Wie wichtig war Johanna Haarer wirklich? - Teil 3/4

Teil 3 - Der NS-Staat und seine Erziehungspropaganda

Als ich 2007 anfing, mich konkret damit zu beschĂ€ftigen, wo die ganzen abstrusen SĂ€uglingspflege-Regeln her kommen, die mir als Stillberaterin begegneten, las ich natĂŒrlich auch das Buch von Sigrid Chamberlain ĂŒber Johanna Haarer. "Prima," dachte ich, "da steht ja alles drin, was ich ĂŒber Johanna Haarer wissen muss. Dann kann ich mich ja auf andere Zeiten und andere Werke konzentrieren."

Alle SĂ€uglingspflegebĂŒcher aus der NS-Zeit, die mir in die Finger gerieten, schienen im Vergleich mit Chamberlains Beschreibung genauso schlimm zu sein, wie das von Johanna Haarer. Mir wurde schnell klar, dass ihr Buch nur eines von vielen war. Eines, das die Eltern kaufen mussten, wohingegen andere BĂŒcher in Ă€hnlich großer Auflage vom NS-Staat kostenlos an die Eltern oder FrischvermĂ€hlten verteilt wurden.

Vor vier Jahren konnte ich dann zum ersten Mal einen Blick in die Erstausgabe von "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" von 1934 werfen. Mir fiel direkt auf, dass Schwangerschaft und Geburt, sowie Rezepte und NĂ€hanleitungen einen großen Teil des Buches ausmachten. Das war anders als bei den BĂŒchern, die ich kannte. Diese konzentrierten sich auf SĂ€uglingspflege und Erziehung. Vor etwa einem halben Jahr dann hat ein Leser mir denkenswerterweise die Ausgabe von 1938 gespendet.

Mein erster Gedanke beim Lesen dieses berĂŒhmt-berĂŒchtigten Werkes war: "Das ist alles? DarĂŒber die ganze Aufregung?" Die schlimmen Stellen, die Chamberlain so hervorgehoben hatte, musste ich regelrecht suchen. Noch mehr: ich las Dinge in dem Buch, die geradezu eine Beschwichtigung waren. Trösten der Mutter, wenn es nicht so funktionierte, wie es sollte. VerstĂ€ndnis fĂŒr ihre GefĂŒhle. Geduld mit dem Kind. Es drĂ€ngte sich mir die Frage auf, ob Chamberlain selektiv und ohne Einordnung in den Kontext aus Haarers Buch zitiert hatte, um ihren AusfĂŒhrungen ĂŒber NS-Erziehung im allgemeinen mehr Nachdruck zu verleihen.

Dass wir uns nicht falsch verstehen: Johanna Haarer war eine Vertreterin der Schwarzen PĂ€dagogik. Darin besteht kein Zweifel. Sie hat ihren Teil dazu beigetragen, die Schwarze PĂ€dagogik zu verbreiten. Doch wie groß war ihr Anteil? Mit Sicherheit nicht annĂ€hernd so groß, wie es bei Chamberlain den Eindruck macht.

Wenn wir herausfinden wollen, welche Rolle Johanna Haarer im Dritten Reich gespielt hat, mĂŒssen wir uns mit einer Reihe an Fragen beschĂ€ftigen. Es genĂŒgt vor allem nicht, ihr Werk gesondert zu betrachten, wie es meistens getan wird. Wir mĂŒssen uns auch mit anderen zeitgenössischen Werken befassen. Wir mĂŒssen herausfinden, welche Auflagen die Werke hatten, wie sie vertrieben wurden, wer die Autor'innen waren. Die NS-Zeit war eine Hochzeit fĂŒr derartige Ratgeber. Nur im Kaiserreich hatte es mehr Neuerscheinungen gegeben. Dann mĂŒssen wir natĂŒrlich noch inhaltliche Vergleiche herstellen. Hier also ein paar Beispiele fĂŒr typische Ratgeber aus dieser Zeit.

Das Kind / Der Mutter GlĂŒck, der Mutter Sorge

Untertitel: RatschlĂ€ge ĂŒber die Pflege, ErnĂ€hrung und Erziehung des SĂ€uglings, des Kleinkindes, des Schulkindes und des Jugendlichen
Dr. Karl Planner-Wildinghof (1876-1959), Kinderarzt aus Graz [Quelle]
Leopold Stocher Verlag, Graz und Leipzig.
1. Auflage 1910
3. Auflage 1943

Planner-Wildinghofs Buch ist genau so, wie ich mir Haarers vorgestellt habe. Die folgenden Zitate stammen aus der 3. Auflage.

Er fordert unerbittliche HĂ€rte in der Erziehung.

"Gute Erziehung ist hart, Liebe und HĂ€rte sind ehrliche Freunde. Wenn ihr euer Kind liebt, so seid, wenn es nottut, hart; und es tut oft not - das liegt schon einmal so im Leben. Liebe und HĂ€rte - HĂ€rte und Liebe - der beste Wahlspruch fĂŒr den Erzieher.", S.147

Dass er gegen PrĂŒgelstrafe ist, heißt nicht, dass er gegen Gewalt ist.

"Mit der PrĂŒgelstrafe nichts zu tun haben die in einem frĂŒheren Abschnitte erwĂ€hnten, in aller Ruhe durchgefĂŒhrten Klapse auf die Sitzteile, ein Mittel, das mitunter bei der Erziehung des Kleinkindes (des Kindes nach dem SĂ€ulingsalter) notwendig ist.", S.146

Die Bestimmung der Frau ist das Muttersein.

"Auch gehört zum Kinde nicht die Gouvernante, sondern die Mutter. Und die Frau erreicht ihre höchste WĂŒrde als Mutter und Erzieherin ihrer Kinder." S.112

Mit dem Baby soll die Mutter sich nur zur Pflege abgeben, ansonsten hat es still im Bettchen zu liegen.

"Wer ein ruhiges und braves Kind haben will, muß dasselbe vom ersten Lebenstage an erziehen. Wer diesen Rat nicht befolgt, wird sich seinen Liebling zum Tyrannen machen, der wĂ€hrend einer Krankheit die Mutter zur Verzweiflung bringt. Und es verlangt diese Erziehung in den ersten Monaten nichts Besonderes; wer sein Kind ruhig im Bettchen sich selbst ĂŒberlĂ€ĂŸt, es nur zur Mahlzeit, die nicht bei jedem Schrei (es ist ein Unfug, jedes Schreien des SĂ€uglings als Hunger und als Verlangen nach Nahrung zu deuten), sondern erst nach der entsprechenden Pause gereicht wird, oder zum Trockenlegen herausnimmt, das viele Sprechen mit demselben, das beliebte stĂ€ndige Herumtragen, Wiegen, Fahren, grelle GerĂ€usche und LĂ€rm vermeidet, es weder zur Nahrungsaufnahme noch aus sonst einem Grunde weckt, tut das Richtige. Ein einmal verzogenes Kind ist schwer zurechtzubringen." S.28f

Dem nichtgestillten Kind wird kein Körperkontakt gegönnt.

