Durchziehende Soldaten und ihre Taten

Zur Wahl der Amme äußert sich Adolph Henke 1832 folgendermaßen:

"Die vordem mit Recht befolgte Regel, ein Landmädchen den Städterinnen vorzuziehen, leidet in unseren Tagen, wo die Sittenverderbniß und venerische Uebel durch die steten Durchzüge der französischen Heere, eben so sehr auf dem Lande verbreitet sind, auch keine unbedingte Anwendung." 

Taschenbuch für Mütter, Adolph Henke, 1832

"Venerische Übel" sind sexuell übertragbare Krankheiten. Die meisten davon sind auch beim Stillen übertragbar. Dass also eine Amme frei von derartigen Krankheiten sein sollte, ist ein sinnvoller Ratschlag. Bis zum 19. Jahrhundert waren diese Krankheiten vor allem in den Städten anzutreffen und weniger auf dem Land. Daher wurden junge Frauen vom Land bevorzugt als Amme gewählt. Sie gaben mehr Sicherheit vor unentdeckten Krankheiten.

Doch was Henke hier so dezent mit dem "Durchzug der französischen Heere" beschreibt, ist nichts anderes als Vergewaltigungen durch französische Soldaten. Die Spuren der Soldaten sind durch uneheliche Kinder aus der Zeit bis heute sichtbar.

Hier sehen wir ein Beispiel dreier lediger junger Frauen, die 1807 innerhalb von 5 Wochen ein Kind von Franzosen bekommen haben. In diesem Kirchenbuch sind nur die unehelichen Kinder verzeichnet. Auch bei den Kindern, die etwa zu derselben Zeit innerhalb einer Ehe geboren wurden, können wir nicht ausschließen, dass nicht der Ehemann, sondern ein französischer Soldat der Vater war.

Ich habe diesen Kirchenbuchauszug vor drei Jahren bereits auf Facebook gepostet und es entbrannte eine Diskussion darüber, ob es sich denn überhaupt um Vergewaltigungen handeln würde. Die Indizien sprechen jedoch dafür.

Da wäre zunächst einmal die zeitliche Nähe der Geburten. Junge Frauen dieser Zeit wussten, welche verheerenden Konsequenzen ein uneheliches Kind für sie haben würde. Die Chancen, einen Ehemann und Versorger zu finden, sanken drastisch. Das gesellschafltiche Ansehen war beschädigt. Berufe, die es ihnen ermöglichten, ihr Kind selber aufzuziehen, gab es kaum. Darum ließen junge Frauen sich nicht auf kurze Geplänkel ein. Zwar gab es nicht wenige uneheliche Kinder, aber diese wurden in der Regel in längere Beziehungen geboren. Nicht selten heirateten die Eltern später noch oder hatten zumindest mehrere Kinder zusammen.

Als nächstes betrachten wir das Alter der Mütter. Über die erste, Elisabetha Bräurin, lässt sich nicht viel sagen, da kein Herkunftsort erwähnt wird. Anna Mairin (Mayr) vom Edergut in Kirn wurde am 28. Juni 1781 geboren [Quelle]. Apollonia Nußbaumerin vom Hölzl-Hof wurde am 29. Januar 1787 geboren [Quelle|. Sie müssen etwa im Juni 1806 schwanger geworden sein. Anna war da gerade 25 und Apollonia 19. Zu dieser Zeit waren Frauen im Durchschnitt meist älter als 25, wenn sie ihr erstes Kind bekamen. 19 ist extrem jung.

Apollonia kannte zudem nichtmal den Namen des Vaters. Der Vater des ersten Kindes ist als Lorenz Aelléfrance angegeben. Er sei ein "französischer Soldat, derzeit in Polen bei der großen Armee". Der Vorname wurde eingedeutscht, damit habe ich kein Problem. Aber der Nachname? "Allez France"? Das klingt nach einem falschen Namen. Sie haben ihn erwischt und er hat einen falschen Namen angegeben. Und sie haben den Namen nach Gehör geschrieben. Der Vater hat die Schreibweise nicht korrigiert. Ähnlich der zweite Vater: Joseph Wajeâ. Ich gebe gerne zu, dass ich mich im Französischen nicht auskenne. Aber eine kurze Internetrecherche läßt vermuten, dass dieser Name wenn nicht falsch, dann zumindest falsch geschrieben ist. Der Vater war längst über alle Berge.

Zu guter Letzt wäre da noch der Geburtsort. Die Kinder sind im Kirchenbuch der Stadt Simbach am Inn aufgelistet. Das bedeutet, dass sie auch dort geboren wurden. Elisabetha arbeitete zu der Zeit als Dienstmagd in Pettenau. Anna stammte aus Kirn (hier Chyrn geschrieben) und war "beim Matthä Weidinger im Dienste". Taufpatin war hier Magdalena Hoferin, Bäuerin "auf dem großen Weidingergut". Das Großweidingergut gehörte zu Simbach, aber wir wissen nicht, wann Anna ihren Dienst dort angetreten hat. Apollonia war in Simbach auf dem Hölzlhof geboren, doch als Adresse ist Kirchberg Nr 4 angegeben. Zumindest Elisabetha und Apollonia scheinen also extra für die Geburt nach Simbach gekommen zu sein. Das ist zumindest ungewöhnlich, denn auch uneheliche Kinder wurden in der Regel zuhause geboren.

Und so steckt hinter der kleinen Bemerkung, dass es egal sei, ob die Amme aus der Stadt oder vom Land käme, ein ganzer Rattenschwanz an realen Konsequenzen für echte Menschen. Es wäre interessant zu wissen, ob die Kinder von ihren Vätern wussten, und ob sie dies wiederum ihren eigenen Nachkommen erzählt haben. Ihr weiteres Leben und das ihrer Mütter ließe sich vermutlich anhand der Kirchenbücher weiter verfolgen. Doch das bleibt für ein anderes Mal.

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