Spiel und Spaß für Kleinkinder

(Zu den Kommentaren)

Spielen und Kinder gehören untrennbar zusammen. Heute schauen wir uns einige schöne Beispiele an, was Autor'innen vergangener Zeit darüber zu sagen hatten.

Die ersten Mutterpflichten und die erste Kindespflege, Friedrich August von Ammon, 1854

"Die eigentliche Beschäftigung des Kindes ist das Spiel, ein scheinbar zweckloses Treiben, und doch eine bewundernswerthe Entwickelung eigenmächtiger Thätigkeit, zwar bls eine Sinnenlust, in der jedoch ein geitiges Verhältniß eingehüllt liegt. Im Spiel wird das Gemüth lebhaft erregt, der Erfindungsgeist geweckt, die Kräfte geübt und diese zum Bewußtsein gebracht. Auch hier sehen wir ein stufenweises Fortschreiten, denn das Kind spielt zuerst allein nur mit Sachen, und dann mit andern Kindern; anfangs dichtet es Verhältnisse, späterhin Begebenheiten, und endlich geht es, vom Bildungstriebe bestimmt, zum Bauen, Malen, Formen über."

Das Buch der Mütter, Marie Susanne Kübler, 1891

"Aber nur nicht zu viel Künsteleien beim Spielzeug; das Kind ist von Natur aus so genügsam, daß die unbedeutendsten Dinge ihm Freude machen. Eine Puppe, ein Steckenpferd, ein Tragekörbchen, das es mit allerlei zusammengesuchtem Zeuge anfüllt, ein Wägelchen, Kuh oder Pferd, die es herumführen kann, sind in diesem Alter die tauglichsten Spielzeuge. Besonders zu empfehlen sind verschiedene Bälle, jeder von anderer Farbe. Indem das Kind mit den Bällen spielt, sie wirft, aufhebt, dienen sie ihm zugleich zu verschiedenen Muskelübungen. Zu ähnlichen Zwecken kann man ihm auch abgerundete Würfel von verschiedener Farbe, oder deren jede Seite in anderer Farbe bemalt ist, geben.
Ein Häufchen fein gesiebten, weißen und etwas feuchten Sandes (auch Kleie, Sägespäne) gewährt den Kindern ebenfalls großes Vergnügen. Man giebt ihnen solchen auf das Kindertischchen und läßt sie damit nach Gefallen hantieren. Zu diesem und ähnlichen Spielen ist ein ledernes Schürzchen, das man dem Kinde anzieht, sehr zu empfehlen.
Das Spielzeug eines Kindes sollte nie aus Zuvielerlei, sondern stets nur aus einigen wenigen Sachen bestehen. Übnersättigt man es mit Spielzeug, so raubt man ihm einen großen genuß; denn wie Jean Paul ganz richtig sagt: 'An allzu reicher Wirklichkeit verwelkt die Phantasie.' Zudem erwckt man damit Begehrlichkeit und Ungenügsamkeit im Kinde; es wird dann schwerer, etwas zu finden, das ihm Freude macht, und alles, was es sieht, will es haben.
Wir haben schon früher bemerkt, daß Spielzeug mit unhaltbaren Farben und solches aus Zimm oder Kupfer für kleine Kinder nicht taugt, weil es der Gesundheit schädlich ist. Dasselbe gilt von Gegenständen aus Zuckerwerk. Oft glaubt man dem Knaben nicht früh genug ein Schaukelpferd geben zu können, während ein solches und überhaupt das Reiten in diesem Lebensalter von den Ärzten für noch unpassend erkannt wird.
Schon frühzeitig erwacht bei den Kindern die Lust an Bildern und viele zeigen bereits zu Ende des ersten Lebensjahres Freude an farbigen Bilderbüchern. Im zweiten Jahre kann man leicht wahrnehmen, daß sie die Bilder richtig auf die entsprechenden, ihnen bekannten Gegenstände beziehen. Das Kind unterhält sich prächtig dabei, plaudert und wälscht vor sich hin, blättert vor- und rückwärts, will, wenn es einmal sprechen kann, alles wisen und fragt nach allen. Es übt dabei den Geist, und einer liebevollen Mutter wird der kleine Schwätzer daher nicht lästig werden; sie wird und darf ihm nicht befehlen zu schweigen, sondern wird ihm gerne jeden Gegenstand, nach dem es fragt, benennen, jede seine Aufmerksamkeit erregende Handlung bezeichnen.