"Die Flasche reicht man dem im Wagen oder Bettchen liegenden Kinde; solange das Kind trinkt, muß die Flasche von der Warteperson gehalten werden. Ältere SĂ€uglinge halten oft mit großem Geschicke die Flasche auch selbst." S.93

Kinder - GlĂŒck und Sorge der Mutter

Untertitel: Von Kindererziehung und Kinderkrankheiten
Dr. med. Luise von Seht (1877-1954), FachĂ€rztin fĂŒr Kinderkrankheiten [Quelle]
Verlag Ernst Reinhardt, MĂŒnchen
1. Auflage 1939
2. verbesserte Auflage 1948

Die Ähnlichkeit des Titels zu dem von Planner-Wildinghof ist auffallend. Wir sehen hier, dass der Blick aufs Kind geprĂ€gt davon war, dass es nicht so funktionierte, wie es sollte. Nur Scherereien hat man mit den kleinen Tyrannen! Denn auch fĂŒr von Seht sind Babys potentielle Tyrannen. Sie benutzt dieses Wort mehrfach auf den 106 Seiten ihres Buches, von dem sich die HĂ€lfte mit der ErklĂ€rung typischer Krankheiten im Kindesalter beschĂ€ftigt. Die Zitate stammen aus der ersten Auflage.

Freut sich das Kind ĂŒber den Anblick der Mutter, war sein Weinen grundlos.

"Das Hinzutreten der besorgten Mutter oder einer anderen Pflegeperson löst dann sofort ein befriedigtes LĂ€cheln aus. Der beste Beweis dafĂŒr, daß er es nur darauf abgesehen hatte, seinen kleinen Willen durchzusetzen und unterhalten zu werden. Aus diesem Benehmen geht deutlich hervor, daß sich die Mutter nicht mehr als nötig mit ihrem Kleinsten beschĂ€ftigen und keine allzugroße WillfĂ€hrigkeit seinen WĂŒnschen gegenĂŒber aufkommen lassen soll. Und wenn es ihr auch manchmal schwer fallen sollte, dem oft recht gebieterischen Geschrei des kleinen Tyrannen nicht nachzugeben, wird sie sich bald davon ĂŒberzeugen können, daß ihr Verhalten richtig war. Das Kind sieht schließlich das Erfolglose seiner BemĂŒhungen ein, wird ruhig und gibt sich dann auch zufrieden, ohne daß man ihm Gesellschaft leistet.", S.22f

Eltern haben nicht genug Distanz zu ihren Kindern.

"Die Aufgabe, ein Kind zu erziehen, wird von den Eltern nur selten vollkommen gelöst. Und zwar in erster Linie deswegen, weil Vater und Mutter naturgemĂ€ĂŸ ihrem eigenen Fleisch und Blut gegenĂŒber nicht die fĂŒr eine Erziehungsaufgabe nötige objektive Einstellung besitzen. Ihnen fehlt in vielen FĂ€llen der klare Blick fĂŒr die SchwĂ€chen, oft aber auch fĂŒr die VorzĂŒge ihrer Kinder. Witerhin wird durch den Mangel an Distanz, der sich fast immer als Folge stĂ€ndigen Beisammenseins zwischen den einzelnen Familienmitgliedern entwickelt, die AutoritĂ€t der Eltern gewöhnlich derart geschwĂ€cht, daß ihre Anordnungen einfach ĂŒberhört und nicht befolgt werden.", S.22

Schlaf muss reguliert werden.

"Vielfach begehen MĂŒtter den Fehler, daß sie den SĂ€ugling oder das Kleinkind tagsĂŒber zu lange schlafen lassen, so daß der kleine QuĂ€lgeist dann nachts, ausgeruht und voller Übermut, seine MĂ€tzchen macht." S. 54

Der deutschen Mutter

Untertitel: Ein Ratgeber fĂŒr alle Fragen der werdenden Mutter, der Geburt, der Geburtshilfe und der SĂ€uglingspflege
Hanns Sylvester StĂŒrgkh
Sonderschrift der Zeitschrift "Gesundes Volk", herausgegeben von Dr. SchĂ€ffer, PrĂ€sident des Reichsversicherungsamtes, Dr. med. Bochhacker, Hauptstellenleiter im Hauptamt fĂŒr Volksgesundheit der Reichsleitung der NSDAP und Leiter des Amts fĂŒr Volksgesundheit der DAF, Prof. Dr. med. Schnell, Stadtmedizinalrat in Halle a.S., Dr. med. Bause, Chefarzt des Kurkrankenhauses Deisterhort.
W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart und Berlin
1. Auflage 1936
ĂŒberarbeitete 25. Auflage 1940, bis hier 500.000 Exemplare
letzte Auflage 1942

Über den Autor ist nicht viel herauszufinden. Möglicherweise handelt es sich um ein Pseudonym. StĂŒrgkh hat 1936 die DrehbĂŒcher zu vier Kurzfilmen geschrieben, drei davon von und mit Theo Lingen ĂŒber Baron MĂŒnchhausen. StĂŒrgkh schrieb auch "Die Mutter und ihr krankes Kind", ebenfalls eine Sonderschrift der Zeitschrift „Gesundes Volk“, verlegt von 1938-1942. Sonst ist nicht ĂŒber ihn bekannt.

Der Name des Autors steht nur im Innenteil des Buches. Er ist nicht wichtig. Das Buch ist echte Nazi-Propaganda und da tut der Autorenname nichts zur Sache. Es geht um das Volk und die Rolle der Mutter.

Diese Sonderschrift wurde kostenlos von den Krankenkassen verteilt. Die Zitate stammen aus der 25. Auflage.

"Das, nur das ist GlĂŒck, uneingeschrĂ€nktes, wahres GlĂŒck, weil es LebenserfĂŒllung ist: Paarung, Zeugung, Fortpflanzung!
Dann erst, deutsche Frau, wirst Du wirklich im Kreislauf des Lebens stehen, im BĂŒndnis mit höhreren und grĂ¶ĂŸeren MĂ€chten, mit dem Schöpfer und Betreuer aller Dinge" S.9

Ihrer nationalen Zugehörigkeit soll die Mutter sich immer bewusst sein.

