Nackt im skandinavischen Familienbett

In deutschen Gefilden war es bis weit ins 19. Jahrhundert üblich, dass zumindest das kleinste Kind bei der Mutter schlief. In weniger bemittelten Familien schliefen noch mehr Familienmitglieder in einem Bett, oder zumindest in demselben Zimmer. Und das nicht nur aus finanziellen, sondern auch aus rein praktikablen Gründen, denn die Kinderbetreuung ist des nachts nunmal einfacher, wenn man nicht durch die Gegend latschen muss. Der dänische Historiker Troels Frederik Lund (1840-1921) zeigt uns in einem Buch von 1882, dass das Familienbett im Skandinavien des 16.-17. Jahrhunderts noch weiter ging. Und er benutzt sogar den Begriff "Familienbett"!

Selten wurde das Bett nur von einem zur Zeit benutzt, sondern in der Regel von Mehreren. Ausser den Eltern pflegte in dem grossen Bette noch eine Anzahl der Kinder zu schlafen, welche wenigstens am Abend nach zwei Seiten, der "Schwert-" und der "Kunkelseite", geordnet wurden, in der Mitte Vater und Mutter als Grenzscheide541). Ob überdies dann und wann auch noch ein werther Freund oder Anverwandter Aufnahme finden sollte, hing von Umständen ab. War in den Herzen Raum, dann fehlte es auch niemals an Raum im Hause.

Interessant, dass die Eltern in der Mitte lagen. Offensichtlich gab es keine Bedenken, dass die Kinder aus dem Bett fallen könnten. Lund berichtet (S. 155), dass skandinavische Betten nicht mit dem Kopfende, sondern mit einer Seite an der Wand standen. Somit blieb eh nur noch eine Seite zum Herauskullern.

Ganz ohne Gefahr war indess diese nächtliche Ordnung nicht. Hier, wo das freie Belieben eine so grosse Rolle spielte, war schlechterdings keine Sicherheit gegeben, dass gerade die schwersten Leiber zu unterst lagen; wurden aber die Personen in dieser Hinsicht unrichtig vertheilt, so konnte es unter Umständen ans Leben gehen. Kinder "zu Tode zu liegen", das heisst im Schlaf zu ersticken, war eine sehr gewöhnliche Verschuldung, für welche zwar kirchliche Absolution gesucht werden musste, in welche aber in der That der Beste gerathen konnte. Eine Verordnung von 1606. welche dieses Uebel zu bekämpfen suchte, indem sie auf die Wiederholung einer solchen unabsichtlichen Tödtung Lebensstrafe setzte, hatte daher schwerlich grossen Erfolg. Die Schuld lag in der einmal herrschenden Sitte zu Vielen im Bette zu liegen. Im Jahre 1569 hören wir von einem Weibe, das zum dritten Male ein Kind so getödtet hatte; in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts wurden allein in dem Stifte Aarhus durchschnittliche 38 Kinder jährlich "zu Tode gelegen"542).

Nach heutigem Standard waren die Betten bestimmt nicht Co-Sleeping-sicher, besonders da die Matratzen sehr weich gewesen sein mĂĽssen. Dass beim Tod eines Babys im Familienbett einzig der Mutter die Schuld gegeben wurde, auch wenn mehrere andere Familienmitglieder in demselben Bett schliefen, ist schon bemerkenswert. Aber die Fokussierung auf die Mutter kennen wir ja auch bei uns.

