Sicherheitshinweise zum Co-Sleeping 1855

Vorweg die aktuellen Empfehlungen zum Co-Sleeping und Bed-Scharing des Schlaflabors der UniversitÀt Durham. Dieses wird geleitet von Professor Helen Ball.

- Das Baby soll flach auf dem RĂŒcken liegen
- Es sollen sich keine GegenstÀnde im Bett befinden, wenn das Baby im eigenen Bett schlÀft. Auch keine Kissen und Babynestchen.
- Die Umgebung des Babys soll sowohl tags als auch nachts rauchfrei sein.

Wenn das Baby bei den Eltern schlÀft,
- sollen Kissen und Decken der Eltern vom Baby fern gehalten werden.
- das Baby nicht aus dem Bett fallen können.
- das Bedsharing nicht auf einem Sofa oder Àhnlichem stattfinden, sondern im Bett.
- Tiere oder andere Kinder sollten nicht mit im Bett sein.

Bedsharing sollte nicht stattfinden, wenn
- ein Elternteil raucht,
- Alkohol konsumiert wurde,
- Medikamente oder Drogen genommen wurden, die schlÀfrig oder weniger aufmerksam machen,
- das Baby zu frĂŒh geboren wurde oder sehr klein ist.

Das Schlaflabor der UniversitĂ€t von Notre Dame unter der Leitung von Professor James McKenna hat außerdem eine ausfĂŒhrliche Liste von Antworten auf hĂ€ufig gestellte Fragen.

Wichtig zu wissen ist noch, dass sich die Schlafrythmen von Eltern und Babys beim Co-Sleeping aufeinander einstellen und insbesondere Stillende (auch nach dem Abstillen) im Schlaf sehr feinfĂŒhlig auf Signale des Babys reagieren.

Heute brauchen wir UniversitĂ€ten und ausgeklĂŒgelte Studien, um diese Dinge zu beweisen. Doch wenn ich folgende AusfĂŒhrungen von Dr Thomas Joseph Lauda aus dem Jahr 1855 lese, beschleicht mich das GefĂŒhl, dass all das eigentlich gesellschaflich anerkannte Norm sein sollte. Es wird schmerzlich bewusst, dass uns dieses instinktive GespĂŒr fĂŒr die BedĂŒrfnisse von Eltern und Kindern in der Zwischenzeit aberzogen wurde.

"Gemeiniglich sind MĂ€dchen in mannbarem Alter sehr trĂ€ge und schlĂ€frig. Nichts fĂ€llt ihnen beschwerlicher, als spĂ€t schlafen gehen und zeitlich aufstehen zu mĂŒssen. Sind sie aber MĂŒtter geworden: so Ă€ndern sie sich in dieser Hinsicht so auffallend, daß sie sich selbst darĂŒber wundern. So schwerfĂ€llig sie frĂŒher waren , so flink werden sie jetzt durch die Liebe zum Kinde. Wenn diese Liebe nicht wĂ€re: wer wĂŒrde die armen, hilflosen Kinder pflegen! Die mĂŒtterliche Sorgfalt macht die Frauen ungemein vorsichtig, und gibt ihnen die meisten Vortheile bei der Kinderpflege an die Hand.

Mehrere Frauen versicherten mich, weit ruhiger zu schlafen, wenn sie den SĂ€ugling an ihrer Seite fĂŒhlen, und nicht begreifen zu können, wie manche Mutter so ungeschickt sein kann, ihr Kind im Schlafe zu erdrĂŒcken. Es gibt vielleicht kein Beispiel, daß ein Thierweibchen sein Junges erdrĂŒckt habe. Mir ist wenigstens kein Fall bekannt, daß eine Haushenne, die doch gar nicht selten mit ihren FlĂŒgeln 15 und noch mehr KĂŒchelchen erwĂ€rmen muß, nur Eines von diesen zarten Thierchen auf diese Art um's Leben gebracht hĂ€tte.

So glĂŒcklich sind jedoch nicht alle MenschenmĂŒtter. Zum Beweise aber, daß eine liebevolle, gesunde Mutter, die der Natur getreu lebt, und sich ĂŒberhaupt eines ordentlichen Lebenswandels befleißt, ihr Kind unmöglich erdrĂŒcken kann, muß ich von jenen VerhĂ€ltnissen sprechen, unter welchen sich dieser traurige Fall ereignete.