"Stark und stolz gehe die werdende Mutter ihren Weg, froh und in fester Haltung trage sie ihre Pflicht.
Das ist deutsch." S.16

Chamberlain schreibt: "Folgt man Haarer, dann wird das gesunde Neugeborene, sobald es abgenabelt ist, in ein Tuch gehĂŒllt, 'zur Seite gelegt' und spĂ€ter, nachdem die Mutter 'versorgt' ist, gebadet und angezogen". StĂŒrgkh beschreibt es genauso.

"Mit krĂ€ftigem Geschrei protestiert das Kind gegen das Licht der Welt, und damit beginnt zugleich die eigene Atmung: das Kind ist selbstĂ€ndig! Dieser Tatsache beugt sich der Mensch: die Hebamme entbindet das Kind von der Mutter durch die Durchtrennung der Nabelschnur, deren Rest etwa nach vier bis acht Tagen abfĂ€llt. Nun wird das Kind vorerst warm eingehĂŒllt beiseite gelegt - noch gelten alle MĂŒhen der Mutter, die jetzt noch schwammige BlutgefĂ€ĂŸe, die sogenannte Nachgeburt, auszustoßen hat." S.24

Das Stillen unterliegt von Geburt an strengen Regeln.

"Folgende GrundsÀtze prÀge sich die Mutter fest ein:
1. Das Kind erhĂ€lt in der Regel fĂŒnfmal je Tag (alle vier Stunden) die Brust (...)
2. Man stillt nicht ohne Uhr. (...)
3. Das Kind erhÀlt zu jeder Mahlzeit möglichst nur eine Brust. (...)
4. Das Kind wird nie zur Nachtzeit gestillt, auch nicht wenn es schreien sollte. Dies gilt ohne Ausnahme!
Diese vier GrundsĂ€tze sind sowohl gesundheitlich fĂŒr Mutter und Kind, als auch erzieherisch fĂŒr das Kind möglichst strikte zu befolgen. Je beharrlicher man sie einhalten kann, desto besser wird sich das Kind zum Nutzen beider Teile daran gewöhnen." S.33f

NatĂŒrlich ist auch fĂŒr StĂŒrgkh das Kind ein Tyrann.

"Im ĂŒbrigen verwöhne die Mutter ihr Kind nicht zu sehr, indem sie regelmĂ€ĂŸig auch dann zur Stelle ist, wenn das Kind alle paar Minuten schreit, weil es lediglisch beschĂ€ftigt und umhergetragen zu werden wĂŒnscht. Dann muß sich die Mutter bei dem kleinen Tyrannen energisch durchsetzten: dann fort mit ihm in das entlegenste Zimmer und - scheien lassen! Bald merkt das Kind, daß es seinen Willen (jawohl: es hat schon Willen!) nicht durchsetzen kann und wird artig sein." S.57f

Der gesunde SĂ€ugling

Untertitel: Seine Entwicklung ErnÀhrung Pflege
Dr. Philipp Niemes (1892-?), Kinderarzt [Quelle fĂŒr Geburtsjahr]
Alwin Fröhlich Verlag, Leipzig
1. Auflage 1933

Das Vorwort sagt schon alles, was ĂŒber dieses BĂŒchlein zu wissen ist:

"Die FĂŒhrer des neuen Deutschland fordern die RĂŒckfĂŒhrung der Frau zu ihrer wesensechten Bestimmung, zum Gedanken der MĂŒtterlichkeit. Sie fordern, daß die weibliche Jugend reif gemacht werden, selbst wieder eine neue Jugend heranzuziehen, die gesund ist an Körper und Geist.
Um hierzu befĂ€higt zu sein, muß die Mutter wie die SĂ€uglings- und Kinderpflegerin sich die nötigen Kenntnisse in der Behandlung eines Kindes aneignen. Trotz der Vielheit vorliegender BĂŒcher, die sich mit dieser Aufgabe beschĂ€ftigen, hat der Verlag vorliegendes BĂŒchlein vorbereiten lassen, das in leicht faßlicher Form den MĂŒttern und Pflegerinnen auf auftauchende Fragen Antwort geben, ein kleines Hilfsmittel fĂŒr Unterricht und Ausbildung sein und ermöglichen soll, Erlerntes wieder aufzufrischen.
Die Frage- und Antwortform wurde gewĂ€hlt, um ein leichtes ĂŒberlesen des Inhaltes zu vermeiden, um den Lesenden zum Nachdenken und tieferen Erfassen des Stoffes zu erziehen und so jederzeit folgerichtiges Entscheiden und Handeln vorzubereiten.
Das BĂŒchlein ist aus unterrichtlicher und praktischer TĂ€tigkeit entstanden um Anschluß an den im Verlage des SĂ€uglingsheimes an der Kapellenstraße in Augsburg erschienenen Lehrgang der SĂ€uglings- und Kleinkinderkunde."

Dennoch ist dieses Buch keine NS-Propaganda im eigentlichen Sinn. Der Staat und seine Absichten werden nach dem Vorwort nicht mehr erwÀhnt. Ebenso fehlen Hinweise auf die "Bestimmung der Frau zur Mutterschaft" u.À.

Auch fĂŒr Niemes beginnt die Erziehung und das Regulieren der Mahlzeiten am ersten Lebenstag.

"27. Wann soll die Erziehung des SĂ€uglings einsetzen?
A.: Sofort mit dem ersten Lebenstage.
28. Womit beginnt die Erziehung?
A.: Mit der Gewöhnung an die Zeitordnung. Innehalten der NĂ€hr- und Pflegeordnung erzieht zur Beherrschung des Willens. Innehalten der Nahrungsmengen erzieht zur MĂ€ĂŸigkeit." S.24

Ungewöhnlich ist, dass Niemes sich auf die AutoritÀt der VÀter beruft, um nÀchtliches Schreienlassen durchzusetzen. VÀter werden selten in Ratgebern dieser Zeit erwÀhnt. Sie waren lÀngst aus der Erziehung verdrÀngt worden.

"Die Nachtruhe ist wichtig fĂŒr Mutter und Kind. Sie muß streng eingehalten werden, damit sich beide erholen können.
Besonders wichtig ist, daß das Kind, selbst wenn es schreit, nachts nicht angelegt wird. Denn gerade dann kommt es meist zur ÜberfĂŒtterung und dadurch bedingten Krankheiten. Das Kind schreit, wenn es sonst gesund ist, höchstens zwei oder drei NĂ€chte durch. Dann gewöhntes sich an die Nachtruhe zum Vorteil fĂŒr sich selbst, fĂŒr die Mutter und die ganze Umgebung! (Dies besonders auch den VĂ€tern zur Kenntnis!) " S.39

Wie Planner-Wildinghof lÀsst auch Niemes dem SÀugling die Flasche geben, wÀhrend dieser im Bettchen liegt.