Unter solchen Umständen mussten in mehreren Hinsichten eigenthümliche Verhältnisse entstehen. Der Ton des Umganges zwischen den beiden Geschlechtern nahm ein freieres Gepräge an, als die neuere Zeit gutheissen würde543); zugleich aber wurden insbesondere die Rechte der Kinder auf das möglichst niedrige Mass eingeschränkt. Von den mancherlei neuen Pflichten, die aus solchen Verhältnissen hervorgehen mussten, bekommt man einen Begriff, wenn man gewisse Lebensregeln liest, die ein Rektor der lateinischen Schule zu Kopenhagen niedergeschrieben hat. Hier wird den Schulknaben die Vorschrift gegeben, sowohl zu Hause als in der Schule sich geziemend zu verhalten und z.B. Nachts sich nicht eigenmächtig im Bette umzudrehen, wodurch von zwei Folgen eine eintreten könne, entweder selbst der Bettdecke verlustig zu gehen, oder Anderen sie zu entziehen544). Dürfte man in dem Rathe, den Heinrich Ranzau seinen Söhnen ertheilte, die erste Hälfte der Nacht auf der rechten Seite, die zweite Hälfte auf der linken zu liegen545), den Ausdruck eines allgmeiner geltenden Herkommens finden, so wäre vielleicht daraus zu schliessen, dass in einer wohlgeordneten häuslichen Gemeinschaft mitten in der Nacht, auf ein gegebenes Zeichen, eine Schwenkung auf der ganzen Linie stattgefunden habe.

Wir sehen in der Fußnote 545, dass Ranzau sich auf den ersten und zweiten Schlaf bezieht. Eine Form der nächtlichen Ruhe, bei der eine Wachphase eingelegt wird, die Lund anscheinend unbekannt ist.

Zu Eurer Belustigung lest auf jeden Fall auch FuĂźnote 543!

Um den Wärmegrad in diesen Familienbetten zu bestimmen, ist es nicht unwichtig, die nächtliche Bekleidung der Schläfer ins Auge zu fassen. Sie war auf ein Aeusserstes reducirt, indem man althergebrachter Sitte zufolge, wenn man zu Bette ging, sich völlig entkleidete. Wie so vieles Andere, war dies eigenlich nur eine alte Gewohnheit, welche sich mit Unrecht erhielt. War sie in jener Zeit geboten, wo die Leinwand wegen ihrer Kostbarkeit etwas Unerschwingliches war, so war sie es doch durchaus nicht mehr unter den Verhältnissen des sechzehnten Jahrhunderts. Die Leute, die Nachts aus Sparsamkeit ganz nackt lagen, waren doch in der Lage, Tags mit dem Hemde bekleidet zu gehen und Nachts zwischen Laken zu liegen. Aber von alter Zeit her eingewurzelt, hielt die Sitte sich mit merkwürdiger Zähigkeit. In diese Zustände werden wir versetzt durch Redeweisen wie folgende: "Welche ein Teufel von Mann war er in seinem Hause! Wie oft musste seine Frau nackt aus ihrem Bette und hinaus zu Nachbaren, wenn er zu nächtlicher Stunde betrunken und voll nach Hause kam"546). Oder: "Als vor sechszehn bis siebzehn Jahren Rugaars zur Nachtzeit abbrannte, da konnten Frau Anna und ihre Schwester, welche bei ihr war, kaum ein Hemd anbekommen, und mit dem Leben davon kommen."547). Noch nach der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts war die Sitte in Dänemark allgemein. Ein polnischer Officier, welcher im Jahre 1658 mit dem Hülfscorps seiner Landsleute dorthin kam, erzählt, wie Alle in diesem Lande nackt zu schlafen pflegten. Auf seine Frage, ob sie sich doch nicht schämten, ohne Rücksicht auf das Geschlecht sich in seiner Gegenwart zu entkleiden, antworteten sie: dessen, was Gott geschaffen, brauche man sich nicht zu schämen; ausserdem könne das Leinen, das den ganzen Tag dem Leibe treulich gedient habe, es wohl bedürfen, dass es wenigstens des Nachts geschont werde548). Bekanntlich hat sich die Sitte in manchen Gegenden Norwegens, ja selbst Jütlands, bis auf diesen Tag erhalten549).

Das tägliche Leben in Skandinavien während des sechzehnten Jahrhunderts - Eine culturhistorische Studie über die Entwickelung und Einrichtung der Wohnungen, Troels Frederik Lund, 1882, S.171f

"Dessen, was Gott geschaffen, brauche man sich nicht zu schämen." Ich mag diese Einstellung! Ein Hoch auf das Familienbett und ein gesundes Körpergefühl!