Keine Mutter sollte ihr Kind zu sich in's Bett nehmen, die es nicht selbst sĂ€ugt. Solche Frauen empfinden niemals den hohen Grad von Liebe zu ihren Kindern, wie jene, welche dieselben an der Brust ernĂ€hren. Ohnehin wĂŒrden die Neugebornen an der Seite der nicht sĂ€ugenden MĂŒtter wenig Ruhe genießen, da diese Frauen meistens krĂ€nkeln, und viele NĂ€chte schlaflos dahin bringen"

NatĂŒrlich weiß Lauda nichts von Hormonen und dergleichen, die unsere Verhaltensweisen und unsere Körperreaktionen steuern. FĂŒr ihn sind diese Beobachtungen daher ein Zeichen von Liebe. Speziell von Mutterliebe. Es ist nachvollziehbar, dass dies die einzige ErklĂ€rung fĂŒr die Schicherheit von Co-Sleeping ist, die er finden kann. NatĂŒrlich hat es in Wirklichkeit nichts damit zu tun, wie sehr eine Mutter ihr Kind liebt, aber dass die Person, die das Bett mit dem Baby teilt, eine Bindung zu diesem haben muss, damit das Bedsharing sicher sein kann, ist korrekt.

"Auch den Ammen sollte man es niemals erlauben, mit dem SĂ€uglinge in einem und demselben Bette zu schlafen. Diese Dirnen fĂŒhlen, besonders wenn ihr eigenes Kind am Leben ist, eine große Abneigung zu dem fremden SĂ€uglinge. Zwar benehmen sie sich vor den Eltern, als ob sie dem Kinde noch so gewogen wĂ€ren; dieß ist vorzĂŒglich da der Fall, wo sie gute Bezahlung zu hoffen haben, und sehnlichst wĂŒnschen, nicht aus dem Dienste entlassen zu werden. Man muß sie aber unbemerkt beobachten, und man wird sich ĂŒberzeugen, wie roh sie gemeiniglich mit dem armen Kinde verfahren, und mit welchem Widerwillen sie dasselbe, vorzĂŒglich Anfangs der SĂ€ugung, an die Brust legen. Es ist zwar nicht zu lĂ€ugnen , daß sich diese Abneigung mit der Zeit vermindert, und daß sie bei besseren Ammen sogar gĂ€nzlich verschwindet. Dessen ungeachtet wird aber die Amme, wie es sich jede Frau leicht vorstellen kann, niemals jene heiße Liebe zu dem SĂ€uglinge empfinden, wie die eigene Mutter, die das SĂ€ugungsgeschĂ€ft selbst besorgt. Wer kann eine Mutter ersetzen? „ Nicht einmal ein Vater eine Frau;“ sagt Jean Paul."

Es ist mal wieder bemerkenswert, wie negativ Ammen hier dargestellt werden. Dass ihnen pauschal unterstellt wird, sie wĂŒrden das Baby schlecht behandeln, steht in keinem VerhĂ€ltnis zu der berechtigten Warnung, dass die Amme es nicht mit ins Bett nehmen soll, solange sie keine Bindung zu ihm aufgebaut hat.

Der Hinweis, dass stillende MĂŒtter die grĂ¶ĂŸte Form der Liebe empfinden wĂŒrden, ist besonders schmerzhaft im Hinblick darauf, dass die Amme ja gerade ihr eigenes, bis dahin gestilltes Kind zu anderen in Pflege geben musste. Die Amme wird gar nicht als liebende Mutter wahrgenommen, sondern nur als Angestellte.

Andere Personen als Mutter und Amme betrachtet Lauda nicht fĂŒr das Bedsharing. Als nĂ€chstes widmet er sich den Risikofaktoren.

"Geistige GetrĂ€nke im Uibermaße genossen, erzeugen unnatĂŒrlichen, tiefen Schlaf. Hierher gehören besonders Bier, Punsch und Branntwein. Ich erlebte den Fall, daß eine arme Taglöhnerin im Schlafe ihr Kind erdrĂŒckte, weil sie nach einer schweren Handarbeit vor dem Schlafengehen, um sich zu stĂ€rken, ein halbes Seidel Branntwein getrunken hatte.

Es gibt sehr leichtsinnige MĂŒtter, welche aus dem Grunde das SĂ€ugungsgeschĂ€ft nicht ordentlich betreiben, damit sie sich den Unterhaltungen ungestört ĂŒberlassen können. Ein Ball ist solchen Frauen weit lieber, als ihr Kind. Manche können sich nicht enthalten, in den ersten sechs Wochen nach der Entbindung derlei Unterhaltungen beizuwohnen. Abgesehen davon, daß sich diese Frauen durch eine solche Handlung in den Augen jeder treuliebenden Mutter sehr verĂ€chtlich machen: so setzen sie sich auch der Gefahr aus, ihr Kind, wenn sie dasselbe nach einer solchen schlafraubenden Unterhaltung in ihr Bett nehmen, zu erdrĂŒcken, weil sie leicht in zu tiefen Schlaf verfallen können."

Lauda erkennt ganz richtig, dass der zu tiefe Schlaf Ursache des ErdrĂŒckens ist. Im Tiefschlaf sind Menschen weniger responsiv, was sich ja auch in den aktuellen Empfehlungen zum Co-Sleeping widerspiegelt.