"50. Wie gibt man die Flasche?
A.: Das Kind bringt man am besten in Halbseitenlage. Die Flasche wird wĂ€hrend des Trinkens am unteren Ende gehalten. Die Neigung der Flasche muß dabei so sein, daß der Flaschenhals stets voll mit Nahrung ist. Nicht zu steil, damit nicht zuviel Nahrung nachfließt, nicht zu flach, damit das Kind keine Luft mitschluckt." S.57

Selbstbeherrschung ist wie bei allen zeitgenössischen Autor'innen ein großes Thema.

"Beginnt das Kind umherzukriechen, ist der Laufstall zu empfehlen, wenn nicht die Bettstelle fĂŒr diesen Zweck eingerichtet werden kann. Das Kind ist im Laufstall gut aufgehoben, kann sich an den StĂ€bchen aufrichten, lernt darin gehen, ohne sich ĂŒberall hinbewegen zu können, so daß es gleichzeitig auch zur Selbstbeherrschung erzogen wird." S.63

Der Arzt als Erzieher des Kindes

Prof. Adalbert Czerny (1863-1941), Kinderarzt und Hochschullehrer in Berlin
Es handelt sich um eine Sammlung an Vorlesungen
1. Auflage 1908
11. unverÀnderte Auflage 1946

Nach der LektĂŒre dieses Buches muß ich zu dem Schluß kommen: Czerny war ein Menschenfeind. Seine abfĂ€lligen Beschreibungen insbesondere von Frauen und Kindern, aber auch allem Nicht-deutschen sind beklemmend zu lesen. Obwohl die erste Auflage schon 1908 erschien, passt sie perfekt in die NS-Zeit. Daher ist es kein Wunder, dass sie hier mehrere Auflagen erfuhr. Die Seitenzahlen der Zitate beziehen sich auf die 11. Auflage; der Inhalt ist identisch zwischen allen Auflagen.

Aus dem Vorwort zur 8. Auflage 1934: „Die Vorlesungen hatten den Zweck, die Ärzte aufmerksam zu machen, daß es ihre Aufgabe ist, sich mit der Erziehung der Kinder zu befassen. Die Aufgabe ist gegenwĂ€rtig erfĂŒllt.“

SelbstverstÀndlich propagiert auch Czerny feste Zeiten bei der ErnÀhrung.

"Die erste wichtige Erziehungsmaßregel ist die Gewöhnung an eine Zeitordnung. Zu dieser gibt die ErnĂ€hrung die geeignete Veranlassung. Bei jedem Kinde ist die Anpassung an strikte Nachtpausen nach Wunsch zu erreichen. Bei unruhigen Kindern setzt dies allerdings eine gewisse Energie der Pflege voraus. Bei der DurchfĂŒhrung der Nahrungspausen handelt es sich also nicht bloß um eine fĂŒr die ErnĂ€hrung wichtige Maßregel, sondern tatsĂ€chlich um die erste Erziehung zur Beherrschung der Triebe." S.25

Sein Nationalismus kommt beispielsweise bei seiner Ablehnung von Zweisprachigkeit zum Ausdruck.

"Die Erziehung eines Kindes in einer Sprache hat außerdem noch den Vorteil, daß dadurch zeitig sein Nationalbewußtsein geweckt wird. Die meisten ÜberlĂ€ufer von einer Nation zur anderen beobachtet man dort, wo von Anfang an die Kinder an zwei Sprachen gleichmĂ€ĂŸig gewöhnt werden. Solchen Kindern fehlt der Begriff der Muttersprache, weil sie von der Mutter stets zwei Sprachen gehört haben." S.33f

Er hielt körperliche Strafen fĂŒr unverzichtbar.

"Wer sich nicht gleich dazu entschließen kann, ein Kind zu strafen, um es zum Gehorsam zu bringen, der wird oft dazu gezwungen, wenn er die Methode der Belohnung erschöpft hat. Dies ist bereits die Korrektur eines Erziehungsfehlers, der vermieden werden sollte. Die Strafmittel, ĂŒber die wir fĂŒr Kinder der ersten Lebensjahre verfĂŒgen, bestehen entweder in der Ablehnung eines Wunsches oder einer Bitte der Kindes oder in der körperlichen ZĂŒchtigung. Die ersteren Strafen sind fĂŒr alle Kinder anwendbar, und es verrĂ€t immer ein vollstĂ€ndiges Verkennen der wichtigsten Erziehungsmaßregeln oder eine pathologische WillensschwĂ€che von seiten der Eltern oder Erzieher, wenn von ihnen kein Gebrauch gemacht wird. Keinem Beobachter kann es entgehen, daß es aber auch Kinder gibt, welche damit allein nicht zum Gehorsam und zur Subordination zu bringen sind. FĂŒr diese ist und bleibt die körperliche Strafe als Erziehungsmittel untentbehrlich. Sie soll als die strengste Strafe aufgefaßt und deshalb nur relativ selten in Anwendung gezogen werden. Der Effekt der körperlichen Strafe wird nur dann erreicht, wenn sie mit einer tatsĂ€chlichen Schmerzempfindung verknĂŒpft ist." S.39f

Kinder sollten nicht „nutzlos“ spielen.

"Ich verweise hier absichtlich auf die KindergĂ€rten nach Fröbelschem System. Das Prinzip des Selbstbestimmungsrechtes der Kinder im Montessori-Kindergarten kann ich fĂŒr geistig normale Kinder nicht als zweckmĂ€ĂŸig anerkennen." S.41
"Wenn ein Kind beispielsweise Bausteine einer Vorlage entsprechend aufbauen soll, so wird es veranlaßt, diese Vorlage genau zu betrachten. Dadurch wird das Spielen mit den Bausteinen zu einem Unterrichtsmittel. ÜberlĂ€ĂŸt man dem Kinde die Bausteine, so daß es mit denselben machen kann, was es will, so lernt es nichts anderes, als mit nutzlosem Spiel die Zeit zu verbringen." S.44

Er zweifelt die Existenz von Hospitalismus an und hĂ€lt ihn vielmehr fĂŒr eine gute Erziehung.

