Direkter Vergleich zum Co-Sleeping aus zwei Ausgaben desselben Buches

(Zu den Kommentaren)

Das Buch "Mutterpflichten" von Friedrich August von Ammon ist ein bemerkenswertes Werk. Insgesamt erschien es in mindestens 42 Auflagen, wovon nur die ersten neun von von Ammon selber geschrieben waren. Nach seinem Tod 1861 wurde das Buch von anderen überarbeitet. Die erste Auflage erschien 1827; die 42. Auflage 1921. Das sind fast einhundert Jahre. Darum eignet sich dieses Werk hervorragend, um Veränderungen in der Säuglingspflege nachzuvollziehen.

Ich besitze je ein Exemplar der 6. und der 33. Auflage. Hier die Passage zum Co-Sleeping aus beiden Auflagen im Vergleich.

1854, "Mutterpflichten", F.A.von Ammon, 6. Auflage, S.112

"Da Mutter und Kind stets beisammen zu sein pflegen und zusammen sein sollen, so bedarf wol noch die Frage einer Beantwortung, ob es für das Kind gesund ist, mit der Mutter in einem Bette zu schlafen. Die Ausdünstung einer gesunden Mutter, diese reine animalische Wärme kann ihrem Kinde nur zuträglich sein, vorzüglich im Winter, wo künstlich gewärmte Tücher, Decken und Kleider dieselbe nicht ersetzen können. Vorsicht erfordert jedoch dieses Zusammenliegen immer, denn gar zu leicht kann der Säugling von der im Schlafe sich bewegenden Mutter gedrückt werden. Sind Kinder hinsichtlich des Trinkens von den Müttern verwöhnt, erwachen sie oft in der Nacht, um gestillt zu werden; nimmt dann die schlaftrunkene Mutter, die ohne Wärterin ist, das Kind an die Brust, schläft dieses an derselben ein, überfällt der Schlaf auch die Mutter, liegt das schlafende Kind in den Armen der schlafenden Mutter, so kann nur gar zu leicht der Säugling Schaden nehmen, wenn auch wohl noch nie eine Mutter ihr Kind im Schlafe erdrückt hat."

1892, "Mutterpflichten", F.A. von Ammon, nach dessen Tod überarbeitet von Dr F. von Winckel, 33.Auflage, S.107f

"Es ist Gebrauch in der Kinderstube, daß das Kind in der Nähe der Mutter sich befindet; dabei bedarf aber die Frage einer Beantwortung, ob es für das Kind gesund ist, mit der Mutter in einem Bette zu schlafen. Die Wärme einer gesunden Mutter kann ihrem Kinde nur zuträglich sein, vorzüglich im Winter, wo das Bedecken mit gewärmten Tüchern, Decken und Kleidern dieselbe nicht ersetzen kann. Vorsicht erfordert jedoch dieses Zusammenliegen immer, denn gar zu leicht kann der Säugling von der im Schlafe sich bewegenden Mutter gedrückt werden. Sind Kinder hinsichtlich des Trinkens von den Müttern verwöhnt, so erwachen sie oft in der Nacht, um gestillt zu werden; nimmt dann die schlaftrunkene Mutter, wenn sie ohne Wärterin ist, das Kind an die Brust, schläft dieses an derselben ein, überfällt der Schlaf auch die Mutter, liegt das schlafende Kind in den Armen der schlafenden Mutter, so kann nur gar zu leicht der Säugling Schaden nehmen, wenn auch wohl noch nie eine sorgsame Mutter ihr Kind im Schlafe erdrückt hat. Dagegen wurde von einem Berliner Landgericht eine Amme zu drei Monaten Gefängniß verurtheilt, weil das von ihr gestillte Kind eines Kaufmanns todt neben ihr im Bette gefunden wurde und anzunehmen war, daß sie es im Schlafe erdrückt hatte! Bisweilen erscheint die Trennung des Kindes von der Mutter nothwendig, vorzüglich dann, wenn diese leidend oder ihr Schlaf sehr leicht störbar ist. Durch eine solche zur rechten Zeit genommene Maßregel erspart sich die Mutter manche schlaflose Nacht und beschleunigt ihre Genesung, und für das Kind entspringen daraus ebenfalls vielfache Vortheile. Mütter müssen sich in eine solche Notwendigkeit willig und ohne Sträuben fügen."

In der späteren Auflage ist nicht mehr davon die Rede, dass Mutter und Kind zusammen sein sollen. Es wird lediglich anerkannt, dass es ein Brauch ist. Ebenso fällt auf, dass von Ammon noch schreibt, dass noch nie eine Mutter ihr Kind im Schlaf erdrückt habe. In der von Dr. von Winckel überarbeiteten Fassung, ist es die sorgsame Mutter, die ihr Kind nicht erdrückt.

Desweiteren ist die Ergänzung bemerkenswert. Wegen eines einzigen Falles, in dem eine Amme möglicherweise das ihr anvertraute Kind erdrückt hat, wird die Trennung des Kindes von der Mutter propagiert. Und die Mutter hat nichts zu sagen.

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