FuĂźnoten:

541) Beispiele von ganzen Familien in einem und demselben Bette findet man öfter in den Helsingörer Thingbüchern verzeichnet. - In dem "Kinderhause" zu Kopenhagen lagen in dem folgenden Jahrhundert fünf in Einem Bette S. Suhm, Nye Samlinger III, 214.

542) Kincks Mittheilungen in den: Samlinger til jydsk Hist. og Topogr. I, 130-31. - Hübertz, Aktstykker vedkommende Aarhus II, 194. Die Anzahl der Frauen im Stifte Aarhus, welche bestraft wurden, weil sie Kinder (unabsichtlich) im Bette erstickt hatten, findet man für die drei Jahre 1648, 1649 und 1651 angegeben; sie betrug bez. 27, 51 und 37. Nach der Summe, die sich in den folgenden Jahren aus den dafür gebüssten Geldstrafen ergab, scheint damals die Anzahl ungefähr die gleiche gewesen zu sein.

543) Danske Samlinger 2den Række VI, 339. -  Im Jahre 1694 kam im Bohuslehn ein schwieriger Fall vor, da nämlich ein Mann sich mit einem Mädchen verlobt hatte, zu welchem der Bruder des Ersteren, wie man behauptete, früher in vertrautem Verhältniss gestanden hatte. Dieser konnte indessen keine weitere Erklärung geben, als dass sie vielleicht Dieselbe sei: „denn da hätten zwei oder drei Schwestern in dem nämlichen Bette gelegen, und er habe mit einer von ihnen sich zu schaffen gemacht; er wisse aber nicht, mit welcher“. S. Liber visitationis Joh. Nicolai, in Thott. Saml. No. 1583. 4to. (Grosse kgl. Bibliothek zu Kopenhagen.) - Männer und Frauen in demselben Schlafzimmer s. Rørdam, Anders Arrebo's Levnet og Skrifter. I, 98.

544) Olaus Theophilus, Paræneses de vitæ ac studiorum honesta formatione. Hafniæ 1573. fol. o.

545) "Erst muss man damit anfangen, dass man auf der rechten Seite liegt, so haben die Aerzte gesagt; der zweite Schlaf muss auf der linken Seite geschehen, und in dieser Lage der Schlaf zu Ende gebracht werden." S. Henr. Ranzau, De conservanda valetudine. p. 52.

546) Peder Palladius, Visitatsbog, udg. af Grundtvig. S. 89.

547) Die Zeugenaussage aus dem Nörager Kirchspiel v. 28. Mai 1579, aufgenommen in das gerichtliche Erkenntniss v. 10. November 1586. - Ein Ausdruck wie dieser (Norske Magasin I, 236): "da stand ihre Hausmutter im Hemde auf und schloss Hans, den Bartscheerer, ein", muss man sicherlich so verstehen, dass sie das genannte Kleidungsstück sich erst angezogen hat. - Beweisstellen dafür, dass es während des Mittelalters allgemeine Sitte in Europa war, ganz unbekleidet zu schlafen, finden sich gesammelt in: Alwin Schultz, Das höfische Leben zu Zeit der Minnesänger I, Leipzig 1879. S. 168, Anm. 4. - Als Zeugniss dafür, dass im sechzehnten Jahrhundert bei dem Adel des Nordens eine schwache Neigung, ein Nachtkleid anzulegen, erwachte, lässt sich anführen: dass unter Ture Bjelke's Kleidern auf Salsta 1563, ausser siebzehn, mehr oder weniger kostbar ausgestatteten (Tag-)Hemden sich auch ein "Nachthemd" befand. S. Klingspor och Schlegel, Uplands Herregårdar. V. Salsta. (Beilagen.)

548) Historik Tridsskrift III, 308.

549) S. z. B. Christopher Hansteen, Reise-Erindringer. Christiania 1859. S. 36.

Das tägliche Leben in Skandinavien während des sechzehnten Jahrhunderts, Troels Lund, 1882, S.430

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