Laßt das Kind nach Herzenslust laufen, springen, schreien; auch das ist Spiel und zwar ein Spiel, das zur Kräftigung seines Körpers dient und sein Gedeihen wesentlich fördert. Die kindliche Verwegenheit und Unachtsamkeit führt zwar bei solchen Bewegungsübungen häufig einen Fall, Puff, Stoß oder dergleichen herbei; allein das hat gewöhnlich nicht viel zu sagen, und wenn die Erwachsenen selbst sich dabei nicht erschrocken zeigen, sondern bei einem Falle etwa lächelnd sagen: 'Plumps, da liegt unser Kindchen; laß sehen, wie schnell du wieder aufstehen kannst!' so wird das Kind in seltenen Fällen schreien oder weinen oder sich wenigstens sogleich wieder beruhigen. Ein solcher Fall oder Stoß prägt besser als alle unsere Worte die goldene Lebensregel ein: Thu' die Augen auf! und lehrt das Kind Achtsamkeit. Wenn es sich auch ein bißchen weh gethan hat, so sehe man darauf, daß es nicht weichlich weine und jammere, sindern einen tüchtigen Puff vertragen lerne.
Eine ungeregelte Kraftäußerung führt das Kind zur Zerstörungslust. Anfangs benutzt es sein Spielzeug, um daran herumzureißen, damit zu hämmern und zu klopfen, es von sich zu werfen und wieder zu holen. Man suche ihm klar zu machen,  daß die Dinge, die es zerstreut und vernachlässigt, verloren gehen, daß die, welche es auf dem Boden liegen läßt, zertreten werden, daß es sie mit eigenen Händen ordnen, bewahren und verwahren muß, wenn es seinen Besitz erhalten wil. Dies hilft zugleicht den Geist der Ordnung in ihm bilden. Obwohl man den Willen des spielenden Kindes nicht allzu sehr beschränken soll, so dulde man dennoch die mutwillige Zerstörungssucht nicht, sondern zeige ihm, daß es sich dadurch des Spielzeuges und der Freude an demselben beraubt, und daß man ihm nicht wieder neues anschafft.
Wenn Kinder mit Tieren spielen, so dulde man nicht, daß sie dieselben quälen; denn nicht nur könnte sich das gereizte Tier leicht an seinem Quälgeiste rächen, sondern Kinder sollen früh schon auch im Tiere ein Geschöpf Gottes achten, lieben und bemitleiden lernen. Gefühllosigkeit gegen die Tiere führt leicht zu Gefühllosigkeit gegen den Mitmenschen.
Es ist besonders im ersten Kindesalter, wenn Verstand und Gemüt aufzutauen, wenn die Seele ihre Keime zu treiben beginnt, von großer Wichtigkeit, das kindliche Gemüt durch Liebe zu erwärmen und zu beleben; denn es formt sich schon frühzeitig nach den Eindrücken, die es emfängt, fürs ganze Leben. Wie die erste Pflege, so gehört auch die erste Erziehung zu den heiligsten Pflichten der Muter, und wie fehlende Mutterliebe den Tod des Kindes herbeiführen kann, so auch ihre Herzenskälte - Herzenstod des jungen Menschen. Wohl dürfen wir daher mit dem Dichter bitten:
'Der wahren Liebe Reich begründe du:
Der Liebe von der Mutter zu dem Kinde!
. . . . . . . . . . . . . Es wird,
So lange eine Mutter lebt, so lange
Dann auch dein Reich besteh'n, du Edelster
Der Menschen, der du Gott verstehst wie Keiner
Vor dir, und nach dir Keiner, himmlischer
Und freudiger die Welt beseligend,
Beseelen, auf das Menschenherz gegründet.'"