"Bedeutende Ärzte, wie z. b. Parrot, haben aus ihren Erfahrungen in FindelhĂ€usern und Kinderkrankenanstalten geschlossen, daß die Entwicklung der Kinder daselbt zu wĂŒnschen ĂŒbrig lasse, weil den Kindern die richtige und zweckmĂ€ĂŸige Anregung durch die Umgebung fehlt. Dies lĂ€ĂŸt sich tatsĂ€chlich nicht in Abrede stellen, aber es ist in keiner Weise erwiesen, daß den Kindern Nachteile durch den Mangel an psychischer Anregung erwachsen. Es ist vielmehr wahrscheinlich, daß dieselben in anderen UmstĂ€nden der Hospitalpflege zu suchen sind. Die Erfahrungen in SĂ€uglingshospitĂ€lern sind aber dadurch wertvoll, daß man in diesen Anstalten sehen und lernen kann, wie weit sich sie SĂ€uglinge durch Erziehung beeinflussen lassen. In der Privatpraxis hört man von Kindern, bei denen die DurchfĂŒhrung einer bestimmten ErnĂ€hrung nicht erreichbar ist, denen eine vom Arzt verordnete Nahrung nicht beizubringen ist, welche nicht liegen, sondern permanent getragen sein wollen, von Kindern, welche sich vor MĂ€nnern fĂŒrchten oder umgekehrt vor jeder Frau mit Ausnahme der Pflegerin u. dgl. m. Solche Beobachtungen fehlen dem Anstaltsarzt, auch wenn er ĂŒber das grĂ¶ĂŸere Beobachtungsmaterial verfĂŒgt. Sie fehlen, weil sie unter dem Einflusse der Anstaltserziehung nicht vorkommen." S.5f

Mit anderen Worten ist fĂŒr Czerny ein vernachlĂ€ssigtes, willenloses Kind ein gut erzogenes Kind. Diese Ansicht zieht sich durch das gesamte Buch.

SĂ€uglingspflegefibel

Antonie Zerwer (1873-1956), Kinderkrankenschwester und Ordensschwester am Kaiserin Auguste Victoria Haus, Berlin
Verlag von Julius Springer
1. Auflage 1912
9. Auflage 1933 (bis hier 413.000 Exemplare)
10. Auflage 1940
wurde in acht Sprachen ĂŒbersetzt und soll sich ĂŒber 2 Millionen mal verkauft haben. (Hier habe ich schon einmal zwei Ausgaben verglichen)

Dieses BĂŒchlein ist zwar kein Erziehungsratgeber fĂŒr Eltern, aber es ist dennoch wichtig zu erwĂ€hnen. Es handelt sich hierbei nĂ€mlich um ein Schulbuch fĂŒr MĂ€dchen von 10-16 Jahren, denen so schon lange vor ihrer eigenen Mutterschaft die strengen Regeln der festen Mahlzeiten und der peniblen Sauberkeit, welche auch Haarer und Co forderten, verinnerlichten. Die Zitate stammen aus der 9. Auflage.

"Wie können wir Kinder solchen kleinen Menschen schon einen Dienst erweisen?
Wie ihr die Blumen im Zimmer und im Garten hegt und pflegt, wir ihr unsern Haustieren eure FĂŒrsorge in mancherlei Art zuwendet, so könnt ihr auch dem kleinen hildlosen Menschenkinde dienen. Die Hauptsache aber ist, daß ihr's richtig anfang, sonst hönnt ihr dem kleinen Menschen mehr schaden als nĂŒtzen." S.9

Hinweis: einer der LeitsprĂŒche der Nazis war "Wer herrschen will, muss dienen lernen."

"Was mĂŒssen wir zuerst tun, ehe wir einen SĂ€ugling anfassen?
Eure HĂ€nde mit warmem Wasser und Seife waschen und bĂŒrsten und die NĂ€gel vom 'Giftrand' befreien." S.11

"Wie oft legen wir ein Kind trocken?
FĂŒr gewöhnlich vor jeder Mahlzeit. Ist das Kind wund oder unruhig, so kann es auch außer dieser Zeit trockengelegt werden. Ihr mĂŒĂŸt versuchen, es möglichst bald an Sauberkeit zu gewöhnen, etwa mit 6-8 Monaten. Es darf euch aber nicht verdrießlich werden, das Kind zu bestimmten Zeiten abzuhalten oder aufs Töpfchen zu setzen." S.12f

Die Stillregeln werden vorgegeben.

"Woraus besteht die Nahrung des SĂ€uglings?
Am besten bekommt ihm die natĂŒrliche Nahrung, die Muttermilch. Die vorsorgliche Natur hat sie jeder Mutter mitgegeben. In ihr sind alle Bestandteile enthalten, welche der kindliche Organismus zu seinem Aufbau bedarf.
Wie oft nÀhrt die Mutter das kleine Kind?
5-6mal am Tag, alle 3-4 Stunden; nachts bekommt das Kind nichts. LĂ€nger als 20 Minuten soll das Kind nicht bei der Mutter trinken. Die genossene Milchmenge lĂ€ĂŸt sich durch WĂ€gen des Kindes vor und nach der Mahlzeit feststellen." S.40

Schreienlassen wird auch propagiert.

"Was tun wir, wenn ein Kind schreit?
Ihr seht nach, ob es naß ist, ob es unbequem liegt oder zu warm bedeckt ist. Wenn es trotz aller Beruhigung weiterschreit, dann laßt ihr es schreien. Schreien ohne Grund schadet dem Kinde nichts. Es ist sogar recht gesund fĂŒr seine Lungen. Doch wenn ein Kind, das sonst ruhig war, die ganze Nacht durch schreit und dauernd unruhig bleibt, muß der Arzt gefragt werden.
Wenn es sehr warm ist, schreit das Kind manchmal auch aus Durst, dann darf es etwas abgekochtes Wasser oder dĂŒnnen, leicht gesĂŒĂŸten Tee teelöffelweise zwischen den Mahlzeiten bekommen." S.49

Die spĂ€teren Ausgaben der Fibel enthalten neben den Fragen und Antworten auch Aufgaben fĂŒr die SchĂŒlerinnen.

Kommen wir zurĂŒck zu Johanna Haarer.

Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind

Dr. Johanna Haarer (1900-1988), LungenfachÀrztin
1. Auflage 1934
bis Kriegsende ca 680.000 verkaufte Exemplare
letzte Auflage 1987
Das Buch wurde als Lehrbuch fĂŒr MĂŒtterschulungskurse und in Berufs- und Fachschulen fĂŒr Kinderpflegerinnen, KindergĂ€rtnerinnen und Jugendleiterinnen verwendet. [Quelle]

An Johanna Haarers Gesinnung besteht kein Zweifel. Sie hat sich bis zu ihrem Tod nicht davon distanziert. Alle Zitate stammen aus der Auflage von 1938, auf die sich auch Sigrid Chamberlain bezieht.

