in Anspruch nimmt".
10:00 Butterbrot mit dem größeren Kind essen und dann sonstige Hilfeleistungen verrichten, die von der Pflegerin erwartet werden.
11:00 Spaziergang mit beiden Kindern
Mittagessen. Danach halten die Kinder Mittagschlaf und die Pflegerin hilft beim Aufräumen der Küche, wenn dies von ihr verlangt wird. Oder sie verrichtet Näharbeiten.
3:00 Mittagschlaf zuende. Kinder ankleiden, ihnen eine Zwischenmahlzeit geben und nach Möglichkeit nach draußen gehen. Bei schlechtem Wetter drinnen mit den Kindern bis zum Abend spielen.
19:00

Die Kinder werden "zur Ruhe gebracht". Gemeint ist wahrscheinlich, dass sie vom Spielen aufgeregt sind, und sich jetzt wieder beruhigen sollen. Danach gemeinsames Abendessen.

"Danach steht es der Pflegerin frei, sich an der Unterhaltung zu beteiligen, eine Zeitung oder ein Buch zu lesen, einen Brief zu schreiben u. dgl. Ist es aber hie und da nötig, auch am Abend eine Arbeit, z.B. eine Puppe zu Geschenkzwecken anzuziehen oder eine Näharbeit auszuführen, zu der die Pflegerin am Tage nicht Zeit gefunden hat, so wird eine solche Beschäftigung die Traulichkeit des Familienbildes nur erhöhen. Im allgemeinen kann aber die Arbeitseinteilung so sein, daß der Abend frei ist.

21:00 Die Pflegerin zieht sich zurück und geht bald schlafen.
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