Spiel und Beschäftigung im frühen Kindesalter, Lili Droescher, 1907

"Gerade im freien Spiel zeigt es sich am deutlichsten, wie die Natur eines Kindes, wie kindliche Wünsche und Ideale beschaffen sind: Für den Beobachter ist das kindliche Spiel eine Quelle der Erkenntnis - das Spiel natürlich nur, daß aus den Gedanken des Kindes hervorwächst, das Selbstzweck, die Freude am Schaffen ist, wie Goethe es preist. Am Spiel der Kinder erkennt man auch, wie die Welt sich in ihrem Köpfen spiegelt."

in Das Buch vom Kinde, Adele Schreiber (Hrsg), 1907

Die Kinderpflegerin, Hedwig Reich, 1913

"Es ist für die Erzieherin sehr wichtig, daß die Kinder immer passend beschäftigt werden, da durch den Mangel an geeigneter Tätigkeit ein Menge von Unarten gefördert, oft geradezu verursacht werden.
Die Hauptbeschäftigung der kleinen Kinder ist das Spiel. Es ist dies eine freie Tätigkeit, die keinen außer ihr selbst liegenden Zweck verfolgt. In diesem fröhlichen Schalten und mannigfaltigen Wechsel sollte die fröhliche Kinderzeit dahinfließen und da Spiel überall die Hauptbeschäftigung der Kleinen sein.
Das Kind gibt sich jedem Gegenstande, mit dem es sich beschäftigt, ganz hin. Das Spiel hat demnach unbestritten für das Kind einen besonderen, durch seine Persönlichkeit bestimmten Wert.
Wir können sehr oft die Erfahrung machen, daß Kinder irgend ein einfaches Spielzeug einem künstlichen und teuren vorziehen. Das darf uns weder verletzen noch in erstaunen setzen. Kindliche EInbildungskraft belebt tote Gegenstände und stattet sie mit einer Fülle wertvoller Eigenschaften aus. So kann z. B. irgend ein Stück Holz, ein zusammengewickelter Fetzen dem Kinde eine Puppe sein, die es wirklichen und wertvollen vorzieht. Diese kindlichen Vorstellungen müssen wir verstehen und berücksichtigen lernen.
Man soll niemals bestimmen, daß ein gewisses Spielzeug nur für Knaben und ein anderes nur für Mädchen passe. Damit trennt man schon in der Kinderstube die gemeinsamen Interessen und stört das gemeinsame Spiel. Übrigens gibt es sehr viele Mädchen, die gern auf dem Schaukelpferd sitzen und gar viele Knaben, die sich liebevoll in die Pflege und Wartung der Puppen teilen.
Im Spiel soll Freiheit und Gleichheit herrschen. Nur Begabung und Neigung der Kinder und das Urteil darüber, ob ihre Phantasie angeregt oder eingedämmt werden müsse, sol die Wahl des Spieles bestimmen. Auch seien die Spielsachen derart, daß sie dem Kinde zum beliebigen Gebrauche in die Hand gegeben werden können, nit etwa nur zu besonderen Gelegenheiten. Denn diejenigen, die nur selten benützt werden dürfen, werden niemals zu eigentlichen Spielkameraden des Kindes."

Mutter und Kind, Dr. med. Hannah Uflacker, 1957

"Das Kind braucht also das Spiel zu seiner geistigen Fortentwicklung, und es scheint ihm demnach doch ein tieferer Sinn zugrunde zu liegen. Wie seine sachgemäße Ernährung und Körperpflege wichtig für sein körperliches Gedeihen sind, so ist das Spiel bedeutungsvoll für seine geistige Entwicklung. Im Spiel wird sein Denken und Handeln, seine Phantasie und sein Gemüt geweckt und gefördert. Es ist der Ausdruck für sein inneres Erleben und bringt zugleich die erste Auseinandersetzung mit seiner Umwelt mit sich. Niemals darf daher ein Kind vorzeitig aus dem Reich seiner Spiele vertrieben werden. Auch das Schulkind sollte in späteren Jahren neben aller Arbeit für die Schule noch genügend Zeit für sein Spiel behalten. Ist nicht auch die Liebhaberei oder das 'Hobby' vieler Erwachsener eine letzte Erinnerung an diese kindlichen Spiele? Das Zurückbleiben eines Kindes in seiner geistigen Entwicklung hat vielfach seine Ursache darin, daß die Eltern den Spieltrieb ihres Kindes als unnnütze Zeitverschwendung abgelehnt haben. Sie haben dabei völlig übersehen, daß das Spiel für die Formung seiner Persönlichkeit ebenso notwendig ist wie eine zweckgerichtete Arbeit."

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