NatĂŒrlich ist auch wieder eine gehörige Portion Mum-Shaming in dem Text, aber immerhin verlangt Lauda einen Verzicht auf VergnĂŒgen nur in den ersten sechs Wochen, also im Wochenbett.

"Nebst dem oben angegebenen Falle mit der Taglöhnerin beobachtete ich noch zwei Frauen, die das UnglĂŒck hatten, ihre Kinder im Schlafe zu erdrĂŒcken. Die Eine von ihnen litt an Schwerhörigkeit, und die Andere war gĂ€nzlich taub. Personen, welche mit solchen Krankheiten behaftet sind, pflegen, wie es die Erfahrung lehrt, außerordentlich tief zu schlafen. Sie sind Ă€ußerst schwer zu erwecken, und man muß an ihnen bedeutend rĂŒtteln , um sie aus dem Schlafe zum vollen Bewußtsein zu bringen. Ich rathe den schwerhörigen und gĂ€nzlich tauben MĂŒttern, mit ihren Kindern niemals, wenigstens nicht ohne eine Vorrichtung, die sie vor dem ErdrĂŒcken schĂŒtzt, in einem Bette zu schlafen. Eine solche Vorrichtung findet man in der diesem Unterrichte beigeschlossenen Abbildungen Fig. 4 . Sie besteht aus einem hinreichend großen, lĂ€nglich viereckigen Rahmen von Holz a a a a. Die gut abgehobelten Bretter, aus welchen dieser Rahmen verfertiget wird, mĂŒssen einen halben Zoll dick sein, und die Höhe von wenigstens sieben Zoll haben. Das Ă€ußere Brett b hat jedoch die Höhe von zwanzig Zoll. Der untere Theil dieses Brettes c dient dazu, um mit demselben den Rahmen zwischen dem Strohsack und dem rechten oder linken Seitentheile des mĂŒtterlichen Bettgestelles zu befestigen. Am Grunde des Rahmen d sind in die Quere hinlĂ€nglich breite Gurten befestiget, auf welche der SĂ€ugling, gehörig bekleidet, zum Schlafen gelegt wird. Dieser Rahmen gewĂ€hrt den Vortheil , daß das Kind mit seiner Mutter ohne Gefahr unter einer und eben derselben Decke schlafen kann. ( Siehe Fig 5.)

Bei gesunden Frauen ist jedoch diese Vorrichtung nicht nothwendig, da der SÀugling nur dann am besten erwÀrmt wird, wenn er sich im Schlafe an den Leib seiner Mutter unmittelbar anschmiegen kann, was bei dem Gebrauche des Rahmen nicht möglich ist."

Tja, der Babybalkon ist halt auch keine neue Erfindung.

Das Bed-Sharing war fĂŒr Lauda so wichtig, dass er eine Kampagne zu dessen Förderung startete, was er in einer Fußnote zusammen mit Berichten aus anderen LĂ€ndern erwĂ€hnt:

"In Nils Rosen von Rosenstein's Anweisung zur Kenntniß und Kur der Kinderkrankheiten - Göttingen 1798 – findet man von dem Uibersetzer dieses Buches Joh. Andreas Murray S . 25 die Anmerkung, daß die Zahl der in Schweden durch schlafsĂŒchtige Ammen im Bette erdrĂŒckten Kinder jĂ€hrlich ungefĂ€hr auf 650 sage: Sechs hundert fĂŒnfzig sich belaufen habe. Auch in Italien und namentlich in Florenz kam im vorigen Jahrhunderte das ErdrĂŒcken der Kinder so hĂ€ufig vor, daß zu Folge eines öffentlichen Gesetzes jeder Mutter und Amme ohne eine bestimmmte Maschine, die man Arcuccio nannte, die Kleinen bei Nacht in's Bett zu nehmen streng verboten worden war. Mehrere Aerzte damaliger Zeit fanden den Grund dieses so hĂ€ufig erschienenen UnglĂŒcks in einer schauderhaften Sittenverderbniß der Weiber. Dieß lĂ€ĂŸt sich wohl auch nicht bezweifeln, und wird leider um so glaubwĂŒrdiger, wenn man berĂŒcksichtiget, wie außerordentlich selten das ErdrĂŒcken der Kleinen in unserer Zeit vorzukommen pflegt. Es sind ungefĂ€hr zehn Jahre, als ich in einer Anzahl von 60.000 Kalendern die Frauen in Böhmen auf die Vortheile der mĂŒtterlichen BettwĂ€rme fĂŒr kleine Kinder auf merksam machte. Viele Frauen und Landweiber nahmen ihre Kleinen zu sich in's Bett. Mir ist weder aus meiner Umgebung, noch aus der Ferne seit diesen zehn Jahren ein einziger Fall vom ErdrĂŒcken eines Kindes zu Ohren gekommen."

Die verwendeten Bilder wurden eingescannt von Google. Laudas Buch findet Ihr hier

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