"Eine ungeheure weltanschauliche Wandlung vollzieht sich zur Zeit in unserem Volk. Neue Pflichten, neue Verantwortung warten auf jeden.
Auf uns Frauen wartet als unaufschiebbar dringlichste die eine uralte und ewig neue Pflicht: Der Familie, dem Volk, der Rasse Kinder zu schenken." S.8

Ein hĂ€ufig zitierter Part aus Haarers Buch ist "dann, liebe Mutter, werde hart!" Es geht dabei darum, dass Kind schreien zu lassen. Meist wird das Zitat genutzt, um zu zeigen, wie gnadenlos Haarer in ihrer Sprache war. Was dabei außer Acht gelassen wird, sind die Beruhigungsversuche, die dem vorhergehen, sowie die Beschwichtigung, die spĂ€ter folgt. Ähnliches fehlt in allen bisher aufgefĂŒhrten Werken völlig. Keine'r der anderen Autor'innen Ă€ußert jemals VerstĂ€ndnis fĂŒr die GefĂŒhle der Mutter.

"Der hĂ€ufigste Anlaß, weshalb sich besorgte MĂŒtter und GroßmĂŒtter immer wieder mit dem Kinde befassen, ist das Schreien.
Das Geschrei des jungen SĂ€uglings ist fĂŒr das Ehepaar, dem das erste Kind geboren wurde, und fĂŒr den ganzen Hausstandd etwas durchaus Neues. Es beunruhigt die Eltern nicht wenig und hĂ€ufig ganz grundlos. "Dem Kinde muß doch etwas fehlen!" Es kostet Nachtruhe und Nervenkraft, nicht nur des Elternpaares, sondern auch der Nachbarn. "Dort lĂ€ĂŸt man das Kind schreien", wird vorwurfsvoll gesagt mit dem Unterton als hĂ€tten die Eltern kein Herz fĂŒr ihr Kind. Und welche Eltern sind gegen einen solchen Vorwurf wohl unempfindlich?
Am allermeisten setzt das Schreien natĂŒrlich der Mutter zu, die, es muß immer wieder gesagt werden, nach der Entbindung doch nur langsam ihre frĂŒheren KrĂ€fte und ihre gewohnte seelische Verfassung wiedergewinnt. (...)
So zahlreich und vielfĂ€ltig die Ursachen sind, die ein Kind zum Schreien veranlasen, so wird macnhe Mutter nach sorgfĂ€ltiger PrĂŒfung erklĂ€ren mĂŒssen, daß es sich um keine von allen handelt. Das Kind schreit eben, und gar nicht wenig - warum aber, ist unerfindlich. (...) Es bleibt oft nichts anderes ĂŒbrig, als anzunehmen, daß es aus Anlage, Gewohnheit oder geradezu zum Zeitvertreib schreit.
Was in aller Welt ist da zu tun? Die Mutter, die mit ErnÀhrung und Pflege ihre Pflilcht tut, nehme vor allem die Sache nicht allzu tragisch. Man greift in solch einem Fall, so wenig "modern" es auch ist, hin und wieder eben doch zum Schnuller. (...)
Der Schnuller stoppt in vielen FĂ€llen das Schreien sofort. Er hat außerdem den Vorteil, das Fingerlutschen zu verhindern. (...)
Versagt auch der Schnuller, dann, liebe Mutter, werde hart! Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen. Das Kind begreift unglaublich rasch, daß es nur zu schreien braucht, um eine mitleidige Seele herbeizurufen und Gegenstand solcher FĂŒrsorge zu werden. Nach kurzer Zeit fordert es diese BeschĂ€ftigung mit ihm als ein Recht, gibt keine Ruhe mehr, bis es wieder getragen, gewiegt oder gefahren wird - und der kleine, aber unerbittliche Haustyrann ist fertig.
(...)
Sollte es aber auf keine Weise gelingen, ungestörte NĂ€chte zu erzielen, so bleibt dir, liebe Mutter, doch ein Trost: Je Ă€lter das Kind wird, desto weniger schreit es. Eines Nachts wird es plötzlich durchschlafen, wenn du es nur nicht gar zu sehr verwöhnt hast. Denn so leicht in der Theorie das Gebot der 8stĂŒndigen Nachtruhe aufzustellen ist, so schwer ist es mitunter, im Privathaushalt zum Ziele zu kommen." S.161ff

Die Stillregeln, die Haarer aufstellt, entsprechen ihrer Zeit. Sie fĂŒgt allerdings noch einen Punkt fĂŒrs BĂ€ucherchen hinzu.

"FĂŒr das Stillen des voll entwickelten, gesunden Neigeborenen ist die genaue Beachtung folgender Grundregeln unerlĂ€ĂŸlich:
I. Das Kind bekommt zu jeder Mahlzeit nur eine Brust, (...)
II. Das Kind soll nie lÀnger als 20 Minuten trinken. Man stille daher nie ohne Uhr. (...)
III. Zwischen den Stillmahlzeiten mĂŒssen unter allen UmstĂ€nden regelmĂ€ĂŸige und ausreichende Pausen eingehalten werden. Diese Pauseen betragen 3, wenn möglich und besonders beim Ă€lteren SĂ€ugling 4 Stunden. (...)
IV. Alle Tage wird zu denselben Zeiten gestillt.
V. Außerhalb der regelmĂ€ĂŸigen Trinkzeiten gibt es keinen Grund, das Kind an die Brust zu nehmen! (...)
VI. Nach dem Stillen wird das Kind einige Augenblicke aufrecht gehalten." S.113f

Auch wenn Haarer hier mit Nachdruck auf die Nahrungspausen pocht, so schreibt sie doch spÀter, dass bei Milchmangel zur Steigerung der Produktion hÀufiger angelegt werden soll. Auch dies ein Hinweis, der bei allen anderen Beispielen fehlt. Dort gibt es keine Ausnahmen, es sei denn der Arzt(!) hat sie angeordnet.

Das FĂŒttern mit der Flasche findet auf dem Arm statt.

"Und nun können wir unser Kind fĂŒttern. Wir nehmen es so in den Arm, daß sein Köpfchen auf dem Unterarm der Mutter ruht, jedoch nicht herabhĂ€ngt." S.186

Auch wenn Haarer das Baby im ersten Vierteljahr außerhalb der notwendigen pflegerischen Versorgung allein und "in Ruhe gelassen" sehen will, so ist ihr doch bewusst, dass das Kind die NĂ€he anderer Menschen braucht. Auch das ist ein Punkt, der bei anderen zeitgenössischen BĂŒchern vergeblich gesucht wird.

"Das körperlich und geistig sich immer mehr entwickelnde Kind braucht einen gewissen Umgang mit Menschen, einen seelischen Widerhall fĂŒr seine ersten GefĂŒhlsregungen, wenn es nicht schwer in seiner Entwicklung leiden soll." S.248f

Papier ist geduldig

Wir sehen also, dass Haarers Ratgeber nur einer von vielen war. HĂ€tte Sigrid Chamberlain nicht ein Buch ĂŒber Johanna Haarer geschrieben, wĂ€re ihr Name mit Sicherheit heute kaum bekannt. Auch wenn Haarers Werk extrem hĂ€ufig verkauft und mitunter als Lehrbuch verwendet wurde, so stehen dem doch unzĂ€hlige andere BĂŒcher entgegen, von denen zumindest die Propaganda-Schriften Ă€hnliche Auflagen erfuhren. Besonders wichtig ist, dass all dies gĂ€ngige Lehrmeinung war. Wir haben es also Professor'innen, Ärzt'innen und Ausbilder'innen in der NS-Zeit zu tun, die genau diese Vorschriften lehrten und echte LehrbĂŒcher schrieben. Diese wurden dann nicht nur in MĂŒtterkursen, sondern eben in der Ausbildung fĂŒr medizinisches Fachpersonal verwendet.

Es wird wohl niemand bestreiten, dass der Kinderarzt oder das Personal auf der Wöchnerinnenstation viel mehr Druck auf eine junge Mutter ausĂŒben konnten, als ein Buch es je könnte. Selbst wenn dieses Buch von einer Ärztin geschrieben ist. Das Buch untermauert dann vielleicht die Anweisungen des Arztes, aber es hat nicht dieselbe AutoritĂ€t.

Bleibt also die Frage, wie sehr sich Eltern an die RatschlĂ€ge und Regeln gehalten haben. Über Jahrzehnte hinweg von den AnfĂ€ngen des Kaiserreichs bis in die NS-Zeit lesen wir zwischen den Zeilen der Ratgeber, dass es schwierig war, MĂŒtter von den strengen Regeln zu ĂŒberzeugen. Nicht nur Haarer fordert daher, dass die Mutter sich nicht von Verwandten in ihre "moderne Erziehung" reinreden lassen solle. Autor'innen zur NS-Zeit wussten, dass andere MĂŒtter und insbesondere GroßmĂŒtter die grĂ¶ĂŸten Hindernisse in der Verbreitung ihrer Erziehungsmethoden waren.

"Sobald mehrere Menschen sich mit dem Kind beschĂ€ftigen, ist die RegelmĂ€ĂŸigkeit seines Tagesablaufes und die Einhaltung der nötigen PflegegrundsĂ€tze nur zu leicht gefĂ€hrdet. Es erheben sich alle möglichen Meinungsverschiedenheiten. Die GroßmĂŒtter sind z. B. mit Vorlliebe der Meinung, das Kind sei nicht warm genug angezogen, es bekomme zu wenig und zu selten zu essen, in der Auswahl der Speisen ewrde seinem Geschmack zu wenig Rechnung getragen, und es bekomme ĂŒberhaupt nicht die richtige Nahrung. Sie sehen es als Herzlosigkeit von seiten der Mutter an, wenn das Kind eine Zeitlang sich selbst ĂŒberlassen ist, und reden hĂ€ufig viel zuviel auf das Kind ein. Die Hausgehilfin wird, wenn sie kinderlieb ist, leicht ihre Arbeit vernachlĂ€ssigen, um mit dem Kinde zu tĂ€ndeln." Haarer, S.249

Auch in der Propaganda-Schrift von StĂŒrgkh finden sich Seitenhiebe auf GroßmĂŒtter und andere umsorgende Verwandte.

"Schon der SĂ€ugling merkt genau, wieviel er durch Geschrei erreichen und ertrotzen kann, und gelingt es ihm einmal, so wird er dies regelmĂ€ĂŸig zu erreichen suchen und dabei den Nachdruck seines DrĂ€ngens stĂ€ndig steigern. Gibt nun die Mutter leicht nach, so wird der SĂ€ugling spĂ€ter als Kleinkind, erst recht alle Register ziehen, unermĂŒdliches Bitten und die ganze Reihe seiner Mittel hinauf bis zum eigensinnigsten Bocken, um einen abgeschlagenen Wunsch doch durchzusetzen und ein elterliches 'Nein' in ein 'Ja' umzuwandeln. Es besteht durchaus die Gefahr, daß ein solches Kind endlich eine recht unerwĂŒnschte Herrschaft ĂŒber die Eltern ausĂŒbt, mitunter sogar offensichtlich und tyrannisch. Und diese Gefahr wird um so grĂ¶ĂŸer sein, je weniger sich Vater und Mutter, Onkel und Tanten und vor allem die lieben GroßmĂŒtter vor allzu reichlichen ZĂ€rtlichkeiten warnen lassen. Alle jene Übertreibungen nĂ€mlich, die mit wahrer Kindesliebe gar nichts zu tun haben, die kindische NachĂ€ffung der kindlichen Sprache und das ewige AbkĂŒssen und BetĂ€tscheln zuerst des SĂ€uglings und spĂ€ter des Kleinkindes, wie man es mitunter findet, sind erzieherisch und gesundheitlich grobe Fehler." StĂŒrgkh, S.63

Bei Czerny wird klar, dass er weichherzige Menschen als die Feinde der "modernen" Erziehung sieht.

"Alte Kinderfrauen erfreuen sich bei Ärzten keiner Beliebtheit, weil sie als unbelehrbar gelten." Czerny S.16
"Die meisten Erziehungsfehler betreffen das erstgeborene Kind, besonders, wenn es erst nach mehrjĂ€hriger Ehe zur Welt kommt. Noch mehr Erziehungsfehler kann man aber beobachten bei Erstgeborenen sehr alter Eltern oder bei NachzĂŒglern, welche nach einer Pause von 10 bis 20 Jahren folgen. Dagegen lehrt die Erfahrung, daß die Kinder am besten davonkommen, deren Eltern relativ jung sind. Ältere Menschen sind immer weichherziger, nachsichtiger gegen Kinder, und ihre Milde nimmt Formen an, welche sie zur Erziehung von Kindern ungeeignet machen. Aus diesem Grunde sind auch GroßmĂŒtter und alte Tanten fĂŒr Kinder, denen sie ihre Gunst zuwenden, oft kein Vorteil." Czerny, S.17
"Eine dieser Beobachtungen bezieht sich auf MĂŒtter, noch mehr auf GroßmĂŒtter. Rasch wird vergessen, wie ein Kind im ersten Jahre genĂ€hrt wurde, wie es erzogen wurde, selbst dann, wenn sich dazu bei mehreren Kindern Gelegenheit fand. So kommt es, daß GroßmĂŒtter sich in dem Glauben befinden, genaue Kenntnisse ĂŒber Kinderpflege zu besitzen, ohne daß dies tatsĂ€chlich zutrifft. Es wĂ€re oft wertvoll, wenn die GroßmĂŒtter noch genau wĂŒĂŸten, wie sich ihre Kinder als SĂ€uglinge verhalten haben. Denn an den Enkelkindern wiederholen sich manchmal gesetzmĂ€ĂŸig alle Erscheinungen und Schwierigkeiten, welche schon bei den Eltern im SĂ€uglingsalter vorhanden waren. Diesen Vorteil geben aber die Erinnerungen der GroßmĂŒtter nur in der Minderzahl der FĂ€lle ab, und zumeist fĂŒhren ihre Erinnerungsdefekte nur zur Unzufriedenheit mit den Enkelkindern oder zu unhaltbaren RatschlĂ€gen, welche selbst zweckmĂ€ĂŸigen Anordnungen eines Arztes hindernd im Weg stehen.    
    Der ungĂŒnstige Einfluß, welchen GroßmĂŒtter oder alte Eltern auf SĂ€uglinge und nicht selten auch jĂŒngere Eltern auf den Erstgeborenen ausĂŒben, beruht darauf, daß sie die Kinder nicht erziehen, sondern sich selbst vollstĂ€ndig den Launen und WĂŒnschen der Kinder unterziehen. Sie stehen auf dem Standpunkt, daß es ihre vornehmste Aufgabe ist, dem Kinde jeden Wunsch an den Augen abzusehen und denselben so schnell als möglich zu erfĂŒllen und ĂŒberdies noch alles zu tun, was ihnen fĂŒr das Kind angenehm erscheint. Sie verlieren ihre Macht ĂŒber die Kinder schon im ersten Lebensjahre derselben, und dies hat zur Folge, daß die Kinder schon im zweiten und dritten Lebensjahr das Haus terrorisieren." Czerny, S.18f

Auch wenn der "Kampf gegen die GroßmĂŒtter" schon viel frĂŒher begonnen hatte, so erreichte er doch zur NS-Zeit seinen Höhepunkt. Nie wurde in Ratgebern mehr auf "zu zĂ€rtliche" GroßmĂŒtter geschimpft, die Babys einfach nicht schreien lassen konnten.

"Möchten doch alle MĂŒtter, vorzĂŒglich aber alle GroßmĂŒtter, doch endlich zur Einsicht gelangen, daß es gar keinen Zweck hat, ein schreiendes Kind durch Herumtragen zu beruhigen! Es hat dann ebensoviel Schmerzen, ebensoviel Hunger, ebensoviel Durst und wird nebenbei auch noch verzogen und das spĂ€tere Erziehen bereitet nur neue Unbequemlichkeiten, die sich und ihrem Kinde die Mutter von Anfang an leicht ersparen konnte." S.112
Das Buch von der gesunden und kranken Frau, Dr. med. Ernst Kormann, 1883

Dass gerade zur NS-Zeit ganz besonders viel auf "zu zĂ€rtliche MĂŒtter" und GroßmĂŒtter geschimpft wurde, deutet darauf hin, dass sich die Schwarze PĂ€dagogik nicht so breit durchgesetzen konnte, wie von den Autor'innen gewĂŒnscht.

Im Umkehrschluss heißt das allerdings nicht, dass GroßmĂŒtter nicht selber in der Erziehung ihrer Kinder streng gewesen waren. Sie waren nur fĂŒr die jeweils neue Generation nicht streng genug. Der Weg zur Schwarzen PĂ€dagogik war ein gradueller und sie wurde nie flĂ€chendeckend erreicht. Vielmehr erzog die breite Masse der Eltern zur NS-Zeit ihre Kinder nach preußischen Grundregeln. Es ist eben ein Unterschied, ob ein Baby mit einem halben Jahr "langsam an das Durchschlafen gewöhnt" oder vom ersten Tag an nachts nicht beachtet wird.

Denn Schwarze PĂ€dagogik ist eine gezielte seelische VerkrĂŒppelung, die gefĂŒgige, willenlose Kinder hervorbringt. So wie Czerny es beschrieb. (Ob das Absicht war und was damit bezweckt wurde, muss an anderer Stelle diskutiert werden.) Feste Stillzeiten, Schreienlassen und Erziehung zum Gehorsam allein machen noch keine Schwarze PĂ€dagogik. Diese Elemente sind ebenso Grundlagen preußischer Erziehung, wie wir in Teil 2 gesehen haben. Der entscheidende Unterschied ist, mit welchen Methoden und welcher Strenge diese Grundlagen durchgesetzt werden. Preußische Eltern wollten keine gebrochenen Kinder. Sie wollten mit ihren Regeln vor allem gesunde Kinder heranziehen.

Zudem ist die Schwarze PĂ€dagogik der NS-Zeit geprĂ€gt von einer Überhöhung der Mutterrolle, einer feindseligen Einstellung gegenĂŒber dem Kind ("Tyrann") und vom Rassen-Denken. Typisch Nazi eben.

Schwarze PĂ€dagogik verschwand nach dem Zweiten Weltkrieg darum wieder aus der Ratgeberliteratur. Was sich hielt, waren die Preußischen Erziehungsmethoden. Darum konnten auch nur die milderen SĂ€uglingspflege-Ratgeber nach 1945 weiter verlegt werden. Diejenigen, die mehr Deutungsspielraum boten. So wie der von Johanna Haarer.

In LehrbĂŒchern jedoch konnte die Schwarze PĂ€dagogik sich noch halten.

Weitere Teile dieser Reihe:

Teil 1 - Wie Johanna Haarer heute wahrgenommen wird

Teil 2 - VorlÀufer der schwarzen PÀdagogik

Teil 3 - Der NS-Staat und seine Erziehungspropaganda

Teil 4 - "Die Mutter und ihr erstes Kind" und andere Nachkriegsratgeber

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